Wenn der Hammer das einzige Werkzeug ist

Ein Klienten-Bericht

Wenn der Hammer das einzige Werkzeug ist
© Foto: Sergey Nivens/Shutterstock.com

„Wenn Dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, wirst Du jedes Problem als Nagel betrachten“, brachte es Mark Twain einst auf den Punkt. Welches Ereignis auch immer den Schriftsteller zu dieser Aussage bewog – in Bezug auf die Herangehensweise mancher selbsternannter „Coaches“ an die Anliegen ihrer Klienten ist seine Feststellung offensichtlich nach wie vor treffend. Dieses Eindrucks dürften sich die Leser des vorliegenden Erfahrungsberichts einer betroffenen Klientin jedenfalls kaum erwehren können.

Coachen darf jeder. Zumeist reicht ein Wochenendkurs und schon steht der Coaching-Karriere nichts mehr im Wege. Längst hat sich der Coaching-Markt in Teilen zu einer Insel für Seedienstuntaugliche und sonst wie Gestrandete entwickelt, die unreflektiert ihr Boot steuern und kaum etwas von der Rolle des Seemanns verstehen – wie bereits viele Beispiele in dieser Rubrik des Coaching-Magazins gezeigt haben. Ob diese Einschätzung aber auch auf den folgenden Fall zutrifft, muss der geneigte Leser für sich selbst entscheiden.

„The Wisdom of Two“ – das klingt dynamisch, anpackend, aber zugleich nicht allzu marktschreierisch. Wer hätte dieses Coaching-Angebot für Führungskräfte nicht ausprobiert? Versprochen wird zudem klassische Beratung gepaart mit systemischer Aufstellungsarbeit. Und weil da einer nicht reicht, hat man gleich zwei Coaches – und dazu natürlich ein doppeltes Honorar.

Freundlich von dem Kölner Coach-Duo empfangen nahm ich Platz in der Runde. Nennen wir die beiden Birte Schmidt und Rita Müller. Ein paar einleitende Worte erklangen. Die größere der beiden, Frau Schmidt, bat die andere, sich und ihre Arbeit einmal vorzustellen, was Frau Müller aber gar nicht so recht wollte – so schien es. „Vielleicht hat Frau ‚Bartokolski‘ ja Fragen an mich?“, erklärte Frau Müller. Ich entgegnete: „Vielleicht fangen Sie einfach mal an, zu plaudern und ich schaue, ob sich bei mir Fragen einstellen.“

Frau Müller bemühte sich redlich, mir ein Bild von ihrer Arbeit zu skizzieren – unbeholfen, unsicher, nach Worten suchend, mit den Sätzen ringend. Nahezu hilflos blickte sie in die Richtung Schmidts und fragte: „Oder Birte, wie würdest du das beschreiben?“ Leicht irritiert blickte ich abwechselnd von der einen zur anderen Dame. Hatte mir nicht Frau Schmidt am Telefon gesagt, dass Frau Müller ihre Arbeit viel besser erklären könne als sie? „Frau Müller wird Ihnen gefallen“, versprach man mir. Verschwiegen hatte man mir jedoch, dass Frau Müller eigentlich gar nicht gern spricht, sondern am liebsten gleich zur Tat schreitet.

Der indische Basar

Das sollte sich auch bald bewahrheiten. Doch zuvor war es meinen beiden Coaches überaus wichtig, die finanzielle Seite zu klären. Man gab mir nachdrücklich zu verstehen, dass ich mich auf ein doppeltes Honorar einlassen müsste. Mir war das klar, schließlich handelte es sich um das Programm „The Wisdom of Two“, die Doppelung steckt schließlich schon im Namen. Ich nickte und bekundete mein Einverständnis.

Doch an dieser Stelle hatte ich meinen ersten Fehler begangen. Denn plötzlich brach es aus Frau Müller heraus, die mir sodann schonungslos und stimmlich etwas lauter nahebrachte, dass ich nicht in meiner „Führungsmacht“ sei. Hatten die beiden eine Honorarverhandlung erwartet? Handelte es sich bereits um ein erstes Rollenspiel, das des „indischen Basars“? Was für eine seltsame Methode, dachte ich. „Sie sind nicht in Ihrer Führungsmacht“, ertönte es wieder. Davon ließ Frau Müller auch dann nicht ab, als ich um Verständnis für meine Position bat, aber auch darum, mir das Problem einmal zu erklären. Schließlich war ich zahlungsbereit. Noch! Irgendwann löste der Terrier dann doch langsam seinen Biss. „Ich sag’s ja nur! Denken Sie darüber mal nach“ – aggressierte Frau Müller ihre Botschaft an mich.

Die „Aggro-Trainingsmaßnahme“

Noch in meiner Irritation verhaftet, nahm ich wahr, dass sich beide nun gefühlte zwei Minuten um mein Coaching-Anliegen kümmerten. Frau Müller schwang sich sodann mit einem Ruck aus ihrem Stuhl und murmelte so etwas wie: „Ich will mal was versuchen!“ Und dann kamen sie, zwei völlig struktur- und ziellose, fernab von jeglichem Auftrag ablaufende Versuchsstunden.

