Die Bewertung von Coaching-Prozessen als ethische Herausforderung. Teil 1

Problematik der Bewertung und Diskurs in Wissenschaft und Praxis

Die Bewertung von Coaching-Prozessen als ethische Herausforderung. Teil 1
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Anhand welcher Kriterien sind Coaching-Prozesse zu bewerten? Anhand der Zufriedenheit der Klienten oder der erzielten Ergebnisse? Wer hat diese Bewertung vorzunehmen: der Coach, der Klient oder Außenstehende? Tatsächlich handelt es sich bei der Frage nach einer Coaching-Bewertungspraxis um eine multiple Problematik. Eine Herausforderung, die zudem nicht ausschließlich eine soziale bzw. gesellschaftliche Steuerungsproblematik darstellt, sondern auch und insbesondere der ethischen Reflexion bedarf.

Die Antwort auf die Doppelfrage, wie Coaching-Prozesse professionell zu bewerten sind und welche ethischen Ansprüche an die Bewertung von Coaching-Prozessen zu stellen sind, gibt Auskunft über den Professionalisierungsgrad von Coaching. Aus diesem Grunde kommt der Frage nach der Coaching-Ethik für die Professionalisierung von Coaching eine zentrale Rolle zu.

Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach einer Coaching-Ethik ist es sinnvoll, an den in Coaching-Wissenschaft und -Praxis vorherrschenden Konsens anzuschließen, dass Coaching eine soziale Praxis ist, die sich durch den – wie auch immer ausgelegten bzw. konkretisierten – Anspruch und Selbstanspruch definiert, für den Klienten etwas Positives zu bewirken. Aber was heißt das im Einzelnen? Und welche Bedeutung hat dabei die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft?

Um diese Fragen zu beantworten und in diesem Sinne zur Professionalisierung von Coaching beizutragen, soll im Folgenden zunächst geklärt werden, worin die – nicht zuletzt auch ethische – Problematik der Bewertung von Coaching-Prozessen besteht. Anschließend wird auf den wissenschaftlichen Diskurs über die Bewertung von Coaching-Prozessen und auf die Ethik-Codes der Coaching-Verbände geschaut, um im zweiten und dritten Teil dieser Artikelreihe (Coaching-Magazin 3/2016 und 4/2016) dann die Ethik-Falle zu diskutieren, in der sich Coaching im Kontext der Globalisierung befindet, und eine konzeptionelle Begründung von als Bildungsprozess verstandenem Coaching vorzunehmen, die beansprucht, in ihrem Kern bereits eine ethische Begründung zu sein. Was das konkret für die Praxis der Bewertung von Coaching-Prozessen bedeutet, wird abschließend ausgeführt.

Die multiple Problematik der Bewertung von Coaching-Prozessen

Bei allen Unklarheiten und Fraglichkeiten der Bewertung von Coaching-Prozessen scheint eines klar zu sein: Die Qualität von Coaching-Prozessen wird durch die Qualität der Unterstützung bestimmt, die der Coach dem Klienten anbietet, um seine Coaching-Problematik zu erkennen und zu lösen. Auf dieser Grundlage bestimmt sich die Qualität der Bewertung von Coaching-Prozessen zum einen durch die Qualität der Unterstützung, die der Bewerter dem zu bewertenden Coach anbietet, Verbesserungsmöglichkeiten seiner Coaching-Kompetenz zu erkennen und zu entfalten, und zum anderen durch die Qualität der Kriterien und Unterstützungsangebote, die Außenstehende demjenigen anbieten, der Coaching-Prozesse bewertet.

