Coaching-Ethik

Werte in der Coaching-Branche. Ein Überblick

Coaching-Ethik
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Was ist unter den Begriffen Ethik sowie Moral zu verstehen und wie sind sie auf den Coaching-Kontext zu übertragen? Neben der Beantwortung dieser Fragen wird ein Blick auf entsprechende Leitplanken geworfen, welche sich die Coaching-Branche selbstregulativ gegeben hat. Der dabei entstandene Überblick soll einen Eindruck davon vermitteln, was ethisches Verhalten in der Coaching-Praxis ausmacht, und zur vertiefenden Auseinandersetzung mit der Thematik anregen.

Das Problem der Moral

Wenn wir davon sprechen, dass jemand unmoralisch handelt oder sich unmoralisch verhält, dann ist damit im allgemeinen Sprachgebrauch eine negative Wertung – oftmals auch der Person – verbunden. Das Unmoralische kann dabei ein Verstoß gegen Gesetze oder auch gegen spezifische tradierte Werte, Normen oder auch Tugenden sein, die innerhalb einer Gesellschaft verankert, allgemein bekannt und anerkannt sind. Allerdings stößt man bereits hier an ein grundlegendes Problem: Was Person A als moralisch verwerflich bezeichnet, kann für Person B eine moralisch „richtige“ Handlung sein. Eine Gruppe strenggläubiger Katholiken lehnt beispielsweise die Verwendung von Verhütungsmitteln mit Verweis auf die von ihnen befolgte Ethik als moralisch falsch ab, schließlich verstoße dies gegen göttliche Gesetze. Eine andere Gruppe liberaler Atheisten hingegen betrachtet die Verwendung von Verhütungsmitteln in bestimmten Fällen sogar als eine moralische Notwendigkeit, weil es u.a. die Ausbreitung von Krankheiten verhindert und so der Allgemeinheit zugutekäme.

Beide Gruppen vertreten im Beispiel zudem gegensätzliche ethische „Systeme“. Ethik ist nicht gleichbedeutend mit Moral: Sie ist der theoretisch-wissenschaftliche Versuch, moralisches Handeln zu begründen bzw. zu erklären, und Moral ist im Umkehrschluss die Handlung gemäß spezifischer Vorstellungen bzw. Ethiken. Nun vertritt die Gruppe der Katholiken im Beispiel eine deontologische Ethik, die oft auch als „Pflichtethik“ bezeichnet wird (Kant ist einer der wohl bekanntesten Vertreter einer deontologischen Ethik). Hier geht es – grob verkürzt – um die Einhaltung von Regeln, Gesetzen und Pflichten, daraus ergeben sich moralisch richtige Handlungen. Auf den ersten Blick ist die Vorstellung, dass sich alle auch aus moralischen Gründen an Gesetze und Pflichten halten, die eines harmonischen Zusammenlebens (man denke beispielsweise an einen hochgradig regelkonformen Straßenverkehr). Allerdings ergeben sich hier auch Probleme wie das in diesem Kontext oft angeführte Folterproblem (darf ich eine Person foltern oder gar töten, um andere Menschen zu schützen/retten? Nicht, wenn Folter/Töten verboten sind). Oder auch der Umstand der Gesetze und Pflichten an sich, die ebenfalls menschenverachtend sein könnten.

Die andere Gruppe im genannten Beispiel (liberale Atheisten) vertritt hingegen eine konsequentialistische Ethik, die die Handlung selbst bzw. deren Konsequenzen betrachtet und nicht ihre Gesetzes- oder Regelkonformität. Der Utilitarismus ist sicherlich die bekannteste Variante konsequentialistischer Ethik. Hier geht es – abermals grob verkürzt – um Handlungen, die der Mehrheit von Nutzen sind, ihr Glück, Wohlergehen usw. steigern. Moralisch richtig sind damit z.B. auch Handlungen, die Leid verringern (statt mein Geld auf einem Null-Zins-Konto zu parken, sollte ich es einer notleidenden Gemeinde leihen). Daraus schlussfolgernd wäre es hier nicht nur annehmbar, sondern moralisch geboten, eine Person zu foltern oder gar zu töten, um damit das Leben einer Gruppe von Menschen zu schützen – es kann so durchaus zu Handlungen kommen, die im utilitaristischen Sinne als „moralisch richtig“ verstanden werden könnten, die wir jedoch hinsichtlich bestehender Werte, (Menschen-)Rechte und Gesetze (und damit aus deontologischer Perspektive) als verwerflich bezeichnen würden.

Schlussfolgerungen für eine Coaching-Ethik

Natürlich gibt es zahlreiche Abwandlungen, Ergänzungen und auch Übertragungen aus dem anderen „System“, um den genannten Problemen zu begegnen. Entsprechend komplex und möglichst ausformuliert sind jene Versuche, die eine anwendbare, praktische Ethik schaffen wollen – und eben auch in der Regel auf die Allgemeinheit bezogen. Versucht man nun für Coaching eine „Ethik“ zu schaffen, steht man vor dem immensen Problem der Begründbarkeit. Gehe ich von einer deontologischen oder konsequentialistischen Perspektive aus – und wenn ja, warum? Sollen Coaches die Ethik am Ende ihres Arbeitstags ablegen oder wäre es nicht sinnvoller, grundsätzlich moralisch zu handeln, wie es die Ethik beschreibt? Z.B. ist Verschwiegenheit ein allseits bekannter und akzeptierter Wert im Coaching. Erfährt der Coach jedoch von seinem Klienten, dass dieser das vom Arbeitgeber bezahlte Coaching dazu nutzt, um seinen Austritt aus dem Unternehmen vorzubereiten, gerät man in ein moralisches Dilemma. Schweigt er, so wahrt er das Vertrauensverhältnis und die Vertraulichkeit – aber seine Handlung schadet dann dem Unternehmen (und der großen Gruppe der dort Arbeitenden) finanziell.

Diese Fragen sind nicht trivial, können aber kaum von Coaches allein gelöst werden. Der einfachste Weg ist zunächst die Schaffung verbindlicher Werte und Pflichten, auf die sich alle einigen können. Aus einem solchen Kodex heraus ließe sich moralisches Handeln ableiten, das man wiederum in einer umfassenden ethischen Betrachtung beschreiben und begründen könnte. Coaching steht allerdings noch ganz am Anfang, zudem fehlt es aufgrund des ungeschützten Berufsstatus an jedweder staatlichen Regulierung. Daher richtet sich hier der Blick auf Coaching-Verbände, die versuchen, Standards zu setzen und zu definieren, was Coaching (nicht) ist, welche Qualifikationen ein Coach mitzubringen hat und welches Menschenbild die Arbeit eines Coachs prägen sollte. Diesem Bestreben wohnt implizit eine ethische Dimension inne, zugleich greifen die Verbände das Thema „Coaching-Ethik“ auch explizit auf. Wobei der Begriff etwas in die Irre führt, handelt es sich, wie man folgend sehen wird, vielmehr um einen Wertekanon.

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