Coaching by Golf

Eine Analogie zum Klienten-Problem am Golfschläger finden

Coaching by Golf
© Foto: Lichtmeister/Shutterstock.com

Immer wieder wird behauptet, Klientenprobleme ließen sich besser lösen, indem man den Kontext wechselt und im Neuland entwickelte Lösungen auf den Ursprungsrahmen überträgt. Ebenso häufig wird dieses Vorgehen auch kritisiert und der Transfer in Frage gestellt. Die Autoren beschreiben anschaulich ihr Vorgehen auf dem Golfplatz – und anschließend im Coaching-Raum.

Immer wenn es im Coaching um Persönlichkeitsentwicklung geht, stehen Denk- und Verhaltensgewohnheiten der Klienten im Mittelpunkt. Diese gilt es zu erkennen und im Coaching zu bearbeiten, wenn sie gewünschte Prozesse blockieren. Sich persönliche Muster bewusst zu machen und sie damit dem Coaching-Prozess zur Verfügung zu stellen, fällt jedoch vielen Menschen schwer.

So arbeitet der Coach mit dem, woran der Klient sich erinnert oder begleitet den Klienten am Arbeitsplatz in einem meist hochkomplexen Szenario. Die Erinnerung ist wiederum nicht selten von der Identifikation mit einem Verhaltensmuster beeinflusst oder in der Rückschau verzerrt. Effizienter kann ein Coaching sein, wenn es dem Klienten ermöglicht,

  • sich selbst zu beobachten,
  • Gewohnheiten und Muster zu erkennen,
  • zu erkennen, dass es Alternativen dazu gibt,
  • gangbare Alternativen zu finden,
  • neue Möglichkeiten zu testen und
  • wenn sie sich als hilfreich erweisen, diese zu stabilisieren.

Vor diesem Hintergrund kann der Golfsport einen Weg bieten, Gedanken, Verhaltensgewohnheiten und deren Auswirkungen sichtbar, bewusst sowie unmittelbar und „live“ bearbeitbar zu machen. So kommen Gefühle „ins Spiel“, welche die Lernprozesse der Klienten intensiv unterstützen und auf diese Weise gewünschte Verhaltensänderungen erleichtern. Am Golfschläger sind Verhaltens- und Gedankenexperimente möglich, deren Ergebnisse der Klient direkt erfährt.

„Coaching by Golf “ birgt dabei sowohl für Nicht-Golfer als auch für Golfer Möglichkeiten, die einen Coaching-Prozess in vielfältiger Weise unterstützen.

Eine Fallgeschichte

Gerd B. ist Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens. Bei der Klärung seines Anliegens im Einzel-Coaching wurde deutlich, dass er sich in letzter Zeit zunehmend unter Druck fühlt, während er sich in der Vergangenheit als souveräne Führungspersönlichkeit wahrnahm. Den empfundenen Druck macht er vor allem an der steigenden Zahl erforderlicher Entscheidungen fest, die mit der Entwicklung des Unternehmens, eines Industriebetriebs mit 320 Mitarbeitern, einhergeht. Auch fällt es ihm zunehmend schwerer, seine Visionen und Vorstellungen gegenüber den Gesellschaftern zu vertreten und er merkt, dass er innerlich angespannt und unruhig ist.

Mit diesem Anliegen des Klienten soll das Golfen in den Coaching-Prozess integriert werden, um Herrn B. dabei zu unterstützen, seine Gedanken, Gefühle und sein Verhalten unter Druck zu erkennen.

Herr B. ist kein Golfspieler, so dass der Besuch auf dem Golfplatz für ihn eine ungewohnte Situation ist. Während der ersten Schläge gelingt es ihm rasch zu äußern, was ihm durch den Kopf geht, wenn ein Schlag gelingt oder misslingt. Oft artikuliert er das Erlebte oder den Ärger über das Erlebte auch lautstark, unterstrichen durch die entsprechende Körpersprache. Für den Coach heißt es in dieser Phase, Verhaltensweisen zu beobachten, Reaktionen zu registrieren und Nachfragen zu stellen.

Allgemeine Beobachtungsfelder sind dabei Körpersprache und Mimik, Atmung sowie Sprache. Es gilt, Auffälligkeiten während des Golfspiels aufzuspüren und die Aufmerksamkeit des Klienten nach erfolgtem Schlag immer wieder auf den gerade erlebten inneren Prozess, Gedanken und Gefühle zu lenken. Die Beobachtungen des Klienten und des Coachs werden schriftlich festgehalten, um diese später, im Coaching-Raum nutzen zu können.

