Die eigenen Stärken und Fähigkeiten nutzen, soziale Verbundenheit und Gemeinschaft spüren sowie Werteübereinstimmung erleben – das sind i.d.R. Merkmale sinnstiftender Arbeit. Was im Kontext moderner, schnelllebiger und komplexer Arbeitswelten beinahe wie ein Traumbild anmutet, muss keine Idealvorstellung ohne Realitätsbezug bleiben. Denn Sinn in der Arbeit zu finden, ist kein Zufall, sondern ein Zusammenspiel aus …
Oft wird das Thema jedoch nicht mit Fokus auf den einzelnen Menschen, sondern aus Perspektive der rahmenden Institutionen im Sinne der Organisationsentwicklung betrachtet (z.B. bei Laloux, 2015). Die individuelle Sichtweise bleibt dann meist außen vor. Das Job-TIPI kann hier als Systematisierungs-Tool Abhilfe schaffen und für Klarheit sorgen, da es den Fokus auf „Arbeit mit Sinn“ für den einzelnen Akteur legt. Anhand einer Kategorisierung operationalisiert es die individuelle Vorstellung von sinnhafter Arbeit in Form eines Idealzustands. Auf diesen richten sich schließlich die festzulegenden Anschlussaktivitäten in Sachen berufliche (Weiter-)Entwicklung bzw. Veränderung.
Der Klient bzw. die Klientin befindet sich in einer Phase beruflicher Unzufriedenheit und/oder will sich jobtechnisch (bewusst perspektivisch) umorientieren und sucht hierzu nach Fokus und Klarheit. Dabei reicht das mögliche Kontinuum von …
Das Job-TIPI nimmt dabei sowohl den Sinn im täglichen (dienstlichen) Tun als Richtungsgeber und Kompass als auch die grundlegende Motivation (als Motor und Antrieb: Warum tun wir etwas?) in den Blick (siehe auch: von Devivere, 2021). Im Ergebnis soll schließlich eine höhere Motivation sowie größere Zufriedenheit entstehen.
Tipis bezeichnen im engeren Sinn kegelförmige Stangenzelte der nomadisch lebenden Jäger und Sammler in Nordamerika. Das Wort bedeutet – aus der Lakota-Sprache der Sioux stammend – so viel wie leben, hausen, verweilen. Ein typisches Tipi besteht aus drei (max. vier) Nadelholzstämmen, die an einem Kreuzungspunkt mit einem Seil verbunden sind. Dabei gilt die dreistämmige Variante als deutlich windstabiler, weshalb sie weiter verbreitet ist. Über den Stämmen liegt eine halbkreisförmige Plane mit Löchern, durch die eine Befestigungsschnur gezogen wird. (Wikipedia, 2025) Es entsteht eine stabile Konstruktion, die die Zeltbewohnenden vor zu viel Sonneneinstrahlung, Regen, Gewitter usw. schützt und ihnen somit ein vor negativen äußeren Einflüssen abgeschirmtes, sicheres Zuhause bietet. Das Job-TIPI impliziert im übertragenen Sinne ein behütetes berufliches Zuhause. Der Boden markiert den Sinn des Jobs für die bewohnende Person, impliziert eine hohe Zufriedenheit und Motivation und birgt somit diverse Vorteile für alle Beteiligten einer dienstlichen Beziehung: unter anderem eine langfristige Bindung zu- bzw. aneinander, Identifikation mit dem Job, höhere Leistungsbereitschaft etc.
Prinzipiell zählt das Job-TIPI zu den handlungsregulatorischen Modellen: Diese klassifizieren Arbeitsmerkmale typischerweise auf Basis handlungstheoretischer Grundlagen und betonen die Zielgerichtetheit von Handeln (Zapf & Semmer, 2004). Auch Ansätze, die Ressourcen in den Fokus rücken – verstanden als Faktoren, die Gesundheit und Entwicklungspotenziale fördern –, argumentieren in Richtung dieser Denkweise (Bamberg et al., 2003). Das Job-TIPI selbst verkörpert eine Alliteration und setzt sich aus den insgesamt vier zentralen Bestandteilen des Konzepts zusammen (s. Abb. 1). Die folgende Aufzählung der Unterpunkte erhebt dabei keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit und ist je nach Situation und Kontext flexibel zu ergänzen. Beispielsweise entfallen einige der Kategorien im Falle einer Selbstständigkeit statt eines Anstellungsverhältnisses, welches jedoch hier typischerweise angenommen wird. Die aufgelisteten Fragen dienen hierbei als Beispiele und Impulse im Rahmen des Coachings mittels Job-TIPI.
