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Innere Antreiber – Konzept aus der Transaktionsanalyse

Ein Coaching-Tool von Laura Burckhardt

10 Min.

Coaching-Magazin Online, 25.03.2019

Kurzbeschreibung

Der Klient klagt darüber, dass er unter Stress immer wieder in dieselben Verhaltensmuster fällt. Stichworte wie "immer wieder" machen dem Coach deutlich, dass Antreiber dahinter stecken könnten. Der Coach erfragt diese Muster, Auslöser, Auswirkungen und benennt die dahintersteckenden fünf Antreiber aus der Transaktionsanalyse (TA). Im 2. Schritt hinterfragt sie der Coach: Sind sie heute noch gültig? Im 3. Schritt werden Erlaubnisse erarbeitet und eingeübt, die diese Stimmen abmildern.

Anwendungsbereiche

Der Klient erkennt im Business- oder auch im privaten Coaching, dass er immer wieder den gleichen schädigenden Verhaltensmustern folgt. Er spürt, dass er vor allem in Stresssituationen immer wieder diesen Mustern verfällt. Er sieht es, will es ändern, kann es aber nicht. Voraussetzung ist also, dass der Klient den Bedarf sieht (seine dysfunktionalen Verhaltensmuster) und sein Verhalten  ändern will. Z.B. gelingt es ihm nicht, Nein zu sagen, sich abzugrenzen. Oder er gibt sich nie mit einem Ergebnis zufrieden und will immer noch besser sein. Oder er fühlt sich stets zu etwas gedrängt und muss mehrere Dinge gleichzeitig erledigen. Oder er glaubt, er ist nur dann erfolgreich, wenn er sich richtig anstrengt: Arbeit dürfe nicht leicht sein.

Zielsetzung & Effekte

Ziele sind Klarheit, innere Ruhe und Zufriedenheit. 

Der Klient erkennt, was die Ursachen für seine Verhaltensmuster sind: Die inneren Antreiber, die in der Kindheit (z.B. als Reaktion auf die Eltern) entstanden sind, die aber heute keine Bedeutung mehr haben. Er erkennt, dass diese Antreiber bis zu einem gewissen Grade positiv sind, aber ihn bei starker Ausprägung stören oder krank machen können. Er erkennt, dass er sie selbst mildern und so seine Verhaltensmuster effektiv ändern kann. Der Klient erarbeitet sich diese Schritte selbst, der Coach stellt lediglich die anleitenden Fragen dazu. So gelingt dem Klienten eine wirkliche Veränderung seines Denkens, Fühlens und Handelns.

Ausführliche Beschreibung

Schon früh im Kindesalter haben wir Verhaltensmuster entwickelt und Lebensregeln (= die Antreiber) verinnerlicht, um auf die Erwartungen unserer Eltern oder anderen Bezugspersonen zu reagieren und um Liebe und Zuneigung zu bekommen. Und so agieren wir noch heute.

Haben wir z.B. oft gehört: „Beeil dich! Trödel nicht so rum! Mach schnell!“, dann sind wir heute möglicherweise getrieben von dem „Beeil dich“-Antreiber. Hieß es oft: „Das könnte aber besser sein! Schreib schöner!“, folgen wir heute eventuell dem „Sei perfekt“-Antreiber. Wer oft hören musste: „Streng dich an! Das Leben ist kein Honiglecken!“, könnte den „Streng dich an“-Antreiber für sich entwickelt haben. Wer in der Kindheit oft das Gefühl hatte, Mama und Papa zu stören, im Weg zu sein, zu laut zu sein, der hat möglicherweise den „Mach’s recht“-Antreiber für sich entwickelt.

Die TA unterscheidet fünf typische Antreiber, die wahrscheinlich jeder sicher schon mal gehört hat und die verantwortlich für alle denkbaren Verhaltensmuster sein können: „Mach es allen recht“, „Streng dich an“, „Sei perfekt“, „Beeil dich“ oder „Sei stark“ rufen sie uns zu (Kahler, 1975).

Damit die Antreiber nicht negativ ins Berufs- und Privatleben wirken, empfehlen TA-Berater, sich mit ihnen zu beschäftigen, sie kennen zu lernen. Das geht durch konkretes Befragen und Herausarbeiten der inneren Stimmen oder auch über den Antreiber-Test, der von Taibi Kahler entwickelt wurde und der viel Reflexion und Erkenntnis auslöst. In der TA-Beratung geht es dann darum, aufmerksam zu lauschen, wann sie auftauchen. Und Schritt für Schritt ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, welche Bedürfnisse und welcher positive Kern dahinterliegen. Denn den gibt es auch! Schließlich haben uns diese Antreiber gerettet, Liebe und Zuneigung gegeben. Zum kompletten Loslassen werden Erlaubnisse erarbeitet, die eigenen, die wahren Bedürfnisse zu hören, ihnen zu trauen.
 

