Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Ein Essay über die Philosophie des Konstruktivismus

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
© Foto: GoncharukMaks/Shutterstock.com

Der Konstruktivismus ist eine kontrovers diskutierte Erkenntnistheorie, die das Coaching und Managementtraining massiv beeinflusst hat. Die Kernthese aller konstruktivistischen Denker lautet: Wir alle konstruieren unsere eigene Wirklichkeit, unsere besondere Sicht der Dinge. Der Beobachter und das Beobachtete, das Subjekt und das Objekt, sind im Akt des Erkennens unauflösbar miteinander verbunden. Die Welt, in der wir leben, ist nicht unabhängig von uns; wir bringen sie buchstäblich selbst hervor.

Die Entdeckung des Beobachters

Wenn man sich fragt, wie alles angefangen hat, wie und mit welchen Ideen und Veröffentlichungen konstruktivistische Autoren zunächst Aufmerksamkeit erzeugt haben, dann entdeckt man eine Art Gründungsdokument – wenn man so will: ein Manifest, ein Programm, das viele Motive des konstruktivistischen Denkens bereits in kompakter Form enthält. Der Titel dieses Gründungsdokuments lautet: Biology of Cognition. Sein Autor ist der chilenische Neurobiologe Humberto Maturana. Maturana schlägt in diesem Aufsatz in einer eindringlichen Sprache vor, den Prozess des Erkennens aus einer biologischen Perspektive zu betrachten, also den Philosophen gewissermaßen die Erkenntnisfrage abzunehmen, sie auf dem Terrain der Neurobiologie wieder zu stellen, um sie dann auch dort zu beantworten.

Ziel ist es, den Erkennenden, den Beobachter, selbst ins Zentrum des Forschens hinein zu rücken, ihn als Quelle allen Wissens sichtbar zu machen. Wer sich, so Humberto Maturana, aus der Sicht eines Biologen mit der Wahrheit des Wahrgenommenen befasst, dem wird unvermeidlich klar, dass er selbst zu den Objekten gehört, die er beschreiben will. Er ist ein lebendes System, das lebende Systeme verstehen möchte. Das Subjekt studiert ein Objekt, das es selbst sein könnte. Die Situation rutscht ins Zirkuläre, geht es doch stets darum, als Wahrnehmender die Prozesse der Wahrnehmung zu verstehen. Man fühlt sich an die mythologische Figur des Ouroboros erinnert: Die Schlange beißt sich in den Schwanz. Ein Gehirn erklärt das Gehirn; ein Erkennender erkennt das Erkennen; das Subjekt ist sich sein eigenes Objekt.

Der Essay Humberto Maturanas mündet bereits nach wenigen Seiten in eine Schlussfolgerung und in einen zentralen Satz, der zur Leitformel und zum Schlüsselaphorismus des konstruktivistischen Diskurses geworden ist. Dieser Satz wirkt auf den ersten Blick wie eine Trivialität, enthält aber bei genauerer Betrachtung eine andere Weltsicht. Er lautet schlicht: „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt.“

Entscheidend ist, dass die Existenz einer Außenwelt hier nicht verneint wird; es ist nicht die Äußerung eines Solipsisten, der alles zur Schimäre und dem Produkt des eigenen Geistes erklärt, die hier vorliegt. Ebenso wenig steht sein Autor im Verdacht, ein naiver Realist zu sein.

Die Position Humberto Maturanas und des Konstruktivismus insgesamt steht für einen mittleren Weg, der sich zwischen den Spielformen des Realismus und den Übertreibungen des Solipsismus befindet: Die Existenz einer Außenwelt wird von ihm und den anderen Begründern dieser Denkschule nicht geleugnet, wohl aber verneinen sie stets die voraussetzungsfreie Erkennbarkeit dieser äußeren Welt. Jeder Akt des Erkennens beruht, so nimmt man an, notwendig auf den Konstruktionen eines Beobachters – und nicht auf der punktgenauen Übereinstimmung der eigenen Wahrnehmungen mit einer externen Wirklichkeit. „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt.“

Drei Thesen und die Varianten des Konstruktivismus

Es sind diese und andere zentrale Einsichten der Erkenntnistheorie des Konstruktivismus, die ich in diesem Essay mithilfe von drei Thesen genauer beschreiben möchte. Sie lauten:

  1. Der Konstruktivismus beinhaltet den Versuch, sich in irgendeiner Weise dem Problem des Erkennens zu stellen. Hier zeigen sich die Unterschiede, hier werden die verschiedenen Richtungen dieser Philosophie offenbar.
  2. Der Konstruktivismus ist – über alle Disziplinen hinweg – eine bestimmte Denkweise; hier offenbaren sich die Gemeinsamkeiten, die alle Konstruktivisten teilen.
  3. Der Konstruktivismus lässt sich schließlich als eine Lebenshaltung begreifen, die hier subversiver Konstruktivismus genannt wird. Hier haben die Künstler ihren Auftritt, sie zeigen uns den Wert der Irritation.