Abb. 1: Job-TIPI-Visualisierung (eigene Darstellung)
Die erste Zeltstange des Job-TIPIs umfasst den Bereich „T wie TÄTIGKEIT“ und betrifft damit die Arbeit selbst, also die einmaligen bis täglichen To-dos, das Aufgabenportfolio sowie Tätigkeitsspektrum, die Rolle(n) und Funktion(en) der Klientinnen und Klienten. Fragen in diesem Kontext können z.B. Quantitäts- wie auch Qualitätsaspekte in den Blick nehmen:
Die zweite Zeltstange markiert die Kategorie „I wie INSTITUTION“. Damit gemeint sind hier gewisse Rahmenbedingungen des Jobs, die den Kontext des Arbeitgebers bzw. der dahinterstehenden Organisation (sozusagen als umspannendes System) umfassen – in diesem Fall die sogenannten Hard Facts, die sich wiederum in zwei grundlegende Bereiche aufsplitten:
1. Allgemein von der Institution für alle Mitarbeitenden vorgegeben:
2. Auf die individuelle Situation/Anstellung bezogen:
Bei der dritten Zeltstange – „P wie PERSONEN“ – geht es ebenfalls um Rahmenbedingungen des Jobs. Hier richtet sich der Blick jedoch auf die zwischenmenschliche Beziehungsebene, also die Soft Facts (handelnde Akteure, Menschen sowie das Verhältnis zu diesen):
An der Stelle, an der die drei tragenden Zeltstangen oben zusammenkommen, sich kreuzen und miteinander zu Stabilitätszwecken verbunden sind, findet sich das „I wie ICH“. In dieser Komplettierung und Bündelung der wichtigsten Inhalte fungiert es sinnbildlich für das dahinterstehende Individuum. Wie bereits angedeutet, zielt das Job-TIPI im übertragenen Sinne auf ein stabiles und sicheres berufliches Zuhause. Der Boden stellt dabei den Sinn des Jobs für das ICH dar.
Abb. 2: Die zentralen Job-TIPI-Dimensionen (eigene Darstellung)
Die jeweiligen Vorlieben und Wünsche der Klientin/des Klienten werden Kategorie für Kategorie innerhalb der drei inhaltlichen Oberthemen des TIPIs (Tätigkeit – Institution – Personen) erfragt und festgehalten (z.B. auf Moderationskarten). Dabei kann das Job-TIPI z.B. mit Hilfe von farbigen Ampel-Markierungen (rot, gelb, grün) oder Smileys ergänzt werden. Diese können den aktuellen Zustand beim derzeitigen Job symbolisieren:
Eine weitere Option besteht darin, die Kategorien ggf. schon mit einer Hervorhebung zu versehen, was der Klientin/dem Klienten besonders wichtig und zentral erscheint (evtl. Bild der dicksten Zeltstange). Dies kann einen hilfreichen Ansatzpunkt in der Priorisierung der zu bearbeitenden Themenbereiche markieren.
Außerdem kann beispielsweise eine Art Schieberegler zur Verortung auf einem Kontinuum zwischen zwei relativ extremen, idealtypischen Endpunkten zum Einsatz kommen. Mögliche Gegenüberstellungen sind z.B.:
Hieraus lässt sich schließlich ableiten, wo der künftige Job verortet sein soll bzw. was im aktuellen Beschäftigungsverhältnis vordringlich verändert werden sollte, damit wieder höhere Zufriedenheit und Sinnstiftung empfunden werden. In der Gesamtschau ergibt sich eine Art ideales Job-Profil, welches einerseits als Prüfinstrument für die derzeitige berufliche Situation genutzt werden kann (Wo braucht es Nachjustierungen? Was sollte sich perspektivisch ändern?) oder aber andererseits als Maßstab und Leitplanke für eine künftige (Weiter-)Entwicklung und etwaige (Um-)Orientierung im beruflichen Kontext dient (Wohin soll die „berufliche Reise“ gehen? Was braucht es für eine hohe Zufriedenheit im Job?).
