Wo Sprache nicht mehr reicht, Vorstellungskraft verblasst oder innere Bilder jeden Perspektivwechsel blockieren, stößt Coaching oft an Grenzen. In solchen Momenten fällt es Klientinnen und Klienten schwer, sich alternative Sichtweisen oder neue Handlungsspielräume vorzustellen – sei es aus emotionaler Ablehnung, kognitiver Überforderung oder biografischer Prägung.
Genau hier kann Virtual Reality (VR) neue Wege eröffnen: nicht durch Analyse, sondern durch Erfahrung. Mit spielerischer Leichtigkeit, körperlicher Präsenz und emotionaler Tiefe schafft sie Räume, in denen sich Themen zeigen, die zuvor verborgen blieben, und macht greifbar, was zunächst abstrakt erschien.
Was einst als technisches Experiment galt, kann heute als professionelles Coaching-Tool eingesetzt werden. Dieser Beitrag knüpft an frühere Veröffentlichungen aus dem Coaching-Magazin an (Werning & Gas, 2023; Manolova & Grillenbeck, 2023; Dürr, 2021) und zeigt, wie sich VR im Business-Coaching inzwischen bewährt hat – jenseits von Technikbegeisterung oder Methodenspielerei. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Wirkung, Verantwortung und Grenzen.
VR ist längst kein Zukunftsthema mehr – zumindest nicht in der Technologiebranche. In der Weiterbildung hingegen galt sie lange als Nischenthema: zu teuer, zu technisch, zu wenig praxistauglich. Auch im Coaching war die anfängliche Zurückhaltung groß. Frühere Beiträge im Coaching-Magazin sahen VR-Coaching noch als innovativen Sonderfall – mit Potenzial, aber auch offenen Fragen zu Ethik und Methodik.
Heute, rund fünf Jahre nach den ersten breiteren Einsätzen im deutschsprachigen Raum, lässt sich eine deutlich gereiftere Praxis beobachten. Coaching mit VR ist kein Experiment mehr, sondern oft Teil professioneller Portfolios – insbesondere im Bereich Business-Coaching, Leadership- und Teamentwicklung. Nicht, weil es klassische Methoden verdrängt, sondern weil es sie sinnvoll ergänzt. Was sich verändert hat, ist vor allem das didaktische und methodische Verständnis von VR als Erfahrungsraum:
Unterstrichen wird diese Entwicklung durch die Ergebnisse einer Studie (Aliman et al., 2023), die in Kooperation der Universität Münster mit dem Niedersächsischen Ministerium für Inneres und Sport sowie in Zusammenarbeit mit PwC entstand: Teilnehmende in VR-basierten Workshops waren (im Vergleich zu Video-Konferenzsettings) nicht nur agiler (z.B. im proaktiven Angehen von Problemen und Anpassen von Plänen), sondern zeigten auch ein höheres Maß an positiven Emotionen und eine intensivierte Teilnahme (ebd.; Dalton, 2023) – Aspekte, die auch im Coaching wertvoll sind.
Der positive Nutzen wird zudem durch eine Metaanalyse aus dem Herbst 2024 bestätigt, in der die Wirksamkeit von VR über 36 internationale Einzelstudien hinweg ausgewertet wurde (Huang et al., 2024). Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass VR-gestützte Lernformate in Bezug auf den Wissenstransfer einen positiven Effekt aufweisen.
Die empirischen Befunde liefern damit auch für das Coaching relevante Anhaltspunkte: Sie belegen die Wirksamkeit immersiver Lernräume in Bezug auf emotionale Beteiligung, Transferstärke und Problemansprache – Wirkfaktoren, die im Coaching bedeutsam sind.
Die Wirksamkeit von Coaching in immersiven Räumen beruht auf dem Zusammenspiel mehrerer Wirkprinzipien. Je nach Setting und Zielsetzung stehen andere Aspekte im Vordergrund – drei davon sind besonders prägend:
Weitere Wirkfaktoren von Coaching in immersiven VR-Räumen (u.a. nach Huang et al., 2024; PwC, 2020; Aliman et al., 2023) lauten:
Wie VR in der Coaching-Praxis eingesetzt werden kann, veranschaulichen die folgenden Anwendungsbeispiele.
