Konzepte

Intensive Personality Development

Adaption der Intensive Short-Term Dynamic Psychotherapie im Coaching

Dass Methoden aus dem Feld der Psychotherapie ins Coaching übersetzt und in der Arbeit mit gesunden Klienten in angepasster Weise eingesetzt werden, ist nichts Neues. Weniger starke Beachtung erfuhr hierbei bisher die Intensive Short-Term Dynamic Psychotherapie. Dabei erfüllt sie, wie der Autor des vorliegenden Beitrags ausführt, grundlegende Ansatzpunkte für Problemlösungen, die neurobiologisch fundiert sind. Die Methode sei besonders wertvoll, wenn Entwicklungswünsche durch destruktive Wiederholungsmuster gestört werden.

13 Min.

Erschienen im Coaching-Magazin in der Ausgabe 2 | 2020 am 20.05.2020

Ziel des Artikels ist es, die von Habib Davanloo entwickelte Intensive Short-Term Dynamic Psychotherapie (ISTDP) als wirkungsvolle adaptierte Coaching-Methode vorzustellen und in diesem Kontext um einzelne Techniken zu erweitern. ISTDP-Anwendungsbereiche und -Zielsetzungen im Coaching werden dargestellt. Die ISTDP kann dazu beitragen, Coaching weiter zu professionalisieren.

Coaching-Konstellationen, in denen personenbezogene sowie interaktionelle Entwicklungswünsche durch hartnäckige, destruktive Wiederholungsmuster gestört werden, werden mit der ISTDP einer vertieften und effizienten Bearbeitung zugänglich. Diese nutzt bereits neun der zwölf von Roth und Ryba (2017) erklärten grundlegenden neurobiologisch fundierten Ansatzpunkte für wirksame Problemlösungen. Der Autor nennt die adaptierte, um die restlichen drei Ansatzpunkte ergänzte ISTDP-Version im Coaching-Format Intensive Personality Development (IPD).

Anwendungsbereiche und Zielsetzungen

Die ISTDP ist eine hochwirksame, aktiv geführte psychoanalytische Kurzpsychotherapie-Methode. Sie ist in der Lage, sowohl schwere Persönlichkeitswiderstände und hohe Resistenzen fokussiert zu lösen, als auch fragile Persönlichkeitsstrukturen nachreifen zu lassen. Sie ermöglicht auch im Coaching hochwirksam und nachhaltig tiefgreifende Persönlichkeitsentwicklung, umfassendes Emotions-Coaching, Burnout-Prophylaxe und Prävention ungünstiger Persönlichkeitsstile. Störende, prämorbide Persönlichkeitsprobleme mit unbewusster Selbstsabotage, u.a. bei narzisstischen oder selbstunsicheren Persönlichkeitsakzentuierungen, können gelöst werden. Intrapsychische Konflikte (z.B. Autonomie vs. Abhängigkeit, egoistische vs. prosoziale Tendenzen, Umgang mit Konkurrenz) können ebenso bearbeitet werden wie eine nachhaltige Entwicklung psychostruktureller Fähigkeiten (z.B. Selbst- und Selbstwertregulation, Kommunikations-, Kontakt- und Bindungsfähigkeiten).

Der Nutzen des ISTDP-Ansatzes für die Prozesssteuerung im Coaching liegt in der tiefgründigen Statuserkennung der Klienten anhand ihrer Resistenzen, Impulse und der somatischen Wege ihres unbewussten Angstmusters. Dies erleichtert die valide Einschätzung auch hinsichtlich der Grenzen der Komfortzone, Belastbarkeit, nicht diagnostizierter oder verschwiegener psychischer Störungen, Entwicklungsmöglichkeiten und methodischer Entscheidungsfindung.