Bereits jetzt spürt Herr B. den Druck, der sich in ihm aufbaut, denn er will seine Sache gut machen, erfolgreich sein, so wie er es durch seine Geschäftsführertätigkeit gewohnt ist. Er erkennt sein inneres Frühwarnsystem, das erste Zeichen von Stress meldet, und merkt, dass beim Golfen keine Erfahrungen und Berufsroutinen vorhanden sind, auf die er zurückgreifen kann. Auch gibt es keine Mitarbeiter, an die er delegieren kann. Hier auf dem Golfplatz geht es nur um ihn und seine Eigenverantwortung. Niemand hilft ihm und so übernimmt er spielerisch die volle Verantwortung für sein Handeln, so dass Reflexion und resultierende Erkenntnisse möglich werden.

Auf diese Weise sensibilisiert geht es einen Schritt weiter: Durch eine klare Zielvorgabe wird der Druck noch erhöht. Nun gilt es für Herrn B., den Ball in einen bestimmten Korridor hinein zu schlagen. Dabei erkennt der Klient, wie er sich mit Gedanken selbst beeinflusst: „Das muss jetzt klappen“, „das kann nicht sein“, „jetzt habe ich schon drei Mal daneben geschlagen“. Neben dieser Wahrnehmung und Formulierung seiner inneren Gedanken registriert Herr B., dass er dazu tendiert, die Luft anzuhalten, wenn er unter Druck einen Ball schlägt.

Die nächste Anforderung an den Klienten besteht darin, dass er sich entscheiden soll, mit welchem Schläger er den Rest des Parcours bestreiten möchte. Er hat dabei sechs Schläger zur Auswahl, von denen er bisher zwei ausprobiert hat. Herr B. reagiert ein wenig gereizt, schließlich sei er nicht der Fachmann und könne daher auch keine qualifizierte Entscheidung treffen. Dennoch lässt er sich auf das Szenario ein und findet drei Möglichkeiten:

  • Er kann den Zufall entscheiden lassen.
  • Er kann die unterschiedlichen Schläger ausprobieren und über sein Gefühl entscheiden, mit welchem Schläger er sich am wohlsten fühlt.
  • Er kann einen Fachmann fragen, dem er vertraut.

Auch kann er die beiden letzten Möglichkeiten kombinieren. An dieser Stelle geht dem Klienten ein Licht auf: Die Option, seine Entscheidungen zur Unternehmensstrategie mit einer Vertrauensperson zu besprechen und dann auf das eigene Gefühl zu vertrauen, hatte er bisher nicht in Erwägung gezogen. Zu sehr war er identifiziert mit der Vorstellung, Entscheidungen nicht nur alleine treffen, sondern auch vorbereiten zu müssen.

Was die eigenen Gefühle angeht, wird ihm bewusst, dass er sich gerade unter Druck mit seinen Gedanken oft in der Vergangenheit oder der Zukunft bewegt und es ihm in diesen Momenten schwerfällt, seine gegenwärtigen Gefühle wahrzunehmen. Damit fehlt ihm der Zugang zu seinen Bedürfnissen. Denn häufig spricht er darüber, dass ihm Harmonie und ein gutes Betriebsklima mit Transparenz in der Unternehmenskommunikation sehr wichtig sind. Jetzt merkt er, dass er diese Bedürfnisse nicht mehr wahrnimmt, wenn er derart gestresst ist.

Die Erkenntnisse nach zweieinhalb Stunden auf dem Golfplatz werden zusammengefasst und gemeinsam mit Herrn B. am Flipchart festgehalten. In der Folge wird der Transfer dieser Erkenntnisse in den Alltag vorbereitet. Übungsmöglichkeiten werden identifiziert, Beobachtungs- und Verhaltensaufgaben vereinbart. So nimmt Herr B. eine kurze Atemübung mit, die er regelmäßig in seinen Tagesablauf integrieren wird. Weiterhin wird er – das ist sein eigener Vorschlag – in seinem Handy eine Strichliste mit der Fragestellung „Wo bin ich gerade mit meinen Gedanken? Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft“ und „Wie viel Druck erlebe ich dabei auf einer Skala von Null bis Zwei?“ führen.

