Konzepte

Klärung in komplexen beruflichen Situationen. Teil 2

Wenn Einsicht nicht reicht: Festgefahrene Situationen und typische Dynamiken in Coaching- und Führungs-Kontexten erkennen

Viele Menschen können ihre Muster präzise benennen – und handeln trotzdem nicht anders. Gerade in Führungs- und Coaching-Kontexten lohnt sich deshalb ein Blick hinter das Offensichtliche: auf die Stabilität innerer Lösungen, auf Schutzmechanismen, auf das Spannungsfeld zwischen Selbstbild und tatsächlichem Erleben. Dort wird verständlich, warum Veränderung nicht am fehlenden Willen scheitert, sondern oft an dem, was innerlich auf dem Spiel steht.

11 Min.

Coaching-Magazin Online, 11.05.2026

Ein Mann und eine Frau sitzen sich gegenüber und sind im Gespräch.

Im ersten Beitrag dieser Reihe, die sich mit Klärung in komplexen beruflichen Situationen befasst, stand die Frage im Zentrum, auf welcher Ebene ein Anliegen im Coaching angesiedelt sein kann; diese Unterscheidung schafft Orientierung. Hinzu kommt eine Erfahrung, die viele Coaches und Führungskräfte teilen: Klientinnen und Klienten sowie Mitarbeitende verstehen ihr Thema, das sie ins Gespräch einbringen, sehr genau – und handeln dennoch nicht anders: Sie können ihr Verhalten reflektieren, ihre Muster beschreiben, „Glaubenssätze“ und die damit zusammenhängenden (Verbesserungs-)Ziele benennen. Und doch verändert sich im Alltag erstaunlich wenig. „Ja, ich weiß, aber ...“ ist ein Satz, der in diesem Zusammenhang häufig zu hören ist.

Dieses Phänomen ist weder ungewöhnlich noch Ausdruck mangelnder Motivation. Es verweist auf eine grundlegende Differenz: Das Verhalten bleibt stabil, obwohl Einsicht vorhanden ist. Ist das „Problem“ dann wirklich erkannt? Denn Einsicht ist kognitiv, doch Veränderung ist emotional, relational und in der beruflichen Umgebung kontextabhängig eingebettet.

Auf einen Blick

Symbol einer Lupe
  • Einsicht in ein Problem führt nicht automatisch zu Veränderung, weil Verhalten emotional, relational und kontextuell stabilisiert wird.
  • Festgefahrene Muster sind meist biografisch entstandene, funktionale Lösungen, die Kohärenz, Zugehörigkeit oder Selbstwert sichern.
  • Veränderung wird besonders dann schwierig, wenn neue Handlungen mit dem eigenen Selbstbild, Rollenverständnis oder impliziten Loyalitäten kollidieren.

Coaching kann emotionale Muster nicht einfach „auflösen“ – auch wenn dies manchmal versprochen wird. Aber es kann sie verstehbar machen. Es kann helfen, zwischen aktueller Situation und biografischer Resonanz zu unterscheiden. Dies kann helfen, Ambivalenzen für den Moment anzuerkennen und vor sich selbst zu legitimieren, statt sie vorschnell in Zielvereinbarungen zu überführen.

Damit verschiebt sich der Fokus: Weg von der Frage „Warum setzt die Klientin es nicht um?“ hin zu „Was macht es innerlich so anspruchsvoll, es umzusetzen?“

Diese Perspektivenverschiebung bewahrt vor Moralisierung und vor einer Überdehnung des Coaching-Auftrags. Sie hat als Voraussetzung, dass die Ambivalenz, die Inkongruenz erkannt wird und bearbeitet werden kann. Humanistische Psychologen wie Carl Rogers (2009) haben dahingehend früh betont, dass nachhaltige Entwicklung aus neuer Erfahrung im Hier und Jetzt entsteht. Nur wenn Menschen erleben, wie neue Handlungsmöglichkeiten sich mit dem eigenen Selbstverständnis verbinden, wird Verhalten anschlussfähig.

