Business-Coaching: Der Stand der Dinge – Teil 1

Coaching historisch betrachtet

Business-Coaching: Der Stand der Dinge – Teil 1
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Teil 1: Coaching historisch betrachtet

Unter Coaching werden heute sehr unterschiedliche Tätigkeiten subsumiert, gleichzeitig sind diese Angebote permanenter und schneller Veränderung ausgesetzt. Verschiedene namhafte Autoren bezeichnen Coaching als spezifisches Beratungsformat (Kühl, 2008; Schmid, 2005). Coaching ist eine neue Beratungsleistung, die in der langen Tradition des Konsultantentums steht. Ein Zeithorizont über zweitausend Jahre, über viele Berufe hinweg öffnet sich.

Es wird aber auch deutlich: Heilslehren, charismatische Sektenführer, die gesamte Branche der billigen Ratgeberindustrie und die Gruppe der „Wahrheitsterroristen“ (Mitterer, 2001) sind zwar nicht eingeschlossen, aber sie versuchen, als Überzeugungstäter oder Worthülsenverkäufer mitzulaufen. Wir müssen uns kritisch fragen: Warum auch nicht? Wenn unter dem Begriff Coaching alles möglich ist, da nichts ausgeschlossen ist, muss auch dies möglich sein. Eine relativ neue und eigene Form des Konsultantentums (Sloterdijk, 2008) stellt Business-Coaching dar.

In drei aufeinander folgenden Ausgaben des RAUEN Coaching-Newsletters wird ein Abriss über Business-Coaching skizziert. Der vorliegende erste Teil stellt eine historische Rahmung dar. Der zweite Teil stellt eine scheinbar einfache Frage: Was muss ein Business-Coach können? Der dritte Teil betrachtet die wirtschaftliche Seite des Business-Coachings und gibt einen Ausblick.

Über Sophisten, Philosophen, Jesuiten, Geheimräte und Hofnarren

Ohne große Mühe finden sich Vorfahren des Business-Coachings in der Antike Griechenlands. Gebildete Didaktiker und Rhetoriker wurden als Sophisten bezeichnet. Redekunst, Musik, Geometrie, Dichtung waren ihre herausragenden Kenntnisse. Die Sophisten, auch Platon und Sokrates gehörten dazu, boten ihre Dienste gegen Bezahlung jedermann an. Sie gaben Unterricht und unterstützten junge Männer dabei, zu lernen, einen Beitrag für die Polis zu leisten und ihre Interessen zu verfolgen. Die Tätigkeit – heute würde man von Dienstleistung sprechen – umfasste Lebensberatung, juristische und politische Beratung, die Erziehung der Kinder in reichen Häusern oder das Halten, aber auch Verfassen von Reden.

Insbesondere war die hohe Konzentration auf Rhetorik immer wieder ein Kritikpunkt. Im Laufe der Jahrhunderte ebbte die Kritik ab, um dann wieder anzuschwellen. Ohne an dieser Stelle einen auch nur annähernd kompletten ideengeschichtlichen Abriss über das antike Griechenland zu geben, lassen sich einige wichtige Aspekte für eine andere Kontextualisierung von Coaching festhalten.

Bereits in der Antike wurde die Spannung zwischen Weisheit (Philosophie) und der Fähigkeit, diese über Rhetorik zu vermitteln, deutlich. Diese Balance gerät auch heute immer wieder aus den Fugen. Die oben erwähnten Überzeugungstäter und Worthülsenverkäufer, die „Antons dieser Welt“ (Schwertl, 2016) stehen heute – arm an Inhalten, aber mit guter Performanz ausgestattet – auf der einen und eine Menge hochqualifizierter Kolleginnen und Kollegen auf der anderen Seite.

Seneca der Jüngere

Seneca wird oft als einer der prominenten Vertreter der Stoiker genannt. Gleichzeitig flackert immer wieder die Debatte auf, ob er als Philosoph zu betrachten sei. Während ihn Politikhistoriker als klugen Berater Neros sehen wollen und Literaturwissenschaftler über seinen Stil erfreut sind, fallen andere Urteile weniger günstig aus. In jedem Falle macht es keine Mühe, Seneca als einen der prominentesten Konsultanten der Antike zu sehen.

