Als Anna (Name geändert) früh morgens erschöpft in ihr Büro kommt, spürt sie sofort: Heute ist wieder alles zu viel. Schlafmangel, Konflikte im Team und eine schwerwiegende Entscheidung lasten auf ihr – ein Zustand, der vielen Klientinnen und Klienten zu Beginn eines Coachings vertraut ist. Genau solche Situationen bildeten den Ausgangspunkt der zugrunde liegenden Masterarbeit, die untersuchte, welche inneren Faktoren beim Coaching gerade dann wirksam werden, wenn Menschen unter Druck stehen.
Coaching ist heute ein verbreitetes Entwicklungsformat, doch der wissenschaftliche Nachweis seiner Wirkfaktoren wächst erst langsam. Während frühere Metaanalysen vor allem Beziehung, Kompetenz des Coachs und methodisches Vorgehen als Erfolgsfaktoren identifizierten (z.B. Jones et al., 2015; Sonesh et al., 2015), rückt neuere Forschung emotionale Prozesse stärker in den Fokus. So zeigen de Haan und Nilsson (2023), dass emotionale Sicherheit und affektive Resonanz wichtige Aspekte hinsichtlich des Coaching-Erfolgs darstellen. Coaching wirkt demnach weniger direkt über Technik als über eine Veränderung emotionaler Zustände. Auch die Klientinnen und Klienten selbst bringen wichtige Wirkfaktoren mit, die über den Coaching-Verlauf mitentscheiden.
Ein gebräuchliches Modell zur Aufklärung bewusster sowie unbewusster Funktionen innerhalb der menschlichen Psyche bildet die Persönlichkeits-System-Interaktions-Theorie (PSI-Theorie) gemäß Kuhl (2001). Sie macht deutlich, dass der Grad an Selbststeuerung und Emotionsregulation sowie die Persönlichkeit bestimmen, wie Menschen unter Belastung handeln und Entscheidungen treffen (Kuhl & Strehlau, 2014). Genau diese inneren Faktoren standen auch im Fokus der Masterarbeit des Autors. In einer Studie mit Gruppen-Coachings als Intervention in Anlehnung an das Zürcher Ressourcen Modell (ZRM®) nach Krause und Storch (2006) wurde für diese Faktoren untersucht, wie veränderbar sie sind und wie stark sie den Zielerreichungsgrad beeinflussen.
Die vorliegende Masterarbeit stützt sich auf die PSI-Theorie von Kuhl (2001) – ein Modell, das unter anderem erklärt, warum Menschen unter Stress oft nicht so handeln können, wie sie es eigentlich möchten. Die Theorie geht von vier Funktionsbereichen aus, die in der Literatur wie folgt beschrieben werden (Kuhl & Alsleben, 2009):
Geraten Menschen unter Druck, verschiebt sich dieses innere Gleichgewicht: Das Gefahrenradar (Konflikte, Risiken und Unsicherheiten etc.) fährt hoch, während der Zugang zu den eigenen Stärken, Erfahrungen und inneren Motiven (Extensionsgedächtnis) schrumpft (Kuhl & Strehlau, 2014). Anna aus dem Eingangsbeispiel würde dies wie folgt beschreiben: „Ich weiß, dass ich es kann – aber ich erreiche mich selbst nicht mehr.“
Kuhl und Strehlau (2014) zeigen, dass Coaching insbesondere dann wirksam ist, wenn es gelingt, negative Affekte zu reduzieren. Erst wenn Stress, Anspannung oder „Grübeldruck“ nachlassen, öffnet sich wieder der Zugang zum Extensionsgedächtnis. Coaching ist weit mehr als reines Problemlösen, es ist in seinem Kern Zugangsarbeit – eine Begleitung zurück zu den Ressourcen, die schon vorhanden sind, aber unter Stress zeitweise blockiert wurden.
Die PSI-Theorie macht deutlich: Unter Stress verliert das Selbst kurzfristig den Zugriff auf Ressourcen. Es geht deshalb nicht ums „Zusammenreißen“, sondern darum, den inneren Alarm zu beruhigen – erst dann entstehen wieder Orientierung und Handlungskraft.
