Konzepte

Klärung in komplexen beruflichen Situationen. Teil 1

Situativ, relational, persönlich: Auf welcher Ebene liegt das Coaching-Anliegen?

8 Min.

Erschienen im Coaching-Magazin in der Ausgabe 2 | 2026 am 12.05.2026

EIne Frau steht vor einer Tafel, auf die viele unterschiedliche Gedankenschlaufen und Pfeile gezeichnet sind.

Es gibt Coaching-Prozesse, in denen Klientinnen und Klienten viel verstanden haben – und dennoch wenig davon in ihren beruflichen Alltag integrieren können. Die Gespräche waren reflektierend und Erkenntnisse vorhanden. Und doch bleibt das zentrale Anliegen bestehen. Für die Klientinnen und Klienten ist das häufig irritierend, für Coaches nicht selten frustrierend.

Dies ist der erste Artikel einer mehrteiligen Beitragsreihe der Autorin, die sich mit der Frage befasst, worauf es bei der Klärung komplexer beruflicher Situationen ankommt. Die Reihe wird nach und nach auf der Website des Coaching-Magazins vervollständigt. 

Die naheliegenden Erklärungen lauten dann oft: mangelnde Veränderungsbereitschaft, Widerstand der Klientin bzw. des Klienten oder eine Grenze des Formats Coaching. Solche Deutungen greifen jedoch häufig zu kurz, denn: Was, wenn das Anliegen nicht schwierig ist – sondern auf einer anderen Ebene liegt als auf der, die bisher maßgeblich bearbeitet wurde? Um diesen Verstrickungen etwas entgegenzuhalten, ist dieser Beitrag ein Plädoyer für Klärung als eigenständige Leistung im Coaching-Prozess: das gemeinsame Verstehen, worum es im Anliegen eigentlich geht. Welches Thema im Zentrum steht, auf welcher Ebene es angesiedelt ist und was unter den gegebenen Umständen überhaupt bearbeitbar ist – wissend, dass diese Einschätzung im Prozess immer wieder überprüft und neu justiert werden muss.

Klärung als Prozess im Prozess

Im Coaching geht es immer um Veränderung. D.h. darum, auf ein Ziel hinzuarbeiten: Etwas soll anders werden als bisher. Was ist Klärung hingegen? Sie öffnet den Raum, in dem überhaupt erst erkennbar wird, was anders werden könnte – und ob Veränderung im klassischen Sinne zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt das Passende ist. Denn: Während Veränderung nach vorne zieht, wendet sich Klärung zunächst nach innen und zur Seite; sie verlangsamt, statt zu beschleunigen. Das ist im Kontext zielorientierter Auftragsbearbeitung nicht immer populär. Denn in vielen Coaching-Prozessen gilt Veränderung – explizit oder implizit – als Qualitätsmerkmal. Umsetzung wird mit Erfolg gleichgesetzt. Klärung erscheint dann wie eine lästige, wenn auch notwendige Vorstufe, die möglichst zügig „abgearbeitet“ werden sollte. Dieses Verständnis verkennt jedoch ihren eigenständigen Charakter.

Klärung sollte als eigenständiger Prozess im Prozess wahrgenommen werden, den die entscheidende Frage führt: Worum geht es hier eigentlich – für die Klientin bzw. den Klienten, in ihrer/seiner Situation, in diesem Kontext?

Dann ist Klärung auch eng mit der Reifung der Persönlichkeit verbunden. Sie stellt einen Prozess dar, der die persönliche Entwicklung fördert, die mit wachsender Offenheit, Verantwortungsübernahme und einer differenzierteren Beziehung zu sich selbst und anderen einhergeht (Rogers, 2009; Hellwig, 2025). In diesem Sinne schafft Klärung nicht primär Lösungen, sondern Orientierung und Bewusstheit. Und damit kongruente Lösungsmöglichkeiten.