Er war der Erzieher und später der wichtigste Berater Neros. Nero galt als unbeherrscht und zu großen Wutanfällen neigend. Eine Unzahl an irrationalen Handlungen sowie exzessive Bestrafungen im Rahmen von Gerichtsurteilen wurden bezüglich seiner Person überliefert. Entsprechend beschäftigte sich Seneca mit Themen wie Affektkontrolle und moralphilosophischen Fragestellungen („Wer vor den Spiegel tritt, um sich zu verändern, der hat sich schon geändert“), seine Philosophie hatte demnach stets deutliche Bezüge zu seinen Beratungsaufgaben. Die Versuche Neros, sich als milder Kaiser zu verstehen, auch wenn sie nur von kurzer Dauer waren, gingen auf den Einfluss Senecas zurück. Bezeichnender Weise wurde die Herrschaftsausübung Neros nach Senecas Tod deutlich irrationaler und unberechenbarer.

Senecas Kritiker erhoben immer wieder den Vorwurf, er habe Nero nicht nur beraten, sondern sei allzu häufig an Intrigen und Machtspielen beteiligt gewesen. Letztlich zwang ihn Nero zum Freitod und er trank, ganz in der Tradition von Sokrates, den Schierlingsbecher.

Auch heute gilt: Wer als Business-Coach ernst genommen werden will, sollte sich tunlichst aus Machtspielen und Intrigen heraushalten. Man stelle sich vor, ein Thomas Middelhoff hätte auf einen guten Business-Coach gehört, es wäre ihm möglicherweise viel Kummer und Gefängnis erspart geblieben. So manche Katastrophe von Unternehmen (Scheuch & Scheuch, 2001) könnte beispielhaft angeführt werden. Ob es hilfreich ist, sofort mit nicht bestellten Diagnosen des ICD 10 (Internationale Klassifikation psychischer Störungen) ungefragt um die Ecke zu kommen, sei aber dahingestellt. Die Gefahren der Macht, die immer nur geliehene Macht ist, eine Heerschar an nickenden, zustimmenden Anzug- und Kostümträgern und all die verführerischen Seiten des Lebens brauchen keine Diagnosen, sondern ein Korrektiv und Angebote an Reflexionen.

Das Beispiel Seneca zeigt, wir dürfen (manchmal) Berater der Mächtigen sein, dies setzt aber entsprechende Enthaltsamkeit voraus. Der Wert eines Business-Coachs für die Kunden besteht nicht darin, klüger und sozial kompetenter zu sein, sondern darin, ein mutiger Beobachter von Reflexionsprozessen zu sein.

Die Gesellschaft Jesu

Wer auch immer sich ernsthaft mit der Geschichte der Konsultanten beschäftigt, kann kaum zu viel Zeit in das Verstehen dieses katholischen, in Kommunitäten lebenden Ordens ohne Klöster investieren: Von Ignacio von Loyola im Jahre 1540 unter dem Namen Societas Jesus (SJ), sprich Gesellschaft Jesu, gegründet, widmeten sich die Ordens-Mitglieder der Erziehung, Wissenschaft und Mission. Sie verschrieben sich auf eine sehr spezifische Weise der Bereitschaft, Einfluss zu nehmen, indem sie sich einer bekannten katholischen Devise bedienten: „Wenn Du herrschen willst, musst Du dienen“. Sie waren Beichtväter der Fürsten und damit auch politische Berater, als die Trennung von Kirche und Staat noch nicht vollzogen war.

Das Jesuitenkolleg St. Blasien, eine bekannte Kaderschmiede im Schwarzwald, weist auf ein großes Engagement in Bildung, Erziehung, Wissenschaft und Kunst hin. Sie gründeten Universitäten (z.B. in Würzburg, 1575) und einen eigenen Staat (Jesuitenstaat in Paraguay, 1609–1768). Die Indianer des Jesuitenstaates waren vor Ausbeutung und Sklaverei beschützt und erreichten die Unabhängigkeit von der spanischen Obrigkeit.

Selbst unsere Vorstellungen von Prinzipien der katholischen Soziallehre gehen auf den Jesuiten Oswald Nell-Breuning zurück. Auf Ethik in der Wirtschaft, Managementberatung, Führungskultur und als diskrete Ratgeber mancher Politiker haben Jesuiten großen Einfluss (Hartmann, 2008). Wie immer man auch dem Orden der Gesellschaft Jesu gegenübersteht, ihre Geschichte, ihr Einfluss sind letztlich auf sehr umfangreicher Bildung (die Ausbildung dauert mehr als zehn Jahre) und großer Selbstdisziplin aufgebaut. Auch bei weltanschaulich begründeter Distanz ist die Historie ein Lehrstück über verschiedene Ausprägungen des Konsultantentums. Nicht ganz unbegründet erfuhr die Abkürzung SJ auch die Übersetzung „schlaue Jungs“.

