Synergetisches Prozessmanagement

Bedingungen für Selbstorganisation im Coaching fördern und gestalten

Synergetisches Prozessmanagement
© Foto: 13_Phunkod/Shutterstock.com

Coaches sehen ihre Aufgabe in der Regel darin, Entwicklung und Veränderung zu ermöglichen. Als Prozessgestalter kreieren sie den Reflexionsrahmen, der es ihren Klienten gestatten soll, Entwicklungsschritte möglichst eigenverantwortlich umzusetzen. Das Synergetische Prozessmanagement stellt – aufbauend auf der Theorie der Synergetik des Physikers Hermann Haken – ein Konzept dar, an dessen acht Selbstorganisation fördernden Prinzipien Coaches sich orientieren können.

Selbstorganisation ist ein grundlegendes wie auch ganz alltägliches Phänomen. Der rhythmische Applaus eines Konzertpublikums lässt sich durch sie ebenso erklären wie die konsistente Gestalt einer Fischschule im Ozean, einer Menge von Jungfischen, die als Kollektiv eine Gestalt bildet und damit potentiellen Räubern die Botschaft vermittelt: Wir sind ein großer Fisch. Diese Muster unterliegen keiner externen ordnenden Hand, sondern entstehen „von selbst“. Der vorliegende Artikel will in einige theoretische Grundlagen der Selbstorganisation einführen, Bedingungen nennen, die solche Prozesse im Kontext von Coaching ermöglichen, und das „Synergetische Prozessmanagement“ hinsichtlich der Konzeption, Interventionsplanung und Evaluation im Kontext Coaching beschreiben sowie anhand eines praktischen Coaching-Falls veranschaulichen.

Die Strukturwissenschaft der Synergetik

Die Synergetik als Strukturtheorie der Selbstorganisation wurde von dem deutschen Physiker Hermann Haken begründet und als interdisziplinäres Forschungsfeld etabliert (Haken et al., 2016; Stadler & Kruse, 1994; Haken, 1982). Die Synergetik geht der Frage nach: „Wie entsteht spontan etwas Neues? Und zwar aus dem jeweiligen ‚Objekt‘ […] selbst heraus – ohne eine ordnende Hand, […] also durch Selbstorganisation“ (Haken et al., 2016, S. 52). Unterschiedlichste Systemelemente können der Selbstorganisation unterliegen wie z.B. Atome, Moleküle, biologische Zellen, Menschen(gruppen) in Gesellschaft oder Organisationen (Haken et al., 2016).

Selbstorganisation vollzieht sich systemisch betrachtet auf einer Mikro- und auf einer Makroebene (Haken & Schiepek, 2010; Schiepek, 2019). Auf der Mikroebene befinden sich Elemente, die fixen Randbedingungen und variablen Kontrollparametern ausgesetzt sind. So erzeugt das System unter der „Energetisierung“ eines Kontrollparameters ein kohärentes Verhalten. Die Elemente bringen auf der Makroebene nichtlineare Dynamiken, Strukturen und Muster hervor (Emergenz). Stabilisiert sich eine Dynamik in Mustern, spricht die Synergetik von Ordnern. Bevor ein Ordner entsteht, kann ein Wettbewerb zwischen mehreren möglichen Realisationsformen auftreten, welcher von einem Ordner gewonnen wird. In solchen Phasen der Symmetrie, der Gleichwahrscheinlichkeit mehrerer Ordner, entscheiden kritische Fluktuationen über die Realisierung eines Ordners. Dieser wird zu einer Funktion der Elemente, und die Elemente werden in ihrem Verhalten eine Funktion des Ordners. Letztere Dynamik wird als Komplettierung beschrieben, wenn die Elemente sich in das Verhalten des Ordners einbinden und somit den Ordner wiederum stabilisieren. Mikroebene und Makroebene stehen so in einer kreiskausalen Wechselbeziehung in Form einer Bottom-up-Emergenz und einer Top-down-Komplettierung. Des Weiteren wirkt der Ordner wiederum auf das System zurück, welches im Zeitverlauf eine geronnene Systemgeschichte ausbildet und mittels wirksamer Constraints (Rahmen- und Randbedingungen) wiederum auf die Elemente zurückwirkt. Jedes System verfügt über ein Spektrum von Verhaltensmöglichkeiten, wobei Änderungen der Bedingungen (Kontrollparameter, Randbedingungen) in der Regel nicht zum Kollaps des Systems, sondern zum Übergang in einen neuen Zustand (Ordner) führen. Solche Zustandsänderungen beschreibt die Synergetik als Ordnungsübergang.

Im Beispiel des eingangs erwähnten Konzertapplauses könnte z.B. die Begeisterung des Publikums im Raum als ein Kontrollparameter fungieren, der energetisierend auf das System Publikum einwirkt. Während dem zufälligen Klatschen des Konzertpublikums in Phasen der Instabilität entstehen (Emergenz) leichte Klatschrhythmen (Muster) einzelner Konzertbesucher, welche von umliegenden Besuchern aufgenommen (Komplettierung) und damit verstärkt werden. Je deutlicher der Rhythmus hervortritt (Emergenz), desto schneller fallen die restlichen Besucher in denselben Rhythmus ein (Komplettierung). Der Klatschrhythmus ist der realisierte Ordner, der anhand der Frequenz oder der Lautstärke als Muster im Einzelnen beschreibbar ist. So lässt sich der Übergang von zufälligem hin zu rhythmischem Klatschen als Ordnungsübergang verstehen. Die eingeführten Begriffe der Synergetik beschreiben anschaulich und präzise viele typische Veränderungsprozesse (Ordnungsübergänge) im Erleben und Verhalten von Menschen und Unternehmen (Manteufel et al., 1998).

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