Coach und Klient – auf Augenhöhe?

Pro- und Kontra-Argumente

Coach und Klient – auf Augenhöhe?
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PRO

Qualität von Coaching-Prozessen steuern

von Dr. Michael Loebbert


Im therapeutischen und medizinischen Kontext werden Krankheitsbilder, welche durch therapeutische Maßnahmen verursacht sind, als „vom Arzt erzeugt“ (griechisch: iatrogen) bezeichnet. Die Anwendung des Konzepts auf Coaching als helfende Beziehung – ohne dabei allerdings das ärztliche Handlungsmodell zu übernehmen – ermöglicht die Unterscheidung von möglichen Fehlern und von Steuerungsperspektiven für die Qualität von Coaching-Prozessen. Dabei lassen sich drei Aspekte unterscheiden:

Beabsichtigte negative Folgen

„Als Coach werde ich niemals mit einem Klienten sexuellen Kontakt aufnehmen oder pflegen“ (ICF). Solche ethischen Richtlinien werden von fast allen Berufsverbänden für ihre Mitglieder aufgestellt. Du sollst nicht! – heißt es schon im Alten Testament. Jede helfende Beziehung ist in Bezug auf die Verteilung von Steuerungsmöglichkeiten asymmetrisch. Und Sex in asymmetrischen Beziehungen wird vom schwächeren Partner als Missbrauch erlebt und hat seelische Traumata zur Folge. Gleiches gilt für die Erzielung von wirtschaftlichen und sozialen Vorteilen auf Kosten von Klientinnen und Klienten. Das moralische Verdikt steuern Berufsverbände, Öffentlichkeit und Justiz. Beim Verstoß dagegen muss böse Absicht unterstellt werden: Der Coach wird aus dem Berufsverband ausgeschlossen.

Unbeabsichtigte negative Folgen

Sie sind schwieriger zu beurteilen und zu steuern. Je nach Theoriehintergrund wird eine Entwicklung des Klienten eher als Schaden oder als positive Nebenwirkung beurteilt. Einigkeit in der Professional Community dürfte darüber herrschen, dass Klienten im Einzel-Coaching nicht in psychotische Episoden geschickt werden sollten, zum Beispiel durch Konfrontation und Abwertung oder durch die Fehleinschätzung der prekären Lebenssituation des Klienten. Und wenn dies dann doch geschieht, werden wir in der Regel von einem Fehler des Coachs sprechen, der nicht in der Lage war, Signale richtig zu erkennen und angemessen zu intervenieren. – Seit Sigmund Freud das Modell von Übertragung und Gegenübertragung für helfende Beziehungen entwickelt hat, haben wir gute Gründe anzunehmen: Die Grenzen des Coaching werden (auch) durch die Grenzen des Coachs bestimmt. Das sind die Grenzen von Theorien, Werkzeugen, Kenntnissen und Erfahrungen des Coachs in der grundsätzlichen Begrenztheit menschlichen Könnens und Handelns. „Unbeabsichtigt“ hat dann aus dieser Perspektive zwei Bedeutungen:

  • Dilettantismus: „Ich wusste es nicht, weil ich den State of the Art nicht kenne“. Hier geht es um Ausbildung, Qualitätsmanagement, Supervision und Anschluss an die Professional Community.
  • Mangelnde Reife des Coachs: Hier geht es um ethische Tugenden, wie Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Selbstkritik, Mut und Bescheidenheit in der Wahrnehmung der eigenen Grenzen.

Nicht vermeidbare Nebenwirkungen

Aus der Sicht helfender Berufe ist ein wichtiger Fokus der Leistungen und Interventionen immer die Erhöhung der Freiheitsgrade und die Verbesserung der Selbststeuerung der Kunden. Das kann zu einem Zieldilemma führen: Einerseits soll die Selbststeuerung durch Coaching erhöht und verbessert werden. Andererseits kann die Verbesserung der Selbstkompetenz den Klienten oder auch ein Team dazu führen, sich ein anderes Tätigkeitsfeld zu suchen.

Diese im bestimmten Fall nicht vermeidbare Nebenwirkung von Coaching sollte vorher mit dem Auftraggeber thematisiert werden. Nicht vermeidbare Nebenwirkungen von Coaching in Organisationen sind auch kulturelle Irritationen, insbesondere von Command-and Control-Kulturen. Darauf sollte vor der Übernahme des Beratungsmandats vom Coach aufmerksam gemacht werden.

Coaching auf Augenhöhe ist Ausgangspunkt und Ziel in jedem gelingenden Coaching-Prozess. Die „Risiken und Nebenwirkungen“ der dafür notwendigen und unvermeidbaren Asymmetrie in der Beratungsbeziehung sollten im moralischen, professionellen und geschäftlichen Sinn gesteuert werden.