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Die Sekretäre

Eine wesentlich heterogenere Gruppierung bildet der ursprüngliche Stand der Sekretäre. Sie galten als Schreiber und Kommunikationsspezialisten (nicht alle Personen waren des Lesens und Schreibens kundig). Die Bedeutung dieses Berufs wandelte sich immer wieder sehr stark, letztlich blieben die heutigen Aufgaben der Staatssekretäre oder Generalsekretäre der politischen Parteien erhalten. Ohne auf Details einzugehen, sind gerade die Parlamentarischen Staatssekretäre interessant. Sie sind direkt dem jeweiligen Minister zugeordnet, können jederzeit entlassen werden und das Ende der Amtszeit eines Ministers ist auch das Ende der Amtszeit des Staatssekretärs. Besitzt ein Staatssekretär das Vertrauen des Ministers (er hat sein Ohr), ist er häufig der engste Berater und Entscheidungsvorbereiter.

Eine ähnlich einflussreiche Stellung nehmen die diversen Managementstäbe ein und führen zu einer anderen Gruppe, deren Namen uns nicht alltäglich ist und wie ein Relikt aus vergangener Zeit anmutet. Es ist die Gruppe der Räte.

Die Gesellschaft der Räte

Obwohl wir bei Begriffen wie dem Regierungsrat mehr an Beamte und weniger an Konsultanten denken, kann deren Einfluss in all ihren Varianten nicht übergangen werden. Ein Geheimer Rat unterstand dem jeweiligen Fürsten und würde in zeitgemäßer Formulierung als Beratergremium bezeichnet werden. Über lange Zeit des Wirkens der Geheimen Räte gab es durchaus Vermischungen von Einflussnahme durch „Rat geben“ und dem Schaffen von Verordnungen und Gesetzen. Letztlich ging daraus auch das Beamtentum aktueller Prägung hervor. Geheimräte, die Vertraute ihrer Herren waren, standen an der Spitze der Beamten. Geheimräte, mehr oder weniger freie Denker wie z.B. Friedrich Schiller oder Wolfgang von Goethe, bildeten quasi den Gegenpool zu subalternen Beamten. Die Entourage der heutigen CIOs großer Konzerne ist vergleichbar.

Eine andere Art von Räten, aber vergleichbar einflussreich, waren Hofräte. Der Titel gilt als Berufs- oder Amtsbezeichnung. Vor allem die Geschichte der österreichischen Hofräte, mittlerweile auf eine Ehrenbezeichnung reduziert, ist eine Geschichte großen Einflusses, auch wenn der Titel und seine Handhabung wie die Handlung einer Operette anmuten.

Die Marketingberater

Mit dem immer größer werdenden Einfluss der Medien entstand für Politiker, Spitzenmanager usw. die Notwendigkeit, sich öffentlichkeitswirksam und mediengerecht darzustellen. Helmut Schmidt sprach einmal davon, dass die Allmacht des Fernsehens den Stil der Politik wesentlich beeinflussen wird. Ein Versprecher, eine flapsige Bemerkung können den Betroffenen zum Gespött machen, und seine messbare Leistungsfähigkeit kann sofort in den Hintergrund treten.

Die Dienstleistung der Marketingberater unterstützt ihre Kunden, möglichst wenig Fehler in ihrer öffentlichen Darstellung zu machen. In Folge entwickelten sie Strategien die darin bestehen, den Mann oder die Frau öffentlichkeitswirksam zu modellieren. Das anzustrebende Ideal ist der mehrheitsfähige „Otto Normalverbraucher“, denn Wahlen können nur mit Mehrheiten gewonnen werden.

Medien sind ein relevanter Beobachter von gesellschaftlicher Kommunikation (Schmidt, 2004). Kommunikation ist immer Inhalt und Performanz, ob diese Balance immer bewahrt wird, ist ein eigenes Thema. Ähnlich agierende Beraterstäbe für Imagepflege und Wahlkampfkampagnen werden „Spin-Doctors“ genannt.