Coaching kann und sollte genau diesen Raum schaffen: Nein, es kann damit keine grundlegende Persönlichkeitsveränderung bewirken, aber Zugang zu dem ermöglichen, was die Personzentrierte Psychologie als „Aktualisierungstendenz“ benennt – damit wird die intrinsische, biologisch fundierte Selbstorganisationsdynamik des Organismus beschrieben. Sie wirkt primär unbewusst und bildet die grundlegende Regulationsbasis menschlicher Entwicklung. Sie ist es, die schrittweise mehr Freiheit und Flexibilität ermöglicht. Und sie ist es, die erreicht und aktiviert werden kann – auch im Coaching. (Hellwig, 2025)

Dazu müssen neue Erfahrungen in das bestehende Selbstkonzept integriert werden können. Dieses Selbstkonzept ist durch frühe biografische Beziehungserfahrungen sozial geprägt; es enthält, was als „zu mir gehörig“ erlebt wird und was nicht. Je enger es strukturiert ist, desto mehr wird es seine Kohärenz schützen wollen – und stabilisiert damit „automatisch“ bewährte Muster, auch wenn diese Entwicklung begrenzen.

Die Stabilität innerer Muster

Verhaltensmuster sind daher selten zufällig. Sie haben sich über Jahrzehnte „bewährt“: Es sind unsere „besten Lösungen“ für konfliktbehaftete Situationen. Sie sichern Zugehörigkeit, verhindern Eskalation oder ermöglichen Anerkennung. Zumindest haben sie das in einer biografisch früheren Zeit getan; sie sind funktional, nicht pathologisch und zeigen auch heute noch ihre Wirkung: Wer Harmonie herstellt, hat Konflikte vermieden; wer Kontrolle ausübt, kompensiert Unsicherheiten.

Wenn also Einsicht nicht zu sichtbarer Veränderung führt, lohnt sich ein genauerer Blick auf das Selbstkonzept und seine spezifischen Selbstbild-Anteile:

  • Welche Annahmen stabilisieren das bestehende Muster?
  • Welche emotionale Funktion erfüllt es?
  • Welche Beziehungserfahrungen werden im aktuellen Kontext reaktiviert?

Denn diese Muster sind tief im Selbstbild verankert, wie Rogers (2009) es beschreibt: eine organisierte Struktur aus Selbstwahrnehmungen, die die „positive Zuwendung“ wichtiger anderer Personen sicherte.

Doch was ist der Preis, für die vermeintliche beste Lösung? Es sind – kleine und größere Spannung –Inkongruenzen, zwischen Verhalten und Selbstbild. Ein Verhalten „kann“ daher oft nicht umgesetzt werden, nicht aus Widerstand, sondern aus Schutz der eigenen Kohärenz. Denn grundsätzlich gilt: Einsicht ordnet, Veränderung destabilisiert. Und diese kann, je nach Ausprägung, die Verletzlichkeit erhöhen, Angst, Bedrohung forcieren und bis hin zu manifesten psychischen Fehlanpassung wachsen. (Hellwig, 2025)

Veränderung gelingt daher sicherer, wenn das Selbstbild durch Erfahrung im Coaching erweitert, nicht durch Überbeanspruchung destabilisiert wird. „Festgefahren“ heißt somit ein Verhalten, das rigide ist und damit inkongruent. Somit gilt: Auch wenn in einer „festgefahrenen Situation“ mehrere Personen und verschiedene Ebenen involviert sind, so sollte die Frage beantwortet werden können, was die Inkongruenz ausmacht. Also: Was bedeutet es, „inkongruent“ zu sein, und wie kann sich nun diese Inkongruenz bemerkbar machen? Dazu ein kurzgefasstes Beispiel:

In einer bestimmten Situation, im Hier und Jetzt ...

1. Es gibt ein genuines organismisches (körperlich ganzheitliches) Erleben:

  • Gefühle, Emotionen
  • Körperreaktionen
  • Bewertungen

Wirkung: „Was wirklich in mir passiert“

2. Dieses Erleben kann in Diskrepanz zum Selbstbild/Rollenbild stehen:

  • „So sollte ich sein.“
  • „Als Profi darf ich nicht …“
  • „Ich bin doch tolerant.“

Wirkung: „So möchte oder sollte ich sein.“

3. Das Gefühl der Inkongruenz ist die Spannung zwischen beiden Ebenen:

  • „Manche Menschen sind einfach nicht geeignet.“

Organismische Reaktion: Ärger, Widerstand, Bewertung

Selbstbild: „Ich bin zugewandt und offen.“

Spannung: Ich will empathisch sein, fühle aber Ablehnung.