Denn eine angestrebte Veränderung kann in der Folge problematisch werden, wenn sie an der falschen Ebene ansetzt, wenn sie auf Zielgerichtetheit, Handlung und Umsetzung fokussiert ist. Klärung setzt hingegen auf Differenzierung, Einordnung, Bedeutungsbildung und damit nachhaltige Wirksamkeit. Sie macht sichtbar, auf welcher Ebene ein Anliegen tatsächlich angesiedelt ist – und ob Veränderung durch Coaching alleine überhaupt möglich ist.

Klärung wendet sich damit inneren Spannungen zu, konkurrierenden Orientierungen und widersprüchlichen Anforderungen im Person-System (Hellwig, 2025). Denn die Person selbst ist immer der Träger des Themas – unabhängig davon, welche Ebene als Auslöser oder Ursache für das Anliegen benannt wird. Klärung schafft damit einen Reflexionsraum, in dem Ambivalenzen nicht vorschnell aufgelöst, sondern zunächst ausgehalten und verstanden werden können.

Um es deutlich zu sagen: Coaching wirkt. Und je genauer, desto weniger Nebenschauplätze gibt es, die bearbeitet werden müssen. So verlangt manches Anliegen kein ständiges Tun, keine ausgefallenen Aktionen im Prozessverlauf. Es braucht „einfach“ pures Verstehen. Ein Verstehen, das auf Bewertungen verzichtet, das Spannungen sortiert und innere Widersprüche aushält, ohne diese sofort auflösen zu wollen.

Klärung ist daher Voraussetzung für Zielarbeit. Sie schützt vor vorschnell übernommenen, fremdmotivierten, kognitiv verzerrten oder strukturell nicht tragfähigen Zielen und ermöglicht, dass Ziele nicht nur plausibel und attraktiv, sondern auch innerlich getragen werden können. Denn wo diese Klärung fehlt, bleibt Veränderung mechanisch: korrekt gedacht, aber nicht kongruent im Hinblick auf die Komplexität des Person-Systems. In solchen Fällen führt weiteres „Veränderungs-Coaching“ in eine Nebenstraße. Oder in eine Sackgasse. Veränderungsbewegungen bleiben so folgenlos – nicht aus Widerstand oder sonstigen innerpsychischen Phänomenen, sondern weil das eigentliche Thema unberührt bleibt.

Drei Ebenen von Coaching-Anliegen

Wie kann nun ein klärender Blick unterstützt werden? Eine bekannte Orientierung besteht darin, Anliegen im Coaching danach zu betrachten, auf welcher Metaebene sie primär angesiedelt sind (Schreyögg, 2012). Die nachfolgende verkürzte Einordnung kann als Grundlage für eine Arbeitshypothese genommen werden, die auch den Blick auf die eigene Person als Coach umfassen sollte. Denn auch jeder Coach hat „Lieblingsebenen“, die sich „gerne“ unbewusst in den Fokus drängen, da sie z.B. in eigenen Erfahrungen oder dem Ausbildungsschwerpunkt verankert sind.

Situative Ebene

Hier stehen Rollen, Aufgaben, Kontexte und konkrete Anforderungen im Vordergrund. Fragen, z.B. nach Zuständigkeiten, Prioritäten, Entscheidungsspielräumen oder Rahmenbedingungen, prägen diese Ebene. Anliegen sind häufig gut bearbeitbar, da Veränderung über Struktur- oder Verhaltensanpassungen möglich ist. Auf dieser Ebene besteht eine typische Verkürzung z.B. darin, dass Kontrolle und Strukturen überbetont, Entscheidungsspielräume nicht geklärt oder langfristige Perspektiven vernachlässigt werden.

Relationale Ebene

Auf dieser Ebene rücken Beziehungsmuster, implizite Erwartungen und wiederkehrende Interaktionsdynamiken in den Fokus. Klärung entsteht hier vor allem durch das Erzählen über Wahrnehmungen, (Wechsel-)Wirkungen sowie (unausgesprochene) Regeln und Normen. Veränderung wird möglich, wenn das bisher Ungesagte gehört und bewusst wird. Eine Gefahr kann auf dieser Ebene darin liegen, zu sehr in dem steckenzubleiben, was „bisher geschehen ist“: vergangene Situationen langwierig aufzuarbeiten und z.B. an der Analyse der Reaktionen anderer Personen hängenzubleiben.