Das Wesen der ISTDP

Die ISTDP ist eine psychoanalytische Version der Kurztherapie (Troendle, 2005). Ihr Ziel ist die Restrukturierung des Charakters und die Symptomlösung mittels Auflösung unbewusster Schuld als Quelle von Selbstsabotage und Selbstzerstörung (Davanloo, 1995). Sie steht in direkter metapsychologischer Tradition der Freud’schen Psychoanalyse (PA), gibt aber die klassisch distanzierte, abwartende Haltung der PA auf. Sie unterscheidet sich von der PA durch eine viel aktivere Behandlungstechnik, benötigt signifikant weniger Zeit und Geld, vermeidet Regression, Übertragungsneurose und Abhängigkeiten und ist damit anschlussfähig an alle anderen Coaching-Methoden. Im Sprachspiel von Coaching-Prozessen werden die Klienten mit druckvollen Fragetechniken bezüglich ihrer Gefühlswelt weit aus der Komfortzone geführt und lernen dabei, neue affektive Erlebnisperspektiven auf sich selbst zu integrieren. 

Aus verhaltenstherapeutischer Sicht kann die ISTDP als ein psychodynamisch geführtes Expositionsprogramm verstanden werden: Die psychoedukativ aufgeklärten Klienten setzten sich ihren verdrängten oder abgespaltenen Gefühlen aus und lernen, diese zu bewältigen. Formal nutzt die ISTDP gegenüber der PA einerseits vermehrte Fragetechniken, wie es die gängige Coaching-Praxis oder die auf Mentalisation basierte Therapie (MBT) umsetzt. Andererseits behält sie systematisiert Interventionen in Aussagesatzform bei (z.B. Rekapitulieren kurzer Interaktionssequenzen, Konfrontation). ISTDP-Techniken haben unterschiedliche neurobiologische und psychologische Wirkungen. Während Rekapitulieren hilft, seelische Kapazitäten aufzubauen, unterbrechen Klärungen, Herausforderungen und Konfrontationstechniken schädliches Abwehrverhalten (Abbass, 2015).

Die Basisintervention der ISTDP ist Druck (Pressure) in unterschiedlichen Formen (Davanloo, 1995). Vor allem wird dieser mittels auf seelisch-körperliches Erleben fokussiertem Fragen angewendet, um das Wesen der Klienten hinter ihren Widerständen und den maximalen Einsatz für sich selbst zu erreichen (Abbass, 2015). Die ISTDP beinhaltet gegenüber der PA neue therapeutische Handlungsprozesse wie das konsequente Monitoring der unbewussten Körpersignale, das schnelle Handhaben der Widerstände, das Vermitteln der körperlichen Erfahrung der Gefühle und die potente Heilungskraft der unbewussten therapeutischen Allianz. Das therapeutische Material offenbart sich im aktuellen Hier und Jetzt der emotional erfahrenen Beziehung der Klienten zum Therapeuten in der Übertragung. Für ihren sicheren, effektiven Einsatz ist die systematische Erhebung der Persönlichkeitsstruktur und das Monitoring der fünf zentralen Klienten-Parameter unabdingbar (Davanloo, 1999):

  1. die aktiven somatischen Wege der unbewussten Angst,
  2. die Hauptabwehrmuster,
  3. das Ausmaß der Ich-Syntonie der Abwehr,
  4. der Grad des Anstiegs der Übertragungsgefühle und
  5. die Grenze der Angstverarbeitung in die glatte Muskulatur und zu kognitiv-perzeptiven Störungen (CPD).

Ca. 40 Studien belegen, dass die ISTDP bei einem Großteil der als chronisch-therapieresistent eingeschätzten und fragil-neurotischen Psychiatriepatienten hocheffektiv und anhaltend wirksam ist (Abbass, 2015).