Im Rahmen eines Coachings zur beruflichen Neuausrichtung arbeitete eine erfahrene Führungskraft an wiederkehrenden Selbstzweifeln, die sich trotz äußerem Erfolg hartnäckig hielten. In einem immersiven Setting wurde der innere Dialog durch eine symbolische Umgebung greifbar gemacht: ein virtuelles Gewächshaus, in dem Glaubenssätze in Form von Pflanzen sichtbar wurden.
Übersteigerte Überzeugungen wie „Ich muss alles allein schaffen“ oder „Ich genüge nicht“ zeigten sich als wuchernde, den Raum vereinnahmende Gewächse. Andere überholte Denkmuster erschienen vertrocknet, aber immer noch präsent – wie Relikte aus früheren Kontexten, die inzwischen hemmend wirkten. Durch das visuelle Erleben dieser inneren Landschaft entstand ein emotionaler Zugang, der im Gespräch allein kaum erreichbar gewesen wäre.
In diesem geschützten Setting konnte die Klientin zunächst beobachten, ohne bewerten zu müssen. Erst im nächsten Schritt erfolgte die symbolische Umgestaltung: Destruktive Überzeugungen wurden bewusst entfernt, neue Setzlinge gepflanzt – verbunden mit individuellen Begriffen, die für erwünschte Haltungen oder Ressourcen standen. Die körperliche Handlung des „Umtopfens“ wirkte dabei nicht nur metaphorisch, sondern aktivierend. Sie stärkte das Gefühl von Gestaltungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit.
Das immersive Gewächshaus diente dabei nicht als allegorische Kulisse, sondern als funktionaler Reflexionsraum: Die räumliche Trennung vom Alltagskontext senkte die emotionale Schwelle, hinderliche Glaubenssätze zu betrachten. Gleichzeitig ermöglichte die visuelle Externalisierung eine Distanzierung von der Problembindung – bei gleichzeitiger Annäherung an lösungsorientiertes Denken. Die Kombination aus symbolischer Immersion, multisensorischem Erleben und aktiver Handlung verstärkte die Verankerung der neuen Überzeugungen über den Moment hinaus – und trug so zur nachhaltigen Veränderung des Selbstbilds bei.
Ein Klient in beruflicher Umbruchsituation stand vor drei sehr unterschiedlichen Optionen: neue Führungsrolle, Selbstständigkeit oder – einem tiefen Bedürfnis folgend – ein Sabbatical. Im Gespräch blieb die Entscheidung unklar – alle Optionen wirkten gleich plausibel. Das immersive VR-Coaching eröffnete einen neuen Zugang: Die Alternativen wurden als begehbare Zukunftsszenarien inszeniert – mit jeweils eigenständiger visueller Gestaltung, auditiven Elementen und symbolischen Reizen.
Der Klient durchlief die von ihm mitgestalteten Räume, interagierte mit den Elementen und ließ sich auf das emotionale Erleben ein. Dabei wurden unbewusste Bedürfnisse und innere Ambivalenzen sichtbar, die über die kognitive Bewertung hinausgingen.
Die visuell-räumliche Erfahrung der Entscheidungsalternativen wirkte wie ein mentaler Probelauf. Die immersive Qualität ermöglichte eine temporäre Identifikation mit jeder Option – nicht nur im Denken, sondern im Fühlen.
Die Entscheidung fiel nicht im Gespräch, sondern im Raum – und wurde so zur stimmigen persönlichen Ausrichtung. Diese Form der simulativen, spürbar erlebten Selbstklärung unterstützte nicht nur den Entscheidungsprozess, sondern stärkte auch das Vertrauen in die eigene Intuition.
