(Therapeutische) Behandlung oder Business-Coaching?

Ein Leserkommentar

 (Therapeutische) Behandlung oder Business-Coaching?
© Foto: Digital Storm/Shutterstock.com

Ein Kommentar von Walter Schwertl zum Beitrag „Erkennen Coaches einen Psychotherapiebedarf ihrer Klienten?“ von Frederik Werner und Thomas Webers im Coaching-Magazin 1/2016.

Seit tausenden von Jahren wissen die Konstrukteure von altertümlichen Pfahlbauten, dass die besten Pfähle wenig nützen, wenn das Fundament unzureichend ist. Das Fundament für eine Dienstleistung im Modus von Kommunikation, z.B. Business-Coaching, besteht darin, sich immer wieder zu versichern, dass von den entsprechenden Begriffen ein mindestens ähnliches Verständnis vorhanden ist, daher einige Definitionen der relevanten Begriffe.

Behandlung oder Heilung?

Im strengen Sinne des Wortes kann es sich nur um eine Behandlungserlaubnis handeln, eine Heilerlaubnis kann es auch in unserer juristisch durchdefinierten Kultur nicht geben, denn Heilung erfolgt nicht nach der Logik von Erlaubnis. Wie allgemein bekannt sein dürfte, kann eine glückliche Partnerschaft heilen, auch der Langstreckenlauf mit Trainer kann deutliche Linderungen bei Depressionen erzielen. Es empfiehlt sich daher, von einer Behandlungserlaubnis zu sprechen und die erfolgte oder nicht erfolgte Heilung von Leiden nicht zu thematisieren. Wittgenstein machte deutlich: Worüber wir nicht sprechen können, sollen wir schweigen.

Was gilt nun als Leiden?

Der Versuch, Leiden als International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD) zu fassen und zu klassifizieren, ist unbefriedigend und Kritik ausgesetzt. Der ICD-Schlüssel stellt, dafür mag er brauchbar sein, ein Kategoriensystem dar, dass Leiden für den Verwaltungskomplex Gesundheitsindustrie handhabbar macht. Leiden ist eine andere Kategorie, drückt sie doch aus, womit jemand Schmerzen hat. Hierbei kann man unterscheiden zwischen der Definition der Experten, in Folge wird man definiert, im anderen Fall definiert man sich selbst. Selbstverständlich tangiert die jeweils akzeptierte Definition das Selbstbestimmungsrecht des Betroffenen.

Was ist Coaching?

Im Jahr 2016 lassen sich unter ausdrücklicher Annahme von Kontingenz vier Gruppen subsummieren. Die Leitdifferenzen sind aber weder Behandlung noch Heilung.

  1. Sprachlich modernisierte Schulungsformate (Hundeschule zu Dog-Coaching usw.)
  2. Wissenstransfer und Ratgeberformate (Elternberatung zu Eltern-Coaching, Ernährungsberatung zu Diät-Coaching)
  3. Selbstfindungsformate (von Selbsterfahrung über Glücks- und Lebens-Coaching bis zu Psychotherapie light)
  4. Business-Coaching (Beratung im Leistungskontext)

Die thematischen Grenzen sind per se unscharf, die Absicht vieler Anbieter, den Geltungsbereich für das eigene Angebot möglichst breit zu halten, tut ein Übriges. Die Tendenz, mit einem einzigen Dienstleistungsformat alle Nachfragen zu bedienen, kann in Anlehnung an Lynn Hoffman als therapeutischer Imperialismus bezeichnet werden.

Zurzeit lässt sich eine paradoxe Vorgehensweise beobachten: Einerseits wird Coaching bewusst in der Nähe von Heilung angesiedelt und dann andererseits davon abgegrenzt. Würde man das Format Coaching differenzieren, ließe sich die Unterscheidung praxisrobust handhaben.

Coaching ist eine Kombination aus individueller Unterstützung zur Bewältigung verschiedener Aufgaben und Anliegen (Schwertl, 2015 & 2016), die nicht im Kontext von Krankenbehandlung stattfindet.