Indikatoren im Beispiel

Die folgenden Beispiele aus Coaching- und Führungskontexten verdeutlichen, wie sich solche Dynamiken konkret und frühzeitig zeigen können: meist in kleinen sprachlichen oder emotionalen Verschiebungen.

Das Thema Selbstbild und Inkongruenz kann sich z.B. in einem typischen Satz zeigen, wie: „Ich bin eben nicht die Konfrontative.“ Eine Bereichsleiterin beschreibt wiederholt, dass sie Konflikte im Team lange laufen lässt. Sie weiß, dass frühzeitige Klärung sinnvoll wäre. Im Coaching sagt sie: „Ich bin einfach nicht der konfrontative Typ.“ Im Moment des Aussprechens wird die Spannung spürbar. Im Verstehensprozess wird deutlich: Klarheit fühlt sich für sie innerlich „unfreundlich“ und „unpassend“ an. Ein Teil ihres Selbstbildes ist das der verbindenden, verständnisvollen Führungskraft. Die daraufhin im Coaching angestrebte Verhaltensänderung kollidiert weniger mit Kompetenz als mit Identität.

Rogers (2009) betont: Veränderung entsteht im Hier und Jetzt und nicht nur im rationalen Verstehen. Coaching sollte es ermöglichen, diese Erfahrung bewusst zu machen, und Fragen, personzentriert und themenspezifisch, zur Verfügung stellen:

  • Wie geht es mir gerade, wenn ich mir vorstelle, die neue Handlung im beruflichen Alltag auszuprobieren?
  • Welche inneren Widerstände oder Schutzmechanismen tauchen auf?
  • Welche Diskrepanzen spüre ich zwischen Wunsch und realer Umsetzung?

Durch diese unmittelbare Wahrnehmung kann das Verhalten leichter anschlussfähig an das Selbstbild werden. Erst die emotionale Integration macht eine andere „Lösung“, eine alternative, eine kongruente Handlung möglich.

Psychodynamische Perspektiven: Ambivalenz, Schutz und Loyalität

Neben der emotionalen Verankerung wirken häufig psychodynamische Faktoren:

  • Ambivalenzen: Wunsch nach Veränderung vs. Bedürfnis nach Stabilität.
  • Schutzmechanismen: Verhalten schützt vor Bedrohung des Selbstbilds oder sozialer Bindungen. 
  • Implizite Loyalitäten: Bindung an Rollenbilder, kulturelle Werte oder organisationale Normen.

Diese Dynamiken erzeugen innere Spannungen: Zögern, Unsicherheit, Rückzug. Sie sind keine Blockaden im moralischen Sinne, sondern Ausdruck eines Person-Systems, das das Selbstbild und die Beziehungen schützt.

Coaching kann diese Spannungen sichtbar machen und Reflexionsraum schaffen, ohne therapeutisch in die Persönlichkeit einzugreifen. Ziel ist somit nicht, Muster zu beseitigen, sondern Verständnis, Orientierung und tragfähige Handlungsspielräume zu ermöglichen.

Dazu ein Beispiel:

Ein frühes Anzeichen für Schutzmechanismus und Selbstwert kann sich z.B. mit Sätzen zeigen, wie: „Ich weiß, dass ich delegieren sollte, aber dann wird alles noch komplizierter und schlechter.“ Im Gespräch zeigt sich Irritation – nicht als Widerstand, sondern als Selbstschutz. So erkennt eine Führungskraft zwar ihr Kontrollverhalten. Sie versteht die Nachteile. Gleichzeitig äußert sie im Coaching wiederholt Zweifel an der Kompetenz ihres Teams. Im weiteren Verlauf des Gespräches wird spürbar: Delegation würde bedeuten, sich selbst weniger unentbehrlich zu erleben. Das bisherige Muster stabilisiert Selbstwert und Bedeutung. Fazit: Wenn ein Verhalten zugleich Funktion für das Selbstwertgefühl erfüllt, wird es nicht allein durch Argumente aufgegeben.