Kuhl und Strehlau (2014) beschreiben mittels der PSI-Theorie eine Reihe von Interventionen, die Coaches gezielt einsetzen können, um diesen Zugang zu erleichtern bzw. wiederherzustellen. Hier eine Auswahl von Tools, die Abstand schaffen, das Gefühl von Kontrolle stärken, die Selbstwirksamkeit aktivieren sowie direkt das ressourcenreiche Extensionsgedächtnis ansprechen: Skalierungsfragen, Verschlimmerungsfragen, systemische und Perspektivfragen, Bild- und Symbolarbeit, Kontrastierung und körperorientierte Tools. Wenn Anna sagt „Ich stehe völlig neben mir“, kann die Arbeit mit Atmung, Haltung und Stand ihr helfen, wieder wortwörtlich „Boden unter die Füße“ zu bekommen. Erst dann wird der innere Zugang frei – und häufig entstehen genau in diesen Momenten die ersten tragfähigen Lösungsideen.
Warum erzielen manche Menschen im Coaching rasche Fortschritte, während andere ins Stocken geraten? Die Masterarbeit untersuchte drei zentrale psychologische Einflussbereiche – Selbststeuerung, Emotionsregulation und Persönlichkeit – und zeigte, wie eng sie mit dem Coaching-Erfolg verknüpft sind.
Menschen unterscheiden sich deutlich darin, wie sie auf Belastung reagieren. Während manche trotz Druck weiter klare Entscheidungen treffen, geraten andere in „Grübelschleifen“ oder verlieren ihren Handlungsfaden. Empirische Studien zeigen, dass handlungsorientierte Personen ihre Selbstregulation unter Belastung besser aufrechterhalten und schneller wieder in zielgerichtetes Handeln zurückfinden als lageorientierte Personen, die häufiger zu Verzögerung und Verharren neigen (z.B. Birk et al., 2019).
Erfasst wurden diese Muster in der Masterarbeit mit dem Selbststeuerungsinventar SSI-K3 (Kuhl & Fuhrmann, 2003) sowie dem HAKEMP-90 (Kuhl & Kazén, 2003). Wichtige Facetten sind unter anderem:
Ein Praxisbeispiel: Während Person A nach kritischem Feedback sofort nächste Schritte plant, verharrt Person B tagelang im Rückzug. Letztere profitiert im Coaching oft besonders stark von Methoden zur Selbstaktivierung.
Emotionen bestimmen unser Denken und Handeln mehr, als vielen bewusst ist. Adaptive Emotionsregulation wirkt wie ein inneres Stabilisierungssystem – besonders dann, wenn es turbulent wird.
In der Masterarbeit standen drei wirksame Strategien im Fokus, gemessen mit dem Fragebogen H-FERST (Barnow et al., 2016):
Ergänzend zeigte das Self-Access Form (SAF) von Quirin und Kuhl (2018) als Messinstrument für den Selbstzugang, wie gut Menschen ihre eigenen Bedürfnisse und Motive überhaupt wahrnehmen können – oft der entscheidende Startpunkt für Veränderung.
Auch vermeintlich stabile Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen Coaching-Prozesse. Hierzu wurden drei vielversprechende Dimensionen des Big-Five-Standardmodells in der Persönlichkeitsforschung mit dem standardisierten Fragebogen BFI-K (Rammstedt & John, 2005) ausgewertet:
Frühere Forschung zeigt, dass Extraversion tendenziell mit höherer Coaching-Wirksamkeit korreliert (Jones et al., 2015) – möglicherweise, weil extravertierte Personen leichter in Austausch gehen oder schneller Neues ausprobieren.
