Coaching Schritt für Schritt

Potenziale und Besonderheiten des Coachings im Gehen

Coaching Schritt für Schritt
© Foto: Rudmer Zwerver/Shutterstock.com

Coaching ist unweigerlich mit Reflexion verbunden. Diese anzuregen bzw. anzuleiten, darf als Aufgabe des Coachs verstanden werden, die er in seiner Rolle als Prozessgestalter auf vielfältige Weise angehen kann. Eine Möglichkeit besteht darin, ein Coaching-Setting zu wählen, das einen hierfür förderlichen Rahmen darstellt. Gemeinsames Gehen kann sich, wie der Autor des vorliegenden Beitrags ausführt und anhand von Praxiseinblicken verdeutlicht, u.a. positiv auf die Kreativität und Problemlösungskompetenz von Klientinnen und Klienten auswirken.

Effekte des Gehens

Gehen ist eine einfache sowie sinnvolle Möglichkeit der gesundheitlichen Prävention. So lässt sich die Kernaussage einer aktuellen Publikation über neurobiologische, psychologische und soziale Aspekte des Gehens von Shane O‘Mara (2020) zusammenfassen. Es besteht demnach eine enge Beziehung zwischen körperlicher Bewegung und Gedankenfluss, Kreativität, Stimmung und Wohlbefinden. Der Autor ist experimenteller Neurobiologe und belegt anhand zahlreicher Studien und wissenschaftlicher Befunde, was Spaziergänge, Wanderungen und alltägliches Gehen bewirken: Gehen vermindert Stress. Es schützt unsere Organe und verlangsamt den Alterungsprozess. Es ist gut für die Haltung und den Muskelapparat, wirkt stimmungsaufhellend und kann bei Depressionen helfen. Es aktiviert Kreativität und fördert Problemlösefähigkeiten. Gemeinsames Gehen, d.h., soziales Gehen, verbindet Menschen miteinander (ebd.).

Was die Wissenschaft experimentell belegt, ist in philosophischen Schulen bewährte Praxis. So hat man bereits in der Antike Probleme auf Spaziergängen geklärt. „Die Schule der peripatetischen Philosophie – der Name bedeutet ‚auf und ab gehen‛ – im alten Griechenland war berühmt dafür, dass weitgehend im Gehen gelehrt wurde.“ (O’Mara, 2020, S. 165) Viele Philosophen haben körperliche Bewegung für den freien Lauf der Gedanken eingesetzt: beispielsweise Henry David Thoreau, Søren Kierkegaard oder Friedrich Nietzsche. Gehen ist auch in christlichen und buddhistischen Klöstern bekannt als Übung, Meditation und Praxis der Gedankenschulung. Obwohl Gehen die natürlichste Sache der Welt ist, wird es im Coaching bisher selten systematisch eingesetzt.

Coaching im Gehen

Es ist für Führungskräfte eine ungewohnte Beratungserfahrung, in Wäldern, Bergen oder um historische Punkte zu gehen. Für viele Klientinnen und Klienten des Autors ist dies nach ersten positiven Erfahrungen dennoch zur Methode der Wahl geworden, sodass diese Form des Coachings aus Klientensicht offenbar attraktiv ist. Kurz gefasst besteht dieser Ansatz in der Verknüpfung der alltäglichen Erfahrung des Gehens mit der Lösung einer Aufgabe oder eines Problems mithilfe von Coaching.

Coaching im Gehen ist eine aus dem Alltag herausgehobene Form der strukturierten Reflexion und gebahnten, angeleiteten Selbsterforschung. Schon während Klientinnen und Klienten ihr Thema mit dem Coach besprechen, sind sie in der eigenen Angelegenheit „unterwegs“ und in Bewegung. Der Coach hat dabei im partnerschaftlichen Sinne die Funktion der Wegbegleitung. Typische Symbole von Status, Macht, Kompetenz und Bedeutung – die Größe und Ausstattung des Büros, der Charakter des Offiziellen und Formellen oder die Kleidung – treten in den Hintergrund, wenn zwei Wandernde gemeinsam unterwegs sind. Themen von persönlicher Relevanz, so die Erfahrung des Autors, werden dadurch tendenziell schneller, unverstellter und ehrlicher besprechbar.

Während sich eine Coaching-Stunde im stationären Setting für Coach und Klient/in oft als Arbeit an einem Ziel gestaltet, erlauben Coachings im Gehen, Schritt für Schritt vom Wichtigen zum Wesentlichen zu kommen. Werte, Sinnfragen und Bedürfnisse kommen bei Gedankengängen implizit und oft auch explizit zur Sprache. Gehen ist aimless walking (zweckfreies Unterwegssein) – eine philosophisch-psychologische Erkundung und Wegstrecke, deren Qualität mehr im Unterwegssein als im Erreichen des Ziels besteht. Statt engem Aufmerksamkeitsfokus, wie dies in Managementfunktionen üblich ist, besteht ein weiter Fokus, wie man dies vom Reisen kennt. Der Weg selbst ist die Belohnung, wenn man unterwegs ist zum Ziel.

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