Die ISTDP im Spiegel neurobiologisch nachgewiesener Wirksamkeit

Roth und Ryba stellten 2017 jene zwölf Ansatzpunkte für Problemlösungen zusammen, denen sie eine neurobiologisch nachgewiesene Wirksamkeit zusprechen. Es soll aufgezeigt werden, welche der von Roth und Ryba geforderten zwölf Ansatzpunkte für Problemlösungen bei der ISTDP identifiziert werden können. Die beteiligten verschiedenen funktionellen Ebenen im Gehirn werden jeweils benannt: bewusste kognitiv-sprachliche Ebene (KE), bewusste obere limbische Ebene (OLE), die nicht erinnerungsfähige bzw. tief vorbewusste mittlere limbische Ebene (MLE), die unbewusste untere limbische Ebene (ULE).

Zielklärung (KE, OLE)

Im ISTDP-Erstgespräch werden die Klientenziele im letzten Teil einer meist zweistündigen Probesitzung klar herausgearbeitet und benannt. Im Rahmen des Prozesses werden bei Klärungen, Herausforderung und Konfrontationen die Ziele der Klienten regelmäßig wiederholt, bestätigt und motivational geklärt (Abbass, 2015).

Ressourcenaktivierung (KE, OLE)

Die Ressourcenaktivierung findet im ISTDP-Prozess vor allem persönlichkeitsstrukturell statt, auf der Ebene der Gefühls- und Selbstwahrnehmung und -regulation. Insbesondere die Selbstwahrnehmung der Angstverarbeitung und ihrer Abwehr werden mit Druck reaktiviert. Bei der ISTDP werden positive Einstellungen, Erwartungen und Hoffnungen sowie positive Erinnerungen, motivierende Ziele und Wünsche, besonders auch der Wille zur Entwicklung, explizit aktiviert (Davanloo, 1995). Nach affektiven Aktivierungen von Wut-, Schmerz-, Schuld- und Trauergefühlen werden prozessual gerade die zuvor verdeckten positiven Erinnerungen und Gefühle der Wärme und Liebe zu den genetischen und aktuellen Personen reaktiviert (ebd.). Die therapeutische Beziehung ist als Übertragungs- und Projektionsbeziehung der Katalysator für alle gewünschten psychostrukturellen Entwicklungen und Ressourcenaktivierungen. Dies stellt den Kern der ISTDP-Strategie dar (Abbass, 2015). In den Lehrbüchern der ISTDP ist die klassische Ressourcenaktivierung im Sinne der ressourcenorientierten Psychotherapie nicht manualisiert.

Problemaktualisierung und Erlebnisaktivierung (KE, OLE, MLE)

Die Problemaktualisierung ist die Aktivierung derjenigen neuronalen Netzwerke, die am Problemerleben beteiligt sind. Sie stellt für die Klienten die unmittelbare und erlebbare Erfahrung der behandelten Themen dar. Die Problemaktualisierung hat gemäß Grawe (2004) eine Moderatorenfunktion für die Mechanismen Klärung und Bewältigung. Bei starken Beeinträchtigungen haben sich diese Probleme tief in die Basalganglien eingegraben und sind daher nur schwer veränderbar. Bei minderschweren Defiziten sind sie im limbischen Cortex und damit im bewussten und intuitiven Erleben angesiedelt und damit leichter veränderbar (Roth & Ryba, 2017). Die Problemaktualisierung und Erlebnisaktivierung intrapsychischer und interpersoneller Dysfunktionalitäten in der Übertragungsbeziehung (Davanloo, 1995) als zentrale Moderatorenfunktion wird nach den Kenntnissen des Autors von keiner anderen Methode so stark genutzt wie von der ISTDP. Davanloo ist mittels konsequent innovativer psychodynamischer Technik durch seine jahrzehntelangen Videoanalysen der bisher direkteste Zugang zu den von der Psychoanalyse aufgedeckten und von der Neurobiologie bestätigten Zusammenhängen über die frühe Prägung in der Kindheit durch die Konflikt- und Traumaverarbeitung gelungen.

