Über die Psychologisierung von Coaching-Ausbildungen

Über die Psychologisierung von Coaching-Ausbildungen
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Coaching ohne psychologisches Fachwissen wäre grob dilettantisch. Denn trotz mancherlei definitorischer Unklarheit, ist man sich einig: es handelt sich um eine Beratungsform, die immer psychologischer Grundkenntnisse bedarf. Wer aber Coaching ausschließlich auf psychologisches oder psychotherapeutisches Fachwissen gründen will, handelt ebenso dilettantisch. Denn das Ziel von Coaching besteht nicht in der Förderung eines x-beliebigen psychischen Wohlbefindens, sondern in der Unterstützung von Berufstätigen, die meistens Managementpositionen in unterschiedlichen Organisationstypen bekleiden.

Daraus folgt, dass zur Rekonstruktion dessen, was eine Führungskraft thematisieren möchte, ganz dringend auch Wissen außerhalb der Psychologie benötigt wird.

  • So muss eine Coaching-Ausbildung zur Analyse von organisatorischen Zusammenhängen befähigen, d.h. Wissensbestände aus der Organisationssoziologie integrieren. Sie sollte außerdem
  • Managementwissen einbeziehen, das heute in der Betriebswirtschaftslehre angesiedelt ist.
  • In Zeiten der Globalisierung wird ein Coach zudem nicht umhin können, sich mit grundlegenden soziologischen und politologischen Fragestellungen auseinander zu setzen. Außerdem sollte eine Coaching-Ausbildung Themen der Globalisierung, Internationalisierung usw. einbeziehen.

Bei Durchsicht einschlägiger Ausbildungsprogramme fällt ohnedies auf, dass nur in Ausnahmefällen ausformulierte Beratungskonzepte zugrunde liegen (Rauen, 2003). Es handelt sich meistens um eine Mixtur unterschiedlichster, oft noch nicht einmal untereinander kompatibler Methoden. Und diese speisen sich im Allgemeinen aus Ausläufern des Psychobooms wie das "Neurolinguistische Programmieren", oder "Ressourcenorientierte Arbeit". Auch das, was sich vielfach so vollmundig "systemisch" nennt, ist oft nur ein Aufguss familientherapeutischer Ansätze. Manche Coaches suchen ihre Beratung neuerdings auf verhaltenstherapeutische Maßnahmen zu gründen, wobei Ansätze aus der Selbstmanagementdebatte dominieren (z.B. Kubowitsch). So einleuchtend solche Versuche auf den ersten Blick erscheinen, denn beim Coaching handelt es sich ja tatsächlich um die Förderung des Selbstmanagements von Führungskräften, sich aber nur auf einen derartigen Ansatz zu beziehen, bleibt vordergründig, bleibt oberflächlich "methodenverliebt".

Es ist bei jeder Beratung zu bedenken, dass der Berater durch die Anwendung einer je spezifischen Methode geradezu automatisch die Sichtweise seines Klienten mit bestimmt. Fühlt sich etwa eine neu ernannte Führungskraft in einer für sie noch fremden Firma erheblich desorientiert, kann ihr ein verhaltentherapeutisch geschulter Coach vielleicht Unterstützung geben, sich besser auf all das Neue einzustellen. Sie erhält aber keinerlei Hilfe zu verstehen, dass sie in ein neues kollektives Gebilde, nämlich in eine Organisationskultur mit eigenen informellen Regeln, einer eigenen Mikropolitik usw. geraten ist. und dass der Eintritt als Führungskraft in dieses Gebilde ganz besondere Anforderungen stellt.

