„Welche Werte, Charaktereigenschaften, Wesenszüge und Verhaltensweisen hat dein Lieblingsmensch?“
Durch multiperspektivische Beschäftigung mit dieser Frage lernen Klientinnen und Klienten, ihre Entscheidungen in Beziehungen rational wie emotional zu reflektieren und bewusst danach zu gestalten, wie und wo sie ihre Energie, Aufmerksamkeit und Zuwendung einsetzen möchten. Die Übung „Lieblingsmensch“ aktiviert nicht nur persönliche, zielorientierte Vorstellungen, sondern legt auch Bedürfnisse, Wünsche und biografische Muster offen. Der Lieblingsmensch kann eine Projektion, aber auch ein Spiegel sein. In seiner Beschreibung verdichten sich Ideale, Erfahrungen und nicht zuletzt ein tiefer Wunsch danach, gesehen, verstanden und unterstützt zu werden.
Die Methode Lieblingsmensch wird im Coaching als Reflexions- und Handlungsimpuls genutzt, um Klientinnen und Klienten über die Beschreibung eines „Lieblingsmenschen“ Zugang zu ihren eigenen Wertvorstellungen, Bedürfnissen und Beziehungsmustern (intrapsychisch und intersubjektiv) zu eröffnen. Mögliche Coaching-Anlässe:
Das Tool zeigt nicht nur, welche Qualitäten sich Klientinnen und Klienten in Beziehungen wünschen, sondern auch, welche alten Muster sie loslassen dürfen, um diese Qualitäten zu leben. Die Übung unterstützt sie dabei, die eigene Wahrnehmung von Beziehungen zu vertiefen und ihre persönlichen Bedürfnisse klarer zu erfassen. Durch Reflexion und Austausch entsteht Bewusstsein darüber, welche Beziehungen ihnen guttun und wie sie selbst – beruflich oder privat – zu gelingenden Beziehungen beitragen können.
Im Prozess zeigt sich, dass Bilder vom Lieblingsmenschen eng mit biografischen Erfahrungen verknüpft sind. Gleichzeitig bringt die Methode Werte ins Bewusstsein, die für Beziehungs- und Lebensentscheidungen leitend sind. Sie hilft, verdeckte Wertekonflikte (z.B. Loyalität vs. Selbstfürsorge) sichtbar zu machen. Die Person entdeckt im Bild ihres Lieblingsmenschen nicht nur Projektionsflächen für Wünsche, sondern auch Spiegelungen des eigenen Selbstbildes, familiärer Prägungen und ihrer inneren Anteile. Das Bild des Lieblingsmenschen ist zugleich Ideal, Spiegel sowie Resonanzraum für das eigene Selbstbild und eröffnet so eine Brücke zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung. Die Methode sensibilisiert dafür, wie kulturelle und familiäre Menschenbilder die Vorstellung vom „Lieblingsmenschen“ formen. Coaches können hier helfen, aufzudecken, ob es sich um internalisierte alte Muster oder um zukunftsgerichtete eigene Werte handelt.
Das Tool wirkt transformativ, indem es von einer Projektion („Mein Lieblingsmensch hat folgende Eigenschaften.“) zu einer Handlungsorientierung führt („Welche Beziehungen will ich künftig pflegen, welche Grenzen setzen, welche Netzwerke suchen?“).
Im Laufe der eigenen Entwicklung, des individuellen biografischen Reifungsprozesses, verändern sich Vorstellungen davon, was einen Lieblingsmenschen ausmacht. Diese Entwicklung ist häufig mit Erfahrungen verbunden, die von tiefer Enttäuschung bis zu größter Freude reichen. Beides sind wertvolle Quellen für die persönliche Reifung und helfen bei der Erkennung von Kriterien für gute Beziehungen und von Kriterien für die Herausbildung des „Lieblingsmenschen“.
Meist existiert der so konstruierte Lieblingsmensch nicht vollständig in unserem gegenwärtigen Umfeld. Viele Klientinnen und Klienten stellen bei dieser Übung fest, dass kaum eine Person alle gewünschten Werte und Eigenschaften vereinen kann – wobei gerade diese Erkenntnis klärend wirkt. Denn jede Beziehung hat sowohl bereichernde als auch herausfordernde Seiten. Jede Entscheidung für Nähe oder Bindung schließt immer auch anderes aus.
Mitunter schätzen wir an anderen Menschen v.a. das Vertraute: dass sie uns in unseren Gewohnheiten bestätigen oder unsere Sichtweisen teilen. Dadurch bleiben wir oft in Mustern, die uns Sicherheit geben, aber wenig Entwicklung erlauben. Es kann daher bereichernd sein, sich bewusst auch mit Menschen zu umgeben, die uns irritieren oder zum Nachdenken anregen – denn genau dort entsteht häufig persönliches Wachstum.
