Kann weniger mehr sein?

Selbstbegrenzung durch Ethik und Moral in der Arbeitswelt

Kann weniger mehr sein?
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Menschenverachtende Arbeitsbedingungen, willkürliche Kündigungen, unbezahlte Arbeitsstunden, ungerechtfertigte Gehaltsabzüge und Arbeitszeiten abseits jedweder gesetzlichen Begrenzung scheinen – zumindest in der westlichen Welt – der Vergangenheit anzugehören. Doch in der Realität, in der der Produzent nur Augen für seinen Profit und der Konsument für den Preis der Ware hat, herrschen auch heute noch Bedingungen, die an eine moderne Form der Sklaverei erinnern. Um diesen Missstand zu beheben bedarf es einer moralischen Selbstbegrenzung der Wirtschaft und des Konsums.

„Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen!“ – laut und deutlich ruft einer diese Worte in einen Gottesdienst im Nationalheiligtum Bet-El hinein und stört damit die heilige Handlung. Was ist passiert? In einer Zeit wirtschaftlicher Blüte Israels Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. praktizieren der König und die Führungsschicht des Landes eine Art Land-Grabbing. Durch hohe Abgaben drängen sie die Schicht der Kleinbauern gezielt in die Schuldsklaverei. Diese Schuldsklaven können sie dann beliebig ausbeuten. In der sozialkritischen Tradition der Propheten tritt daraufhin Amos, ein Viehzüchter und Obstbauer, auf, da er überzeugt ist, Gott habe ihn hinter seiner Herde weggeholt, um dem Volk und vor allem den führenden Leuten in Wirtschaft, Politik und Religion das Strafgericht anzusagen:

„Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt und die Armen im Land unterdrückt. Ihr sagt: […] Wir wollen den Kornspeicher öffnen, das Maß kleiner und den Preis größer machen und die Gewichte fälschen. Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen, für ein Paar Sandalen die Armen. Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld. Beim Stolz Jakobs hat der Herr geschworen: Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen!“ (Am 8,4-7)

Die „Masche“ funktioniert heute immer noch: Menschenhandel ist der einträglichste Handel! Schuldsklaverei gibt es heute wie damals – auch hier, mitten unter uns! Kann weniger mehr sein? Es sollte eine Selbstbegrenzung durch Ethik und Moral in der Arbeitswelt eingeführt werden: Dazu möchte dieser Beitrag ein paar Impulse zum Nachdenken geben.

Die Sklaven von Heute

Der Journalist Karsten Krogmann (2015) berichtet, wie es rumänischen Arbeitern im März 2015 auf einem Schlachthof in Oldenburg erging:

„Sie arbeiteten bis zu 16 Stunden am Tag. Bezahlt wurden die Überstunden nicht – ungeachtet bestehender Gesetze“, beklagt Krogmann und beschreibt, wie Arbeitern un mittelbar nach einer Schicht fristlos gekündigt wurde. Gründe habe der Chef den neun Rumänen, die zum Teil seit Jahren auf dem Schlachthof gearbeitet hatten, nicht genannt, sie stattdessen beleidigt, wie der Betroffene Gabriele Gheorge dem Journalisten berichtet. Wenig später wurde der Arbeiter telefonisch aufgefordert, sein Zimmer zu räumen. „Du musst Platz machen für neue Leute“, habe es geheißen. Das Zimmer gehört der Firma, die die veranschlagte Miete vom Lohn abzieht, erläutert Krogmann.

Die Gekündigten beschäftigte der Schlachthof über einen Subunternehmer, eine GmbH aus Duisburg. Diese GmbH hat einen Werkvertrag mit dem Schlachthof in Oldenburg abgeschlossen und verpflichtet sich darin, das Schlachten, Abvierteln und Verladen von Rindern zu übernehmen. „Der Schlachthof bezahlt dafür 11 Euro pro Rind“, berichtet Krogmann.

Dieses Konstrukt hat Methode und dient in der Fleischindustrie seit Jahren dem Zweck, Arbeitnehmerrechte zielgerichtet zu unterlaufen, wie die Journalistin Anne Kunze (2014) klarstellt: „Binnen weniger Monate [nach der EU-Osterweiterung] wurden Briefkastenfirmen in Polen, Ungarn und Rumänien gegründet, allein zu dem Zweck, Arbeiter für die großen Schlachthöfe in Deutschland [zu Bedingungen der Herkunftsländer] anzuwerben.“

Krogmann verdeutlicht: „Vasile Mihai, der bereits Jahre auf dem Schlachthof arbeitet, schätzt, dass er wohl zehn verschiedene Arbeitgeber hatte. […] Seine Arbeit veränderte sich nie, nur der Firmenname.“