Implikationen und Problemschichten

Diese Statements enthalten folgende Implikationen: Die erste ist, dass bei der Bewertung von Coaching-Prozessen mehrere Praxen im Spiel sind und miteinander systematisch in Beziehung stehen, nämlich die Problembearbeitungspraxis des Klienten, die Coaching-Praxis des Coachs, die Beratungs- bzw. Supervisionspraxis derjenigen, die die Coaching-Praxis des Coachs bewerten, und schließlich die vielfältigen gesellschaftlichen Praxen derjenigen, die diese Beratungs- und Supervisionspraxis – vom Standpunkt eines Coaching-Verbandes, eines Forschungsinstituts, einer Partei oder einer thematisch interessierten Nichtregierungsorganisation – beobachten und bewerten.

Zu der gerade angesprochenen ersten Implikation kommt eine zweite hinzu. Denn diese Praxen werden durch eine multiple Soll-Ist-Problematik bestimmt. Damit ist zunächst einmal gemeint, dass das, was als Problem bezeichnet wird, sich auf eine Soll-Ist-Differenz bezieht und dass in diesem Sinne Probleme immer Relationen sind. Daraus folgt zweierlei, nämlich erstens, dass es für ihre Lösung immer zwei Referenzpunkte gibt, nämlich die Veränderung der Ist-Lage und/oder die Veränderung der Soll-Vorstellung, und zweitens, dass die Ist-Lage grundsätzlich immer nur vom Standpunkt der Soll-Vorstellung betrachtet und analysiert werden kann.

Mit Bezug auf diese Zusammenhänge kann man wohldefinierte und schlecht definierte Probleme (Minsky, 1961) unterscheiden. Wohl definierte Probleme zeichnen sich dadurch aus, dass die Soll-Vorstellung klar und sicher erkannt werden kann. Ein Beispiel hierfür ist die gewünschte Raumtemperatur, mit Bezug auf die man das Problem eines unterkühlten oder überhitzten Raumes eindeutig definieren kann. Für schlecht definierte Probleme hingegen ist es charakteristisch, dass die Soll-Vorstellung unklar bzw. unsicher ist und deshalb selbst ein Problem darstellt. Denn es gibt hier eine Differenz zwischen der Soll-Vorstellung, wie sie zu einem bestimmten Zeitpunkt und unter bestimmten Umständen ist, und der Soll-Vorstellung, wie sie unter idealen Bedingungen wäre – und sein sollte, was zur Folge hat, dass auch die aktuelle Ist-Vorstellung nicht so ist, wie sie unter günstigen Umständen sein würde.

Der Grad der Unsicherheit wird durch die Anzahl der Praxen bestimmt, die im Spiel sind. Aus diesem Grunde liegt der Bewertung von Coaching-Prozessen nicht eine einfache, sondern eine multiple Soll-Ist-Problematik zugrunde.

Die erste Problemschicht bezieht sich auf die Klientenpraxis und besteht darin, dass die Soll-Vorstellung, die der Klient von seiner Coaching-Problematik hat, überprüfungsbedürftig ist, und dass das zur Folge hat, dass entsprechend auch die Vorstellung über seine Ist-Situation überprüfungsbedürftig ist.

Die zweite Problemschicht bezieht sich auf die Praxis des Coachs. Denn es muss davon ausgegangen werden, dass er die Aufgaben, die sich ihm im Coaching-Prozess stellen, nicht a priori perfekt löst und dass deshalb eine Bewertung seines Coachings sinnvoll ist. Die Bewertung von Coaching-Prozessen muss sich dabei auf die Aufgabe beziehen,

... dass der Coach angemessen erkennen muss,

  • welche Soll-Vorstellung der Klient in seiner Coaching-Problematik hat und wie diese gegebenenfalls durch seine noch vorliegende Coaching-Problematik verzerrt wird
  • und welche Soll-Vorstellung er hätte, wenn diese Verzerrungen sich auflösen würden,

... dass der Coach angemessen erkennen muss,

  • wie der in seiner Coaching-Problematik verstrickte Klient seine Ist-Situation tatsächlich wahrnimmt,
  • und wie er sie wahrnehmen würde, wenn er seine Problematik perfekt bewältigt hätte.