Denn wir möchten uns zwar weiterentwickeln, doch zugleich das Vertraute bewahren. Es braucht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Veränderung und Beständigkeit. Ein offener Blick auf die eigenen – oft unbewussten – Erwartungen und Wünsche hilft, diese kritisch zu prüfen: Entsprechen sie wirklich den eigenen Zielen und Bedürfnissen oder stammen sie noch aus früheren Lebensphasen? In diesem Prozess begegnen Personen sowohl ihrem Selbstbild als auch dem Bild, das andere von ihnen haben. Eine Frage, die hier besondere Einsichten ermöglicht, lautet: „Wie bist du ein wenig nachsichtiger und verständnisvoller dir selbst gegenüber geworden?“ Denn häufig stehen das Idealbild, das wir von uns selbst haben, und das Bild, das wir bei anderen hervorrufen möchten, in engem Zusammenhang – was selten zu echter innerer Zufriedenheit führt. Menschen versuchen oft, das eigene Idealbild nach außen zu vermitteln. Das ideale Selbstbild und das reale Selbstbild stehen als intrapsychisches Spannungsfeld im Fokus. Es ist Ziel dieser Methode, die Klientinnen und Klienten dabei zu unterstützen, nachsichtiger und verständnisvoller mit sich selbst zu werden, um Selbst- und (störende) Fremdbilder und Zuschreibungen zu erkennen. Deshalb wird hier mit „konstruktiver Unterstellung“ als Impuls/Irritation gearbeitet.
Der Coach leitet die Klientin bzw. den Klienten zu folgender Übung an:
In der Begleitung der Klientin bzw. des Klienten beherzigt der Coach folgende Aspekte:
Mit diesen Impulsen begleitet der Coach Klientinnen und Klienten dabei, klarer zu definieren, was in Beziehungen wirklich wichtig ist – und wie sie diese Erkenntnisse sowohl in der eigenen Haltung als auch im sozialen Umfeld aktiv umsetzen können. Coaching wird in diesem Verständnis zu einer „ressourcenorientierten Autonomieermöglichung“ (Zimmermann 2024, S. 13), die durch Reflexion und Resonanz neue Sichtweisen eröffnet. Die Methode Lieblingsmensch folgt diesem Prinzip, indem sie anregt, das Bild eines idealisierten Anderen nicht als feststehendes Konstrukt, sondern als Spiegel der eigenen Entwicklungs- und Beziehungsmuster zu betrachten.
Welchen Filmcharakter, Superhelden oder fiktiven Charakter würden Sie gern in Ihrem Team oder an Ihrer Seite wissen?
Die Frage lädt zu einer lockeren, fantasievollen Vorstellung ein und kann gleichzeitig indirekt zum realen Lieblingsmenschen der Person hinführen, indem klar wird, welche Werte, Wesenszüge, Eigenschaften, Ressourcen wirklich wichtig sind.
Was müsste Ihr Lieblingsmensch tun, um nicht mehr Ihr Lieblingsmensch zu sein?
Vielen Menschen fällt es leichter, zu benennen, was sie nicht wollen, als klar auszusprechen, was sie wollen. Indem die Klientin bzw. der Klient über Verhaltensweisen nachdenkt, die den eigenen Lieblingsmenschen quasi „entthronen“ könnten, erkennt man auf indirektem Weg, was einem in Beziehungen (beruflich und privat) wirklich wichtig ist. Über das Ausschlussprinzip lassen sich positive Erkenntnisse darüber gewinnen, welche Werte, Eigenschaften oder Taten den Lieblingsmenschen ausmachen sollen. Werte sind in allen Kontexten und Lebensbereichen handlungsleitend. Eine Beschäftigung damit lohnt sich übergreifend. Die Kräfte, die beim Verhalten in der Arbeitswelt virulent werden, entstammen keineswegs (vermutlich sogar nur zu einem geringen Teil, je nach Problematik) aus nur der Arbeitswelt selbst, sondern aus den komplexen (weitgehend auch außer-arbeitsweltlichen) Erfahrungs- und Lernprozessen der Menschen (siehe dazu auch Kriz‘ vier Prozessebenen; Kriz, 2024 & 2027).
Wenn Sie eine Traumreise gewinnen würden, wen würden Sie mitnehmen und warum?