Umgehung des Problems (OLE, MLE)

Gemeint sind das Vermeiden des Problems oder die gezielten Veränderungen von Rahmenbedingungen, sodass das Problem nicht mehr auftritt. Dieser Ansatzpunkt wird von der ISTDP nicht manualisiert aufgenommen, steht er doch im Gegensatz zur zentralen Problemaktivierung. Technisch wird dennoch situativ bei bestimmten Abwehr- oder Angstzeichen dem aktuellen Klientenstatus Rechnung getragen, z.B. wird bei resistenten Persönlichkeiten ein Machtkampf um die Deutungshoheit vermieden (Abbass, 2015).

Symptom- oder Problembeseitigung (OLE, MLE)

Diese wird durch die intensive Arbeit an den emotionalen Ursachen der Probleme oder Symptome direkt, aber zunächst für die Klienten implizit angegangen. Indem die Probleme interpersonell und intrapsychisch aufgefasst werden und in die therapeutische Beziehung in Form von Aktivierung der unbewussten Abwehr, der unbewussten Angst und den unbewussten Impulsen zusammen mit der Aktivierung der somatischen Wege der Gefühle rückübersetzt und dort gelöst werden, ist dieser Ansatz das übergeordnete Ziel (Davanloo, 1995).

Kognitiv-motivationaler Perspektivwechsel (KE, OLE)

Ein Perspektivwechsel soll den Klienten die Hintergründe ihres Erlebens und Verhaltens verstehen lassen. In Freuds PA entspricht dies dem zentralen Begriff der Einsicht, bei Grawe wird er als motivationale Klärung benannt. Bei der ISTDP stehen die äußeren systemischen Zusammenhänge nicht im ersten Fokus. Umso zentraler jedoch ist die Reflexion und das Erleben der intrapsychischen Zusammenhänge im Wechselspiel mit interpersonellen Reizen, d.h. ein intrapsychischer, oft auch emotionaler Perspektivwechsel (z.B. können aus Indifferenz Wut und aus Wut Schuldgefühle werden). Ein solcher Perspektivwechsel ermöglicht einen neuen und fundierten Blick auf sich selbst und damit eine neue Beziehung zur Umwelt. Z.B. entdecken Klienten nach der Integration zuvor verleugneten unbewussten Hasses eine völlig neue Perspektive auf aktuelle Bindungspersonen oder frühere Familienmitglieder (Troendle, 2005).

Emotionen und Körperempfindungen (OLE, MLE, ggf. ULE)

Das Erleben und die Integration des körperlichen Erlebens von Affekten, Emotionen, Körperempfindungen und Gefühlen sind integraler Standard in der ISTDP (Abbass, 2015). Es ist ihr zentrales Ziel, Klienten, die auf diesen Wahrnehmungsebenen wirksame Wahrnehmungslücken und -blockaden aufweisen (Ausdruck von Abspaltung oder Verdrängung), die Erlebnismuster der körperlichen Erfahrung der Gefühle zu bahnen und zu stabilisieren, den „somatic pathway“ zu reaktiveren bzw. zu aktivieren (Town et al., 2013). Dies ist die erste Basis einer Restrukturierung der Persönlichkeit. Die gesamte Psychodiagnostik der ISTDP stützt sich auf die aktuellen Körpersignale und deren Erleben. In psychoedukativem Stil macht sie zunächst die Klienten mit dem „somatic pathway“ ihrer seelischen Prozesse vertraut (Troendle, 2005). Sie stellt neben dem „Unlocking the Unconscious“ innerhalb des „Graded Formats“ (das angepasste Vorgehen für fragile Klienten) mit der Bracing-Technik hierfür besondere Möglichkeiten zu Verfügung: Druck wird vermischt mit konstanter Aufmerksamkeit zur Wahrnehmung der Körpersignale und Gedanken der Klienten in Reaktion auf diesen Druck (Abbass, 2015). Dies setzt die Möglichkeit um, Gefühlswahrnehmungen verstehend und seelisch integriert zu erleben.