KONTRA

Mit dem Vertrauenskapital angemessen umgehen

von Christian Kyburz

Ein professionelles Coaching nimmt man dann in Anspruch, wenn man auf dem Weg seiner aktiven Selbst-Entwicklung auf sich alleine gestellt nicht weiter kommt. Je mehr man seine Person als Ganzes in das Coaching einbringt, desto mehr begibt man sich auch vertrauensvoll in die Hände des Coachs. Dadurch entsteht fast automatisch eine Form von psychischer Abhängigkeit – und damit auch die Gefahr, dass diese ausgenutzt wird.

Umso wichtiger ist es, dass der Coach sich dieser Situation bewusst ist und dass er sehr sorgfältig damit umzugehen versteht! Ein professioneller Coach muss zwingend über ein hinreichendes Maß an Selbsterfahrung verfügen, um sich der eigenen Muster und Defizite bewusst zu sein, damit er mit dem „Vertrauenskapital“ der Klienten angemessen umgehen kann. Er muss dann hellhörig werden, wenn er unterschwellige Botschaften wahrnimmt, die er nicht genau deuten kann.

Der Klient muss bereit sein, sich auf einen offenen Prozess einzulassen, und er muss dem Coach trauen, dass dieser ihm in Aspekten der eigenen Entwicklung Unterstützung bietet, die er nicht vorausschauend beurteilen kann. Zudem ist es ist schlicht unmöglich, mit den eigenen, in langen Jahren angeeigneten Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmustern genau diese Muster ohne professionelle Unterstützung zu transformieren – insbesondere, wenn man sich ihrer gar nicht bewusst ist. Dies wiederum ist umso schwieriger, als der Klient in seinem bisherigen Leben sehr erfolgreich Strategien entwickelt hat, um gar nicht erst „Gefahr zu laufen“, sich seiner Muster oder deren Hintergründe gewahr zu werden, selbst wenn diese inzwischen völlig überholt sind.

Wenn nun ein Coach bewusst oder unbewusst auf seine Klienten nicht adäquat reagieren kann, weil er beispielsweise selber noch zu viele eigene „Baustellen“ oder „blinde Flecken“ hat, oder er eigene Erfahrungen von Verstrickung oder Ausnutzung nicht angemessen verarbeitet hat, dann entsteht eine latente bis akute Gefahrensituation, die zur Ausnutzung des Klienten führen kann.

Als Coach muss ich mir also unbedingt Rechenschaft darüber ablegen, was mein fachliches Verständnis von riskanten Abhängigkeiten und psychischen Misshandlungen ist, welche Erfahrungen ich selber gemacht habe, wie ich diese verarbeitet habe und wie ich vorgehe, wenn ich in einem Coaching gewahr werde, dass sich unangemessene Einstellungen oder Verhaltensweisen eingeschlichen haben. Zu nennen seien das „Helfersyndrom“, Machtdemonstrationen, Übergriffe in den privaten Bereich oder Intimitäten und anderes.

Die Folgen sind unabsehbar. Der Abbruch des Coaching ohne Erfolg ist dabei keineswegs der größte Schaden. Viel schlimmer ist es, wenn bestehende (subtile) Traumatisierungen noch verstärkt werden und der Klient vor passender professioneller Begleitung abgehalten wird. Oder es kann eine Verstrickung entstehen, die zu einem lang andauernden Coaching ohne wirklichen Erfolg führt.

Leider ist es immer noch so, dass diesen Aspekten in Lehre und Praxis zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt werden! So streifen die Ethik-Richtlinien der Coaching-Verbände das Thema zwar am Rande, gehen aber nicht explizit darauf ein. In Coaching-Ausbildungen muss dafür sensibilisiert werden. Ein Coaching-Schnellkursus zur Aneignung eines Coaching-Methodenpaketes reicht dafür bei Weitem nicht aus. Und Coachs sollten sich in kontinuierliche professionelle Supervision begeben.

Als Klient muss ich dem Coach vertrauen können. Das enthebt mich nicht der eigenen Verantwortung. Daher sollte ich sorgsam sein und bleiben: Wurde der Coach von einer vertrauenswürdigen Person empfohlen? Wie wirkt er beim Erstkontakt? Ging er dabei auf die Vertrauensthematik ein? Ist für beide Seiten klar, was im Coaching Platz hat und wo die Grenzen sind? Mit Vorteil hält der Klient die wichtigsten Aspekte der einzelnen Coaching-Sessions in einem Notizheft fest und legt sich dabei Rechenschaft darüber ab, was im Coaching gelaufen ist.

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