Damit Coaching auch nachhaltig wirkt, braucht es eine klare Prozesslogik. Die in der Masterarbeit eingesetzte Intervention orientierte sich am Zürcher Ressourcen Modell nach Krause und Storch (2006) – einem wissenschaftlich fundierten Ansatz, der kognitive, emotionale und körperbezogene Elemente so verbindet, dass Veränderung Schritt für Schritt möglich wird. Im durchgeführten Online-Gruppensetting (mit einer Experimental- und einer zeitversetzten Wartelisten-Kontrollgruppe) durchliefen die 53 Teilnehmenden vier aufeinander aufbauende Phasen, die Orientierung bieten und Selbstwirksamkeit gezielt stärken. Die folgende Darstellung ist eine frei formulierte Beschreibung der in der Literatur (Krause & Storch, 2006) genannten Grundprinzipien und wurde für die Studie eigenständig adaptiert:
Zu Beginn stand der Zugang zu persönlichen Ressourcen im Mittelpunkt. Mit Methoden wie Bildkarten, Imagination, Body Scan sowie Beschreibung der bestmöglichen Version von sich selbst entstanden erste Perspektivwechsel: weg vom Problem, hin zu dem, was bereits trägt.
Auf dieser Basis entwickelten die Teilnehmenden ein persönliches Ziel – ein emotional verankertes Leitbild, das Energie, Richtung und Identifikation schafft. Embodiment-Elemente halfen dabei, dieses Ziel auch körperlich spürbar zu machen.
Im dritten Schritt wurde das Leitbild in klare, S.M.A.R.T. formulierte Handlungsziele übersetzt. Peer-Coaching, Ressourcenlisten und konkrete Umsetzungsschritte stärkten dabei die Selbstwirksamkeit: Veränderung wurde greifbar.
Damit Erfolge nicht nach der Sitzung verpuffen, beschäftigten sich die Teilnehmenden mit typischen Hindernissen, Rückschlagstrategien und der Integration ihrer Ziele in persönliche Werte und Alltagssituationen für echte Verhaltensänderung.
Diese vier Phasen verbinden Reflexion, emotionale Aktivierung und körperorientierte Übungen zu einem in sich stimmigen Veränderungsprozess. Für die vorliegende Studie diente dieser strukturierte Ansatz als zentrale Interventionslogik, um Veränderungsprozesse nachvollziehbar und messbar zu machen.
Um belastbare Aussagen über den Effekt des Coachings treffen zu können, wurden zwei wissenschaftlich etablierte Messwege genutzt. Beide werden häufig in Coaching- und Psychotherapieforschung eingesetzt.
Zunächst wurde untersucht, wie sich die beschriebenen 13 psychologischen Faktoren (Prädiktoren SEL, LOM, BEL, DRU, HOP, HOM, NEU, AKZ, PRO, SAF, E, O, N) zwischen Start und Ende des Coachings verändern. Diese Veränderungen wurden mit einer zweifaktoriellen Varianzanalyse mit Messwiederholung analysiert (n = 53). Der Vorteil: Dieses Verfahren zeigt nicht nur, ob sich etwas verändert, sondern ob die Veränderung tatsächlich auf das Coaching zurückzuführen ist – und nicht auf äußere Umstände.
Während Persönlichkeits- und Prozessmaße wichtig sind, beantwortet nur das Goal Attainment Scaling (GAS) nach Shefler, Canetti und Wiseman (2001) die entscheidende Frage: „Habe ich mein individuelles Ziel erreicht?“ GAS ist ein fein abgestuftes Verfahren, das persönliche Zieldefinitionen berücksichtigt. Es gilt als reliabler und valider Indikator für individuellen Fortschritt. In der Masterarbeit wurde der GAS-Wert am Ende des Coachings mithilfe multipler Regression analysiert (n = 32), um herauszufinden, welche Faktoren den größten Beitrag zum Coaching-Erfolg leisten. Zufriedenheit mit dem Coaching und tatsächliche Zielerreichung sind nicht identisch. So könnte Anna aus dem Beispiel mit ihrem Coaching durchaus sehr zufrieden sein, ohne dass klar ist, ob sie ihr ursprüngliches Ziel erreicht hat.