Eine Führungskraft arbeitete daran, unbewusste Einflussfaktoren auf ihr Führungsverhalten zu erkunden. Auf Basis des Modells des „Inneren Teams“ von Schulz von Thun wurden zentrale Persönlichkeitsanteile als eigenständige Avatare im Raum inszeniert – jeweils mit typischen Aussagen, Werten und emotionalen Ausdrucksformen. Der Klient wechselte gezielt zwischen diesen inneren Anteilen, schlüpfte in deren Rollen, führte Dialoge zwischen ihnen – und gewann so neue Einsichten in bislang verborgene Spannungsfelder und Ressourcen.
Besonders wirksam war dabei der flexible Rollenwechsel auch auf Seiten des Coachs: Situativ übernahm dieser die Steuerung einzelner Avatare – sei es, um eine kritische Stimme zuzuspitzen, unterstützend zu spiegeln oder eine zuvor unausgesprochene Haltung erfahrbar zu machen. Auch der Avatar des Klienten konnte vom Coach übernommen werden, um bestimmte Dynamiken sichtbar zu machen oder den Perspektivwechsel anzuleiten. Der virtuelle Raum wurde so zu einem begehbaren Dialogfeld – mit hoher emotionaler Dichte und präzisem Fokus auf die inneren Dynamiken.
Zudem erleichterte die symbolische Distanz als Avatar es dem Klienten, auch widersprüchliche oder unangenehme Anteile anzunehmen – ohne Abwehr und mit wachsender Selbstakzeptanz. Gleichzeitig förderte die Identifikation mit den gestalteten inneren Avataren ein besseres Verständnis für das eigene „innere Team“ – das im realen Raum oft abstrakt bleibt oder an die Grenzen der Vorstellungskraft stößt.
Die Bandbreite möglicher Einsatzszenarien für VR im Coaching ist groß – ebenso wie die Themen, mit denen Klientinnen und Klienten in den Prozess eintreten. Besonders deutlich zeigt sich das Potenzial immersiver Räume in jenen Momenten, in denen kognitives Wissen allein nicht ausreicht.
So zeigte das episodische Erleben im immersiven Raum einer Unternehmerin im Resilienz-Coaching, wie vertrautes Wissen zur gelebten Erfahrung werden kann. Durch das Eintauchen in den immersiven Raum wurde nicht nur an bekannte Strategien zur Stressbewältigung erinnert, sondern diese körperlich spürbar erlebt. Aus kognitivem Wissen entstand ein inneres Bedürfnis zu handeln – und damit echte Motivation zur Umsetzung im Alltag.
In einer Konfliktklärung zwischen zwei Teamleitenden schuf eine neutral gestaltete VR-Umgebung einen statusfreien Gesprächsraum. Die räumliche Distanz, reduzierte Körpersprache und symbolische Avatare durchbrachen gewohnte Eskalationsmuster. So gelang es beiden erstmals seit Monaten, einander zuzuhören – ohne Abwehr oder Rechtfertigung. Die emotionale Entlastung förderte die Dialogbereitschaft und eröffnete eine neue Gesprächsdynamik, die allein durch Sprache kaum erreichbar gewesen wäre.
Auch in der Teamarbeit lassen sich komplexe Prozesse in VR strukturiert und erlebbar gestalten. Ein Projektleiter nutzte ein interaktives Setting, um mit seinem Team einen bevorstehenden Veränderungsprozess zu visualisieren: Meilensteine, Rollen und Hürden wurden als „Projekt-Bahn“ begehbar im Raum verortet, flexibel verschoben und gemeinsam weiterentwickelt. Der Einsatz von Gamification-Elementen förderte nicht nur die Reflexion, sondern aktivierte kreative Lösungswege und stärkte die kollektive Problemlösungskompetenz.
Trotz aller Vorteile birgt der Einsatz von VR im Coaching Risiken. Welche das sind und wie sie umgangen werden können, wird nachfolgend erläutert.
Der Einsatz von VR im Coaching ist kein Selbstläufer. Die Wirkung immersiver Szenarien hängt weniger von technischer Qualität ab als von methodischer Passung, professioneller Haltung und einer realistischen Einschätzung der eigenen Rolle als Coach.