Die Arbeiter in Oldenburg wurden zwar entlohnt, bekamen jedoch erst Abrechnungen, nachdem der Zoll Mindestlohnkontrollen durchführte. Die rückwirkend ausgestellten Abrechnungen wiesen zudem kuriose Auffälligkeiten auf, berichtet Krogmann: „Manchmal fanden sie […] Abzüge: Strafgelder […] für schlecht gereinigte Messer. Mal waren 10 Euro fällig geworden, mal 60 Euro, vereinzelt sogar 110 Euro. Was die Rumänen auf der Abrechnung nicht fanden, waren Nachweise über ihre geleisteten Arbeitsstunden. Die Arbeiter kamen nach eigenen Angaben im Monat häufig auf 230, 250 oder 270 Stunden, im Einzelfall sogar auf 300 Stunden.“

Die Arbeiter erhielten einen Bruttolohn zwischen 1.400 und 1.600 Euro – manchmal lag er auch deutlich darunter, schreibt Krogmann, der die deutlichen Worte eines Arbeiters wiedergibt: „Eigentlich wurden wir die ganze Zeit behandelt wie Sklaven.“

Ein Beispiel, aber kein Einzelfall! Das zunächst legale und weitverbreitete Arbeitsmarkt-Instrument der Werkverträge – hierauf wird noch eingegangen – wird mitten in unserer „Sozialen Marktwirtschaft“ massenhaft missbraucht, um elementarste Standards von Entlohnung und Absicherung systematisch zu unterlaufen. Hier geschieht offenkundiges Unrecht, man muss an vielen Stellen wirklich von „Ausbeutung“ sprechen und von „Moderner Sklaverei“. Dabei heraus gekommen ist ein staatlich geduldeter rechtsfreier Raum und zunehmend die Verdrängung von Stammbelegschaften. So sind zwischen 60 und 80 Prozent der Arbeitsplätze in der Fleischindustrie mit Werkvertragsarbeitern besetzt (Leubecher, 2013). Der Missbrauch der Werkverträge hat Schule gemacht und frisst sich wie ein Krebsgeschwür quer durch unsere Volkswirtschaft!

Missbrauch der Werkverträge

Zunächst ist es völlig legitim und alltäglich, dass Teile einer Wertschöpfungskette ausgelagert und fremdvergeben werden. Über sogenannte Werkverträge können arbeitsteilig Dienstleistungen Betriebsfremder in Anspruch genommen werden. Ein Gewerk wird vergeben zum festgesetzten Preis. Wenn diese Vergabe allerdings vielfach im Kerngeschäft eines Unternehmens geschieht, um Löhne zu drücken und Stammbelegschaften abzubauen, dann ist etwas schief! Genau diese Praxis hat in der Fleischwirtschaft und vielen anderen Branchen zur Ausbeutung vor allem ost- und südosteuropäischer Arbeitsmigranten geführt.

Bei einem Besuch im Oldenburger Münsterland sagte Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel am 13. März 2015: „Wir reden hier aber nicht über Werkverträge, sondern über illegale Arbeitnehmerüberlassung und den Missbrauch von Werkverträgen. Wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was ich hier eben gehört habe, muss man sich schämen.“

Als katholischer Priester habe ich in den vergangenen drei Jahren eine gesellschaftliche Debatte über menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnisse mit ausgelöst, deshalb erzähle ich dies. Ich sehe: Maßlosigkeit und Gier haben zu schweren sozialen, ökologischen und ökonomischen Verwerfungen geführt.

Ethik in der Wirtschaft

Es wird deutlich, wohin eine Wirtschaft abgleitet, die „unbelastet“ ist von Werten, von Ethik und Moral. Den Menschen immer um seiner selbst willen zu sehen und wertzuschätzen, ihn nicht zu benutzen, ist Grundlage christlicher Ethik. Wenn es darüber schon mal einen Konsens in unserer Gesellschaft gegeben hat, dann ist er jetzt verloren gegangen, mit schlimmen Folgen. Wie lässt sich ein verlorener Wertekonsens zurückgewinnen?

Ausbeutung von Menschen, Sklaverei, „funktioniert“ bis heute immer da, wo Menschen als Nummer geführt werden, wo sie kein Gesicht haben, keinen Namen und keine Geschichte. Osteuropäischen Werkvertragsarbeitern geht es vielfach hier bei uns so: Sie sind uns nicht als Persönlichkeiten bekannt, eine große anonyme Gruppe – Arbeitskräfte ohne Gesicht, ohne Namen und Geschichte – eine „Geisterarmee“. So werden sie ohne schlechtes Gewissen mitten unter uns ausgebeutet, betrogen und gedemütigt.