Varianten des Konstruktivismus

Die Urfrage des Konstruktivismus lautet: Wer oder was bestimmt die Erkenntnis? Es lässt sich beispielsweise behaupten, dass sich die Sprache zwischen den Erkennenden und die Welt schiebt. Man kann annehmen, dass die (modernen) Medien zunehmend den Blick verdecken; vorstellbar erscheint, dass es die Organisation des Nervensystems ist, die die eigene Sicht determiniert. Und so lassen sich die Disziplinen und Denkschulen durchstreifen, und man wird immer neue Instanzen entdecken, immer neue Lösungen der Frage ausfindig machen, wen oder was wir als Prägekraft der Wahrnehmung verstehen sollen.

Daraus folgt: Es gibt sehr unterschiedliche Richtungen des konstruktivistischen Denkens. Sie antworten auf ein und dieselbe Urfrage, aber sie antworten eben auf die ihre Weise, ebenso geprägt durch wissenschaftliche und kulturelle Herkunft. Die wichtigsten Varianten im Überblick:

  • Vorformen des Konstruktivismus finden sich schon bei den Skeptikern im 6. vorchristlichen Jahrhundert; hier treffen wir auf das ganz prinzipiell gemeinte Argument, dass kein lebendes Wesen aus seinen Begriffs- und Wahrnehmungsfunktionen herauszutreten vermag. Auf eine Formel gebracht: Wir können nur Wahrnehmungen mit Wahrnehmung vergleichen, nur Bilder mit Bildern der Realität.

  • Eine weitere Richtung konstruktivistischen Denkens findet sich in der Psychologie oder auch in der Psychotherapie. Das Kernproblem im Therapiezimmer lautet, wie leidschaffende Wirklichkeitskonstruktionen entstehen – und wie sie sich (etwa durch Symptom-Umdeutungen, durch Irritation und Provokation) wieder auflösen lassen, um den jeweils Beteiligten zu einer angenehmeren Sicht der Dinge zu verhelfen.

  • Der Konstruktivismus verdankt auch der Kybernetik, dem Denken in Wirkungsnetzen und Feedback-Schleifen, entscheidende Inspirationen. Kybernetiker der ersten Stunde waren davon überzeugt, sie seien den Betriebsgeheimnissen des Lebendigen auf der Spur und könnten letztlich auch ein künstliches Gehirn konstruieren, einen mechanischen Denkapparat bauen. Der Kybernetiker Heinz von Foerster hat jedoch – als er mit solchen Überlegungen konfrontiert wurde – eine sehr simple, sehr unschuldig wirkende und doch alles andere als triviale Frage gestellt, die zur Entwicklung der sogenannten Kybernetik zweiter Ordnung führte. Was braucht man, so wollte er wissen, um ein Gehirn zu verstehen? Die Antwort: ein Gehirn. Die Theorie, die von dieser Warte aus nötig erscheint, wird selbst zirkulär. Sie muss den Anspruch erfüllen, sich selbst zu beschreiben. Die strenge Trennung von einem Subjekt und einem Objekt, auf der die Kybernetik erster Ordnung basiert, verschwindet. Der Beobachter und das Beobachtete erscheinen in unauflösbarer Weise miteinander verflochten.

  • Die vierte Tradition des Konstruktivismus ist sicher am bekanntesten; es ist die biologische oder neurobiologische Tradition des Konstruktivismus. Sie geht auf die chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela sowie die Arbeiten des Bremer Hirnforschers Gerhard Roth zurück. Konzepte, die hier eine Rolle spielen, sind: Das Prinzip der undifferenzierten Kodierung von Reizen und die Art und Weise der Reizverarbeitung im Gehirn. Erst im Gehirn jedes Einzelnen, so zeigt sich, wird die Einheitssprache der neuronalen Impulse und chemischen Botenstoffe in jene farbenprächtige, bunte Welt übersetzt, die wir als Wirklichkeit erfahren.

