Viele Coaching-Prozesse arbeiten mit bewährten Methoden, klaren Fragen und starken Bildern und bleiben dennoch hinter ihrem Potenzial zurück. Ein häufiger blinder Fleck: Die Persönlichkeit der gecoachten Person wird zwar intuitiv „mitgedacht“, aber selten systematisch einbezogen.
Dabei zeigen Jahrzehnte der Persönlichkeitsforschung, dass die Persönlichkeit der Klientinnen und Klienten einen fundamentalen Einfluss auf praktisch jede Fragestellung im Coaching hat, egal ob es um beruflichen Erfolg, zwischenmenschliche Kommunikation oder den passenden Karriereweg geht – um nur einige Beispiele zu nennen.
Für Coaches, HR und Organisationen bedeutet das: Wer Coaching wirklich wirksam gestalten will, braucht neben einer sauberen Auftragsklärung vor allem eine fundierte Persönlichkeitsdiagnostik und einen klaren Plan, wie diese Ergebnisse mit klassischen Methoden verknüpft werden. Genau hier setzt der persönlichkeitsorientierte Coaching-Ansatz an.
Um den Mehrwert von Persönlichkeitsdaten im Coaching zu verstehen, lohnt sich eine Trennung, die in der Praxis häufig verschwimmt: Persönlichkeit vs. Verhalten.
Big-Five-Merkmale – Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus, und Offenheit für Erfahrungen (siehe z.B. Ebner & Konrad-Ristau, 2018) – beschreiben Denk-, Fühl- und Verhaltensneigungen über Situationen und Zeit hinweg. Sie fragen also eher: Wie bin ich grundsätzlich unterwegs? Konkretes Verhalten in einer Situation ist dagegen das Resultat aus Persönlichkeit, Kontext und gelernten Strategien. Für Coaching heißt das:
Wer im Coaching versucht, grundlegende Persönlichkeitszüge „wegzucoachen“ (z.B. Extraversion oder emotionale Sensibilität), arbeitet gegen stabile Dispositionen und erzeugt oft Frustration. Zielführender ist es, Verhaltensoptionen zu entwickeln, die zur Persönlichkeit passen, statt sie zu negieren. Eine Big-Five-basierte Persönlichkeitsanalyse bietet hierfür einen strukturierten Ausgangspunkt, bestenfalls in Form eines wissenschaftlich geprüften Persönlichkeitstests mit klar dokumentiertem Gütenachweis.
Viele gängige Coaching-Methoden greifen bereits Konzepte aus der Persönlichkeitspsychologie auf, meist jedoch implizit und ohne saubere Verbindung zu konkreten Persönlichkeitsdaten. Nachfolgend einige bekannte Beispiele:
Das Modell des Inneren Teams nach Schulz von Thun (1998) beschreibt innere Anteile als „Teammitglieder“, die unterschiedliche Bedürfnisse und Impulse vertreten. In der Praxis erleben Coaches dann etwa „die Leistungsorientierte“, „den Harmoniesucher“ oder „die Skeptikerin“.
Verbindet man diese Stimmen mit Big-Five-Facetten, entsteht zusätzliche Klarheit: Eine sehr prinzipienorientierte, gewissenhafte Person wird andere innere Konflikte erleben als jemand, der stark offen für Neues und risikofreudig ist. Ein datenbasiertes Persönlichkeitsprofil kann hier Hinweise geben, welche „Stimmen“ vermutlich besonders laut sind und welche wichtige, aber leise Ressourcenstimme bisher zu wenig Gehör findet.
Arbeit an Glaubenssätzen gehört zum Standardrepertoire gängiger Coaching-Ansätze und ist in der kognitiven Verhaltenstherapie seit Langem verankert: Kernüberzeugungen über das Selbst, andere und die Welt steuern Wahrnehmung und Verhalten. Typische Beispiele wie „Ich muss es allen recht machen“ oder „Ich darf mir keine Schwäche erlauben“ lassen sich häufig mit bestimmten Persönlichkeitstendenzen und Motiven verknüpfen, wie etwa hoher Verträglichkeit, ausgeprägter Leistungsorientierung oder starkem Bedürfnis nach Anerkennung.
Ähnliches gilt für die bekannten fünf Antreiber („Sei perfekt!“, „Beeil dich!“, „Mach es allen recht!“, „Streng dich an!“, „Sei stark!“): Sie sind keine isolierten Phänomene, sondern spiegeln oft das Zusammenspiel aus Motiven und Big-Five-Merkmalen wider. Ein systematischer Abgleich mit dem Persönlichkeitsprofil kann helfen, besonders wirksame Antreiber zielgerichtet zu identifizieren und ihren Nutzen wie auch ihre Schattenseiten zu bearbeiten.
Das Werte- und Entwicklungsquadrat (Schulz von Thun Institut für Kommunikation, 2025) macht sichtbar, wie jede Stärke ins Problem kippen kann, wenn ihr ausgleichender Gegenpol fehlt. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn Sparsamkeit zu Geiz wird oder Veränderungsbereitschaft in Aktionismus umschlägt.
Persönlichkeitsdaten helfen hier, die Herkunft zentraler Werte zu verstehen: Hohe Wettbewerbsorientierung, starke Prinzipienorientierung oder ausgeprägte Harmoniebedürfnisse schlagen sich häufig in den Wertequadraten nieder. Auf Basis eines Big-Five-Profils lassen sich plausible Werte-Paare ableiten, die im Coaching vertieft werden können.
Modelle der Stress- und Coping-Forschung (z.B. Lazarus & Folkman, 1984) unterscheiden zwischen problemorientiertem und emotionsorientiertem Coping. Menschen unterscheiden sich darin, welche Strategien sie bevorzugen und diese Präferenzen sind eng mit Persönlichkeitsmerkmalen verknüpft, z.B. Stressresistenz, Vertrauensorientierung, emotionale Stabilität.
Wenn ein Persönlichkeitsprofil Hinweise auf typische Coping-Muster liefert, können Coach und Klientin bzw. Klient gezielt prüfen, in welchen Situationen diese Strategien hilfreich sind und wo es sinnvoll wäre, das Verhaltensrepertoire zu erweitern.
In der Praxis stützen sich viele Coaching-Prozesse auf Intuition, Beobachtung und Selbstbeschreibung. Das ist wichtig, reicht aber oft nicht, um Persönlichkeit konsistent über Sitzungen und Themen hinweg zu berücksichtigen. Eine professionell erhobene, Big-Five-basierte Persönlichkeitsanalyse bietet hier mehrere Vorteile:
Für Coaches, HR und Personalentwicklung ergibt sich daraus ein klarer Weg: Persönlichkeitsanalyse nicht als „Extra“ oder Marketing-Baustein verstehen, sondern als verbindendes Fundament, auf dem Coaching-Methoden zielgerichtet ausgewählt und zugeschnitten werden.
Für Coaches, interne HR-Bereiche und Führungskräfte, die mit externen Coaches arbeiten, lassen sich einige praktische Fragen ableiten:
Organisationen, die Coaching strategisch einsetzen, können diese Fragen in ihre Auswahl von Coaches und Tools einbauen, etwa indem sie persönlichkeitsorientiertes Arbeiten explizit als Qualitätskriterium definieren. Am Ende geht es um eine einfache, aber folgenreiche Verschiebung: weg von Methoden, die Persönlichkeit intuitiv einbeziehen, hin zu Coaching, das konsequent von der Persönlichkeit der gecoachten Person ausgeht.