1. Schritt: Antreiber kennenlernen

Im Business-Coaching hört ein geschulter TA-Berater sehr schnell heraus, wenn der Klient von seinen Antreibern gequält wird. Sätze wie „Ich mach das immer wieder, obwohl ich es nicht will.“ oder „Warum passiert mir das immer wieder?“ oder „Warum schaff ich es nicht, mich abzugrenzen?“ deuten darauf hin, dass der Klient unter stark ausgeprägten Antreibern leidet.

Hier beginnt der Coach zu hinterfragen, welche Stimmen der Klient hört, welchen er immer wieder begegnet und vielleicht schon aus der Erwartungshaltung der Eltern (oder anderer Bezugspersonen) kennt. Diese Stimmen oder inneren Antreiber lassen sich durch gezielte Befragung klar definieren. Die im Folgenden dargestellten inneren Stimmen und Erlaubnisse wurden von der Autorin dieses Beitrages definiert.

Diese inneren Stimmen deuten auf den „Beeil dich“-Antreiber hin:

• Ich muss mehrere Dinge gleichzeitig erledigen!
• Ich darf keine Zeit verlieren!
• Ich bin der Motor, der alles vorantreibt!
• Ich bin ständig in Bewegung und dauernd beschäftigt!

Diese Stimmen deuten auf den „Sei stark“-Antreiber hin:

• Ich schaffe das allein!
• Ich darf keine Gefühle zeigen!
• Ich muss Haltung bewahren!
• Zähne zusammen und durch!

Diese Stimmen deuten auf den „Sei perfekt“-Antreiber hin:

• Wenn ich etwas mache, dann gründlich und ohne Fehler!
• Ich muss noch besser werden!
• Ich darf keine Fehler machen!

Diese Stimmen deuten auf den „Streng dich an“-Antreiber hin:

• Für Erfolg muss ich hart arbeiten!
• Es muss schwer gehen, sonst ist es nicht sinnvoll!
• Ich gebe nie auf!
• Ich schaffe es auch ohne Hilfe!

Diese Stimmen deuten auf den „Mach’s recht“-Antreiber hin:

• Ich möchte akzeptiert und geliebt werden!
• Dabei verzichte ich gern auf meine eigenen Interessen!
• Ich kann nicht „Nein“ sagen!
• Ich möchte Harmonie um mich herum!


2. Schritt: Antreiber hinterfragen und Erlaubnisse erarbeiten

Sind die stark ausgeprägten Antreiber definiert, hinterfragt der Coach beim Klienten, ob sie denn für ihn in der konkreten Situation immer noch gültig sind. Und ob er sich erlauben kann, sie nicht mehr ernst zu nehmen.

Der Coach lässt den Klienten dann passende Erlaubnisse erarbeiten, die eine andere Reaktion zulassen.

Erlaubnisse für den „Beeil dich“-Antreiber:

• Ich darf mir Zeit lassen.
• Ich darf mir die Zeit geben, die ich brauche.

Erlaubnisse für den „Sei stark“-Antreiber:

• Ich darf um Hilfe bitten.
• Ich darf schwach sein.
• Ich darf Gefühle zeigen.

Erlaubnisse für den „Sei perfekt“-Antreiber:

• Ich bin gut genug.
• Gut ist gut genug.
• Ich darf Fehler machen und bin trotzdem wertvoll.

Erlaubnisse für den „Streng dich an“-Antreiber:

• Ich darf bei der Arbeit auch Spaß haben.
• Auch wenn es leicht geht, ist es für mich wertvoll und gut.
• Ich darf mir kleine Ziele setzen.

Erlaubnisse für den „Mach’s recht“-Antreiber:

• Ich darf nein sagen.
• Ich darf eigene Wünsche und Bedürfnisse haben.
• Ich darf mich anderen zumuten und Wünsche äußern.  
• Ich darf eine eigene Meinung haben.