Prozedurales Einüben besser angepasster Verhaltensweisen (OLE, MLE)

Hiermit sind lernpsychologische Methoden gemeint. Diese Methoden greifen gut bei leichteren Belastungen (Roth & Ryba, 2017). Strukturelle Defizite sind damit schwer zu bearbeiten. Kern der ISTDP sind diese Methoden nicht. Es kann aber festgehalten werden, dass durch das Einüben eines anderen Umgangs mit den unbewussten Ängsten und Abwehren im besten Sinne günstigeres intrapsychisches Erleben und günstigeres intrapsychisches Verhalten prozedural gelernt wird (Davanloo, 1995).

Aufbau von neuen Fähigkeiten und wichtigen Erfahrungen (OLE, MLE)

Kognitive und affektive Einsicht allein reicht bei manchen Klienten nicht aus, um neue Verhaltenskompetenzen zu entwickeln (Troendle, 2005). Bestimmte wichtige Erfahrungen, die in Kindheit, Jugend oder auch Erwachsenenalter nicht gemacht werden konnten, können in Therapien und Coaching zum Teil symbolisch, zum Teil aber auch real nachgeholt werden. Bei der ISTDP richtet sich dies auf die intrapsychische und interpersonelle Kompetenz: das Erleben von sich selbst, der eigenen Person hinter der Maske der eigenen Abwehr, sich wirklich zu zeigen, in Schwächegefühlen und Schamerleben unterstützt und persönlichkeitsstrukturell gefördert zu werden. Das alles lässt neues Selbsterleben, neue psychostrukturelle Möglichkeiten entstehen (Davanloo, 1995): Valide und stabile Selbst- und Objektwahrnehmung, robustere Selbst- und Selbstwertregulation, erhöhte und flexiblere Bindungsfähigkeit und andere Kriterien der OPD-2 (Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik) bilden wichtige neue Selbst- und Beziehungserfahrungen.

Umstrukturierung der inneren Landkarte (KLE, OLE, MLE)

Die ISTDP bietet die systematische Weiterentwicklung psychostruktureller Fähigkeiten und das Nachholen wichtiger Erfahrungen. Die ISTDP ist durch den Aufbau von Wahrnehmungsstrukturen, des intrapersonalen Lernens im Umgang mit Angst, Abwehr und Gefühlen des somatic pathway (Abbass, 2015) in Teilen in der Lage, auf allen Ebenen umzustrukturieren (ULE, MLE, OLE, KE). Abbass gibt einen klinischen Überblick zur nachhaltigen ISTDP-Wirksamkeit: Sie kann Einfluss haben auf das Stressverarbeitungs- und interne Beruhigungssystem, das interne Bewertungs- und Impulshemmungs- sowie Bindungssystem und den Realitätssinn. Diese Wirkungen sind Basis der Neuorganisation jeder inneren Landkarte.

Entscheidungs- und Loslassprozesse (KLE, OLE)

Dies bedeutet die Trennung von dysfunktional gewordenen Vorstellungen, Phantasien, Wünschen und Bindungsmustern. Loslassprozesse im Sinne von Desidentifizierungen, Aufgeben von Anhaftungen, Vergeben, Betrauern von Beziehungen und Verlusten sind Kern der ISTDP-Wirkungen und -Ziele (Davanloo, 1995).

Umsetzungsunterstützung und Evaluation (KLE, OLE, MLE)

Die aktive intrapsychische und interpersonelle Umsetzungsunterstützung von Prozessen und Zielen ist in jeder Sitzung gegeben. Eine interne Prozesskontrolle der Interventionen und Entwicklung von Fähigkeiten (u.a. Monitoring der unbewussten somatischen Antworten) wird laufend in jedem Abschnitt der Prozessgestaltung vom Therapeuten/Coach vorgenommen (Troendle, 2005). Nicht manualisiert vorgenommen wird die aktive Förderung lebenspraktischer äußerer Ziele.

