Das kybernetische Dreieck

Ein Coaching-Tool von Rudolf E. Fitz

Das kybernetische Dreieck
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Kurzbeschreibung

Das kybernetische Dreieck ist ein Prozessteil des St. Galler Coaching Modells. Es stellt den Zusammenhang zwischen Ziel(-Raum), Blockade, Hürde, Problem(-raum) und des Wertes dar, der durch das Coaching vermehrt werden kann (Dreieck: Ziel – Problem/Hürde – Wert). Es hat durch die Ausrichtung der Werte (Werte machen Sinn) die Funktion, den gesamten Coaching-Prozess grundlegend zu steuern.

Anwendungsbereiche

Das Tool ist besonders geeignet für Themen wie:

  • Führungspersönlichkeit stärken, Hürden abbauen
  • Gesundheit und Resilienz, Auflösung von Werte-Konflikten, innerlichen und äußerlichen (zwischen KMU und Führungskraft)
  • Konflikte, die "unlösbar" scheinen (diese werden auf einer Metaebene gelöst)

Zielsetzung & Effekte

Das kybernetische Dreieck zeigt die Sinnhaftigkeit oder auch Sinnlosigkeit von Zielen an. Ziele an sich sind sinnlos, erst wenn über die Zielerreichung Werte vermehrt werden, entsteht intrinsische Motivation.

Ausführliche Beschreibung

Anwendung

Je nachdem, ob der Klient mit einem (nicht erfüllten) Ziel ins Coaching kommt oder mit einem Problem, einer Blockade oder Hürde wird der eine und der andere Raum beleuchtet. Das bedeutet, dass der Zielraum mit den Elementen Meta-Ziel, Ziel-Metapher, Ziel-Modell und Nachteile des Ziels erarbeitet wird – und vice versa der Problemraum.

Anschließend folgen eine Reflexion der beiden Räume und eine Kurzerklärung, was unter Werten zu verstehen ist.

Nun folgen Fragen wie:

  • Welcher Wert wird bei der Zielerfüllung vermehrt?
  • Welcher Wert wurde bisher verletzt bzw. nicht oder zu wenig erfüllt?
  • Sind da mehrere Werte die in Konkurrenz miteinander stehen? (Hinweis auf Werte-Konflikte)
  • Auswahl des Wertes mit der höchsten Priorität, dieser steuert den Prozess als Ganzes.

Frageform: „warum“ (tun Sie etwas) führt in den Zielraum, „wozu“ führt in den Werteraum

Grundsätzliche Thesis

Nur Werte erzeugen intrinsische Motivation und Bewegung, Ziele sind per se Sinn-los. Sie haben (nur) die Funktion, Werte-Erfahrungen zu vermehren und/oder Werteverletzungen (Verlust) zu umgehen. Wenn dem so ist, ist es wichtig, dass ein Coaching-Prozess den Wert bewusst macht, um den es geht.

Berufliche Werte sind Anerkennung, Karriere, Geld, Wertschätzung usw. Erst der Wert schafft Sinn (frei nach Viktor Frankl). Folglich soll eine Führungskraft, ein Team, die Organisation, das Unternehmen usw. Werte definieren (Vision, Leitbild), die gelebt werden wollen, um Sinnhaftigkeit zu generieren.

Das kybernetische Dreieck

Das kybernetische Dreieck (St. Galler Coaching Modell)

Beispiel

Ein Verkäufer definiert ein Coaching-Ziel, das da lautet: „Ich verdiene 1.000 Euro netto mehr pro Monat und erreiche das innerhalb von 12 Monaten.“

Die Hürde, die es zu bewältigen gilt, ist eine Umsatzvermehrung von 22 Prozent, was zwar realistisch, aber nur mit einem enormen Arbeitseinsatz möglich wäre. Konkret würde sich die Arbeitszeit des Verkäufers von derzeit 42 Stunden auf rund 54 Stunden erhöhen und ihn zur Samstagsarbeit zwingen.

Das könnte so nun gecoacht, eine Timeline ausgelegt, ein Modell dafür definiert, ein attraktives Meta-Ziel gefunden, das Ziel in Teilschritte zerlegt werden usw.

Wird aber nach dem Wert gefragt, der sich damit erfüllen soll, bzw. nach einer möglichen Wertverletzung, taucht überraschend Neues auf. Der Wert, der dieses Ziel steuert, heißt nämlich „Existenzsicherung“. Der Verkäufer verdient jetzt bereits gut, wird aber „getrieben“ von der Angst, wie er wörtlich und drastisch beschreibt, „irgendwann unter der Brücke zu landen.“ Die Nachfrage zeigt, dass dafür keinerlei rationale Gründe zu finden sind, er jedoch aufgrund seiner ärmlichen Kindheit diese Furcht in sich trägt und nun versucht, finanzielle Sicherheit anzuhäufen.

Dadurch bekommt das Coaching selbstredend eine völlig andere Richtung, es wird nicht mehr ein Geldthema begleitet, sondern eine (unbegründete) Angst. 

Die Frage nach dem Wert, der erfüllt oder vermehrt werden soll, führt in vielen Fällen zum Kern, anders gesagt, zu der Beantwortung der Frage, „um was es wirklich geht“.

Aus Erfahrung kann gesagt werden, dass Angst in einer Vielzahl von Themen wirksam ist, sich jedoch erst beim „Stöbern“ in der Tiefe der Persönlichkeit zeigt. Die Frage nach dem Wert und das Klären der dahinterliegenden Wertehierarchie können (unbewusste) Ängste (bzw. andere verborgene Treiber eines Themas) ans Tageslicht bringen.

Voraussetzungen & Kenntnisse

Systemisches Denken, Kenntnisse im Bereich der Arbeit mit Werten, Wertekonflikten und der Auflösung derselben.

Persönlicher Hinweis

Klienten neigen je nach Prozessverlauf dazu, neue/andere Werte zu wählen.

Einordnung des Tools in die Struktur des Coaching-Prozesses nach dem COACH-Modell

Phase 2 : Orientation – Inhaltliche Orientierung

Technische Hinweise

Die Dauer der Anwendung beträgt ca. 1,5 Stunden.

Benötigt werden Papier und Stifte mit denen ein konkretes Dreieck erstellt wird.

Es kann mit einem Aufstellungsbrett gearbeitet werden. Dies verdeutlicht dem Klienten den Zusammenhang zwischen seinen Zielen, den Hürden, die im Weg stehen, und dem Wert, um den es in Wirklichkeit geht.

Literatur

  • Ohnesorge, Doris & Fitz, Rudolf E. (2014). Wertorientierung und Sinnentfaltung im Coaching. Vorgehen und Praxisbeispiele nach dem St. Galler Coaching Modell. Wiesbaden: Springer Fachmedien.