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Coaching im Lehramt

Coaching und Training für Lehramtsstudierende

11 Min.

Erschienen im Coaching-Newsletter in Ausgabe 09 | 2019

Warum Coaching für Lehramtsstudierende?

Lehrer zu sein, ist erfüllend und zugleich anspruchsvoll. Lehrkräfte sind heute mit sich ständig wandelnden Bedingungen konfrontiert und nehmen eine Vielzahl an Rollen ein. Für den erfolgreichen Umgang mit diesen Herausforderungen sind neben der fachlichen und didaktisch-methodischen Qualifikation zunehmend Selbst- und Sozialkompetenzen zur Bewältigung und Verarbeitung der beruflichen Anforderungen gefragt (Döring-Seipel & Dauber, 2010). Pädagogische Professionalität wird häufig als Schlagwort genannt. Insbesondere die damit verbundene Haltung von Lehrpersonen gilt als Schlüsseldimension für professionelles Denken und Handeln (Kuhl et al., 2014) und als ausschlaggebend sowohl für den Lernerfolg der Schüler als auch für die Zufriedenheit und Gesundheit der Lehrkräfte. Eng einher damit geht auch Reflexivität als Fähigkeit von Lehrern, sich in der Ausübung ihres Berufs kontinuierlich zu hinterfragen und dazuzulernen (Hattie, 2012).

Mit den Anforderungen an den Lehrerberuf steigen auch die an die Lehrerbildung. Nachwuchslehrkräfte so auszubilden, dass sie in ihrer individuellen Entwicklung hin zu kompetenten, selbstwirksamen Lehrerpersönlichkeiten gefördert werden, erfordert neue Wege. So hat Nordrhein-Westfalen vor einigen Jahren Coaching als zentralen Bestandteil in den Vorbereitungsdienst, d.h. in die zweite, schulpraktische Phase der Lehrerausbildung, integriert (König et al., 2014; Krächter, 2018).

Eine professionelle Haltung und die Kompetenzen, auf denen sie beruht, bereits bei Lehramtsstudierenden zu fördern, ist gewiss eine Aufgabe, die Hochschulen künftig vermehrt beschäftigen wird. Denn um die Lehrer von morgen zu befähigen, bedarf es einer Ausbildung, die bereits im Studium die Schulwirklichkeit nicht ausklammert, sondern die Studierenden dazu aufruft, sich frühzeitig mit diesem Berufsfeld zu befassen. Dazu gehört, Gelegenheiten und Anlässe zu schaffen, stets die persönliche Entwicklung in den Blick zu nehmen. Dies schon während der ersten Phase der Lehrerbildung zu gewährleisten, ist so bedeutend, weil es die Basis für den erfolgreichen Start ins Berufsleben darstellt:

Lehramtsanwärter, die vor dem Referendariat gelernt haben, sich und ihr professionelles Selbstverständnis zu reflektieren, die sich ihrer Erwartungen sowie Ziele bewusst und fähig sind, auf ihre Ressourcen zuzugreifen, haben damit die Grundlage geschaffen, um auch in unvorhersehbaren Situationen handlungsfähig zu bleiben und lösungsfokussiert zu agieren.

Vor diesem Hintergrund ist ein praxis- und professionsorientiertes Ausbildungskonzept in der universitären Lehrerausbildung nötig, das den Bedürfnissen der Studierenden besser Rechnung trägt und professionelle Anforderungen stärker einbezieht (Wiemer, 2012).

Bewährt haben sich personenzentrierte Formen der Unterstützung, die auf individuelle Entwicklungsstände und persönliche Herausforderungen eingehen und neue Sichtweisen sowie Handlungsoptionen eröffnen (Krächter, 2018). Coaching leistet in diesem Kontext einen wertvollen Beitrag und ergänzt das Lehramtsstudium sinnvoll (Reis, 2006). Hier setzt „LMU Teacher Coaching & Training“ an: ein umfassendes Programm des Münchener Zentrums für Lehrerbildung der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Was ist das Ziel?