Diskussion und Bedeutung für Coaching

Roth und Ryba (2017) führen aus, dass sie eine differenzierte Betrachtung der Problemursachen und ihrer Tiefe als notwendig erachten, um die unterschiedlichen Ansatzpunkte und zielführenden Interventionen für Veränderungsprozesse in Coaching und Therapie zu planen. Oft genug zeigt die Erfahrung, dass Coaching-Strategien bei einer bedeutenden Anzahl von Problemstellungen nicht ausreichen oder gar scheitern. Konstellationen, bei denen personenbezogene sowie interaktionelle Entwicklungswünsche aus hartnäckig persistenten Wiederholungsmustern entstammen, bedürften einer vertieften Bearbeitung. Viele solcher Klienten deuten persönlichkeitsstrukturelle Schwächen an, indem sie oft nur einzelne Aspekte entsprechender Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen oder symptomatisch relevant verminderte Schlafqualität, inkonstante oder mildere psychophysische Angst- und Selbstwertstörungen aufweisen. Häufig genug sind bei ihnen manifest narzisstische und selbstsabotierende Verhaltensweisen vorzufinden. Gerade Menschen mit Macht und Einfluss weisen im Business-Coaching solche Konstellationen häufig auf und verfügen dann über psychodynamisch resistente Persönlichkeits- und Abwehrstrukturen. Was können Business-Coaches diesen formal gesunden, resistent narzisstischen, veränderungsmotivierten Führungspersonen anbieten, um ihre Lebensqualität zu fördern?

Roth und Ryba (2017) postulieren, dass insbesondere bei tieferliegenden Problemen eine Kombination aus verschiedenen Ansatzpunkten erforderlich ist, z.B. Umstrukturierung der inneren Landkarte, Förderung von Entscheidungs- und Loslassprozessen sowie Aufbau und Einüben neuer Fähigkeiten erst kombiniert wirksam sind. Die ISTDP setzt neun von zwölf der genannten Ansatzpunkte systematisch um, was ihre hohe Effizienz erklärt. Für Coaching und therapeutische Zwecke kann auch die ISTDP um weitere Ansätze ergänzt werden:

  1. Ressourcenaktivierung im klassischen Sinne,
  2. Prozessplanung äußerer Ziele zu Beginn,
  3. prozedurales Einüben erwünschten Verhaltens bzw. von Kompetenzen mit praktischer Umsetzungsunterstützung externer Ziele (z.B. bei Abbass & Schubiner, 2018) und
  4.  systemisch/gruppenanalytischer Perspektiv-Check zu Beginn (ggf. Umgehung des Problems sinnvoll).

Der Autor schlägt vor, die ISTDP im Coaching-Format um diese Ansatzpunkte von Roth und Ryba zu ergänzen und als adaptierte Coaching-Version IPD zu nennen. Der Coach verfügt mit IPD für gesunde (!), erfolgreiche, aber hochresistente oder fragile und oft schwer zugängliche Klienten über ein Instrumentarium, welches diesen ihre eigenen Abwehrreflexe sehr schnell vor Augen führen, erlebbar machen und lösen kann. Dieses Selbsterleben kann sowohl den Veränderungswillen als auch den Prozesserfolg signifikant steigern.

Literatur

  • Abbass, Allan (2015). Reaching through Resistance. Belleview: Seven Leaves Press.
  • Abbass, Allan & Schubiner, Howard (2018). Hidden from View. Pleasant Ridge: Psychophysiologic Press.
  • Davanloo, Habib (1999). Intensive Short-Term Dynamic Psychotherapy. New York: Wiley.
  • Davanloo, Habib (1995). Der Schlüssel zum Unbewussten. München: Pfeiffer.
  • Grawe, Klaus (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe.
  • Town, Joel M.; Abbas, Allan & Bernier, Denise (2013). Effectiveness and Cost-Effectiveness of Davanloo`s Intensive Short-Term Dynamic Psychotherapy. American Journal of Psychotherapy, 67(1), S. 89–108.
  • Troendle, Paul (2005). Psychotherapie dynamisch – intensiv – direkt. Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Roth, Gerhard & Ryba, Alica (2017). Coaching, Beratung und Gehirn. Stuttgart: Klett-Cotta.

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