Coaching mit Klopfen?

Pro- und Kontra-Argumente

Coaching mit Klopfen?
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PRO

Auf dem Weg zu einer „vollständigeren“ Persönlichkeit

von Dr. med. Matthias Lauterbach

In einer akuten Situation, wie bei Lampenfieber vor einem Auftritt, ist jeder Akteur dankbar, wenn er sich rasch und unkompliziert helfen kann, um seine Stimme oder seine Cellosaite optimal zum Klingen zu bringen. Damit werden dann auch zukünftig diese erfolgreichen Erfahrungen in den neuronalen Verschaltungen repräsentiert sein und sich aktivieren lassen. Mit den Affirmationen entstehen zusätzlich neue wertschätzende Selbstbilder. In der neueren Stressforschung (McEwen & Lasley, 2003; Schedlowski, 2005) wird die Bündelung von Bewältigungsmöglichkeiten zum Umgang mit Störungen (Heterostase) und Herausforderungen (Allostase) konzipiert. Durch allostatische Bündelungen soll eine höhere Ordnung des Fließgleichgewichts (Homöostase) erreicht werden. Dazu ist es wichtig, möglichst viele der persönlichen Gaben, Fähigkeiten, Erfahrungen und so weiter zu mobilisieren und energetische Anhaftungen zu lösen.

Mein erster Vortrag vor einem großen Publikum mit 700 Menschen. Der brillante, humorvolle, weise Vorredner setzt sich in der kurzen Ankündigungspause neben mich, nimmt meine Hand, fühlt den Puls und sagt: „Aufgeregt genug sind Sie, sonst hätte ich Ihnen einen Espresso geholt!“ Dieses kurze Reframing holt mich aus meiner sicheren, alle Energien bindenden Befürchtung, nach der exzellenten Vorrede nur scheitern zu können. Ein Weg zum Erfolg scheint also die kurzfristige Lösung von Bindungsenergien durch solche Interventionen zu sein. In der energetischen Aufstellungsarbeit – wie unter anderem ich sie vertrete – gehen wir einen Schritt weiter, um die sich zeigenden, gebundenen Energien zukünftig verfügbar zu machen.

Wir unterscheiden zwischen Kompensation und Transformation: Wir sprechen von Kompensation bei allen Lösungswegen, bei denen versucht wird, Empfindungen, Befürchtungen, Zweifel und so weiter zu verdecken, nicht zu spüren, um mit ihnen umgehen zu können. Oft sind die Empfindungen in solchen Situationen dem aktuellen Alter des Menschen nicht angemessen; Ängste vor einem Auftritt beispielsweise werden meist eher aus der Position eines kleinen Kindes erlebt. Man strengt sich an, will kompensatorisch besonders aufrecht, forsch und mutig, selbstsicher wirken – und pfeift im Keller. Kompensationen sind durchaus erfolgreich und karrierefördernd: Hinter der oft lauten Fassade vieler Führungskräfte ist das ängstliche Kind zu spüren, das hofft, nicht entdeckt zu werden. Kompensationen binden aber zusätzliche Energien und vermindern die Flexibilität für alternative, kreative Lösungswege. Deswegen ist der Preis hoch und die Fassade bröckelt immer dann, wenn andere dahinter schauen können oder dies befürchtet wird.

Wir sprechen von Transformation, wenn die in Ängsten gebundenen Energien gelöst werden und wieder auf eine gute Weise zur Verfügung stehen. Ängste sind oft ein Indikator dafür, dass Menschen über eine besondere Feinfühligkeit verfügen, mit der sie beispielsweise schon früh im Leben schlechte Erfahrungen gemacht haben. Oder sie sind besonders frei, unbefangen und mit offenen Armen in neue Situationen gegangen und haben damit Schiffbruch erlitten. Diese meist unbewussten, zentralen Erfahrungen sind als Information in jeder Zelle gespeichert. Die transformierte Energie der Angst äußert sich dann beispielsweise im offenen Schwung, der besonderen Fähigkeit, sich optimal auf die herausfordernde Situation einstellen zu können.

Es geht im „Klopfen“ unter anderem um die Integration solcher verlorenen, versiegelten und oft besonders schön ausgeprägten Persönlichkeitsanteile. Die Menschen wirken anschließend runder, vollständiger, handeln aus einer größeren Kraft. Es ist zudem eine interessante Beobachtung, dass die transformierte Energie, die zusätzlich zur Verfügung steht, zu einer besonderen Ausstrahlung führt, die auch oft die Rahmenbedingungen der herausfordernden Arbeits- oder Auftrittskontexte verändert. Die kurzen und lösungsfokussierten Interventionen mit „Klopfen“ können Optionen für Entwicklungen öffnen und die Spitzen emotionaler Anhaftungen und Blockaden lösen sowie die weitere Arbeit an den tieferen Entwicklungsprozessen erleichtern. Das „Klopfen“ unterstützt dann wirksam den Prozess der Integration und Transformation und den Weg zu einer „vollständigeren“ Persönlichkeit.