Es sei allerdings noch einmal betont, Coaching braucht psychologische Methodik, und angesichts der vielfältigen Praxissituationen benötigen Coaches sogar vielfältige methodische Möglichkeiten, das heißt, sie brauchen einen gut gefüllten "Methodenkasten". Das reicht aber bei Weitem nicht aus. Methoden werden doch nicht x-beliebig platziert, vielleicht weil sie gerade neu auf dem Markt sind. Unter professionellen Gesichtspunkten werden sie in bestimmten Situationen zu bestimmten Zwecken bei bestimmten Personen angewandt. Das bedeutet, beim Coaching handelt es sich wie bei jeglicher Beratung um eine Form angewandter Sozialwissenschaft. In diesem Sinn benötigt jeder Berater eine Wissensstruktur, die er im Verlauf seiner Beraterausbildung erlernen sollte und die er dann seiner Arbeit mit Klienten zugrunde legt. Solche Wissensstruktur umfasst vier Ebenen (Schreyögg 2003):

Auf einer basalen Ebene muss sie tatsächlich Methoden und prozessuale Anweisungen enthalten. Das ist die (1) Praxeologie eines Handlungsmodells [die Praxeologie ist die philosophische Lehre von den Erfahrungsregeln und beschreibt, wie man Handlungsweisen gestalten und ethisch rechtfertigen kann]. Und genau darin erschöpfen sich die meisten Coaching-Ansätze. Wie aber schon bemerkt, wenden professionelle Coachs die Methoden nicht etwa planlos an, sondern verfolgen mit den Methoden bestimmt Ziele. Sie applizieren die Methoden auch mit einem bestimmten Interaktionsstil, und sie handhaben jede Beratungssituation in reflektierter Weise.

Das alles beinhaltet die (2) praktisch-methodische Ebene eines Coaching-Modells. Auf dieser werden Ziele formuliert, der Interaktionsstil präzisiert sowie die Art der Rekonstruktion von Praxisereignissen, mit denen der Klient in die Beratung eintritt. Daraus ergibt sich, in welchen Beratungssituationen welche Methodik einzusetzen ist. Situationen müssen allerdings zuerst verstanden werden. Beim Coaching haben wir es nämlich oft mit sehr komplexen sozialen Phänomenen zu tun. Da geht es nicht nur um einzelne Personen und deren Beziehungen zueinander, da geht es meistens um soziale Systeme und ihre Verankerung in größeren gesellschaftlichen Kontexten.

Um alle diese Situationsvariablen angemessen zu erfassen, benötigen wir eine Vielzahl von Theorien aus unterschiedlichen Wissensgebieten. (3) Das ist die Theorie-Ebene eines Coaching-Modells. Nur dann, wenn wir berufliche Situationen mit "vielen Brillen" erfassen, sie also nicht nur auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen analysieren, sondern auch mithilfe von Theorien aus der Organisationssoziologie, aus der Managementlehre usw., strukturieren, sind wir für unsere Klienten hilfreich. Daraus folgt, dass der Coach auch einen großen Theoriekasten benötigt, der gar nicht gut genug gefüllt sein kann.

Und schließlich brauchen Coaches Vorstellungen über Menschsein, menschliches Zusammenleben und menschliches Erkennen. Das sind Prämissen des (4) Meta-Modells. Sie bilden den Maßstab in anthropologischer und erkenntnistheoretischer Hinsicht, an dem sich alle vorhergehenden Ebenen, also auch alle Theorien und alle Methoden auszurichten haben. Wenn das Meta-Modell beispielsweise die anthropologische Prämisse enthält, dass der Mensch grundsätzlich als handlungsfähiges Subjekt zu betrachten ist, lassen sich in die Praxeologie keine Methoden integrieren, die, wie etwa paradoxe Interventionen, vom Klienten nicht sofort durchschaut werden können. Oder ein anderes Beispiel: Wenn der Mensch gleichermaßen als Individuum, als Interaktionspartner anderer Menschen und als Teil von Systemen zu betrachten ist (Merleau-Ponty 1976), scheint es unsinnig, auf eine ausschließlich systemische Sicht bei der Rekonstruktion von Praxisereignissen zu bestehen. Und unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten, wonach der Mensch grundsätzlich als subjektiv erkennendes Wesen zu betrachten ist, mutet es geradezu absurd an, Coaching-Methoden und ihre Effekte bis ins Kleinste objektivieren zu wollen.

Ein derartiges Modell zu konzipieren und zu lehren setzt eine breite sozialwissenschaftliche Kompetenz voraus. Ohne die verkäme aber Coaching zur modischen Ratgeberei.

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