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Portrait

Interview mit Elisabeth Jelinek

Coaching und Ökologie

Ganzheitlichkeit spielt eine wichtige Rolle im Schaffen von Elisabeth Jelinek. Erahnen lässt dies bereits die Vielzahl unterschiedlichster Aus- und Fortbildungen, die die Österreicherin absolviert hat. Deutlich wird dies aber vor allem am – der Landwirtschaft entlehnten – Begriff der Permakultur, der für Nachhaltigkeit im ökologischen, ökonomischen und sozialen Sinne steht. Für Elisabeth Jelinek ein Ansatz, der nicht nur im Kontext der eigenen Unternehmensführung Relevanz besitzt, sondern auch in Coachings als Veränderungsanliegen zum Ausdruck kommen kann.

17 Min.

Erschienen im Coaching-Magazin in der Ausgabe 2 | 2016 am 11.05.2016

Ein Gespräch mit Dawid Barczynski

Wie sind Sie vom Studium des Kunstgewerbes in Richtung Coaching gekommen?

Um diese Frage richtig beantworten zu können, muss ich an einem anderen Punkt anfangen. Der Anlass, überhaupt eine Umorientierung in meinem Leben vorzunehmen, war einerseits meine Unzufriedenheit nach zwanzigjähriger Tätigkeit in einem verstaatlichten großen Unternehmen und andererseits mein Leiden an rheumatischem Formenkreis. Deshalb habe ich mich dem Thema Gesundheit zugewandt, was mich auch sehr begeistert hat. Mein erster Impuls war dabei die gesunde Ernährung, weil ich davon ausging, hierdurch vielleicht gesünder zu werden. Jedenfalls habe ich dann mit einer Ausbildung bei der Gesellschaft für Gesundheitsberatung bei Dr. M. O. Bruker in Lahnstein begonnen.

Der nächste Schritt war dann Körperarbeit zum Thema Gesundheit. Es gab – bzw. gibt immer noch – in Österreich eine Ausbildung, die damals ganz simpel Gesundheitsgymnastik hieß, heute würde man ganz andere Begriffe hierfür verwenden. Es war eine exzellente Ausbildung, die sehr ganzheitlich orientiert war.

Irgendwann wollte ich mein Interesse an Psychologie – mich faszinieren Menschen in ihrer Komplexität – mit diesem Thema verbinden und stieß dann unter anderem auf Hans Dieter Jürs, der in Österreich viele Vorträge über Gesundheit und Lebensberatung hielt, und dessen Idee es war, ein Berufsbild des Lebensberaters zu schaffen. Also habe ich auch bei ihm eine Ausbildung in Deutschland absolviert und bin so zu einer der ersten Lebensberaterinnen Österreichs geworden. Ich habe auch in einer der Gründungssitzungen der österreichischen Wirtschaftskammer zum Thema Lebensberatung teilgenommen.

Was muss man sich unter Lebensberatung vorstellen, was ist das Aufgabenfeld?

Man muss wohl korrekt von Sozial- und Lebensberatung sprechen. Die Grundidee war, eine vierte Säule zu den Psychologen, den Psychiatern, zum Betriebsarzt usw. zu schaffen. Die Aufgabe des Lebensberaters ist jener des Coachs relativ ähnlich. Die Arbeitsfelder sind mannigfaltig, da sie sowohl im persönlichen Bereich beraten – und bereits hier ist das Feld sehr breit – sowie in den Firmenkontext hineinreichen. Man könnte hier einiges auch mittels Coaching, Karriereberatung oder Unternehmensberatung abdecken, die Übergänge zwischen den Aufgabenfeldern sind fließend, was zu Überschneidungen führt. Jedenfalls dann, wenn man den Abgrenzungen, die einem der Gewerbeschein, den man in Österreich als Lebensberaterin oder als Coach braucht, folgt …

… und wie sieht so ein Gewerbeschein aus? Gibt es eine Prüfung der geforderten Kriterien bzw. Abgrenzungen?

Es wurde in Österreich eine dreijährige umfangreiche Berufsausbildung für Lebens-und Sozialberatung geschaffen, die mit einer Prüfung abschließt. Dann kann man sich einen entsprechenden Gewerbeschein lösen. Ich gründete meine eigene Firma und nannte sie „Gesundheitswerkstatt“ – Beratungs-, Lehr und Forschungsinstitut für Gesundheitsvorsorge und innovative Umweltgestaltung.