Durch die gewonnene Klarheit dank der Anwendung des Job-TIPIs ergibt sich folgende Relevanz für beispielhafte Handlungsansatzpunkte (Schwerpunktbildung, Herausheben von eigenen Präferenzen usw.): Auf der einen Seite benötigt es nicht immer sofort einen Jobwechsel als nächsten Schritt. Der Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen (Warum bin ich unzufrieden? Was würde mich stattdessen motivieren?) kann z.B. im ersten Schritt als Grundlage für eine Selbstreflexion und -offenbarung gegenüber der eigenen Führungskraft dienen. Im Sinne von sogenanntem Job Crafting als aktive Mitgestaltung der eigenen Arbeit hilft hier etwa ein Gespräch zu den Fragen: Wo drückt der Schuh? Was genau stört mich an der aktuellen Arbeitssituation? Wo habe ich Einflussmöglichkeiten – auch im Kleinen? Auf der anderen Seite vermag das Job-TIPI auch zu verdeutlichen, dass es womöglich eine berufliche Veränderung braucht – vom Abteilungswechsel über einen Karrieresprung bis hin zur Kündigung. Für diesen Fall eröffnet es diverse Optionen:
Bezogen auf das Selbst:
Bezogen auf den künftigen Job:
Bei der Anwendung dieses Tools sind ein hohes Maß an Empathie sowie Achtsamkeit seitens des Coachs hilfreich. Dabei setzt das Tool eine wertschätzende und nicht wertende Haltung des Coachs voraus. Eine breite Palette an unterschiedlichen Frageoptionen rundet einen verantwortungsvollen und zielorientierten Einsatz des Job-TIPIs ab.
Bei sehr klaren Vorstellungen/Wünschen der Klientinnen und Klienten kann direkt der ideale Soll-Zustand identifiziert werden. Oft lohnt sich jedoch eine vorgeschaltete explizite Analyse des aktuellen oder einzelner/sämtlicher bisheriger Jobs (Ist-Zustand). Aus dieser Bestandsaufnahme von Erfahrungswerten kann wiederum der ideale Soll-Zustand abgeleitet werden.
Eine sinnvolle inhaltliche Ergänzung – zu Zwecken der grundlegenden Selbstkenntnis des Klienten bzw. der Klientin – bildet das Vorab-Kartografieren seiner/ihrer jeweiligen (job-bezogenen) Wertelandschaft. Potenzielle Leitfragen sind z.B.: Welche Werte sind mir so wichtig, dass ich mich nie von ihnen abwenden würde? Welche Tätigkeiten lassen mich Raum und Zeit vergessen? Wofür setze ich mich ein, selbst wenn ich dafür Gegenwind ernte? Wann habe ich mich das letzte Mal so richtig lebendig bei der Arbeit gefühlt?
Je nach konkretem Einsatz sind erfahrungsgemäß mind. 90 Minuten einzuplanen. Das Coaching-Tool kann auch – je nach Intensität und Zielsetzung – über mehrere Sitzungen hinweg erarbeitet werden.
Außerdem ist es ratsam, Visualisierungsmöglichkeiten (Flipchart, Moderationskarten, Marker) zur Hand zu haben. Als Material genügt prinzipiell eine rudimentäre (dreidimensionale) Zeichnung zu Veranschaulichungszwecken des Funktionsprinzips. Bestenfalls verfügt der Coach über ein Tipi-Zelt zur besseren Visualisierung. Hierbei ist es als sinnvolle Erweiterung auf körperlicher Ebene denkbar, dass der Klient/die Klientin zur größeren Identifikation das Zelt selbst aufbaut, sich hineinsetzt und ins Spüren kommt. Ergänzend kann das Job-TIPI auch im Outdoor-Coaching eingesetzt werden, indem z.B. Äste oder Blätter als Konstruktionsmaterial dienen.