Es gibt durchaus auch Unternehmer und Führungskräfte, die sich angesichts dieser Entwicklung ratlos zeigen und beim besten Willen nicht wissen, wie sie aus dieser Nummer wieder rauskommen können. Beim Missbrauch der Werkverträge sind rechtsfreie Räume entstanden, Parallelwelten, richtige Subkulturen. Kinder sind betroffen, schwangere Frauen, Kranke ohne Versicherung. Jegliche Ethik sucht man hier vergeblich.

Papst Franziskus (2013, 2. Kap. I, 53) sagt: „Ebenso wie das Gebot ‚du sollst nicht töten‘ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ‚Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen‘ sagen. Diese Wirtschaft tötet.“

Die Grenzen sind erreicht

Der Mensch ist nicht mehr das Maß der Dinge. Unternehmensberater und Coaches berichten, dass die Schäden durch Burnout und ähnliche Phänomene in der Wirtschaft mittlerweile so groß sind, dass man langsam begreift: An der Schraube „Effizienz“ und an der Schraube „Personalkosten drücken“ kann man nicht unendlich drehen. Es braucht neue Plausibilitäten des Wirtschaftens, Plausibilitäten, die bisher nicht oder zu wenig beachtet wurden: Selbstbeschränkung und Verzicht als Gewinn um eines größeren Wertes willen.

Es geht um die Werte-Frage: Was ist uns gute Arbeit wert? Was ist der Mensch wert, jeder Mensch? Kann es richtig sein, wenn das Kilo Klopapier bei uns teurer ist als das Kilo Fleisch? Aber es ist so! Das wertvolle und aufwendig produzierte Gut Fleisch wird bei uns unter Wert verschleudert! Qualität hat ihren Preis – eigentlich. De facto ist es nicht so. Billig gewinnt. Geiz ist immer noch geil! Sozial sei, was Arbeit schafft, so höre ich immer wieder. Doch schon lange weiß man auch, dass diese Aussage so nicht mehr stimmt. Sozial kann nur sein, was gute Arbeit schafft!

Neue Plausibilitäten des Wirtschaftens, realisiert in der Haltung und im Verhalten von Führungskräften, haben nur eine Chance, wenn sie begriffen und erfahren werden als Weiterentwicklung des Bisherigen. Deshalb: Kann weniger wirklich mehr sein? – „Wachstum“ heißt doch die Zauberformel, „Fressen“ statt „Gefressen werden“. Wer da nicht mitspielt, fliegt raus und gefährdet Arbeitsplätze!? Immer deutlicher sehen wir aber die Folgen unkontrollierten Wachstums und radikaler Ausbeutung von Mensch und Schöpfung!

Was dient dem Menschen? Was versklavt ihn? Wo kippt Effizienz um in Raubbau? Die Parameter menschen- und schöpfungsgerechten Wirtschaftens müssen neu beschrieben werden. Ich glaube, wir folgen blind ökonomischen Idealen, die schon lange keine mehr sind.

Solidarität

Daher schlage ich hier einen Parameter vor, der mir zielführend erscheint: solidarisches Handeln. Solidarität wird zunehmend unverzichtbar. Sie ist die Einheit in der Vielfalt. Sie beschreibt, was Menschen miteinander verbindet, einen gemeinsamen Willen, eine gemeinsame Aufgabe; sie ist das Bewusstsein für das, was man einander schuldig ist. Solidarität gründet in der Menschenwürde, die wir Christen aus der Gottebenbildlichkeit des Menschen ableiten.

In einer globalisierten Welt wird Solidarität als Haltung in den zunehmenden Austausch- und Abhängigkeitsverhältnissen überlebenswichtig, soll nicht der Marktliberalismus und das „freie Spiel der Kräfte“ stilprägend werden. Bildung und Entwicklung für die ärmsten Länder der Welt sind in der Völkergemeinschaft inspiriert vom Gedanken der Solidarität. Die Verpflichtung zum nachhaltigen Wirtschaften wird plausibel, wenn der Gedanke der Solidarität ausgeweitet wird auch auf die nachfolgenden Generationen von Menschen. Weltweite Verflechtungen und Abhängigkeiten bringen nicht von allein Solidarität hervor. Unterdrückung und Ausbeutung scheint vielmehr die natürliche Folge dieser Abhängigkeiten zu sein. Dies wiederum bringt Hungersnöte, soziale Unruhen und Gewalt hervor. Der internationale Terrorismus ist die Negativfolie internationaler Solidarität, und in einer globalisierten Welt ist dieser Terrorismus eben auch nicht mehr lokal einzugrenzen.

