Im Februar 2015 rief mich ein Bekannter an. Zunächst freute ich mich, seine Stimme zu hören, und trug die Hoffnung, ein bisschen Lebenslust zu spüren, weil er letztes Jahr geheiratet hat und einen Traumjob ergattern konnte. Im wahrsten Sinne des Wortes schien für ihn ein neuer positiver Lebensabschnitt anzufangen. Plötzlich hörte ich jedoch Kummer und Sorgen und nahm Verzweiflung wahr.
„Nina, Du bist meine letzte Rettung. Meine Frau scheint einer Gehirnwäsche ausgeliefert zu sein. Ich erkenne sie nicht mehr wieder und habe Angst, dass sie sich noch weiter verliert, wenn sie sich coachen lässt. Ich brauche Deine Meinung zu einem konkreten Anbieter.“
Er erzählte mir, dass der Chef seiner Frau ihr in den letzten Monaten eingeredet habe, dass sie im Beruf nicht erfolgreich sei, in ihrer Partnerschaft keine erfüllte Liebe erfahre und sich fragen müsse, wie ihr Leben weitergehen soll. Da der Chef seit Jahren auf Coaching schwört und einen vermeintlich großartigen Anbieter gefunden habe, bucht er jedes Jahr Coachings für einzelne Mitarbeiter sowie ggf. Team-Coachings zur Wertschöpfung und Persönlichkeitsentwicklung. Das sei sein Incentiv zur Mitarbeitermotivation. Mein Bekannter sorgte sich, dass es bei dem Coaching-Institut möglicherweise „nicht mit rechten Dingen“ zugehen würde.
Coaching als fester Bestandteil der unternehmensinternen Personalentwicklung? Grundsätzlich erscheint diese Investition in die Mitarbeiter als wertschöpfend und wertschätzend – und somit auch als wirtschaftlich sinnvoll. Eigentlich toll. Andererseits sollte man stutzig werden, wenn sich die Mitarbeiter eines Unternehmens, wie der Erzählung meines Bekannten zufolge, nicht frei für das Coaching entscheiden, sondern zu diesem faktisch gezwungen werden; nach Aussage des Bekannten würden dort Coachings schlichtweg verordnet.
Dabei sind Freiwilligkeit und der eigene Veränderungswille feste Grundvoraussetzungen erfolgreicher Coaching-Prozesse. Der potenzielle Klient darf und soll sich aus eigenem Antrieb für oder gegen den Coach bzw. das Coaching entscheiden. Das geht nur auf Basis eines persönlichen Gesprächs zwischen ihm und dem Coach. Des Weiteren sollten bei jedem die Alarmglocken beim Wort „Gehirnwäsche“ läuten – ebenso wie bei Schilderungen, die ein sektenähnliches Verhalten vermuten lassen.
Mein Bekannter gab mir die Internetadresse des Coaching-Anbieters und bat um eine Einschätzung zu diesem. Auf den ersten, oberflächlichen Blick vermittelt die Internetseite einen positiven Eindruck: Verschiedene Ausführungen zum Thema Coaching und dessen Betrachtung in den Kontexten der Psychologie, Soziologie und Philosophie wirken beeindruckend. Das erklärte Ziel: Die Entwicklung des Menschen zu einem glücklichen Wesen. Ein Ort der Glückseligkeit?
Auf den zweiten Blick stellt sich Ernüchterung ein. Der Besucher und potenzielle Klient erhält keine Auskunft über Ablauf und Inhalte sowohl des Coachings als auch der zudem angebotenen Coaching-Ausbildung. Alles ist sehr vage gehalten. Die einzigen konkreten Informationen beziehen sich auf Buchungsoptionen.
Merkwürdig ist, dass zwar die Entwicklung der Psychotherapie oberflächlich beschrieben und erklärt wird, jedoch keine Abgrenzung der Psychotherapie zum Format Coaching zu finden ist, das sich – im Gegensatz zur Psychotherapie – ausschließlich an psychisch gesunde Klienten mit vollen Selbststeuerungskompetenzen wendet (Meier, 2015). Des Weiteren sind die dargestellten Erkenntnisse weit weg vom „state of the art“ der Coaching-Praxis und -Forschung.
Dieser Coaching-Anbieter vertritt den Standpunkt, der Mensch müsse sein Selbst umformen, weil er sich zu stark auf die Arbeitsweisen seines Verstandes manifestiere und damit eine starre Fixierung seines Selbst, sprich seiner Ansichten und seines Weltbilds, vorgenommen habe. Das Aufgeben dieser Fixierung sowie des Glaubens an die Kategorien „Hell und Dunkel“ bzw. „Gut und Böse“, bedürfe demnach eines Bewusstseins- und Denkwandels. Dieser werde anhand des folgenden Vorgehens hergestellt:
Zunächst müsse sich der Klient vollständig von negativen Gefühlen bezüglich seines bisherigen Lebens sowie von negativen Folgerungen und Vorwürfen, die aus seinen Erfahrungen resultierten, befreien. Daraufhin werde es möglich, seinen Fokus auf das „Hier und Jetzt“ zu richten – und zwar ohne bewertende Feststellungen. Diese wertungsfreie Haltung seines gegenwärtigen Lebens, ohne sowohl negativ als auch positiv verklärte Wahrnehmungen seines „Selbst“, sind ein Schritt, um Sorgen und Leid gänzlich abzulegen. Und gerade dieser Abbau der „Lasten“ und Fixierungen ermögliche die zielgerichtete Neuausrichtung der eigenen, vom Klienten erschaffenen Zukunft – einer erfüllten, glücklichen Zukunft, zumal die alten Sorgen, Nöte und Ängste schlicht vergessen oder „wertneutral“ seien.
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