Meine Arbeit in der Lebens- und Sozialberatung richtete sich auf das Thema Prävention, und zwar mittels gesunder Ernährung, gesunder Bewegung usw. Ich habe da sehr viel Körperarbeit unterrichtet, sehr viel Achtsamkeits- und Bewusstseinstraining gemacht. Meine Programme waren so aufgebaut, dass ich mit tanztherapeutischen Übungen zum Aufwärmen begonnen habe, die man als psycho-physische Übungen verstehen muss. Es war kein Turnen, sondern hatte auch den Zweck der Selbsterfahrung. Dem folgten dann Gespräche, in denen das Erlebte aufgearbeitet und besprochen wurde. Das Ende bildeten unterschiedliche Entspannungstechniken. Nur war das damals noch sehr belehrend, weil ich noch keine richtige Beratungskompetenz erlernt hatte.

Das hat sich natürlich nach meiner Coaching-Ausbildung deutlich gewandelt: Die Arbeit wurde viel ziel- und lösungsorientierter, ich orientierte mich daran, die Person selbst ihre Lösungen entwickeln zu lassen – und das war damals schon ein gravierender Unterschied zum Belehrenden. Umgekehrt kann ich heute in meinen Coachings aufgrund meiner Tätigkeit in der Lebensberatung und der hieraus entnommenen Techniken und Kenntnisse tiefer gehen, weil meine Bandbreite durch meine vielen unterschiedlichen Ausbildungen und vielen hundert Stunden Selbsterfahrung schlicht größer ist, als wenn ich ausschließlich Kenntnisse aus der Wirtschaft hätte.

Wie kamen Sie dabei auf das Thema Coaching?

Ich habe auf meinem Weg zur Lebensberaterin u.a. eine professionelle Trainerausbildung gemacht und dabei meinen Gatten, Peter Jelinek, kennengelernt. Er hat kurze Zeit später, 1987, ein Institut gegründet, die Wiener Trainerakademie, heute Jelinek Akademie. Gleichzeitig hatte ich ja meine eigene Firma, die Gesundheitswerkstatt. Wir haben aber ziemlich schnell geklärt, dass zwei Firmen in einer Familie nicht funktionieren und ich habe mich dann einfach mit meiner Qualität in sein Institut integriert. Den Schwerpunkt Gesundheit gibt es in dieser Firma bis heute.

In den 90er Jahren besuchte mein Mann bei dem Psychologen und Mitbegründer des Kieler Beratungsmodells, Uwe Grau, eine Coaching-Ausbildung. Und dort saßen all die Leute im Curriculum, die später den österreichischen Dachverband für Coaching (ACC) mitgegründet haben bzw. die dort heute fest etabliert sind und die alle der Reihe nach ihre eigenen, teils sehr bekannten Coaching-Institutionen gegründet haben. Um aus demselben „Stall“ zu kommen, um eine gemeinsame Wissensgrundlage zu haben, aber auch weil es mich schlicht sehr interessierte, habe ich sehr schnell nachgezogen und selbst die Ausbildung bei Uwe Grau absolviert …

… um auch selbst Teil des Ausbildungsteams zu werden?

Genau. In der Wiener Trainerakademie wurde eine Diplomausbildung zum Professional-Coach entwickelt, bei der ich seither gemeinsam mit meinem Gatten Peter Jelinek unterrichte und coache. Später haben wir für unsere Kunden die Möglichkeit geschaffen, auf die Berufsausbildung Lebens- und Sozialberatung aufzustocken. Hier kam ich natürlich verstärkt ins Spiel. Parallel dazu habe ich mich immer mehr in Richtung Lehren und Arbeiten mit Menschen in der Selbsterfahrung auseinandergesetzt.

Auf der anderen Seite wurde ich im Laufe der Zeit auch zur Geschäftsführerin der Firma. Ich bin auch die Person im Institut, die die Ausbildungsteilnehmer oft über viele Jahre hinweg, weit nach der Ausbildung, betreut. Das schließt bei den Diplomanden, die im Zuge ihrer Ausbildung Praxiserfahrungen im Coaching nachweisen müssen, natürlich auch Supervision ein.

