Das Personzentrierte Zwei-Kräfte-Modell

Weshalb Coaches mehr benötigen als ein breites Methodenrepertoire

Das Personzentrierte Zwei-Kräfte-Modell
© Foto: Sirichai Puangsuwan/Shutterstock.com

Im Coaching gilt es, den Klienten dort abzuholen, wo er steht. Der vorliegende Beitrag thematisiert die Frage, welche Handlungsmaxime ein Coach beherzigen sollte, will er diesen Grundsatz befolgen, und bietet ein Modell an, das auf der personzentrierten Theorie von Carl R. Rogers basiert. Nicht die Tools und Methoden, die ein Coach verwendet, sind demnach von zentraler Bedeutung. Noch wichtiger als die gewählte Intervention sind die Wahrnehmung der Resonanz des Klienten auf ebendiese und die Fähigkeit, das eigene Handeln flexibel anzupassen.

Zwei Fragen begleiten wohl jedes Coaching: Was ist das Thema hinter dem Auftrag und wie kann der Klient dort abgeholt werden, wo er gerade steht? Dabei konnte in vielen Forschungen bestätigt werden, dass zur Beantwortung dieser Fragen, durch den Coaching-Prozess hindurch, das Denken, Fühlen und Verhalten gleichermaßen angesprochen werden müssen und ebenso, dass es nicht bestimmte Methoden und Techniken sind, die den entscheidenden Entwicklungsschub auslösen (Grawe, 2000; Rogers, 1942; 2009; Yalom, 2019). Techniken und Interventionen sollten daher flexibel dem Klienten angeboten werden und auf dessen Reaktion wiederum flexibel reagiert werden können. Und um diesem Anspruch nachzugehen, reicht es nicht aus, dass der Coach über ein Methodenrepertoire verfügt. Stattdessen gilt vor allem: „Wir müssen uns anhören, was die Klienten uns zu sagen haben (…). Letztendlich müssen wir ein wohldurchdachtes (…) Vorgehen entwickeln, das uns die Flexibilität ermöglicht, die wir brauchen, um mit der unendlichen Vielfalt menschlicher Probleme sinnvoll umzugehen.“ (Yalom, 2019, S. 108ff)

Doch worauf sollte der Coach hören, wie kann er seine Flexibilität erhalten und im passenden Augenblick am Wahrgenommenen intervenieren, anstatt „vorzurennen“ oder „zurückzubleiben“? Und wie können die Eigenarten einer Person konstruktiv in den Prozess integriert werden?

Um diese Fragen zu beantworten, nimmt das Personzentrierte Zwei-Kräfte-Modell (PKM) (Hellwig, 2020) die psychodynamischen Wechselwirkungen in den Fokus. Die zwei Kräfte stehen darin gleichbedeutend für die sich gegenseitig beeinflussende psychische Energie von Coach und Klient. Es wird gefragt, wie diese Energie im Hier-und-Jetzt wirkt (siehe Abb.). Das PKM ist damit ein Wirkungs- und Anwendungsmodell, mit dem individuelle Besonderheiten des Klienten derart wahrgenommen und integriert werden können, dass ihm seine Umsetzungs- und Veränderungsenergie für das Coaching-Thema zugänglich gemacht werden kann.

Das Personzentrierte Zwei-Kräfte-Modell

Abb.: Das Personzentrierte Zwei-Kräfte-Modell (nach Hellwig, 2020)

Die Personzentrierte Theorie

Das theoretische Fundament dieses Modells bildet die Personzentrierte Theorie von Carl R. Rogers (z.B. 1976; 2009). Es ist das maßgebliche Verfahren der humanistischen Psychologie mit ihrem festen Glauben an eine konstruktive Entwicklungskraft im Menschen. Im Verlauf seiner Theoriebildung und Forschungen hatte Rogers sechs Bedingungen für Beratungsgespräche erkannt ( Hellwig, 2016), unter denen Personen ihre Ressourcen selbstwirksam entwickeln können. Dabei sind es drei Merkmale, die für die Ressourcenaktivierung das Fundament bilden, die Rogers formulierte: Der Coach sollte (1) empathisch das Übermittelte des Klienten verstehen können, (2) ihm wertschätzend begegnen und dabei selbst (3) kongruent bleiben (Rogers, 2009). In ihrer Kombination sind sie das „Beziehungsangebot“ des Coachs: Jede Person benötigt zur Weiterentwicklung die Sicherheit einer wertschätzenden, akzeptierenden Beziehung, in der sie sich ohne Gefahr von Bewertungen und fremden „besseren“ Wissen über die eigene Person konstruktiv selbstkritisch mit sich auseinandersetzen kann. Rogers „Beziehungsangebot“ ist die förderliche Energie im Zwei-Kräfte-Modell: Sie begünstigt die Selbstwirksamkeitsüberzeugung als übergreifende Ressource (Bandura, 1997; Herriger, 2006) und fördert damit das gegenseitige Vertrauen. Diese drei Beziehungsbedingungen sind im PKM Handlungsstrategie und Haltungsanspruch gleichermaßen (Hellwig, 2016; 2020).

Die augenscheinliche Einfachheit und Selbstverständlichkeit dieser drei Bedingungen sind es jedoch auch, durch die sie zu einem Axiom für Beratungsgespräche geworden sind. Doch: Ihr volles Potential nutzen sie nur in ihrer Triade und nur in Kombination mit weiteren drei Bedingungen. Es sind (1) die Qualität und die Besonderheit der Kontaktgestaltung sowie die aktuellen (2) Empfindlichkeiten (Inkongruenzen), die mit dem Coaching-Anlass und -Thema einhergehen, und die (3) Resonanz: wie der Klient auf das Beziehungsangebot reagiert. Dabei zeigen sich die Inkongruenz, Kontakt- und Resonanzfähigkeit des Klienten als Teil seines Selbsterlebens und in der Konsequenz in seiner Selbstexplorationsfähigkeit, der Fähigkeit zur holistischen Selbstanalyse. Mit diesen Eigenheiten ist der Klient die zweite Kraft im PKM.

Diese sechs Bedingungen sind im Verlauf des Coachings folgendermaßen aufeinander bezogen: Wie geht der Klient in Kontakt? Was macht seine Inkongruenz (sein Thema) aus? Kann der Coach auf die Person und ihr Thema kongruent reagieren? Wie gibt der Coach das Verstandene wertschätzend und empathisch zurück? Wie reagiert der Klient auf seine Interventionen? Dieser linear geschilderte Verlauf ist im PKM in ein psychodynamisches Prozessmodell integriert, mit dem die Wirkung und die Handhabung der entstehenden Wechselwirkungen verdeutlicht werden. Denn: Keine Person ist ohne ihr psychologisches Mitwirken erreichbar – der Klient muss sich auch entwickeln wollen (Rogers, 1983). Das PKM will daher für das gegenwärtig erreichbare Selbst-Erleben des Klienten sensibilisieren, um „mit dem Klienten gehen“ zu können.

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