Umfassende Solidarität ist von einem Menschenbild geprägt, das Menschenrechte und Menschenwürde unterschiedslos allen Menschen zuspricht. Sie zeigt als Wesensmerkmal die Bereitschaft zum Teilen, zur Achtung voreinander und zur Zusammenarbeit miteinander – und zwar auf Weltebene! Solidarität ermöglicht Teilhabe. Solidarität sensibilisiert für die Wirklichkeit, dass die Völker gemeinsam überleben oder gemeinsam untergehen. Die Zukunft der Menschheit entscheidet sich an ihrer Bereitschaft und Fähigkeit zur Solidarität.

Also: Solidarität bedeutet globales Denken und Handeln, bedeutet Kommunikation auf Augenhöhe und den Kreislauf der materiellen und geistigen Güter. In diesen Kreislauf kann jeder etwas einbringen und jeder hat Nutzen daraus, auch die Armen!

Es liegt eine Sozialpflicht auf jeder Art von Besitz, eine Sozialpflicht, die für gläubige Menschen begründet ist in der Frage Gottes: „Kain, wo ist dein Bruder Abel?“ – Gott solidarisiert, ja identifiziert sich mit den Kleinen und Schwachen.

Katholische Soziallehre

Solidarität ist ein Grundgedanke der „Katholischen Soziallehre“, deren Prinzipien mit folgenden fünf Stichworten beschrieben werden können:

  1. Personenwürde
  2. Solidarität
  3. Subsidiarität
  4. Eigentum
  5. Wettbewerb

Die Katholische Soziallehre bekennt sich zu Eigentum und Wettbewerb, aber sie warnt deutlich davor, den Menschen nur von seiner Leistungsfähigkeit her zu würdigen. Der Begriff der Personenwürde nimmt den Einzelnen in den Blick mit seinen Fähigkeiten, sich solidarisch einzubringen und genauso mit dem Bedarf, unterstützt zu werden durch die Gemeinschaft: Das ist die sogenannte Subsidiarität.

In der Zuordnung aller fünf Prinzipien zueinander ergibt sich ein Ganzes, das als Rahmen menschen- und schöpfungsgerechten Wirtschaftens eine neue Ordnung andeuten könnte. Solidarität und Subsidiarität als Haltung ergänzen sich und sind getragen von einem subjektivistischen Personenbegriff. Eigentum und Wettbewerb werden ausdrücklich bejaht.

Solidarität ist viel mehr als Mildtätigkeit. Sie ist nicht Almosen. Sie stellt den Menschen in Not nicht ruhig, sondern macht ihn stark, gegen Ungerechtigkeit aufzubegehren. Solidarität fordert ein und ermöglicht Teilhabe gerade der Kleinen, und zwar auf allen Ebenen.

Globale Standards setzen

Solidarität als Haltung begründet und rechtfertigt soziale Standards in der Arbeitswelt. Diese Standards können keine nationalen mehr sein oder innereuropäische. Moral und Ethik in der Wirtschaft ist nur global zu denken oder gar nicht. Bevor der Mensch zum Denken und zum Arbeiten kommen kann, muss er den alltäglichen Kampf ums Überleben für sich positiv entschieden haben. Menschenwürdig leben können, muss die Ermöglichung guter Arbeit sein, nicht ihr Lohn!

Die Sozialgesetzgebung und das soziale Netz sind nicht die Schwachstelle, sondern eine Stärke unserer Marktwirtschaft und ein Standortvorteil, weil sie den Menschen nicht als Maschine betrachten, die man benutzen und dann verschrotten kann. Gerade die europäischen Länder mit den effizientesten Sozialsystemen und den ausgeprägtesten Sozialpartnerschaften gehören zu den erfolgreichsten und wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt!

Ich bin überzeugt: Es braucht in den Plausibilitäten nationaler und globaler Ökonomie diesen Paradigmenwechsel! Zukunftsfähige Paradigmen sind: Solidarität, Teilhabe und Maßhalten. Die Notwendigkeit dazu zeigt sich am Phänomen „Lampedusa“. Diese Insel im Mittelmeer steht für menschliche Tragödien, ausgelöst durch die Ausweglosigkeit und die Ausgrenzung ganzer Völker. Verantwortliches Wirtschaften im globalen Dorf schaut auf die Ursachen der Flüchtlingsströme und auf die Möglichkeiten, Armutsmigration nicht im Mittelmeer vor Lampedusa, sondern in den Heimatländern der Migranten durch Entwicklung und Bildung zu bekämpfen. Dazu bedarf es einer Haltung der „Wertschätzung vor der Wertschöpfung“! Nachhaltigkeit in der Wertschöpfung und im Umgang mit den Ressourcen unserer Erde kann es nur unter Einbeziehung aller geben: aller Kräfte und aller Bedarfe. Bisher finden der Fortschritt und der Wohlstand Weniger auf dem Rücken der Vielen statt.