Was meine eigene Weiterbildung betrifft, bin ich sehr wissbegierig und habe in späteren Jahren immer die Chance genutzt, mir bei unserem eigenen sehr interdisziplinär aufgestellten Team viele Inhalte anzueignen, die sich mit dem wirtschaftlichen Kontext auseinandersetzten. Als Geschäftsführerin, die auch für den Verkauf zuständig ist, wollte ich immer genau wissen, was und wie in meinem Hause gelehrt wird. Qualität ist mir sehr wichtig.

Ihre Neugier scheint auch mit einer starken Suchbewegung verbunden zu sein: Sie haben insgesamt 108 Aus- und Weiterbildungen absolviert …

… so zusammengezählt klingt das extrem, geradezu verrückt! (lacht) Nach meiner zwanzigjährigen Berufstätigkeit konnte ich nun tun und lassen, was ich wollte und habe alles – auch meine gesamte Abfertigung – für Ausbildungen „verbraten“. Dabei bin ich vor allem meiner Neugierde gefolgt. Zu der Zeit damals, also Anfang der 80er Jahre, waren Ausbildungen noch nicht so „verinstitutionalisiert“. Es gab keine längeren, durchgehenden Angebote, wie beispielsweise heute eine NLP-Ausbildung, die man als „Master“ abschließen oder sogar selbst Lehrer werden kann. Es war eher ein bunter Flickenteppich – entsprechend sieht meine Ausbildungsbiographie so aus – an vielen Möglichkeiten.

Beispielsweise habe ich damals mitbekommen, dass es in den USA tolle Therapeuten und Denkfabriken in der Psychotherapieszene gab, wo auch viel experimentiert wurde. Ich dachte mir also, auf nach Amerika! Nur habe ich dann Lehrer im deutschsprachigen Raum gefunden, die mir Ähnliches bieten konnten. So habe ich mal hier reingeschaut, mal dort und bin sozusagen meinen Interessen nachgeeilt.

Ein Flickenteppich aus Massageausbildungen, Achtsamkeits- und Selbstfindungsseminaren und auch Fernöstliches wie Qui Gong oder Thai-Chi.

Ich habe wirklich sehr vieles gemacht! Bei den chinesischen Ausrichtungen habe ich ein paar Techniken ausprobiert, die aber dann nicht weiterverfolgt. Denn ich dachte, wenn ich das weitermachen will, müsste ich das eher wie ein Medizinstudium anlegen, weil ich es nach ein paar solcher Kurse nie seriös hätte anbieten können. Ich habe also durchaus selektiert und Dinge verworfen, habe z.B. die Massagerichtung nicht intensiv weiterverfolgt, sondern habe vieles kombiniert und verdichtet und es in meine Körperarbeit einfließen lassen, sie so perfektioniert. Außerdem hat sich dann mein Fokus in den 90er Jahren auch hin zu systemischen Ausbildungen, Kommunikationstechniken usw. geändert.

Unter ihren frühen Ausbildungen gibt es aber auch Exotisches wie Rebirthing oder spirituelle Therapie.

Das war damals überhaupt nicht merkwürdig. Zumindest nicht, wenn man sich in die damalige Zeit zurückversetzen. Denn man muss das im Kontext der 68er, der Hippie-Welle sehen – aus dieser Perspektive betrachtet war das nicht exotisch, sondern es waren interessante Techniken, die damals in aller Munde und sehr präsent waren. Neugierig, wie ich war, habe ich das einfach ausprobieren müssen! (lacht) … Um es dann nicht weiter zu verfolgen oder unter „Erfahrung gesammelt“ für immer abzulegen. Wobei ich zum Glück keine schlechten Erfahrungen gemacht habe, alles hat mir irgendwie genutzt, ich konnte aus allem irgendetwas für mich schöpfen.

So habe ich mir eine besondere Breite in meinem Wissen angeeignet. Allerdings habe ich viele Jahre damit gehadert, dass das alles nur bedingt in die Tiefe ging, dass das ein Manko wäre. Dann habe ich aber entdeckt, dass die Breite für sich eine ganz eigene Qualität ist. Letztlich hat es sich als Vorteil erwiesen: In der Coaching-Ausbildung in der Wiener Trainerakademie konnte ich meine Erfahrungen, u.a. in der Körperarbeit, in die Ausbildung und ins Einzel-Coaching einbauen.