Den Klienten bzw. die Klientin gedanklich in ein freudiges Szenario zu versetzen, lenkt den Fokus auf positive Aspekte einer potenziellen Begleitperson und darauf, was er/sie an einem Menschen schätzt, mit dem er/sie gern Glücksmomente teilen würde – höchstwahrscheinlich Qualitäten, die auch seinen tatsächlichen Lieblingsmenschen auszeichnen. So können die Werte und Bedürfnisse sichtbar gemacht werden, die der Klient bzw. die Klientin in Beziehungen sucht. Auch wenn der arbeitsweltliche Rahmen häufig zunächst als Anlass eines Coachings expliziert wird, wird meist rasch klar, dass es sich um Lebenswelt übergreifende Denk- und Handlungsmuster handelt, die einer Reflexion bedürfen. Insofern ist klar, dass im Life-Coaching eher biografische Erfahrungen und deren affektiv-emotionale Bedeutungen im Fokus stehen, während im arbeitsweltlichen Coaching auch funktionale Aspekte von Rollen, Strukturen, Machtverhältnisse zum Thema werden.
Wann haben Sie sich wohl und gesehen gefühlt? Woran haben Sie das gemerkt?
Durch diese Reflexion wird klarer, welche Bedürfnisse Klientinnen und Klienten in Beziehungen haben und welche Eigenschaften eine andere Person mitbringen muss, damit sie sich angenommen fühlen. Nicht zuletzt betont die Frage auch die Gestaltungsmacht der Klientin bzw. des Klienten: Sie/er kann bewusst auswählen, in welchen Kontexten und mit welchen Menschen sie/er sich umgibt.
Wie müsste sich Ihr Lieblingsmensch in einer bestimmten Situation verhalten, damit er auch in dieser Situation Ihr Lieblingsmensch bleibt?
Dieser Impuls öffnet die Tür zu individuellen Selbst- und Fremdzuschreibungen und tiefer liegenden Erwartungshaltungen. Die Frage ist besonders wirksam, da sie nicht abstrakt bleibt, sondern in eine konkrete Entscheidungssituation hineinführt. Werte zeigen sich besonders dann, wenn sie unter Druck geraten – und genau an solchen Punkten wird die Vorstellung vom „Lieblingsmenschen“ auf die Probe gestellt. Die Effekte von Selbst- und Fremdattribution werden dann ebenso aufgezeigt wie die von individuellen ((un-)bewussten) Erwartungshaltungen.
Wie muss ich mich eigentlich selbst verhalten oder weiterentwickeln, damit ich meinem Lieblingsmenschen begegnen kann und auch er mich als Lieblingsmensch wahrnimmt?
Diese Frage regt einen Perspektivwechsel an: Der Blick wird von der äußeren Erwartungshaltung nach innen gerichtet. Es geht hier dann um Toleranz, Akzeptanz und auch um Selbstverantwortung, durchaus auch ein Reflexionspunkt mit Blick auf potenzielle persönliche Doppelmoral. Dies eröffnet eine neue Tiefe: nicht nur zu überlegen, wen wir gut finden, sondern ob wir selbst der Mensch sind, den wir uns für andere wünschen würden. In diesem Zusammenhang kann Selbstkritik wachstumsförderlich sein.
Vorhergehende Auseinandersetzung mit den Themen Menschenbilder, Werte und Wertearbeit sowie Vorkenntnisse zu förderlichen Fragetechniken sind für die Durchführung der Übung unabdingbar.
Die Methode Lieblingsmensch wurzelt im Credo eines interdisziplinären Coaching-Verständnisses, das sich dem Perspektivenwechsel und der Integration vielfältiger Sichtweisen verpflichtet fühlt. Hierbei wird betont, dass es nicht die eine Wahrheit gibt, vielmehr gilt es, „Erklärungsansätzen, Deutungsmustern und Wertvorstellungen der Klient:innen mit bedingungslosem Respekt […] zu begegnen“ (Zimmermann 2024, S. 14). Genau dieses Verständnis bildet den Boden, auf dem das Tool Lieblingsmensch seine Wirkkraft entfaltet: Es lädt ein, unterschiedliche Perspektiven auf Beziehungen, Werte und Selbstbilder zu erkennen, zu würdigen und miteinander in Resonanz zu bringen.
So wird das Bild des Lieblingsmenschen nicht als fixe Projektion verstanden, sondern als Spiegel und Entwicklungsraum. Wer sich damit auseinandersetzt, entdeckt in der Beschreibung des Anderen zugleich Facetten des eigenen Selbstbildes, der eigenen biografischen Prägungen und Beziehungsentwürfe. Es geht damit nicht um eine „richtige“ Definition des Menschen, sondern um das bewusste Erkennen der Vielfalt möglicher Perspektiven. Die Methode Lieblingsmensch steht somit exemplarisch für das, was Coaching im interdisziplinären Verständnis leisten kann: das Üben von Perspektivenvielfalt als Weg zu Selbstverstehen, Beziehungskompetenz und innerer Klarheit.