Coaching und Erkenntnisprozesse

Denkwerkzeuge der Wissenschaft

Coaching und Erkenntnisprozesse
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Wer als Coach tätig ist, fördert Erkenntnisprozesse bei Klienten. Kann es dabei "gute" und "schlechte" Erkenntnisse geben? Einen hilfreichen Maßstab bildet die nicht selten als praxisfern gescholtene Wissenschaft.

"Wenn es einem gut tut, kann man auch an Engel glauben", meinte ein Coach vor nicht allzu langer Zeit auf einer öffentlichen Veranstaltung. Diese "Wer heilt hat recht"-Mentalität ist leider weit verbreitet. Für sich genommen scheint sie zunächst harmlos und eventuell sogar hilfreich. Des Menschen Wille ist bekanntermaßen sein Himmelreich  – warum also nicht an Engel glauben, wenn es irgendjemandem hilft? Dafür gibt es mehrere Gründe:

So fördert eine "Glaub-was-du-willst"-Einstellung schlicht und ergreifend Beliebigkeit. Dies ist deshalb fatal, weil man dann an alles Mögliche glauben kann und dabei Fakten ignoriert und eine Überprüfung scheut  – das fliegende Spaghettimonster überzeichnet diese Haltung wunderbar plastisch. Zwar ist es schön, eine weitreichende Fantasie zu besitzen und zu benutzen. Wer aber an alles glaubt, was ihm gerade situativ nützlich erscheint, nimmt sich nicht nur einen ordnenden Maßstab, sondern ignoriert auch, dass aus Einstellungen Konsequenzen erwachsen. Und wenn diese ähnlich unreflektiert wie ein "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt" sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zu folgenreichen und unerwünschten Nebeneffekten dieses geistigen Opportunismus kommt.

Auch ein "Hauptsache es funktioniert" kann im Kern verantwortungslos sein und zeugt eher von Bequemlichkeit als von Fantasie. Wer seine Handlungen nicht versteht und statt überprüfter Thesen zu dahinterliegenden Wirkmechanismen einfach ein "wird schon gut gehen" erhofft, sollte in seinem und im Interesse der Klienten über fundiertere Alternativen nachdenken.

Wissenschaftstheorie

In der Wissenschaftstheorie gibt es dazu etablierte und logische begründbare Denkwerkzeuge. Ein grundlegendes Prinzip ist "Ockhams Rasiermesser". Dabei handelt es sich um das Sparsamkeitsprinzip. Es besagt, dass der einfachsten Theorie der Vorzug zu geben ist, die (im Vergleich zu anderen Theorien) in der Lage ist, einen Sachverhalt zu erklären. Außerdem sollte diese Theorie die einfachsten bzw. geringst möglichen Vorannahmen beinhalten. Oder anders formuliert: Je ausufernder die Vorannahmen und je komplexer die Zusammenhänge innerhalb einer Theorie sind, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit, dass die Theorie zu bevorzugen ist.

Wissenschaft muss also gar nicht schwer sein – mal abgesehen davon, dass es zuweilen nicht einfach ist, eine vergleichsweise einfache Erklärung für komplexe Phänomene zu finden.

Ein weiteres hilfreiches und grundlegendes Denkwerkzeug ist der maßgeblich von Karl Popper entwickelte Kritische Rationalismus. Popper ging davon aus, dass das Finden von "Wahrheit" (im Sinne eines sicheren Wissens) kaum möglich und auch nicht Ziel der Wissenschaft sei. Im Kern geht es vielmehr darum, aufgestellte Annahmen (die Hypothesen) stets kritisch in Frage zu stellen, um so bessere Hypothesen zu finden. (In diesem Sinne ist ein System logisch zusammengehöriger und überprüfter Hypothesen übrigens als "Theorie" anzusehen.) Dieser Erkenntnisprozess endet faktisch nicht. Wissenschaftler wie auch Coachs sind daher gut beraten, ihre Thesen nicht in Form von unwiderlegbaren Dogmen zu formulieren, sondern eine Theorie so zu konstruieren, dass sie – zumindest grundsätzlich – auch widerlegt werden kann, wenn sie falsch sein sollte. Nicht ohne Grund heißt es "Flirte mit der Hypothese  – aber heirate sie nicht".

Ein fundamentaler Vorteil einer wissenschaftlichen Theorie ist daher nicht ihre uneingeschränkte Gültigkeit – dann wäre es keine Theorie, sondern ein Dogma –, sondern eben gerade ihre Widerlegbarkeit. Dass manche wissenschaftlichen Theorien sich als falsch erwiesen haben, ist daher keine Schwäche, sondern ein Beleg für die Gültigkeit dieses Erkenntnisprinzips.
Aus einer brauchbaren Theorie lassen sich außerdem Vorhersagen ableiten. Wenn diese Vorhersagen bei einer Überprüfung eintreffen, spricht zunächst nichts gegen die Theorie. Jedoch genügt bereits eine falsche Vorhersage, um die Theorie (oder eine ihr zugrundliegende Hypothese) in Frage zu stellen, ggf. zu modifizieren und sogar ganz zu verwerfen. Dies ist aber keine Behinderung von Erkenntnis, sondern deren Grundlage. Esoteriker und lernunwillige Dogmatiker glauben hingegen gerne an "Theorien", die alles erklären und nicht widerlegbar sind. Eine solche Haltung schafft nicht Erkenntnis, sondern fördert selbstgefällige Ignoranz.