Zum Konzept

Egal ob es ums Festhalten und Loslassen in Veränderungsprozessen geht, um Themen wie Vertrauen und Kontrolle oder um den Umgang mit Erfahrungen: Am Golfschläger wird die innere Haltung eines Klienten sichtbar. Unbewusste Denk- und Handlungsmuster werden erkennbar und so werden Menschen wiederum in die Lage versetzt, mentale Gewohnheiten gezielt zu verändern. Symbole sowie Denk- und Handlungsweisen werden in den beruflichen sowie privaten Bereich übertragen. Einige Beispiele:

  • Das Golfloch mit der Fahne ist das Symbol für ein Ziel.
  • Hindernisse wie Bunker und Wasser stehen für schwierige Situationen.
  • Der Schläger ist das Werkzeug, das zur Verfügung steht.
  • Der Golfschlag ist die Fähigkeit, etwas bewirken zu können.
  • Der Golfschwung ist die Fertigkeit, um Ziele zu erreichen. Benennung einer herausfordernden Situation durch den Klienten (Input- und Zielevaluierung)
  • Die Golfübungseinrichtungen sind die Schule und der Golfplatz, der zu spielen ist, ist der Alltag, den es zu bewältigen gilt.

Im Coaching by Golf wird zu einer für den Klienten herausfordernden Situation eine Analogie am Golfschläger entwickelt. Während am Golfschläger geübt wird, ist eine Selbstbeobachtung möglich, erkannte Denk- und Verhaltensmuster werden aufgegriffen und im Gespräch mit dem Coach bewusst gemacht und direkt bearbeitet (s. Abb.).

Coaching by Golf wirkt als Methode unterstützend in Einzel-Coachings, ebenso wie in Gruppenszenarien. Praxiseinheiten auf der Golfanlage wechseln sich dabei mit Indoor-Coachings ab.

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Abb.: Das Vorgehen im Coaching by Golf

Ein weiterer Fall

Sabine G., Teamleiterin in einem Großhandel, kommt über die Empfehlung einer befreundeten Kollegin ins Coaching. Sie agiere nicht mehr mit ihrer gewohnten Leichtigkeit, wirke oft verbissen und unbeweglich in Meetings, so die Kollegin. Das stimmte Frau G. nachdenklich, so dass sie im Coaching den Veränderungen in ihrer Außenwirkung auf den Grund gehen will. Auch hier soll das Golfspiel zum Einsatz kommen, so dass es in einer Gruppe mit drei weiteren Coaching-Klienten auf den Golfplatz geht. Alle Klienten werden in unterschiedlichen Golf-Szenarien mit einer Entsprechung ihrer individuellen schwierigen Situation konfrontiert. Im Fall von Frau G. wird mit der Aufforderung, den Ball in einen markierten Korridor zu schlagen, eine Stresssituation erzeugt, in der sie Gelegenheit hat, ihre Gedanken, Gefühle und körperliche Reaktionen zu beobachten und wahrzunehmen.

Das Golfspiel ist hierbei ein Mittel, um die Aufmerksamkeit zu fokussieren. Um diesen Aufmerksamkeitsprozess zu steuern, ist gelegentliches Nachfragen durch den Coach hilfreich. Zudem werden Beobachtungen, Auffälligkeiten und Formulierungen der Klientin protokolliert. Von „Wirst Du wohl …“ über „Das muss jetzt aber klappen“, zu „Das geht ja gar nicht, du Pfeife!“, gehen Frau G. Phrasen durch den Kopf, mit denen sie sich gehörig Druck macht. Das hat, wie sich später herausstellt, in ihrer beruflichen Tätigkeit zu Beginn gut funktioniert. Sie habe sich so „selber Dampf gemacht“, erkennt sie. Anfangs mit anspornenden Formulierungen, später mit immer harscherer Selbstkritik.

Am Golfschläger wird ihr jetzt bewusst, wie sie sich über die Selbstverbalisation, also gezielte Selbstbeeinflussung über innere Appelle, beeinflusst. Ursprünglich hat sie das im beruflichen Kontext auf spielerisch-kämpferische Art und Weise getan. Mittlerweile ist ihr Ton schärfer geworden, sie kritisiert sich innerlich in einem hohen Maß.