3. Schritt: Erlaubnisse einüben

Erklärung: siehe Fallbeispiel

4. Schritt: Wirkung/Folgen spüren

Erklärung: siehe Fallbeispiel

Fallbeispiel

Eine Führungskraft, die sich nach einem Burnout zum Coaching entschieden hat, klagte darüber, dass sie weder ihrem Chef noch ihren Mitarbeitern gegenüber Grenzen ziehen kann. Ihr gelang es einfach nicht, und das war schon immer ihr Problem, so sagte sie, deren Forderungen abzulehnen, obwohl sie schon völlig überlastet war. Sie hat wohl, das haben ihr Kollegen immer wieder bestätigt, dadurch in ihrem Umfeld den Eindruck hinterlassen, dass man ihr alles übergeben könne, sie kümmerte sich ja sehr zuverlässig und zielstrebig um alles. Durch die dauerhafte ständige Überarbeitung war sie stark gefährdet,  in einen Burnout zu geraten.

Der erste Schritt im Coaching war das Abfragen und Kennenlernen der inneren Stimmen. Es wurde schnell deutlich, dass die Klientin vom „Mach’s recht“-Antreiber gequält wurde. Denn: Sie hatte für sich verinnerlicht, immer erst nach den Wünschen der anderen zu schauen und dafür zu sorgen, dass es denen gut geht. Ihre eigenen Bedürfnisse kannte sie gar nicht. Schon das Erkennen und Benennen der Antreiber hat bei ihr viel gelöst.

Im zweiten Schritt wurde sie im Coaching dazu aufgefordert, Erlaubnisse zu erarbeiten, die es ihr ermöglichen, Aufträge abzulehnen, sich abzugrenzen. Sie definierte sehr klar für sich: Ich darf wichtig sein. Ich darf eigene Wünsche haben und spüren, wenn es mir zu viel wird.

In der theoretischen Situation wurde im dritten Schritt geübt, die Stresssituation zu erkennen, den Antreiber zu spüren und die Erlaubnisse anzunehmen. War der Antreiber in der Stresssituation spürbar, erinnerte sich die Klientin die passende Erlaubnis: „Ich darf meine eigenen Wünsche äußern.“ In der – zunächst theoretisch durchgespielten Situation, später dann auch in der realen Praxis – konnte sie ihren Mitarbeitern entgegentreten und sagen, dass sie aufgrund der vielen anderen Projekte keine weiteren Aufgaben annehmen könne. Das Gefühl der großen Erleichterung und die selbst geschaffene freie Zeit konnte sie sehr klar als Belohnung wahrnehmen.

Abschließend überprüfte sie im vierten Schritt, welchen Preis sie dafür zahlen musste. War der Chef enttäuscht? Die Mitarbeiter? Der Chef wusste, dass die Klientin schon überfordert war und durch ihre Ablehnung erkannte er die Notwendigkeit, die Aufgaben neu zu verteilen, um sie nicht noch mehr zu belasten. Gemeinsam erarbeiteten sie eine neue Aufteilung. Bei den Mitarbeitern spürte sie, dass einige sauer waren, da sie durch ihre Abgrenzung mehr Aufgaben übernehmen mussten. Bei einigen Mitarbeitern hatte sie also Unmut ausgelöst, fand das aber durchaus angemessen, denn es gehörte zu deren Job-Anforderungen. Und mit dem Unmut umzugehen, war natürlich auch eine Übung, aber mit der passenden Erlaubnis: "Ich darf wichtig sein und meine Bedürfnisse wichtig nehmen", war das für sie immer weniger schlimm. Vor allem, weil sie auch merkte, dass ihr die Entlastung guttat.

Voraussetzungen & Kenntnisse

Coaches, die mit dem Konzept der Antreiber arbeiten, sollten die gängigen TA Konzepte kennen.

Persönlicher Hinweis

Die Arbeit mit den Antreibern ist ein sehr anschauliches und griffiges Konzept. Genau wie viele der anderen TA-Modelle hilft das Modell der Antreiber den Coaches beim Erkennen und Auflösen, aber auch dem Klienten, der über sich und seine Mitmenschen reflektieren möchte.     

Einordnung des Tools in die Struktur des Coaching-Prozesses nach dem COACH-Modell

Das Konzept der Antreiber ist in Phase 3 (Analysis – Untersuchung des Klientenanliegens und des Klientenumfelds) gut aufgehoben. Für Coaches, die mit einem Test arbeiten, ist das Konzept auch schon in der 1. Phase (Come together – Kennenlern- und Kontaktphase) wirksam, denn Klienten erkennen damit schnell ihre Muster und Lebensregeln, die sie ändern möchten.  

Quellen

Das Konzept der inneren Antreiber wurde ursprünglich in den 1970er Jahren von Taibi Kahler entwickelt.

Literatur

  • Kälin, Karl & Müri, Peter (2000). Sich und andere führen. Psychologie für Führungskräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 13. Aufl. Thun: Ott.
  • Kahler, Taibi (1975).  DRIVERS: The Key to the Process of Skripts, TAJ, 3, S. 280–284.

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