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Konzepte

Zwei Arten der Beziehungsgestaltung

Ich-Du-Typ - Ich-Es-Typ

4 Min.

Erschienen im Coaching-Newsletter in Ausgabe 08 | 2003

In der Weiterbildung von Coaches und in der konkreten Beratung hat sich die folgende Beschreibung unterschiedlicher Präferenzen im Umgang mit der Sache und mit der Person bewährt. In dieser Ausgabe des Newsletters soll das Konzept kurz skizziert werden, während in der Septemberausgabe ein Auszug aus einem erläuternden Interview erscheinen wird. 

1. Der "Ich-Du-Typ"

Er definiert sich wesentlich über die unmittelbare Beziehung zu einer anderen Person. Seine/ihre Grundfragen in der Begegnung mit einer anderen Person sind: 

  • Magst Du mich?
  • Bist Du mir sympathisch?
  • Können wir miteinander?

Wenn diese Fragen positiv geklärt sind, dann ist in einem zweiten Schritt auch die gemeinsame Arbeit an einem Thema, einer Sache oder Aufgabe möglich (aber nicht beziehungs-notwendig). 

2. Der "Ich-Es-Typ"

Er definiert sich wesentlich über die Orientierung auf eine Sache, ein Thema oder eine interessante Aufgabenstellung. Seine/ihre Grundfragen in der Begegnung mit einer anderen Person sind deshalb:

  • Interessierst Du Dich für das, wofür ich mich auch interessiere?
  • Machst Du mit mir gemeinsame Sache?

Wenn das klar ist, kann sich daraus in einem zweiten Schritt auch eine intensive persönliche Beziehung entwickeln (muss aber nicht).

Je nachdem zu welchem Grundtyp man eher neigt, findet man die eigene Orientierung normal und selbstverständlich, den anderen Typus vergleichsweise "falsch", fremd und verdächtig.
Beides sind jedoch grundsätzlich gleichwertige Art und Weisen, sich selbst mit dem Zentrum der eigenen Person verbunden zu fühlen und bedeutsame Beziehungen zu anderen Menschen zu gestalten.

Wenn sich zwei Menschen mit der gleichen Präferenz treffen, gibt es gewöhnlich keine Verständigungsprobleme. Sie senden und empfangen auf der "gleichen Wellenlänge". Ob sie dann harmonieren oder sich füreinander interessieren ist eine andere Frage.

Wenn Ich-Du-Typ und Ich-Es-Typ zusammentreffen, entsteht meist eine eigenartige Mischung von Faszination und Unverständnis.

Der Ich-Es-Typ fühlt sich im positiven Fall von der warmherzigen Bezogenheit des Ich-Du-Menschen angezogen evtl. zugleich bedrängt. Im negativen Fall ist er irritiert, wie sehr es an die Person geht. Gleiches gilt für den Ich-Du-Typen, dem die sachliche Distanz auf aufgabenbezogene Klarheit des Ich-Es-Menschen imponiert, wobei ihn der "unpersönliche Stil" zugleich abstößt. 

Weil sich Ich-Du- und Ich-Es-Menschen oft auf eine ambivalente Art voneinander angezogen und abgestoßen, fasziniert und fremd fühlen, gehen sie oft eine private oder auch eine Arbeitsbeziehung ein. Der Kontrakt, den sie meinen geschlossen zu haben, sieht allerdings aus den jeweiligen Bezugsrahmen der beiden sehr unterschiedlich aus.

Der Ich-Du-Mensch interpretiert den Kontrakt so: Du wirst Dich für mich interessieren. Der Ich-Es-Mensch: Du wirst mit mir gemeinsame Sache machen. Die anfängliche Verliebtheit oder die gemeinsame Faszination von der Sache schafft den notwendigen Raum, damit die Beziehung erst einmal wachsen kann, obwohl die beiden sich eigentlich in einem "Kontraktirrtum" befinden. Irgendwann, wenn die Faszination nachlässt und Ernüchterung eintritt, wundern sich beide, dass sich der andere so ganz anders organisiert und beispielsweise in kritischen Situationen andere Themen oder Fragen in den Vordergrund rückt. Sie merken dann nicht, dass für jeden die Beziehung andere konstituierende Merkmale hat und deshalb sehr grundsätzlich neu befragt werden muss. Statt dessen beginnen sie oft, sich zu polarisieren und sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen zu fangen.

Für den Ich-Du-Menschen ist die Beziehung wieder gut, wenn er das Leuchten der Zuneigung in den Augen des anderen wiederentdecken kann. Dann erwacht auch das Interesse an der Zusammenarbeit wieder. Der Ich-Es-Mensch freut sich, wenn die gemeinsame Sache wieder in den Vordergrund rückt und kann sich damit dem Gegenüber auch als Mensch wieder öffnen. Beides geschieht jedoch meist nicht in dem Maße, wie sich das der Gegenüber in neuer Hoffnung wünschen würde - und ein neuer Kreislauf von Erwartung, Stillhalten, Enttäuschung, Groll und Schuldzuweisungen nimmt seinen Lauf.

Vermutlich gibt es kaum "reine" Ich-Du- oder Ich-Es-Typen. Man stelle sich diese Orientierung eher wie auf einem Kontinuum zwischen zwei Polen vor, auf dem man sich je nach Kontext, Rolle, Aufgabenstellung und Gegenüber mehr oder weniger variabel bewegen kann.

Der ausführliche Artikel zur Ich-Du-Ich-Es-Orientierung steht als Word-Datei zum Download zur Verfügung.

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