Eine Generationenfrage

Eigentum ist immer geliehen; ungeschmälert schulden wir es der nachfolgenden Generation. Als Leihgabe verpflichtet Eigentum zur Solidarität. Eine zukunftsfähige Weltwirtschaftsordnung geht von einem Menschenbild aus, das ein Recht auf Teilhabe an den Gütern der Erde allen zuspricht. Teilen und Maßhalten muss dem Menschen und der Natur nicht von außen auferlegt werden; es ist ein immanentes Gesetz des Überlebens. In diesem Sinne sind ordnende Eingriffe in das freie Spiel der Kräfte des Marktes nicht nur legitim, sondern notwendig. Die „goldene Regel“, wie sie sich in vielen Religionen und Kulturen findet, definiert den Maßstab: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.“

Fazit

Kann weniger mehr sein? Selbstbegrenzung durch Ethik und Moral in der Arbeitswelt – Ohne Maßhalten und Selbstbegrenzung verkommen der Mensch und die Gesellschaft. Geben und Nehmen, Arbeiten und Konsumieren bedürfen des Maßes und des Verzichtenkönnens. Maßhalten und Selbstbegrenzung sind scheinbar keine wirtschaftsimmanenten Kategorien. Dann müssen sie durch die andere Dimension der Wirklichkeit eingebracht werden: die Religion. Die kürzeste Definition von Religion lautet: „Unterbrechung“. Den Weltenlauf, die Gesetze des Marktes, die Sachzwänge einer Realpolitik hinterfragt und unterbricht Religion mit den schlichten Fragen: „Warum?“ „Für wen?“ Religion will den Menschen in das Zentrum des Wirtschaftens rücken; dort steht er nicht, aber dort gehört er hin! Religion, wo sie ihrer Berufung gerecht wird, lebt und fordert Gerechtigkeit, Solidarität und die Bewahrung der Schöpfung ein.

Der Prophet Amos verschwindet nach seiner Sozialkritik wieder im Dunkel der Geschichte. Der Oberpriester Amazja wirft ihn aus dem Heiligtum Bet-El heraus. Er zeigt Amos beim König an und sagt zum Propheten: „Seher, geh, flüchte dich in das Land Juda und iss dort dein Brot und tritt dort als Prophet auf! In Bet-El aber tritt nicht noch einmal als Prophet auf, denn dies ist ein Heiligtum des Königs und ein Tempel des Königtums!“ (Am 7,12f.)

Der König und die Führungsschicht führen ihr Luxusleben auf Kosten der Armen weiter, wie gehabt; sie lassen sich nicht beeindrucken von der Warnung des Propheten. Etwa vierzig Jahre später wird Israel von den Assyrern eingenommen und verschwindet von der politischen Landkarte. Die Führungsschicht und große Teile der Bevölkerung werden deportiert. Die Worte des Amos werden aufgeschrieben und bleiben in Erinnerung – sicher auch deshalb, weil sie von den Menschen im Namen Gottes etwas einfordern, was zu allen Zeiten gültig ist: Solidarität, Teilhabe und Maßhalten.

Weniger ist mehr, wenn das Wenige einem höheren Wert zuzuordnen ist. So ein höherer Wert ist ein „lebenswertes Leben“ für alle, auch für die Schwachen und die Menschen am Rande. Wirtschaft ohne Ethik geht an sich selbst zugrunde, weil sie die Wurzeln zerstört, aus denen sie wächst. Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen und der Schöpfung, nicht umgekehrt.

Literatur

  • Krogmann, Karsten (2015). Wir wurden behandelt wie Sklaven. In NW-Zonline, 14.03.2015.
  • Kunze, Anne (2014). Die Schlachtordnung. In Die Zeit, 51/2014, 11.12.2014.
  • Leubecher, Marcel (2013). Arbeitgeber wollen Mindestlohn in Schlachthöfen. In Die Welt, 30.08.2013.
  • Papst Franziskus (2013). Apostolisches Schreiben Evangelii Gaubium des Heiligen Vaters Papst Franziskus.