Persönliche Ebene

Hier berühren Anliegen emotional verankerte Muster, innere Haltungen und biografisch geprägte Themen wie Selbstwert, Zugehörigkeit, Autonomie oder Loyalität sowie deren Bedeutung und damit einhergehende Emotionen. Veränderung vollzieht sich auf dieser Ebene selten schnell. Die Wirkung von Coaching zeigt sich eher in vertiefter Selbstklärung und einem veränderten Umgang mit eigenen Grenzen und Möglichkeiten. Sensibilität ist gefragt, um zu erkennen, wie belastbar die Klientin bzw. der Klient mit ihrem/seinem Thema ist: Wie „tief“ kann geklärt werden, ohne zu destabilisieren?  

In sozialen Prozessen sind diese Ebenen stets miteinander verwoben, wodurch sich Probleme oftmals diffus oder überwältigend anfühlen. Die Klärung der Ebene als Auslöser kann diese Komplexität sichtbar machen und Orientierung darüber schaffen, was veränderbar ist – und was zunächst „nur“ verstanden werden muss. Dies kann entlastend wirken.

Abb.: Drei Ebenen, auf denen sich Coaching-Anliegen bewegen können

Warum Ebenen so häufig verwechselt werden

In der Praxis wird jedoch häufig auf einer Ebene gearbeitet, die nicht die entscheidende ist: Persönliche Themen werden situativ bearbeitet, gelangen in strukturelle Lösungsversuche, relationale Dynamiken werden individualisiert. Diese Verwechslungen finden oftmals dann einen Nährboden, wenn Erwartungsdruck, Lösungsorientierung und Zeitbegrenzung zusammenkommen. Klärung erscheint dann als Umweg, obwohl sie oft der Punkt ist, an dem sich entscheidet, welche Veränderung realistisch möglich ist. Manchmal braucht es lediglich einen anderen Blick auf das Zusammenspiel der Dynamiken.

Vielleicht erscheint es wie ein Paradoxon: Durch die bewusste Wahrnehmung der Komplexität eines Anliegens wird seine Komplexität letztlich reduziert. Doch: Ein mögliches Gefühl von Überforderung, Irritation oder Unruhe bekommt einen Anker. Ja, es kann sein, dass dieser Anker wieder gezogen werden muss, um an anderer Stelle zu ankern. Aber es ist dann kein zielloses Umherschiffen, sondern ein planvolles Tasten nach Grund.

Konsequenzen für die Praxis

Wird Klärung als eigenständige Leistung verstanden, verschieben sich Erwartungen an den Coaching-Prozess. Nicht jedes Anliegen muss (direkt) in sichtbare Handlung münden. Klärung schützt dann schlicht vor Aktionismus.

Klärung ist damit eine professionelle Kompetenz und Haltung. Sie richtet den Blick darauf, was unter gegebenen Umständen tragfähig ist. Wo sie gelingt, wird Coaching passender und ehrlicher in seinen Erwartungen und Umsetzungsmöglichkeiten.

Vielleicht zeigt sich die Qualität von Coaching somit nicht zuerst darin, wie viel sich verändert. Sondern darin, wie klar es wird, worum es eigentlich geht. Und dann kann Coaching an den echten Themen arbeiten, realistische Ziele setzen und Wirksamkeit einordnen.

Literatur

Hellwig, C. (2025). Personzentriert erklärt. Von der Theorie Rogers’ zur Praxis im Coaching. Wiesbaden: Springer.

Rogers, C. R. (2009). Eine Theorie der Psychotherapie. München: Ernst Reinhardt.

Schreyögg, A. (2012). Coaching. Eine Einführung für die Praxis und Ausbildung. Frankfurt a.M.: Campus.

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