Zu diesen beiden Praxen, d.h. zu der Klienten- und Coach-Praxis kommt bei der Bewertung von Coaching-Prozessen noch eine dritte Praxis hinzu, nämlich die Bewertungspraxis. Auch diese Praxis ist überprüfungsbedürftig. Denn es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass jede Bewertung eines Coaching-Prozesses perfekt ist. Es ist deshalb notwendig, jede durchgeführte bzw. vorgelegte Bewertung eines Coaching-Prozesses selbst noch einmal zu bewerten bzw. bewerten zu lassen, z.B. durch Coaching-Verbände, Forschungsinstitute oder andere zivilgesellschaftliche Institutionen.

Bewertungspraxis als offener Diskurs

Mit der zuletzt genannten Praxis haben wir aber nicht den finalen End- und Bezugspunkt für die Bewertung von Coaching-Prozessen erreicht. Denn für moderne Gesellschaften ist charakteristisch, dass es keine oberste Bewertungsinstanz, also keinen „Coaching-Bewertungs-Papst“ gibt, sondern dass eine überzeugende Lösung der Bewertungsproblematik von Coaching – und ähnlichen Praxen – einzig und allein darin bestehen kann, sie so zu prozessualisieren, dass sie in einer unendlichen Re-Entry-Schleife grundsätzlich offen gehalten wird, und zwar in inhaltlicher und personaler Hinsicht. Es muss also a priori offen sein, wie ein Coaching-Prozess bewertet wird und wer sich an einem solchen Diskurs beteiligen darf.

Die ethische Dimension

Die so strukturierte multiple Soll-Ist-Problematik der Bewertung von Coaching-Prozessen ist nicht nur eine soziale bzw. gesellschaftliche Steuerungsproblematik, sondern auch und im Wesentlichen eine ethische Problematik. Denn für die Praxis, die hier im Spiel ist, gilt das, was für jede menschliche Praxis gilt, nämlich dass sich in ihr, wie Benner (1991) zeigt, die Eigentümlichkeit unseres menschlichen Daseins spiegelt, eine Zwischenstellung zu haben zwischen der Natur, die sich ihrer selbst nicht bewusst ist und deshalb nicht in der Lage ist, ihr Schicksal zu verantworten und zu steuern, und der übernatürlichen Sphäre des Göttlichen, die sich – ganz unabhängig davon, ob man an Gott glaubt oder nicht – durch das Merkmal der Perfektion, also Allmacht, Allwissenheit etc. auszeichnet.

Diese Zwischenstellung macht unser menschliches Dasein und Leben zu einem moralischen Projekt. Denn in jedem Moment unseres Lebens müssen wir unsere Praxis gestalten, indem wir uns ein Bild von ihrem Ist-Zustand und Soll-Zustand machen und mit Bezug auf diese Differenz entscheiden, ob bzw. wie wir handeln. Was wir als Ist-Zustand betrachten, welchen Soll-Zustand wir für wünschenswert halten und wie wir mit dieser Soll-Ist-Differenz praktisch umgehen – diese dreifache Entscheidung, d.h. Praxisgestaltung, müssen wir gegenüber allen verantworten, die von ihr direkt und indirekt sowie kurz- und langfristig betroffen sind.

Wir müssen sie deshalb ethisch reflektieren und uns dabei darüber im Klaren sein, dass wir auf der einen Seite – gottähnlich – unsere Praxis gestalten können und deshalb auch verantworten müssen, dass wir auf der anderen Seite aber auch auf vielfältige Grenzen stoßen, die wir – ähnlich wie die Natur – nicht aus eigener Kraft überschreiten können, gleichzeitig aber – im Gegensatz zur Natur – verantwortlich managen müssen.

Hieraus leitet sich das moralische Gebot ab, einer zweifachen Versuchung zu widerstehen, nämlich zum einen der Verführung, zu meinen oder zu versuchen, – gottähnlich – perfekt zu sein oder zu werden, und zum anderen der Versuchung, aus Bequemlichkeit oder Angst sich in die scheinbaren Unabänderlichkeiten und Notwendigkeiten einer vermeintlich unverfügbaren Evolution zu fügen.