Die Wiener Trainerakademie geriet Anfang 2000 in Turbulenzen …

… das war um 2007 herum. 2008 kam dann auch noch die Wirtschaftskrise hinzu. Mein Gatte war gesundheitlich sehr angeschlagen, wir mussten verkleinern, die Nachbesetzung der Geschäftsführung hat nicht geklappt und ich habe mich entschlossen, obwohl ich offiziell bereits in Pension war, das Ruder in die Hand zu nehmen. Jedenfalls habe ich dann die Firma neu aufgesetzt, mit neuem Logo und neuem Namen: Jelinek Akademie. Das Ganze war ein sehr schwieriger Prozess, weil wir den alten Ruf der Trainerakademie möglichst mitnehmen wollten, schließlich war sie eine etablierte Marke. Heute bin ich sicher, dass sich die Jelinek Akademie genauso im Gedächtnis eingeprägt hat.

Wenn man sich über Ihr Coaching-Bild informiert und Ihre Biographie anschaut, stößt man oft auf den Begriff „Permakultur“. Was verbirgt sich dahinter?

Permakultur ist eine Idee aus der Landwirtschaft – für mich das vielleicht ganzheitlichste System, das ich kenne –, wofür Bill Mollison und David Holmgren 1981 den „alternativen Nobelpreis“ bekommen haben. Es ist ein Design, das auf Nachhaltigkeit basiert und zwar im ökologischen, sozialen und ökonomischen Sinne. Es geht auch um die Schaffung von selbstregulierenden Systemen. Entsprechend betrifft es sowohl den Landbau, die Architektur, die Energieversorgung, die Bildungsarbeit sowie auch die Wirtschaftswelt. Alle Energien, alle Ressourcen, die zur Verfügung stehen, sind vernetzt, nachhaltig und klug ineinander verwoben, es gibt keinen Abfall, das Zusammenleben zwischen Menschen sowie zwischen Mensch und Natur ist auf Dauerhaftigkeit, Nachhaltigkeit und sozialen Ausgleich ausgelegt.

Tatsächlich ist diese Idee nichts Neues, weil Urvölker schon so gewirtschaftet haben. Neu ist nur unser Zugang und die Adaption auf die Moderne: Maschinen können z.B. dementsprechend konzipiert und eingesetzt werden, der heutige Mensch mit seiner Zeitknappheit wird auch berücksichtigt. Und es gibt Systeme fürs Land und urbane Systeme für die Stadt. In Teilbereichen sehen wir das überall, ob das jetzt Guerilla-Gardening ist, ob die Menschen auf den Dächern ihre Gärten anlegen oder Fassaden begrünen usw.

Interessanter Weise bin ich dem Begriff Permakultur das erste Mal bei einem Vortrag von Fr. Prof. Dr. Margrit Kennedy begegnet, die über Geld gesprochen hat. Frau Kennedy war die Grande Dame (sie ist leider vor 3 Jahren verstorben) was die Komplementärwährungen und alternative Geldwirtschaft betrifft – und genau das ist auch Teil der Permakultur.

Wie kann man das ins Coaching einbinden?

Im Coaching nur bei Kunden, die eine Lebensstilveränderung ansprechen und mir einen diesbezüglichen Auftrag erteilen. Es gibt Vorträge und peripher Informationen zu dem Thema. Es gibt Menschen, die versuchen, diese Idee in ihr Leben zu integrieren, ohne dass sie das vielleicht so benennen würden. Zudem gibt auch seitens der Unternehmen und Manager durchaus ein wachsendes Interesse am Thema Nachhaltigkeit, und zwar im sozialen, ökonomischen sowie ökologischen Sinne.

Auf der anderen Seite gibt es Manager beiden Geschlechts, meist um die 50, die aus größeren Unternehmen ins Coaching oder in die Ausbildung kommen und sagen, sie machen da nicht mehr mit, haben es dicke, halten es nicht mehr aus und sich die Sinnfrage stellen oder am Burnout leiden. Dann sitzt mir im Erstgespräch ein Vorstandmitglied im Designeranzug gegenüber, der mir eröffnet, dass er anders leben wolle, einen Plan B suche und der von sich aus auch auf das Thema Sozioökologie kommt.