Insbesondere bei emotional sensiblen Themen wie Konflikten, Identitätsfragen oder biografischen Übergängen kann VR intensive Reaktionen auslösen. Wenn Szenarien unvorbereitet eingesetzt werden oder die Prozesssteuerung fehlt, drohen emotionale Überforderung, Irritation oder eine Destabilisierung der Klientinnen und Klienten. Auch subtile Effekte – etwa eine geschwächte Selbstwirksamkeit durch überinszenierte Settings – sind möglich.
Hinzu kommt: Nicht jede Fragestellung eignet sich für immersive Formate. Der Einsatz von VR erfordert eine bewusste Entscheidung – orientiert an Thema, Ziel und Prozessphase. Es gehört zur professionellen Verantwortung, auch bewusst nicht auf VR zu setzen, wenn die Bedingungen nicht stimmen. Nur wenn immersive Erlebnisse präzise in den Coaching-Kontext eingebettet sind, kann ihr Potenzial zur Geltung kommen – ohne dabei psychologische Risiken zu übersehen.
Neben methodischen Fragen spielen auch die technischen Voraussetzungen und rechtlichen Standards eine zentrale Rolle. Cybersickness – also Schwindel oder Übelkeit durch fehlerhafte Programmierung oder mangelhafte Kalibrierung – lässt sich durch die Wahl professioneller Plattformen und ein sorgfältiges Onboarding fast vollständig vermeiden. Weitaus bedeutsamer ist die Frage nach Datensicherheit und Transparenz: Für vertrauliche Gespräche im Coaching sind ausschließlich Plattformen geeignet, die DSGVO-konform arbeiten und eine nachvollziehbare Datenverarbeitung gewährleisten. Gerade kostengünstige oder gar kostenfreie Standardlösungen erfüllen diese Anforderungen häufig nicht und bergen damit ein erhebliches Risiko für den Schutz sensibler Inhalte.
Zugleich ist die technische Einstiegshürde heute niedrig: Professionelle Plattformen sind etabliert, Hardware ist mietbar und kann vorkonfiguriert zur Verfügung gestellt werden. Damit lässt sich VR ohne großen Aufwand in bestehende Coaching-Programme integrieren.
Die Nutzung von VR im Coaching erfordert mehr als technisches Interesse. Coaches benötigen ein Grundverständnis der eingesetzten Systeme, verbunden mit ethischer Sensibilität und praktischer Erfahrung im Umgang mit immersiven Räumen. Persönliche Reife und Prozesskompetenz sind ebenso unverzichtbar wie die Fähigkeit, die Intensität solcher Medien realistisch einzuschätzen. Entscheidend ist die reflektierte Auswahl: Nur wenn VR gezielt und verantwortungsvoll eingesetzt wird, kann sie ihren Mehrwert entfalten – andernfalls unterläuft sie die Grundprinzipien professionellen Coachings.
Coaching in VR ersetzt keine bewährten Formate – es ergänzt sie um Räume, in denen Erfahrung statt Erklärung im Mittelpunkt steht. Dort, wo Sprache an Grenzen stößt oder Vorstellungskraft nicht reicht, schafft VR neue Zugänge: emotional, interaktiv, perspektivwechselnd.
Der Mehrwert entsteht nicht durch Technik, sondern durch Gestaltung. Wer immersive Räume methodisch klug und mit professioneller Distanz einsetzt, erweitert nicht nur sein Repertoire – sondern erschließt neue Wege zu Selbstreflexion, Veränderung und innerer Klarheit.
Unternehmen können dabei doppelt profitieren: Sie senken Kosten und Reiseaufwand – und zugleich können Reflexion, Eigenverantwortung und nachhaltige Entwicklung ihrer Mitarbeitenden gestärkt werden.
Richtig eingesetzt, fördert VR nicht nur individuelle Entwicklung, sondern unterstützt auch eine dialogorientierte Unternehmenskultur, in der Veränderung erlebbar und verankert wird. Voraussetzungen dafür bleiben: eine reflektierte Haltung, didaktische Sorgfalt und die Bereitschaft, neue Räume verantwortungsvoll zu gestalten.