Diese Merkmale jeder menschlichen Praxis und die aus ihnen resultierenden allgemeinen ethischen Anforderungen gelten auch für die Praxen, die bei der Bewertung von Coaching-Prozessen im Spiel sind, also für die Praxis des Klienten, des Coachs, des Bewerters von Coaching-Prozessen und für die verschiedenen Praxen derjenigen, die die Praxis der Coaching-Bewertung bewerten.

Der Diskurs über die Bewertung von Coaching-Prozessen

Es gehört zu den Auffälligkeiten des Coaching-Diskurses, dass die Bewertung von Coaching-Prozessen bisher insgesamt wenig reflektiert und im Wesentlichen als eine Aufgabe wahrgenommen wird, Entscheidungen zu bewerten, die Coaches in ihren Coaching-Prozessen getroffen haben – ausgehend von einer nach Möglichkeit empirisch gestützten Coaching-Theorie.

Besonderes Interesse findet dabei die Hypothese, dass es „Wirkfaktoren“ gibt, d.h. Handlungen bzw. Entscheidungen des Coachs, die für ein erfolgreiches Coaching besonders wichtig sind, weil von ihnen verstärkt positive Wirkungen für eine erfolgreiche Problemlösung und damit auch für die Zufriedenheit des Klienten zu erwarten sind (Greif, 2015; Seeg & Schütz, 2015; Wastian, 2015).

Mit Blick auf den im letzten Abschnitt entwickelten Problemaufriss vermittelt sich dabei der Eindruck, dass auf diese Weise versucht wird, die Komplexität der Bewertung von Coaching-Prozessen zu reduzieren. Mit anderen Worten: Es entsteht der Eindruck bzw. Verdacht des Versuchs, den Diskurs über Coaching-Theorien mit dem Diskurs über sozialwissenschaftliche Analyseverfahren so zu verbinden, dass es möglich wird, für die Bewertung von Coaching-Prozessen einen finalen Bezugspunkt zu finden, der selbst nicht mehr infrage gestellt werden muss.

Sollte ein solcher Versuch gelingen, wäre die Bewertung von Coaching-Prozessen nicht ein moralisches Projekt, das ethisch zu reflektieren ist, sondern ein sozialtechnologisches Projekt. Denn im Mittelpunkt dessen, was es bei der Bewertung von Coaching-Prozessen zu bewerten gilt, stände die Steuerungsleistung des Coachs, mit Hilfe von Wirkfaktoren dem Klienten möglichst wirksam zu helfen, zu einer befriedigenden Lösung seines Problems zu kommen.

Die empirische Coaching-Forschung wäre entsprechend aufgerufen, vermehrt belastbares Wissen über jene Wirkfaktoren zu generieren, und zwar mit dem doppelten Ziel, zum einen dem Coach mehr und besseres Wissen zu liefern, wie er Coaching-Prozesse erfolgreich steuern kann, und zum anderen mehr und besseres Wissen zu liefern für die Bewertung von Coaching-Prozessen, d.h. für die Bewertung der Steuerungsaktivitäten, die die zu bewertenden Coaches im Coaching-Prozess produzieren.

Ein solcher Zugriff ist ethisch problematisch, weil er gegen die oben dargelegten Grundbedingungen menschlichen Daseins verstößt. Denn es wird hier implizit von der Bedingung ausgegangen, dass die Soll-Vorstellung mit Bezug auf die Ist-Situation der Coaching-Problematik eines Klienten zu analysieren und zu lösen ist sowie zweifelsfrei identifiziert werden kann, und zwar, wenn auch nicht unbedingt vom Klienten und/oder Coach, so zumindest doch von denjenigen, die den Coaching-Prozess bewerten.