Beziehungen als Resonanzraum

Verhalten wirkt in relationalen Kontexten immer auch auf andere. Wie die humanistische Psychologie und auch Vertreter der klassischen Systemtheorien wie Watzlawick, Luhmann und andere deutlich zeigen, ist jede Handlung gleichzeitig auch eine Beziehungsbotschaft. Wer klar kommuniziert, verändert nicht nur Aufgaben, sondern auch Nähe und Distanz zu Kolleginnen und Kollegen oder Teams. Wer Grenzen setzt, verändert implizit Rollen- und Erwartungsgefüge.

Dazu ein Beispiel:

Unproduktive, implizite organisationale Loyalität wird in der Praxis häufig daran erkennbar, dass ein neu ernannter Geschäftsführer z.B. Entscheidungswege zwar verkürzen möchte, aber gleichzeitig zögert, bestehende Abstimmungsrunden zu verändern. Im Gespräch wird deutlich, dass er großen Respekt vor seinem Vorgänger hat, der diese Struktur aufgebaut hat. Er sagt: „Ich will das Werk meines Vorgängers nicht einfach auseinandernehmen.“ Die Veränderungsidee für ihn ist rational stimmig, emotional jedoch mit Loyalität verknüpft: Wenn Veränderung wie ein Verrat an einer Person oder Tradition erlebt wird, wirkt Loyalität stärker als Einsicht.

Coaching, das Inkongruenzen erkennt, kann diese Dynamiken sichtbar machen: Welche Reaktionen sind im (Person-)System zu erwarten? Welche Dynamiken stabilisieren das bestehende Verhalten? Und welche kleinen Schritte lassen sich realistisch integrieren, ohne das (Person-)System zu destabilisieren?

Um diese Dynamiken zu halten, werden die Beziehungsaxiome Rogers (2009) wichtig: Kongruenz, Wertschätzung, Empathie. Sie sind eben keine „eingestaubten Techniken“, sondern grundlegend für jeden zwischenmenschlichen Kommunikationsprozess, in dem Menschen unterstützt werden wollen. Es ist ein Beziehungsangebot, das heute als die Zutat für „psychologische Sicherheit“ benannt wird. Diese Beziehungsaxiome ermöglichen es erst, dass sich im Coaching Menschen so weit öffnen, dass Inkongruenzen wahrgenommen werden können. Weil sie wahrgenommen werden dürfen. Und nicht unter einer schützenden Rollen-Optimierungsdecke bleiben müssen. Diese Erfahrung erzeugt Sicherheit und fördert Flexibilität.

Professionelle Haltung im Coaching

Für Coaches bedeutet dies:

  • Respekt vor Stabilität: Nicht jedes Muster muss sofort verändert werden.
  • Ambivalenzen benennen: Ohne zu pathologisieren und nie, um zu bewerten.
  • Hier-und-Jetzt-Erleben einbeziehen: Reflexion mit emotionaler Wahrnehmung verbinden.
  • Selbstaktualisierung ermöglichen: Einen vertrauensvollen Raum schaffen für neue Erfahrungen, die das Selbstbild erweitern.

Zusammengefasst bedeutet dies: Veränderung im Coaching entsteht nicht linear vom Verstehen zum Handeln. Sie ist ein Zusammenspiel von kognitiver Klarheit, emotionaler Stabilität und relationaler Anschlussfähigkeit. Einsicht bleibt wichtig, wirkt aber nur, wenn die Person in ihrer Ganzheit gesehen wird. Und erst dann können unproduktive, rigide Muster wahrgenommen und bearbeitet werden.

Und doch: Nicht alles, was Veränderung begrenzt, liegt alleine im Inneren einer Person. Viele Dynamiken wirken zwischen allen beteiligten Personen und im organisationalen Kontext – oft unausgesprochen, aber wirksam. Klärung wird damit als Beziehungsgeschehen verstanden, nicht als Technik.

Warum methodische Vielfalt dafür allein nicht ausreicht und welche inneren Voraussetzungen Klärung erst ermöglichen, welche Rolle das Ungesagte spielt und wie mehrere Ebenen gleichzeitig aufeinander wirken, wird im nächsten Beitrag näher betrachtet.

Literatur

Hellwig, C. (2025). Personzentriert erklärt. Von der Theorie Rogers zur Praxis im Coaching. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Rogers, C. R. (2009). Eine Theorie der Psychotherapie. München: Ernst Reinhardt.

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