  • Eine letzte Variante will ich zumindest erwähnen. Es ist die wissenssoziologische Richtung des Konstruktivismus. Wirklichkeit und unser Wissen von der Welt entsteht aus dieser Sicht im Gefüge der Gesellschaft – und das heißt, dass der Einzelne als eine durch diese Gesellschaft und die ihn umgebende Kultur formbare Größe gesehen wird. Er beobachtet mit den Augen seiner Gruppe, sieht die Welt vor dem Hintergrund seiner Herkunft, ist eben gerade keine Monade, kein einsam vor sich hin stolperndes Wesen, sondern in jedem Fall beeinflussbar, extrem empfänglich für Außeneindrücke.

Denkfiguren des Konstruktivismus

Bis zu diesem Moment habe ich vor allem versucht, die relevanten Unterschiede einzelner konstruktivistischer Denkrichtungen darzustellen – nun komme ich zu einer Reihe von Gemeinsamkeiten, zu einer Reihe von gemeinsamen Denkfiguren und Annahmen. Hier wird sich zeigen: Konstruktivisten kommen aus sehr verschiedenen Disziplinen, aber sie argumentieren – bei allen Unterschieden – stets ähnlich.

  • Gemeinsam ist ihnen eine fundamentale Umorientierung: Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen nicht länger auf absolute Wahrheitserkenntnis zielende Was-Fragen („Was ist das Wesen von …?“), sondern erkenntnistheoretisch gemeinte Wie-Fragen („Wie kommt eine Realitätsauffassung zustande?“). Ziel ist eine Umorientierung vom Sein zum Werden, vom Wesen des Realen zum Prozess seiner Entstehung.

  • Man kann sich jetzt fragen, wie ein Beobachter beobachtet, wie ein Erkennender erkennt, was er erkennt. Die Antworten sämtlicher Schulen (ob sie sich stärker der Kybernetik, der Neurobiologie, der Wissenssoziologie oder auch der Philosophie verpflichtet fühlen) zeigen bei aller Unterschiedlichkeit einen gemeinsamen Grundzug: Der Beobachter erkennt – so sagen sie – autonom, nach eigenen Prinzipien, nicht fremdbestimmt und auch nicht notwendig frei, sondern innengeleitet, unvermeidlich eigenständig. Damit ist eine weitere zentrale Denkfigur benannt. Sie handelt von der Autonomie des Erkennenden.

  • Die eine Wirklichkeit – verstanden als die Bezugsbasis sogenannter objektiver Beschreibungen – verwandelt sich aus dieser Perspektive unvermeidlich in eine Vielzahl von Wirklichkeiten, ein Multiversum möglicher Deutungen, Auffassungen, Annahmen. Realität ist nur im Plural vorstellbar.

  • Wer diese Überlegungen ernst nimmt, wird noch mit einer weiteren Kernidee konfrontiert: Wenn nämlich das Erkannte strikt an den jeweiligen Erkennenden und die ihm eigene Erkenntnisweise gekoppelt wird, dann erscheinen Beschreibungen immer auch als Selbstbeschreibungen, nicht aber als realitätsgetreue Repräsentationen einer beobachterunabhängig gegebenen Welt. Sie offenbaren Stärken und Schwächen, Vorlieben und Interessen desjenigen, der etwas sieht und wahrnimmt. Eine solche Sicht der Dinge unterminiert die Sehnsucht nach Gewissheit, nach absoluter Wahrheit. Es ist der Anspruch auf Objektivität, der aufgegeben werden muss, gehört es doch zu den Merkmalen einer objektiven Beschreibung, dass die Eigenschaften des Beobachters nicht in diese eingehen, sie beeinflussen und bestimmen.

Subversiver Konstruktivismus

Allerdings könnte nun der Eindruck entstanden sein, der Konstruktivismus sei ein einheitliches Paradigma, eine Weltanschauung oder vielleicht sogar ein Glaubensbekenntnis, auf das sich modebewusste Akademiker vereidigen lassen können. Diesen Eindruck möchte ich gerne im Schlussakkord wieder etwas relativieren und will zu diesem Zweck eine weitere Variante des Konstruktivismus vorstellen, die ich als subversiven Konstruktivismus bezeichne.

Diese wenig unterwürfige Haltung gegenüber einer scheinbar unwandelbaren und universal gültigen Wirklichkeit, um die es mir hier geht, wird am Beispiel einer Bemerkung offenbar, die der Künstler Joseph Beuys im Sommer des Jahres 1964 gemacht hat. Er befindet sich zu dieser Zeit – damals noch Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie – am Beginn einer Auseinandersetzung mit dem nordrheinwestfälischen Innenministerium und seinen Kollegen an der Akademie, die schließlich mit diversen Gerichtsprozessen, der Besetzung der Akademie, Polizeieinsätzen, einer fristlosen Kündigung und einem gewaltigen Berühmtheitsschub für den Rausgeworfenen endet.