Die Ethik-Codes der Berufsverbände

Die Erkenntnis, dass der Coaching-Diskurs Fragen der Coaching-Ethik nicht oder nur wenig mit der Bewertung von Coaching-Prozessen in Verbindung bringt, lenkt den Blick auf den Bereich des Coaching-Diskurses, der sich mit den sogenannten Ethik-Codes befasst.

Schaut man auf das Positionspapier bzw. Commitment des Roundtables der Coachingverbände (RTC, 2015), eine Interessengemeinschaft in Deutschland tätiger Verbände, mit dem Coaching als Profession markiert wird, findet man unter der Überschrift „Ethik“ folgende Ausführungen: „Der Coach ist einem humanistischen Menschenbild verpflichtet und begegnet dem Klienten mit Wertschätzung und Respekt. Er hat ein demokratisch-pluralistisches Gesellschaftsverständnis und achtet die gesellschaftlichen und religiösen Deutungskonzepte des Klienten. Der Coach distanziert sich öffentlich von allen Lehren oder ideologisch gefärbten, sektenhaft ausgerichteten oder manipulativen und dogmatischen Bildungsangeboten.

Die Angaben über Ausbildung, Titel und Erfahrungen des Coachs müssen den Tatsachen entsprechen und eindeutig formuliert sein, um irreführende Schlussfolgerungen auszuschließen.

Der Coach informiert darüber hinaus über seine Vorgehensweise und bietet eine realistische Einschätzung der zu erwartenden Erfolge und Auswirkungen des Coachings.

Der Coach verpflichtet sich zur Verschwiegenheit und zur aktiven Sicherung der ihm anvertrauten Informationen. Die Schweigepflicht gilt in dem zu Beginn der Beratungsbeziehung vereinbarten Umfang auch ggf. gegenüber der beauftragenden Organisation, die das Coaching finanziert. Ein Missbrauch der Datenschutzverpflichtung liegt vor, wenn der Coach persönliche Vorteile aus diesen Informationen zieht. Die Weitergabe von Informationen ist nur mit ausdrücklichem Einverständnis des Klienten statthaft.“

Ein recht ähnliches Bild zeigt sich, wenn man auf die Ethik-Codes des englischsprachigen Bereichs schaut – z.B. anhand des zusammenfassenden Überblicks von Brenner und Wildflower (2010).

Es bestätigt sich somit die Einschätzung von Lowman (2013), dass die vorliegenden sogenannten Ethik-Codes für Coaching unter einem gewissen Praxisdruck entwickelt wurden, der auf pragmatische Lösungen drängte und nicht auf die philosophische Reflexion der zugrunde liegenden Problematik.

Legt man den im Ethik-Diskurs weithin vorherrschenden Konsens zugrunde, zwischen Moral und Ethik zu unterscheiden und mit Moral die gelebten Normen und Werte und mit Ethik ihre philosophische Reflexion zu meinen, geben die Ethik-Codes für Coaching Einblicke in die Moral, die die für Coaching relevanten Berufsverbände als Standard professionellen Coachings vorschreiben, ohne diese jedoch philosophisch zu reflektieren bzw. zu begründen.

Wendet man sich der letztgenannten Aufgabe zu, erscheint es sinnvoll, Coaching-Ethik im Zusammenhang mit der Aufgabe zu sehen, die Coaching im gesellschaftlichen Kontext wahrzunehmen hat. Hierzu nimmt der RTC (2015) folgendermaßen Stellung:

„Der wachsende Zuspruch, den das Coaching erfährt, steht in auffälligem Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen. Die steigende Komplexität, Flexibilität und Beschleunigung der globalisierten Netzwerkökonomie hat die Anforderungen an den Einzelnen in der Arbeitswelt stark verändert. Das Arbeitsleben ist heute zunehmend charakterisiert durch eine gestiegene Erwartung an die Eigenständigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Eigenverantwortung des Einzelnen. Zugleich sind die Bereitschaft und Fähigkeit zur kooperativen Interaktion und effizienten Kommunikation unter den Bedingungen eines sich unablässig verändernden Arbeitsumfeldes notwendige Kompetenzen im Arbeitsprozess. Vor dem Hintergrund dieser Anforderungen besteht die zentrale Aufgabe von Coaching in der Stärkung und Förderung der arbeitsbezogenen (Selbst-)Reflexionsfähigkeit, der Orientierungs- und Entscheidungsfähigkeit sowie der Handlungskompetenz der Person (bzw. Personengruppen). Coaching unterstützt die Resilienz der Person und ihre Fähigkeit zu (selbst-)verantwortlichem Handeln insbesondere in Situationen individueller, organisationaler und gesellschaftlicher Veränderung. Coaching stärkt und fördert den individuellen Entwicklungs- und Bildungsprozess – auch im Sinne der Idee des ‚lebenslangen Lernens‘.“

Die hier umrissene gesellschaftliche Aufgabe von Coaching lässt sich unterschiedlich deuten. Die eine Möglichkeit, die im nächsten Teil dieser Reihe (Coaching-Magazin 3/2016) auszuführen sein wird, besteht darin, Coaching als eine hybride Praxis wahrzunehmen, die in einer spezifischen Weise psychologische mit ökonomischen Merkmalen verbindet, um den Ansprüchen der mit dem Stichwort der Globalisierung markierten gesellschaftlichen Veränderungen Rechnung zu tragen.

Die andere, ebenso in Teil 2 thematisierte Möglichkeit, die allem Anschein nach auch dem Verständnis des RTC entspricht, besteht darin, Coaching als einen, wie es in dem obigen Zitat heißt, „individuellen Entwicklungs- und Bildungsprozess“ zu verstehen und in diesem Sinne Coaching als eine erwachsenenpädagogische Praxis wahrzunehmen, die bildungstheoretisch zu reflektieren bzw. zu begründen ist.


Bei diesem Artikel handelt es sich um einen modifizierten Auszug folgender Primärquelle: Geißler, Harald (2016): Die Bewertung von Coaching-Prozessen als ethische Herausforderung. In Robert Wegener; Michael Loebbert & Agnès Fritze (Hrsg.). Coaching und Gesellschaft. Forschung und Praxis im Dialog. Wiesbaden: Springer. 49–74.

Literatur

  • Benner, Dietrich (1991). Allgemeine Pädagogik. Weinheim, München: Juventa.
  • Brennan, Dianne & Wildflower, Leni (2010). Ethics in coaching. In Elaine Cox, Tatiana Bachkirova & David A. Clutterbuck (Hrsg.). The complete handbook of coaching. Los Angelos: Sage. 369–380.
  • Lowman, Rodney L. (2013). Coaching ethics. In Jonathan Passmore, David B. Peterson & Teresa Freire (Hrsg.). The psychology of coaching and mentoring. Chichester: Wiley-Blackwell. 68–88.
  • Greif, Siegfried (2015). Allgemeine Wirkfaktoren im Coachingprozess. In Harald Geißler & Robert Wegener (Hrsg.). Bewertung von Coachingprozessen. Wiesbaden: Springer. 51–80.
  • Roundtable der Coachingverbände (2015). Profession: Coach. Abgerufen am 03.03.2016: www.roundtable-coaching.eu/wp-content/uploads/2015/03/RTC-Profession-Coach-2015-03-19-Positionspapier.pdf.
  • Seeg, Belinda & Schütz, Astrid (2015). Bewertung eines Coachings nach dem individuumszentrierten und ressourcenorientierten Bamberger Coachingansatz. In Harald Geißler & Robert Wegener (Hrsg.). Bewertung von Coachingprozessen. Wiesbaden: Springer. 231–249.
  • Wastian, Monika (2015). Wirkfaktoren auch im E-Coaching nutzen. In Harald Geißler & Robert Wegener (Hrsg.). Bewertung von Coachingprozessen. Wiesbaden: Springer. 299–321.