Bezogen auf das o. g. Engel-Beispiel zeigt Ockhams Rasiermesser deutlich, dass die Existenz von Engeln offensichtlich recht umfassende Vorannahmen erfordert, was dem Sparsamkeitsprinzip entgegensteht. Es dürften sich wesentlich einfachere Erklärungen für Phänomene finden lassen, in denen Engel als Ursache angenommen werden.
Darüber hinaus müsste im Sinne des Kritischen Rationalismus die Engel-Annahme überprüfbar sein. Die Frage ist: Wie soll dies geschehen? Jeder Versuch einer wissenschaftlichen Kriterien genügenden Überprüfung dürfte in der Widerlegung der Annahme enden. Von Esoterikern werden daher dann gerne Ausnahmetatbestände geltend gemacht. Da also ohne weiteres eine Überprüfung nicht möglich sein dürfte, kann die Annahme – nicht einmal grundsätzlich – widerlegt werden. Und somit handelt es sich nicht um eine Theorie, sondern um ein Dogma. Und ob damit ein Erkenntnisfortschritt zu erzielen ist, darf bezweifelt werden.

Aber auch ganz praktisch gesehen, kann die Engel-Annahme schlicht und ergreifend gefährlich werden. Wer z. B. glaubt, einen Schutzengel zu besitzen, könnte ein Risikoverhalten an den Tag legen, das im Straßenverkehr für sich und andere verhängnisvoll enden kann. Nicht selten kommt die Erkenntnis, falsch gelegen zu haben dann zu spät und auf bittere Weise.

Ein anderes Beispiel: "Wer heilt hat Recht" – es mag Fälle geben, in denen das zutrifft. Als allgemeine Regel ist der Satz jedoch nicht geeignet. Häufig genug wird mit diesem "Argument" die Kausalität in grotesker Weise auf den Kopf gestellt. Der gleichen "Logik" folgend könnte man dann auch die Annahme aufstellen, dass das abendliche Zähneputzen am nächsten morgen für den Sonnenaufgang verantwortlich ist (eine Theorie, die 365 Tage im Jahr bestätigt werden konnte!). Es reicht also nicht, zu beobachten und Zusammenhänge anhand von Korrelationen herzustellen, sondern man benötigt auch hier überprüfbare Annahmen über Ursache und Wirkung.

Interessanter wäre daher zu wissen, welcher Ursache bzw. welchem Wirkungsmechanismus eine Verbesserung zu verdanken ist. Was den Bereich "Heilung" anbelangt, wirken bekanntermaßen auch Placebos. Sie wirken jedoch nicht nur dahingehend, dass z. B. ein wirkungsloses "Medikament" Effekte erzielt; der Glaube, dass eine (grundsätzlich wirksame) Maßnahme nicht helfen wird, kann auch verhindern, dass eine Verbesserung eintritt. An so einer Stelle können "Nebeneffekte" gefährlich werden.

Wenn man eine Heilung oder Verbesserung also einer bestimmten Substanz oder einer bestimmen Intervention zuordnet, tatsächlich hingegen der Placebo-Effekt ursächlich ist, kann der größte Unfug dank "Wer heilt hat Recht" zur wirksamen Maßnahme aufgeadelt werden. Und leider kann derartiges auch in der Coaching-Szene beobachtet werden. Teilweise werden abenteuerliche Methoden und Vorgehensweisen mit Hinweis auf tolle Wirkungen propagiert und Erfolgsversprechungen abgegeben, die an Wahlkampf erinnern.

Ignorant wäre es hingegen von der Wissenschaft, einen offensichtlichen Effekt zu ignorieren, der replizierbar im Doppelblindversuch auftritt. Im Falle des Placebo-Effektes bedeutet dies, sich genauer damit auseinander zu setzen, wie dieser funktioniert, damit die ihm zugrundeliegende Ursachen und Wirkungsmuster präziser verstanden und genutzt werden können und dies nicht nur dem Zufall unterliegt.

Fazit 

Will ein Coach Erkenntnis fördern, sind auch Grundprinzipien der Erkenntnisgewinnung beim Klienten zu reflektieren. Wer aus Unfähigkeit, mangelndem Wissen, geistiger Bequemlichkeit oder Anbiederung eine Pippi-Langstrumpf-Logik im Coaching akzeptiert, erweist dem Klienten einen Bärendienst. Und disqualifiziert sich selbst als Coach.

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Literatur