Eine der Auffassungen, die das Innenministerium offensichtlich für groben Unfug hält und zu einer Anfrage veranlasst, steht in dem Programmheft des Aachener „Festival der neuen Kunst“ vom 20. Juli 1964 zu lesen.

Hier schreibt Joseph Beuys in einer Darstellung seines Lebens und Werks folgenden Satz: „1964 – Beuys empfiehlt Erhöhung der Berliner Mauer um 5 cm (bessere Proportion!).“ Auf die Anfrage, die die Indiziensammler des Innenministeriums ihm dann zukommen lassen, antwortet er: „Die Betrachtung der Berliner Mauer aus einem Gesichtswinkel, der allein die Proportion dieses Bauwerks berücksichtigt, dürfte doch wohl erlaubt sein. Entschärft sofort die Mauer. Durch inneres Lachen. Vernichtet die Mauer. Man bleibt nicht mehr an der physischen Mauer hängen. (…) Quintessenz: Die Mauer als solche ist völlig unwichtig. Reden Sie nicht so viel von der Mauer! Begründen Sie durch Selbsterziehung eine bessere Moral im Menschengeschlecht, und alle Mauern verschwinden. Es gibt ja so viele Mauern zwischen mir und Dir. Eine Mauer in sich ist sehr schön, wenn die Proportion stimmt.“

Was Joseph Beuys hier vorschlägt, ist eine Neu- und Umorientierung der öffentlichen Wahrnehmung, die sich den gängigen Mustern der Auseinandersetzung entzieht. Er verurteilt die Mauer – das Monument der Gewalt, den steingewordenen Zwang zum sozialistischen Dauerglück – nicht ausdrücklich, sondern empfiehlt, sie anders zu sehen und aus Gründen der Proportion etwas zu erhöhen. Er bejaht ihre Existenz, sieht allerdings die Notwendigkeit der geringfügigen Korrektur.

Wie ein geschulter Therapeut erkennt er die Realität des Symptoms und Problems (das ist die Mauer) an, verstärkt sie in gewisser Weise sogar und verschiebt dabei gleichsam unmerklich die Aufmerksamkeit in die Richtung der anvisierten Behandlung: Das ideologische Bewusstsein, das die Mauer erst möglich gemacht hat, soll aufgelöst, drastischer: der Beton im Kopf soll weich geklopft werden.

Es ist die Raffinesse dieser Strategie, die offenbart: Ein subversiver Konstruktivist lässt sich seine Themen und seine Herangehensweise nicht extern diktieren und arbeitet nie direkt mit den Argumenten und Ansichten der gegnerischen Position, sondern er spielt mit ihnen, denkt sie weiter und zu Ende, versucht, ihre Konsequenzen auszuleuchten. Der subversive Konstruktivist macht nicht den Fehler, sich in die jeweils abgelehnte Wirklichkeit zu verbeißen – und dadurch zu einem dogmatischen Anti-Dogmatiker zu werden, der dem Gegner an Starrheit und Hartherzigkeit in nichts nachsteht. Er verkündet kein neues Dogma, sondern versteht seine Denkanstöße und Kopfnüsse als eine Medizin gegen den Dogmatismus selbst. Er will keine neue und vermeintlich bessere oder menschlichere Mauer bauen, sondern – viel grundsätzlicher – das Fundament, auf dem diese ruht, selbst abtragen. Man möchte zeigen, was auch sein könnte, welche Möglichkeiten in einer scheinbar eindeutigen Wirklichkeit stecken, angelegt sind oder sich aus ihr entwickeln und mit Skepsis und Humor aus ihr herauslesen lassen.

Es geht um den Schutz der Differenz, um die Erhaltung der Nuance, die Abwehr des Gleichförmigen – und darum, Wirklichkeit als etwas durch uns Gestaltbares erfahrbar zu machen. Wenn die Verflüssigung einer statischen Realität erreicht ist, dann haben auch die Strategien des subversiven Konstruktivismus ihre Aufgabe erfüllt. Im Moment der relativen Uneindeutigkeit und damit in der Situation einer gewissen Freiheit kann man beginnen, sich wieder auf die Suche zu machen. Es ist ein kreativer und ein schöner Moment. Ein Anfang.

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