Hierbei wird deutlich, in dem die Beobachter deutlich unterscheiden und eine Seite weiterverfolgen, hier Business-Coaching, bedarf es keiner weiteren Abgrenzung von Psychotherapie, denn die Grenze wird durch den Beobachter gezogen. Wer Business-Coaching sauber definiert, Anderes muss ja nicht entwertet werden, betreibt keine Psychotherapie und braucht auch keine Behandlungserlaubnis, denn er behandelt nicht.

Unterscheidung der Kunden?

Selbst wenn man so verwegen ist, die angebotenen Definitionen als gültig anzusehen, bliebe die Frage, was tun, wenn Kunden die Dinge kunstvoll vermischen? In Therapie zu gehen, wird – besonders im Business-Kontext – leider häufig mit Schwäche, Krankheit und Defiziten assoziiert. Hingegen bedeutet Business-Coaching der Wahrnehmung vieler Kunden nach, eine Prestigeklappe mehr an der Uniform zu haben. Um die Unterscheidung, wann Therapie nötig ist und Business-Coaching passend ist, treffen zu können, sind folgende Parameter hilfreich:

  • Abgrenzung über Symptome (Krankheitshinweise!)
  • Abgrenzung über eigene Wahrnehmung (Liegt dies in meiner Kompetenz!)
  • Welche Ressourcen stehen zur Verfügung? (Reichen die Ressourcen?)
  • Besitze ich das notwendige (und geeignete) Wissen?

Bescheidenheit und Demut der Coaches wären angebracht. Allerdings wäre ich anhand der kurzen Fallbeschreibungen im Beitrag von Werner und Webers (2016) nicht dazu in der Lage gewesen, Entscheidungen für Psychotherapie oder Business-Coaching zu treffen. Eine Verkehrsampel, die auf rot oder grün geschaltet ist, steht leider nicht zur Verfügung

Business-Coaching behandelt niemanden!

Der Begriff Behandlung bezeichnet immer Manipulationen an einem Objekt. Man kann Holz, Metall, Oberflächen und muss natürlich auch Patienten, Menschen ohne Bewusstsein oder hilflose Personen behandeln. Kunden macht man Vorschläge, man führt Dialoge oder verhandelt, aber Kunden kann man nicht behandeln.

Konsequenterweise nähern sich all jene Coaching-Anbieter, die Lebensberatung oder Therapie meinen, im Propagieren ihrer eingesetzten Techniken, der Prozessdynamik von Behandlungen. Mit anderen Worten: Sie gebrauchen den entgrenzten Begriff Coaching, betreiben Therapie ohne unterscheidende Kontexte zu berücksichtigen.

Differenzieren Techniken oder Kontexte?

Die meisten Techniken differenzieren nicht zwischen den Formaten, denn sie sind sehr unterschiedlich einsetzbar. Fragetechniken kann man zu anamnestischen Zwecken, im Business-Coaching, in der Marktforschung oder im polizeilichen Verhör einsetzen. Im Kontext von Leistungserbringung findet Business-Coaching im Sinne von Support statt. Psychotherapie findet in einem Rahmen von Heilung von Krankheit statt.

In Konsequenz wird man wahrscheinlich langfristig von einer Coaching-Ausbildung generell Abstand nehmen. Vereinzelt tun dies Anbieter bereits, in dem z.B. ausdrücklich eine Coaching-Ausbildung für Business-Coaching angeboten wird.

Coaches, die den Anspruch der Meinungsführerschaft täglich herumtragen, sollten den Mut haben, exakt zu definieren, was sie tun, und in Folge auch erklären, wofür sie nicht zuständig sind. Die Allzweckwaffe Coaching gibt es nicht!

„Die Evolution hat zu einer Welt geführt, die viele verschiedene Möglichkeiten hat, sich selbst zu beobachten, ohne davon eine als die beste, die einzig richtige auszuzeichnen.“ (Niklas Luhmann)

Literatur

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