Das Programm ermöglicht es Lehramtsstudierenden, sich bei ihrer professionsbezogenen Entwicklung begleiten zu lassen und Kompetenzen auszubilden, die für die Bewältigung der Handlungsanforderungen im Lehrerberuf maßgeblich sind. Das Konzept fußt auf der Annahme, dass Selbsterfahrung, Reflexion und Feedback drei Zentralkategorien zeitgemäßer Lehrerbildung darstellen und durch eine Kombination aus Coaching und Training zielführend gefördert werden können. Der Schwerpunkt liegt auf dem Bereich personaler und sozialer Kompetenzen. Übergeordnetes Ziel ist, die Studierenden darin zu unterstützen, den Grundstein für eine professionelle pädagogische Haltung zu legen, indem sie sich kontinuierlich reflektieren und berufsrelevante Ressourcen stärken.

Um dies zu erreichen, wird Coaching mit diversen Trainingselementen verbunden: Coaching fördert die Auseinandersetzung mit dem professionellen Selbst und dessen Weiterentwicklung. Ein auf die Bedürfnisse der Teilnehmer eingehendes Training treibt, flankierend dazu, den Kompetenzerwerb voran.

Verzahnung von Coaching und Training

Das Coaching findet in Kleingruppen wie auch einzeln statt. Es bietet Anlass und Raum, sich die Herausforderungen des Lehrerberufs bewusst zu machen, Lösungsstrategien für individuelle Anliegen und Fragestellungen zu erarbeiten und sich mit der eigenen Person, Rolle und Haltung sowie mit dem eigenen Handeln auseinanderzusetzen.

Gerade in Kleingruppen profitieren die Studierenden davon, erste praktische Erfahrungen angeleitet zu reflektieren und in der Gruppe alternative Handlungsweisen zu diskutieren bzw. auszuprobieren. Dabei werden keine Schablonenlösungen vermittelt. Vielmehr geht es im Sinne einer „Hilfe zur Selbsthilfe“ darum, in den Studierenden ergebnisorientierte (Selbst-)Reflexion und systemisches Denken und Handeln zu fördern; sie also dahin zu bringen, aus eigener Kraft heraus Ressourcen zu aktivieren und zur Lösungsfindung einzusetzen. Gemeinsam mit „ihrem“ Coach arbeiten die Studierenden an persönlichen Zielen und Themen, z.B. an Möglichkeiten der individuellen Potenzialentwicklung, am Umgang mit Emotionen oder an der Steigerung ihrer Selbstwirksamkeit.

Das individuelle Coaching gibt ihnen darüber hinaus die Gelegenheit, ihre Berufswahlmotivation zu reflektieren und die wichtige, sehr persönliche Frage ihrer Eignung zu klären. Hierdurch können sie eine fundierte, bewusste Entscheidung für die Lehrertätigkeit treffen.

Das Coaching-Angebot wird durch vielseitige Trainingsmaßnahmen mit hohem Praxisanteil ergänzt, die dem Erwerb und Ausbau von Selbst- und Sozialkompetenzen dienen. Hier geht es vorrangig um Grundkompetenzen wie Wahrnehmungs- und Beobachtungsvermögen, Selbststeuerung und -organisation, nonverbale Kommunikation sowie dialogische Kompetenz, Stressbewältigungsstrategien, Konfliktklärung, Resilienz, Beziehungsaufbau und -management, die Steuerung gruppendynamischer Prozesse und Führen im Klassenzimmer, die im Gesamten das Fundament professionellen Lehrerhandelns bilden. Die Kompetenzentwicklung wird dabei im Dreischritt gefördert: (1) Wissen/theoretischer Hintergrund, (2) praktische Anwendung/Selbsterfahrung, (3) Reflexion und Transfer.

Als funktional erwiesen hat sich eine Veranstaltungsform, die zur einen Hälfte aus Coaching und zur anderen aus Training besteht: Die aufeinander aufbauenden Kurse „Souverän im Klassenzimmer“ I und II sind im Curriculum des Lehramtsstudiums eingebettet (hier können Leistungspunkte erworben werden).