Ich wurde aufgefordert, aufzustehen, ohne zu wissen, was man von mir wollte, ohne zu wissen, welches Coaching-Ziel verfolgt werden sollte, ohne zu wissen, welchen gewaltigen Raum die nun folgende Aufstellungsarbeit einnehmen sollte. Ich habe Holzklötze aufgestellt, sollte mich mal mit dem einen, dann mal mit dem anderen verbinden, habe Pistolen mal hierhin, mal dahin geschoben und habe den Sinn von dem, was Frau Müller von mir wollte, nicht verstanden. Es fielen Worte und Sätze wie „Belohnung und Sanktion“, „Sie müssen denen was wegnehmen“, „Das müssen die spüren“, „Mitarbeiter sind wie dreijährige Kinder“. Und dies eingebettet in völlig unverständliche Aggressionen. Der Terrier war wieder los.

Mit keinem dieser Sätze konnte und wollte ich mich verbinden, nichts davon entspricht meinen Überzeugung – und nichts hatte auch nur annährend mit meinem Anliegen zu tun. So kam mir das Bild, dass ich hier im Rahmen einer Aggro-Trainingsmaßnahme auf den Straßenkampf vorbereitet werden sollte.

„Du kannst mir mal!“

Sollte ein Coaching nicht in einem sicheren und vertrauensvollen Rahmen stattfinden? Ich hatte weder Sicherheit, noch hatte ich Vertrauen in den Prozess, geschweige denn in Frau Müller. Die zog ihre Klötzchen-Aufstellungsarbeit durch und zitierte dabei immer wieder aus der „Super Nanny“, einer Fernsehsendung, in der es um Fragen der Erziehung von meist aufmüpfigen Kindern oder Teenagern geht. Das Wortpaar „Grenzen und Konsequenzen“ schallte wie ein Mantra.

Irgendwann bezog Frau Müller ihre Co-Trainerin, Frau Schmidt, in die Klötzchennummer mit ein. Mich entließ sie, vermutlich, weil ich die Spielregeln nicht verstand. Nun saß ich da in meinem Sessel, trank meinen Kaffee, während sich die Super-Nannies in die Führungskräfte- und Mitarbeiterklötzchen einfanden und mit kindlicher Freude die unterschiedlichen Rollen übernahmen. Welch ein Glück, dass nicht ich diejenige war, die auf Befehl von Frau Müller wild mit dem Finger gestikulierend sagen musste: „Du kannst mir mal!“, „Du kannst mir mal!“, „Du kannst mir mal!“. Sollte das die Führungskraft zum Mitarbeiter sagen oder umgekehrt? Ich weiß es nicht mehr. Aber eines war sicher: An dieser Stelle wurde mein Kaffee kalt.

Die beiden spielten munter weiter, ich nahm mir einen neuen Kaffee. Nach etwa einer Stunde sahen wir uns das Ergebnis sodann gemeinsam an. Es wurde festgestellt, dass Frau Schmidt nun eine klarere Sicht auf den Prozess hat, und dass Frau Müller ihrer Kollegin dabei behilflich war. Schön für beide. Mein Coaching-Ergebnis dagegen war die Erkenntnis, dass „Erschrecken“ und „Erstaunen“ dicht beieinander liegen.

Nachdem ich vorsichtig darauf aufmerksam gemacht hatte, dass ich hier nicht den Eindruck hätte, im Rahmen meiner Themen gecoacht zu werden, widmeten wir uns noch ein paar Minuten sehr bemüht meinem „Inneren Team“, das in seiner Gesamtheit sehr verstört war und eigentlich gar nicht mehr arbeiten wollte. Frau Müller jedenfalls verdiente ihre letzten 150 Euro damit, dass sie auf meinen Wunsch hin wortlos im Hintergrund blieb. Das fiel ihr sehr leicht, fast so leicht wie die Klötzchenarbeit.

Doch wie ging es weiter? Nachdem wir die Sitzung beendet hatten, besuchte ich gemeinsam mit meiner Verstörung eine Kölner Kneipe, die gerade öffnete. „Was für ein Glück!“, dachte ich. „Ein Kölsch, bitte!“ Das Kölsch kam und der Mann hinter der Theke sprach einladend: „Mer hann glei Brötche zom dippe …“ Ich lächelte und sagte: „Sehr lieb, aber ich bin im wahrste Sinne des Wortes voll mit Ballaststoffen.“ Er schaute mich an: „Wat ess ene denn övver de Lever jelope?“ Ich sagte, dass ich gerade von einem Coaching käme. Darauf der Mann: „En Kölle lässt man sich nid coachen, do jeht man en dä Karnevalsverein …“ Und dann ging er weg und murmelte so etwas wie: „Jedem Jeck sing Pappnas“, oder so ähnlich.

Ein Stück Heimat. Ich stützte meinen Kopf in die Hände, betrachtete mein Kölsch und nahm dann einen kräftigen Schluck. „Noch eines, bitte!“, sagte ich und dachte: „The Wisdom of Two!“