KONTRA

Esoterisches Taschenspiel oder hypnotische Verfahrenstechnik?

von Michael Loebbert


„Allgemeinbegriffe sollen nicht vermehrt werden, solange die bestehenden Theorien ausreichende Erklärungen liefern.“ So wandte sich William von Ockham (1285 – 1349) gegen die damals wie heute herrschende Gewohnheit, jedes neu beschriebene Phänomen gleich mit einer neuen (Heils-) Lehre zu verbinden. Michael Bohne, der Protagonist ernsthaften Klopfens im deutschsprachigen Raum, schlägt diese Einsicht („Ockham‘s Razor“) als Prüfmaßstab vor ... und schränkt gleich aus seiner Praxiserfahrung ein: „Wenn das Klopfen der 16 Akupunkturpunkte gegen dysfunktionale Emotionen keine (weitere) Stressreduktion bewirkt, liegt aus Sicht der prozessorientierten energetischen Psychologie meistens ein Selbstvorwurf vor.“ – Das wäre nichts wirklich Neues. Forschungen der psychologischen Attribution, der kognitiven Motivationstheorie und der Sozialpsychologie haben die subjektive Wahrnehmung von Selbstwert und Selbstwirksamkeit als Nadelöhr subjektiv erfolgreicher Handlungssteuerung identifiziert.

Entsprechend haben wir Gewissheit darüber, dass die menschliche Fähigkeit erfolgreicher Stressverarbeitung in positivem Zusammenhang mit Selbstwert und Selbstwirksamkeitsgefühl steht. Gerne folge ich auch der Argumentation von Bohne, dass empirische Prüfungen des Körpermodells der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) – Meridiane und Akupunkturpunkte – bisher keine Evidenzen ergibt: Wir können den Punkt treffen oder auch nicht; oder auch einen anderen. Die Wirksamkeit von Akupunktur scheint nach heutigem Erkenntnisstand besser mit dem Modell des Placeboeffekts erklärbar als mit der Theorie von verstopften Energiebahnen. Allein die subjektive Vorstellung einer Ursache-Wirkungsbeziehung scheint schon zu wirken. Als Intervention kann ein mehr oder weniger beliebiger Körperkontakt mit einer dazu erzählten guten, nachvollziehbaren Geschichte schon ausreichen, um eine Besserung zu erreichen.

Theorien der Psychosomatik und der Hypnotherapie sind aus meiner Sicht als Referenz für die Steuerung von Coaching-Handeln sogar besser geeignet: Der Coach hat weniger damit zu tun, chinesische Metaphysik zu studieren, um an den energetisch wirksamen Punkten zu manipulieren, als einfach nicht zu vergessen, dass eine somatische Ankerung Aufmerksamkeit fokussiert und als Ressource für spätere Zeitpunkte zur Verfügung steht. – Dabei hat die chinesisch-esoterische Variante eindeutig den Charme, eine schöne Geschichte mit einer unmittelbaren Selbstwirksamkeitsvorstellung zu verbinden. Und warum sollte ich nicht gelegentlich meinen „Selbstakzeptanzpunkt“ klopfen, wenn mich das daran erinnert, dass ich eigentlich ganz okay bin? – Ich klopfe seit 25 Jahren in stressigen Situationen meinen Brustpunkt „Ren 17“, seit ich mal ein Shiatsu-Seminar gemacht habe.

Und die kinesiologische Verdoppelung mit Muskeltest habe ich auch ausprobiert. Den Selbsttest am Zeigefinger finde ich besonders nützlich, da ich damit ein hohes Selbstwirksamkeitserleben verbinde. Klassische Kinesiologen lehnen das natürlich ab. Einheitsgefühl, Gefühl der Unverletzlichkeit und Selbstwirksamkeit, Selbstwert, zusammen mit Vorstellungen der (Selbst-) Steuerung von Aufmerksamkeit (Hypnose) und somatischen Ankern genügen für eine Wirksamkeitshypothese. Die Beziehung bleibt aber das Schwungrad für erfolgreiches Coaching. Und dabei sind mir Coachs, die in humorvoller Weise – wie Michael Bohne es tut – Umgang mit esoterischen Vorstellungen pflegen, durchaus lieber, als andere, die in Wissenschaftshörigkeit am Tropf der gerade als gültig erachteten Theorien hängen. Humor ist verbunden mit dem Wissen um die Vorläufigkeit und Kulturabhängigkeit unserer Bezugstheorien und Modelle im Coaching. Humor erleichtert Klienten, um es mit Worten der psychoanalytischen Theorie zu sagen, ihre „Übertragung“ zurückzunehmen und Autonomie zu entwickeln.

Als Hochschullehrer für Coaching werde ich das „Klopfen“ nicht in unser Curriculum aufnehmen. Einmal wegen der unnötigen Vervielfältigung der Allgemeinbegriffe wie „prozessorientierte“, „energetische“ Psychologie. Zum anderen wegen der, trotz humorvoller Distanzierung mit altehrwürdigen metaphysischen (chinesischen) Vorstellungen, verbundenen Wahrheitserwartung. Das wird mich natürlich nicht daran hindern, gelegentlich zu klopfen, und mit meinen Klienten herauszufinden, welche somatischen Anker sie in ihrer Stressverarbeitung und Handlungssteuerung unterstützen können: Ach, ich sehe gerade, Sie kratzen sich am Hinterkopf ...