Auf dem Golfplatz kann Frau G. nun austesten, welche Auswirkung unterschiedliche Selbstverbalisation auf ihr Erleben und ihre Leistungen hat. Das stark entfremdete Szenario erlaubt ihr, spielerisch das Verhalten zu optimieren. In der ungewohnten, relativ störungsfreien Umgebung merkt sie, wie sich, wenn sie hohen verbalen Druck auf sich ausübt, ihre Gesichtszüge zusammenziehen. Ihre Umgebung nimmt sie dann kaum noch wahr. Geht sie hingegen wertschätzend mit sich um, wird die Auswirkung ihrer veränderten Einstellung unmittelbar sichtbar: Sie trifft den Golfball nun besser.

Später, im Einzel-Coaching halten Coach und Klientin die auf dem Golfplatz gesammelten Erkenntnisse zum Anliegen der Klientin am Flipchart fest. An der wertschätzenden Selbstverbalisation wird noch ein wenig gefeilt. Dann geht es darum, wann und wie Frau G. die neuen Erkenntnisse schnellstmöglich im beruflichen Alltag testen und trainieren kann. In dieser Phase wird die Klientin telefonisch und face-to-face begleitet, bis sie Sicherheit im Umgang mit dem neuen Verhalten hat.

Themen

Themen, bei denen sich unser Ansatz als besonders geeignet erwiesen hat, sind unter anderem der Umgang mit Stress, Innovation und Veränderung im Unternehmen, Entscheidungen, Ziele, Fehler, Verantwortung und Erwartungen. Darüber hinaus wird am Golfschläger erfahrbar, was es bedeutet, effektiv zu handeln und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Beispielsweise kommt bei einem Klienten, der noch nie einen Golfschläger in der Hand gehalten hat, oft schon Stress auf, wenn er lediglich den Ball treffen will. Fortgeschrittene Golfer lassen sich leicht durch Zielvorgaben unter Stress setzen. Die Situation jenseits des Alltags und seiner beeinflussenden Faktoren lässt es in beiden Fällen zu, genau zu beobachten – und seitens des Klienten zu erfühlen – was unter Stress in ihm geschieht. Was sind erste Anzeichen für Stress, welche Selbstverbalisation findet statt und wie sind Körpersprache und -gefühl? Hinderliche und nützliche Verhaltensweisen werden so durch die Ergebnisse (z.B. den Ballflug) erkennbar.

Ob Anfänger oder Könner am Golfschläger, sehr oft kommt es auf dem Golfplatz zu Situationen, die nicht eingeplant, teils auch nicht vorhersehbar sind. Der Ball landet nicht an der erwarteten Stelle oder der Wind ändert sich. Wie in Alltagssituationen, erreicht man ein Ziel nicht immer auf dem direkten Weg und Pläne müssen modifiziert werden. Wie geht ein Klient damit um? Geht er in den Widerstand? Sieht er die Ursache alleine in äußeren Widrigkeiten? Oder nimmt er offen die neue Situation mit allen ihren Komponenten wahr? Erst wenn er letzteren Modus einnimmt, ist er in der Lage zuerkennen, was es beim nächsten Mal in einer vergleichbaren Situation anders zu machen gilt, und zu entscheiden, was der nächste Schritt ist. Hier erkennt sich der Klient in seinen Verhaltensgewohnheiten und ist in der Lage, diese kritisch zu hinterfragen. Die resultierenden Erkenntnisse werden anschließend in den Coaching-Prozess integriert. Bei Bedarf werden Alternativen erprobt.

Fazit

„Coaching by Golf “ ist vor allem ein Setting, das innere Prozesse des Klienten in kurzer Zeit sichtbar und bearbeitbar macht. Gedanken, Gefühle und Körperreaktionen während des Golfspiels werden im Coaching reflektiert. Neue, als hilfreich erprobte Strategien werden auf berufliche und private Situationen übertragen und können dann geübt und selbst reguliert werden, um gesteckte Ziele zu erreichen.

„Coaching by Golf “ hat sich im Rahmen unserer Coachings außerdem dann als hilfreich erwiesen, wenn es wichtig ist, dass innere Prozesse und Einstellungen nicht nur intellektuell verstanden, sondern auch erlebt werden. Neue Haltungen und Verhaltensweisen können auf dem Golfplatz risikolos getestet werden.

Dabei profitiert der Coaching-Ansatz auch davon, dass Golf nach wie vor die Business-Sportart Nummer 1 ist. Die für viele Coaching-Klienten ungewohnte Umgebung fördert darüber hinaus die Nachhaltigkeit: Eindrücke und Bilder bleiben haften. Und zudem gilt, was auch für andere Outdoor-Interventionen gilt: In ungewohnter Umgebung ist es leichter, sich für Neues zu öffnen.