Sie beginnen je mit einer zweitägigen Trainingseinheit, in der es zunächst um pädagogische Grundlagen für die Entwicklung eines professionellen Lehrer-Selbst (I) bzw. um pädagogisch-psychologische Kompetenzen für den Umgang mit Herausforderungen im Lehrerberuf (II) geht. Im Vordergrund steht das eigene, authentische Erleben in aufbereiteten, beispielhaften Praxissituationen, die gezielte Übung spezieller Fertigkeiten sowie Feedback. Durch Formen des Rollenspiels, oft mit Videoanalysen (z.B. anhand von Micro-Teaching), erproben die Studierenden professionsspezifische Fähigkeiten und schulen Reflexionsvermögen, (Selbst-)Beobachtung und (Selbst-)Wahrnehmung.

Im Anschluss an die Trainingstage finden mehrere Kleingruppen-Coachings statt. Ziel dieser ist, die Inhalte und Erkenntnisse der Trainingseinheit individuell zu vertiefen und diesbezüglich persönliche Entwicklungspotenziale zu eruieren. Die Verzahnung von Coaching und Training ermöglicht einen individualisierten Lernprozess und rundet diesen insofern ab, als dass Selbsterkenntnis mit Übungsmöglichkeiten sowohl im Einzel- als auch im Gruppensetting verbunden wird.

Qualifizierung der Lehrkräfte für das Programm

Als Coaches und Trainer im Programm werden Lehrkräfte unterschiedlicher Schularten und Fächer mit langjähriger Unterrichtserfahrung eingesetzt, die in einem mehrstufigen Auswahlprozess gewonnen und speziell für diese Aufgabe aufwendig weiterqualifiziert wurden. Dies gibt den Studierenden die Chance, von der fachlichen und methodischen Expertise ebenso wie von der Erfahrung der Lehrkräfte aus der Praxis zu profitieren. Von dieser Zusammenarbeit haben jedoch nicht nur die Studierenden etwas; auch die Lehrer erhalten vielfältige Entwicklungschancen – persönlich wie als Lehrpersonen.

Die umfangreiche und fundierte Qualifizierung der als Coaches/Trainer fungierenden Lehrkräfte ist zentral für die Qualitätssicherung. Hintergrund für die Weiterqualifizierung der Lehrer und für das Coaching der Studierenden ist der systemische Ansatz. Konzipiert und durchgeführt werden alle Maßnahmen gemeinsam mit externen Coaching-Instituten, in Anlehnung an den Aufbau und die Inhalte gängiger Ausbildungen dieser Art. Entscheidend dabei ist, dass die Lehrkräfte vor allem die für die Klientenarbeit essenzielle innere Einstellung als elementarsten Bestandteil ihrer Coaching-Kompetenz entwickeln: von einer lehrenden Haltung hin zu einer coachenden.

Die Qualifizierung erfolgt in zwei Schritten: Zunächst absolvieren die Lehrkräfte eine Basisschulung in mehrtägigen Ausbildungsblöcken über ein Jahr hinweg. Primäres Ziel dabei ist, ein einheitliches Coaching-Verständnis zu erreichen und eine coachende Haltung anzuregen. Zudem werden die Lehrkräfte hinsichtlich Coaching-spezifischen Wissens und grundlegender Interventionen und Methoden im Coaching-Prozess geschult. Anschließend folgt für alle verpflichtend ein 16-tägiger Train-the-Trainer. In diesem setzen sie sich mit Themen wie Rolle, Haltung, Werte, Beobachtung und Wahrnehmung, dialogische/emotionale Intelligenz, gruppendynamische Prozesse, Konfliktprävention und Führung selbsterfahrend in der Gruppe auseinander. Alle Beteiligten nehmen darüber hinaus regelmäßig an Supervisionen, Intervisionen sowie diversen Fort- und Weiterbildungsangeboten oder Methodentagen teil. Auch künftig sollen Lehrkräfte für das Programm weiterqualifiziert werden, um die wachsende Nachfrage zu bedienen.