Business-Coaching

Im Fokus der skizzierten historischen Perspektive stellt Business-Coaching eine konsequente Weiterentwicklung in der Tradition des Beraterwesens dar. Der im deutschsprachigen Raum führende Coaching-Verband für Business-Coaching und Leadership, der Deutsche Bundesverband Coaching e.V. (DBVC) (2012; 20), definiert Coaching wie folgt: „Coaching ist die professionelle Beratung, Begleitung und Unterstützung von Personen mit Führungs- und Steuerungsfunktionen und von Experten in Organisationen [bezüglich primär beruflicher Anliegen]. […] Durch die Aktivierung der menschlichen Potenziale soll die wertschöpfende und zukunftsgerichtete Entwicklung des Unternehmens / der Organisation gefördert werden. […] Coaching ist eine Kombination aus individueller Unterstützung zur Bewältigung verschiedener Anliegen und persönlicher Beratung.“

Die Definition des DBVC schränkt die scheinbar allumfassende Wirkung von Coaching ein, ermöglicht somit Grenzlinien und damit das Format Business-Coaching. Zugleich wird Coaching vom DBVC auch als eine Art immer verwendbares Format dargestellt: „Der Fokus im Coaching liegt auf dem Menschen in all seinen Lebensbezügen.“ (ebd.; 39)

Zusammenfassung und Ausblick

Betrachtet man Business-Coaching in einem historischen Zusammenhang, so ist es als eine Weiterentwicklung und gleichzeitig als ein neues Format zu verstehen (Schwertl, 2016). Business-Coaching muss zukünftig die Trennung in weiche und harte Faktoren als eine reduktionistische Sichtweise überwinden und von einem interdependenten System als Grundannahme ausgehen.

Dies führt zu einem Korrektiv der methodischen Therapielastigkeit von Ausbildungsgängen sowie von offenen oder verdeckten Erziehungsversuchen von Kunden. Nicht das Aushalten von Sensibilisierungsmaschinerien, sondern der Aufbau belastbarer Beziehungen zum Zwecke der Bewältigung von Problemlösungsprozessen ist dann das Ziel von Business-Coaching-Ausbildungen. Die unversöhnliche Differenz zwischen WAS und WIE gilt es zu überwinden. Business-Coaching fußt auf Kommunikation und diese ist immer Inhalt und Performanz.

Der zweite Teil dieser Reihe setzt sich kritisch mit Methoden und dem Labeling „systemisch“ im Kontext Business-Coaching auseinander. Diese Reflexion verzichtet auf den geschundenen Begriff und mündet in einer Beschreibung, nämlich der „Beeinflussung komplexer Systeme“. Im Lichte des Gesagten gilt es zu fragen, welche Modifikationen für die Curricula der Ausbildungsgänge formulierbar sind. Letztlich müssen Ausbildungen abbilden, was die Kandidaten später zu leisten haben.

Der dritte Teil wird sich wirtschaftlichen Betrachtungen widmen. Dies führt zu einem Diskurs, das Format Business-Coaching als ein Format integrierter Unternehmensberatung (Reissner-Sénélar & Schwertl, 2015) zu verorten.

Literatur

  • DBVC e.V. (2012). Coaching als Profession. Osnabrück.
  • Hartmann, Peter C. (2008). Die Jesuiten. München: C.H.Beck.
  • Kühl, Stefan (2008). Vom Wunsch, eine Profession zu sein. In Wirtschaftspsychologie aktuell, 2/2008, 17–21.
  • Mitterer, Josef (2001). Die Flucht aus der Beliebigkeit. Frankfurt am Main: Fischer.
  • Reisner-Sénélar, Bertrand & Schwertl, Walter (2015). SP Integrierte Unternehmensberatung. In SP Journal 2/2015.
  • Scheuch, Erwin K. & Scheuch, Ute (2001). Deutsche Pleiten. Berlin: Rowohlt.
  • Schmidt, SiegfriedJ. (2004). Unternehmenskultur. Göttingen: Velbrück.
  • Schmid, Bernd (2005). Coaching und Team-Coaching aus systemischer Perspektive. In Christopher Rauen (Hrsg.). Handbuch Coaching. Göttingen: Hogrefe. 199–212.
  • Schwertl, Walter (2016). Business-Coaching. Reflexionen über eine oft missverstandene Dienstleistung. Wiesbaden: Springer.
  • Sloterdijk, Peter (2008). Konsultanten: Eine begriffsgeschichtliche Erinnerung. In Revue für postheroisches Management, 02, 08–19.