Das kommt gar nicht so selten vor, besonders weil es im Bankensystem in Österreich gerade ganz schön wackelt, sodass Umorientierung und auch ein – manchmal ökologisches – Umdenken in dieser Branche gängige Themen im Coaching sind.

So kann ich mit dieser Person dann einerseits das Thema Gesundheit bearbeiten, so vielleicht das Burnout bearbeiten, und andererseits die Ökologie mitnehmen und damit ihre Themen des Wechsels der Lebensperspektive und der Lebensstilveränderung betrachten. Man kann Permakultur nur betreiben, wenn man vernetzt und systemisch denken kann.

Nebenbei bemerkt, versuche ich privat und in der Firma die Ideen der Permakultur zu verwirklichen. Bezüglich Ökologie und ökologischer Geldwirtschaft sind wir in der Gemeinwohl-Ökonomie vertreten.

Was ist die Gemeinwohl-Ökonomie?

Ganz allgemein gesagt, beschäftigt sich dieses System mit Geldwirtschaft und Gemeinwohl. Dazu wird eine sogenannte Gemeinwohl-Bilanz erhoben, was u.a. unsere Firma gemacht hat, die aussagt, wie groß der ökologische Fußabdruck ist, wie man mit Mitarbeitern umgeht und welche – fairen, ethischen, sozialen etc. – Arbeitsbedingungen man schafft, wie transparent man ist und vieles mehr. Ziel ist es, dieses System einmal zu einer politischen Größe auszubauen, um ein Umdenken zu bewirken hin zu einer stärker am Wohl aller – am „Gemeinwohl“ – orientierten Wirtschaft und Politik.

Die Bewegung wächst, erst kürzlich habe ich gelesen, dass sich mittlerweile ca. 2.000 Unternehmen in Österreich der Bewegung angeschlossen haben und selbst Bankhäuser eine Gemeinwohl-Bilanz erstellen. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist auch international präsent.

Welche Themen begegnen Ihnen ferner im Coaching?

Neben den, sagen wir gewöhnlichen Themen, wie Konflikte im Unternehmen, z.B. mit dem Chef, Arbeitsüberlastung etc., nehme ich aktuell eine starke Verunsicherung wahr. Die Klienten erzählen mir in teils stundenlangen Telefonaten, dass sie die Unsicherheit aufgrund der wirtschaftlich angespannten Lage und der politischen Situation kaum aushalten. Hinzu kommt die Flüchtlingskrise, die die Menschen sehr bewegt. Es kommen laufend neue Themen rein, der Bankensektor kriselt, es ändert sich ständig etwas und keiner kann mit auch nur annähernder Gewissheit sagen, wohin sich alles entwickelt.

Hieraus entsteht auch die Sorge um die Wahrung des eigenen Wohlstands, Abstiegsängste kommen auf. Das führt dann zu Arbeitsüberlastung, man will ja gute Leistung zeigen, und zu Stress, was wiederum in den Burnout führen kann. Man muss diese Verunsicherung ernst nehmen, weil es mittlerweile spürbar ist, dass die Menschen nicht mehr so viel Geld haben wie früher. Sicher, es gibt durchaus noch den Mittelstand ohne Geldsorgen, nur gibt es gleichzeitig schon sehr viele aus Mitte der Gesellschaft, die kämpfen müssen, wie z.B. viele Trainer in Österreich. Ich frage mich schon, wo das Ganze hinführt?

Dieser Eindruck ist insofern interessant, weil Studien – z.B. die Marburger Coaching-Studie – einen wachsenden Coaching-Markt mit Umsatzwachstum darstellen. Nehmen Sie bereits einen Knick wahr?

Nicht bei dem Bedarf an Coaching. Allerdings ist die Menge der Anbieter enorm gestiegen und die Budgets sind in vielen Unternehmen gekürzt worden.

Wird das auch anhand der Coaching-Ausbildungsteilnehmer deutlich?