Die Ausbildung und stetige Weiterqualifizierung der Lehrkräfte ist, neben dem Ausbau des Angebots für die Studierenden, das zweite wichtige Programmziel. Die engagierten Lehrkräfte wiederum bringen mit ihrer Entwicklung, ihrem Lernprozess und ihren Erfahrungen im Rahmen ihrer Tätigkeit als Coaches/Trainer neue Impulse an ihre Schulen und beeinflussen damit, im Sinne des Systemischen, den eigenen Unterricht, die Kommunikation und den Umgang mit Schülern, Eltern, Kollegen und Schulleitung. Indem „LMU Teacher Coaching & Training“ nicht nur die Gruppe der Studierenden, sondern auch die beteiligten Lehrkräfte und deren Umfelder

Individuelle Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb des Programms

Studierende können sich über den gesamten Studienverlauf hinweg professionell begleiten lassen. Es gibt spezifische Maßnahmen zum Studienbeginn, während des Studiums und zur Vorbereitung auf das Referendariat. Die Teilnahme erfolgt auf freiwilliger Basis. Die Studierenden bestimmen selbst Art, Umfang und Intensität der Unterstützung: Sie wählen frei, ob sie das Programm vollumfänglich mit seinen einzelnen Bestandteilen durchlaufen oder das Angebot punktuell in bestimmten Phasen ihres Studiums wahrnehmen, z.B. zur gezielten Unterstützung bei Schulpraktika. Auch die Auswahl der Inhalte ebenso wie die Entscheidung für einen bestimmten „Teacher-Coach“ aus dem verfügbaren Pool obliegt den Studierenden.

Es wird eine Bandbreite an Formaten angeboten, die die Studierenden auf unterschiedlichen Ebenen ansprechen und verschiedene Inhalte in den Fokus rücken. Während Einzel-Coachings maximal 90 Minuten dauern, variieren die anderen Formate in ihrer Länge, mit einer Dauer von zwei Stunden bis zu mehreren Tagen. Dabei fungieren die kürzeren Veranstaltungen als „Teaser“: Die Teilnehmer können in bestimmte Themen und Kompetenzen hineinschnuppern und diese bei Bedarf vertiefen. Dies hat sich bewährt, da die Studierenden oft zu Beginn noch nicht genau um ihre Potenziale und Defizite wissen.

Evaluationen belegen nicht nur das große Interesse der Studierenden an einem derartigen Coaching-Angebot, sondern zeigen auch, dass diese sich nach ihrer Teilnahme intensivere Gedanken um ihre spätere Profession machen als zuvor. Hinzu kommt, dass die Bereitschaft, an den eigenen Kompetenzen zu arbeiten, mit der Teilnahme kontinuierlich steigt und die intrinsische Motivation, sich weiterzuentwickeln, enorm wächst.

Fazit

Coaching und Training bereichern in vielerlei Hinsicht die erste Phase der Lehrerbildung. Auswertungen zufolge schätzen die Teilnehmer insbesondere die dadurch gegebene Möglichkeit, frühzeitig den Weg der Professionalisierung zu beschreiten und sich sowie ihr Handeln besser einschätzen zu lernen. Viele Studierende beschäftigen sich erst (zu) spät mit den Anforderungen des Lehrerseins und schlagen nach Studienabschluss eine Berufslaufbahn ein, die sie überfordert und womöglich nicht zu ihnen passt. Gezielte Interventionen helfen, die eigene Berufswahlmotivation zu reflektieren und Ressourcen anzulegen, um den Herausforderungen im Lehrerberuf zu begegnen. Gerade Selbst- und Sozialkompetenzen als wichtiger Bereich des professionellen Selbst von Lehrkräften können durch die Kombination aus Coaching und Training gut gefördert werden.

Ziel für die Zukunft muss sein, das Angebot weiter auszubauen, es als festen Bestandteil im Lehramtsstudium zu verankern, und die Maßnahmen sowohl auf das Referendariat als auch in die dritte Phase der Lehrerfort- und Weiterbildung auszudehnen.

LMU Teacher Coaching & Training (ehemals „Coaching im Lehramt“) wurde 2015 ins Leben gerufen und wird seitdem als Teil von Lehrerbildung@LMU durch die Qualitätsoffensive Lehrerbildung gefördert. In den letzten zwei Jahren wurde es umfassend weiterentwickelt und erfreut sich positiver Resonanz.

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