Die Ergebnisse der Masterarbeit zeigen klar: Coaching wirkt – besonders dort, wo Menschen unter Druck geraten. Am deutlichsten war die Abnahme von Druck und Bedrohung (DRU) sowie von Neurotizismus (N). Letzteres überrascht, da Persönlichkeitsmerkmale als relativ stabil gelten. Die Daten stützen jedoch die Annahme, dass gezielte Interventionen kurzfristig emotionale Stabilität erhöhen können, wenn volitionale Ressourcen aktiviert werden. Diese Befunde lassen sich als Hinweis auf eine affektive Entlastung interpretieren, die vermutlich als vermittelnder Mechanismus zwischen Intervention und späterer Zielerreichung fungiert.
Auch Selbstbestimmung (SEL), Handlungsorientierung bei Planung (HOP) und Misserfolgsbewältigung (LOM) verbesserten sich leicht. Diese Entwicklungen passen gut zur PSI-Theorie: Wird Stress reduziert und der Selbstzugang gestärkt, können handlungsrelevante Systeme wieder kraftvoller arbeiten. Die Zunahme an Selbstbestimmung könnte somit weniger als unmittelbare Wirkung der Zielarbeit verstanden werden, sondern als Folge einer zuvor erfolgten emotionalen Stabilisierung.
Besonders aufschlussreich waren die Regressionsanalysen: Extraversion (E) und Handlungsorientierung (HOP, HOM) erwiesen sich als stärkste Prädiktoren für den retrospektiv erlebten Coaching-Erfolg. Unter Einbezug adaptiver Emotionsregulationsstrategien (NEU, AKZ, PRO) erklärten die Modelle bis zu 36 Prozent der Varianz. Das deutet darauf hin, dass Klientinnen und Klienten besonders profitieren, wenn sie aktiv, emotional regulierungsfähig und umsetzungsorientiert sind – oder im Coaching genau dazu befähigt werden.
Die Daten bestätigen zentrale Annahmen der PSI-Theorie: Coaching wirkt vor allem emotional stabilisierend und stärkt die Handlungsfähigkeit unter Belastung. In einem mediationalen Verständnis erscheint Handlungsorientierung als nachgelagerter Effekt emotionaler Reorganisation: Erst wenn affektive Blockaden reduziert sind, wird volitionale Umsetzungskraft zugänglich. Die Rolle der Extraversion sollte jedoch vorsichtig interpretiert werden. Extravertierte Personen kommen im Gruppensetting leichter in Austausch und Aktivierung – aber ob dies ein stabiler Erfolgsfaktor oder ein moderierender Effekt des Settings ist, bleibt offen.
Die Größe der Stichprobe begrenzt die Aussagekraft: Kleinere Effekte konnten vermutlich nicht nachgewiesen werden und einige theoretisch relevante Varianten – etwa Akzeptanz, Selbstzugang oder Offenheit – blieben ohne Signifikanz. Wichtige Faktoren wie Beziehung, Prozessqualität oder Coach-Expertise waren nicht Teil des Modells.
Aus den Daten entsteht ein klares Bild, das Coaches Orientierung geben kann:
Annas Geschichte zeigt exemplarisch, was Coaching im Kern bewirken kann: Der Alltag bei ihr blieb derselbe, doch ihr innerer Umgang veränderte sich nach dem Coaching spürbar. Aus dem Gefühl, überrollt zu werden, entstand nach dem Coaching wieder Klarheit: Entscheidungen traf sie aus einer ruhigen Mitte heraus, und Konflikte verloren ihren lähmenden Druck.
Bevor Methoden greifen können, braucht es Stabilisierung und Selbstzugang zu den eigenen Ressourcen. Coaching schafft genau diesen Raum: einen Ort, an dem Menschen wieder bei sich ankommen und die Kraft entwickeln, ihr Leben neu auszurichten.
Der Artikel basiert auf der 2024 abgeschlossenen Masterarbeit des Autors im Studiengang „Angewandte Psychologie für die Wirtschaft“ (M.A.) an der PFH Göttingen mit dem Titel: „Wie wirken sich Selbststeuerungskompetenz, Emotionsregulation und Persönlichkeitsmerkmale auf den Coachingerfolg in belastenden Situationen aus?“ Die in der Studie eingesetzte Coaching-Intervention wurde eigenständig konzipiert und in einzelnen Prinzipien durch das ZRM inspiriert.