Definitiv. Ich verkaufe jetzt seit über 20 Jahren Coaching-Ausbildungen und ich merke sehr deutlich, dass es zwar nicht an Interessenten mangelt, jedoch am Geld. Früher gingen die Diplom-Ausbildungen, die um die 10.000 Euro gekostet haben, weg wie warme Brötchen. Nur können sich die Leute das nicht mehr leisten und hoffen auf Förderungen, die jedoch mittlerweile teilweise zusammengestrichen worden sind. Zugleich gibt es aber die erwähnte größere Konkurrenz: Viele neue Institute wurden gegründet und die Universitäten haben sich auch auf das Thema gesetzt.

Könnte es sein, dass der Coaching-Markt in Österreich übersättigt ist?

Möglich, insbesondere wenn ich bedenke, wie viele Menschen in der Zeit, in der ich selbst aktiv im Markt bin, eine Coaching-Ausbildung gemacht haben – egal, ob der Ausbildung die Transaktionsanalyse, das systemisch Denken oder NLP zugrunde liegt. Das müssen Heerscharen sein!

Was mir allerdings Mut macht, ist meine Erfahrung: Als ich in den 80er Jahren durch Selbsterfahrungsgruppen „gehoppelt“ bin, habe ich mir gedacht, um Gottes Willen, all die vielen Menschen, die mit mir in diesen Ausbildungen sitzen, können doch keine Psychotherapeuten werden! Es stellte sich natürlich heraus, dass sie keine Psychotherapeuten geworden sind, sondern auf ihrem eigentlichen Arbeitsplatz geblieben sind, z.B. waren dort viele Manager dabei.

Wenn man jetzt nicht ganz so weit in die Vergangenheit blickt, dann entdeckt man, dass es zu der Zeit, als Coaching von Managern als Zusatzqualifikation entdeckt wurde, viele ältere Herren und Frauen in Ausbildungen gab, die aber dort nicht mit dem Ziel saßen, Coach zu werden, sondern diese Qualifikation zu erwerben – diesen Umstand gibt es natürlich immer noch.

Heute ist das Ganze vielleicht noch etwas extremer, weil junge Leute, die direkt von der Uni in ein Unternehmen kommen, nicht selten schon nach einer Coaching-Ausbildung gefragt werden.

Sie werden dieses Jahr 70 Jahre alt. Wie sieht Ihre Zukunft aus, auch angesichts der geschilderten, durchaus pessimistischen Perspektive?

70 Jahre, ich glaube es kaum! (lacht) Ich glaube, je älter ich werde, desto mehr interessiert mich die Zukunft. Mein persönliches Thema mit Ausblick auf die Zukunft ist natürlich die Nachfolgeregelung, die auch schon längst begonnen hat. Nach und nach will ich mich aus dem Unternehmensalltag zurückziehen. Wobei ich auch nicht ganz das Coaching aufgeben möchte, weil mich diese Arbeit am Menschen mit seiner individuellen Persönlichkeit viel zu sehr interessiert – und ich meine Arbeit einfach liebe.

Zudem denke ich, dass Coaching einer der wenigen Berufe ist, wo meine Seniorität eine Rolle spielt. Hier kann ich meine Lebens- und Berufserfahrung einbringen. In der heutigen Berufswelt wird man als Senior ja eher aussortiert, wodurch man sehr viel Wissen schlicht verspielt. Wie wird diese Praxis wohl angesichts des demografischen Wandels funktionieren? Jedenfalls möchte ich im Coaching – wo ich aufgrund oder trotz meines Alters viel Wertschätzung erhalte – solange arbeiten, wie mein Geist noch in Ordnung ist, denn der ist entscheidend: Ich kann sogar im Rollstuhl coachen, wenn es sein muss. Und ich muss ehrlich sagen, ich sehe mich hier noch lange arbeiten! (lacht)

Zudem habe ich mich auch schon darauf ein bisschen eingestellt: Unsere Hauptfirma sitzt in Wien und ich lebe ca. 25 Kilometer außerhalb im Grünen mitten in einer Weinlandschaft. Im Privathaus haben wir eine Etage, die ich als Seminarzentrum nutzen kann. Dort kann ich im kleinen Bereich mich ganz auf meine Schiene konzentrieren und zugleich alles ganz langsam Richtung Lebensabend ausklingen lassen.

Hier habe ich dann alles beisammen, was mir ein Anliegen ist: Coaching, Gesundheit, Achtsamkeit, Ökologie. Ja, das stelle ich mir sehr schön vor! (lacht)

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