Personzentrierte Systemtheorie

und ihre praktische Bedeutung im Coaching

Personzentrierte Systemtheorie
© Foto: Silberkorn/Shutterstock.com

Im Coaching kommt es vor, dass Klienten eine Veränderung anstreben, es ihnen jedoch schwerfällt, „bewährte“ Muster zu überwinden. Um hier anzusetzen, ist es wichtig, zu verstehen, wo diese Muster herrühren. Sie gehen auf das dynamische Zusammenwirken häufig unbewusst ablaufender Prozesse zurück – psychischer, interpersoneller, kultureller und körperlicher Prozesse. Die Personzentrierte Systemtheorie tritt an, dieser Komplexität konzeptionell gerecht zu werden.

Wenn Klient und Coach gemeinsam arbeiten, findet ein „engagierter Austausch von Wirklichkeitsbeschreibungen“ statt (v. Schlippe et al., 1998). Es werden Bilder von Vergangenem und Zukünftigem, von Wünschen und Zielen, von Belastungen und Konflikten, von Ressourcen und Lösungen und vielen anderen Aspekten des Lebens gezeichnet. Grundlegendes Ziel der Arbeit ist es ja, die Selbststeuerungsfähigkeit des Klienten trotz der wahrgenommenen Probleme und Kompetenzeinschränkungen (wieder) zu verbessern. Egal, was in der Realität auch immer vorliegen mag: Die Veränderungen müssen zunächst in den Prozessen des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens, Entscheidens im Hinblick auf weiteres Handeln erreicht werden.

Kein Wunder also, dass sehr viele Konzepte und Tools auf diese psychischen Prozesse fokussieren. Blättert man die Coaching-Magazin-Ausgaben der letzten Jahre durch, so findet man viele ausgezeichnete Beiträge dazu, wie für Veränderungen auf dieser Ebene anzusetzen ist. Sei es der Einsatz von Inneren Bildern und intuitivem Wissen (Matthias Blenke, 1/2010), die Förderung von Selbststeuerungs-Techniken (Mechtild Erpenbeck, 4/2017), die Veränderung des Bezugsrahmens durch Reframing und Metaphern (Ulrich Dehner, 2/2008), das narrative Arbeiten mit Geschichten und Metaphern (Michael Müller, 3/2014), der Einsatz von Kunst und ähnlichen kreativen Medien (Barbara Johnson & Hannes Jahn, 2/2014), die Arbeit mit dem „Inneren Team“ nach Schulz v. Thun (Werner Luksch, 4/2015) oder das „Tetralemma“ von Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer (Dorothe Fritzsche, 3/2012) – um einige exemplarische Beiträge zu nennen.

Bei genauerer Betrachtung dieser Ansätze wird allerdings deutlich, dass sie jeweils weit über den Fokus auf psychische Prozesse hinausreichen. Dies ist auch angemessen, denn der Klient ist ja in vielfältige weitere Prozesse in der Realität seines Lebens und Erlebens eingebunden. Die Interaktionsstrukturen am Arbeitsplatz und in der Familie, der Einfluss von Massenmedien, sozialen Netzwerken und kulturellen Normen, seine körperliche Befindlichkeit einschließlich der verkörperten Biographie: All dies wirkt sich hier und jetzt auf sein Fühlen und Denken, sein Wahrnehmen, Entscheiden und Handeln aus. Auch wenn ihm vieles davon aktuell gar nicht bewusst ist.

Selbst wenn wir somit aus der Vielfalt dieser realen Prozesse nur eine einzelne Ebene künstlich und analytisch herausnehmen und nur das psychische Geschehen des Klienten betrachten, so ist dieses eben dennoch durch die Wirkungen aus körperlichen, interpersonellen und kulturellen Prozessen mit beeinflusst. 

Und diese Einflüsse auf das psychische Geschehen werden eben im „Inneren Team“ oder im „Tetralemma“ deutlich; sie beeinflussen die Prozesse bei künstlerischer, kreativer und narrativer Arbeit; sie zeigen sich in den Metaphern und inneren Bildern; und sie wirken sich auch auf die Möglichkeiten aus, auf Ressourcen der Selbststeuerung zurückzugreifen und diese anforderungsadäquat einsetzen zu können.

Diese wichtigen Einflüsse von meist nicht explizit bewussten Prozessen auf das „Hier und Jetzt“ des Erlebens des Klienten sind beim Coaching mit zu bedenken. Anleitungen dafür, psychodynamische Leitprozesse zur Veränderung mit zu berücksichtigen (Eidenschink, 2014) und die Beziehung zwischen Coach und Klient so zu gestalten, dass die impliziten Quellen des Erlebens dem Bewusstsein zugänglich werden (Kunze, 2016), belegen, dass diese Aspekte im Wissensfundus des Coachings durchaus vorhanden sind.

Personzentrierte Systemtheorie

Anliegen der Personzentrierten Systemtheorie (siehe dazu auch Kriz, 2017) ist es, dieser Vielfalt und Komplexität der sich gegenseitig beeinflussenden Prozesse konzeptionell gerecht zu werden. Es ist also durchaus wünschenswert, dass die Autoren der oben genannten Beiträge die Personzentrierte Systemtheorie als gut „anschlussfähig“ empfinden. Darüber hinaus geht es um Anregungen, die vielen fruchtbaren Perspektiven besser nutzen zu können, indem diese weniger nebeneinander, sondern stärker miteinander wirkend verstanden werden.

Wie der Name vermuten lässt, ist die Personzentrierte Systemtheorie im Laufe der letzten drei Jahrzehnte aus der Unzufriedenheit darüber entwickelt worden, dass sowohl die üblichen personzentrierten wie auch die systemischen Ansätze jeweils Wichtiges ausblenden: Der Personzentrierte Ansatz (z.B. Rogers, 1983) fokussiert hervorragend die Bedingungen einer konstruktiven Arbeitsbeziehung sowie die Relevanz von subjektiven Bedeutungen aus dem inneren Bezugsrahmen des Klienten. Er vernachlässigt aber die massiven Einflüsse aus weiteren interpersonellen Strukturen (Arbeitsplatz, Familie etc.) auf dieses Geschehen. Diese spielen in den systemischen Ansätzen zwar eine wichtige Rolle, doch berücksichtigen sie wiederum zu wenig, dass alle Interaktionsprozesse stets durch das „Nadelöhr“ persönlicher Sinndeutungen der Beteiligten gehen müssen. Bei beiden Ansätzen werden zudem die Einflüsse aus gesellschaftlich-kulturellen Prozessen einerseits und aus körperlichen Prozessen andererseits wenig thematisiert.

Die Personzentrierte Systemtheorie unterscheidet daher (zumindest) die folgenden vier Prozessebenen. Je nach Fragestellung können weitere Teilprozesse berücksichtigt werden. Aber ein Verzicht auf einzelne Analyseebenen würde in unzulässiger Weise Essentielles aus den menschlichen Lebens- und Erlebensprozessen ausblenden.

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