Transgenerationales Coaching

Wie es Klienten ermöglicht wird, ihr eigenes Selbst zu leben

Transgenerationales Coaching
© Foto: marcogarrincha/Shutterstock.com

Wer bin ich wirklich? Sein Potenzial zu verwirklichen ist ein langer Prozess im Leben eines Menschen. Selbstbestimmtheit und ein freies Leben zu führen, ein vielfaches Ziel. Allerdings fühlen sich Menschen oftmals gerade in Krisensituationen in ihrer Selbstbestimmtheit eingeschränkt und blockiert, Vorhaben gelingen nicht und es bestehen Zweifel an den eigenen Lebensumständen.

Unser „Erbe“

Manche Kinder erben ihre blauen Augen von der Oma, manche die langen Beine vom Onkel und die anderen erben die Ängste vom Opa. Die Geschichte und das Leben unserer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern verbindet die vergangenen Leben mit unserem eigenen. Ohne sie wären wir nicht die Menschen, die wir heute sind. Uns werden nicht nur materielle Dinge vererbt oder unser Äußeres, sondern neben unseren Kraftquellen und Ressourcen auch mentale Wunden und Blockaden. Jüngste Ergebnisse aus der Epigenetikforschung zeigen die Effekte von traumatischen Erlebnissen auf die nachkommenden Generationen (Mansuy, 2022). Nicht nur die Vorfahren, sondern auch Umwelterlebnisse und der Lebensstil können unser biologisches Erbe beeinflussen; traumatische Erlebnisse wie z.B. Krieg und Flucht können an die Enkel weitergereicht werden (ebd.).

Diese unbewusste Vererbung von Verhalten, Mustern, Charaktereigenschaften und Erfahrungen unserer Vorfahren kann man auch als transgenerationale Weitergabe bezeichnen.

Der Einfluss der Vererbung auf die Psyche

Der Begriff der Übertragung kommt aus der Psychoanalytik und benennt neben dem unbewussten Geschehen zwischen Coach und Klient ein Phänomen, das sich in den Beziehungen zwischen den Generationen findet und diese im positiven wie negativen Sinn entscheidend beeinflusst; Freud bezeichnete diesen Vorgang als „Gefühlserbschaft“ (Moré, 2012). Von Kriegsfolgen können beispielsweise nicht nur die direkt Leidtragenden, sondern auch Menschen mittelbar durch ihre traumatisierten Bezugspersonen betroffen sein. Auch eine von Krieg traumatisierte Gesellschaft kann Folgen für jeden Einzelnen haben. Nachkommen, die das Kriegsgeschehen gar nicht miterlebt haben, zeigen verschiedene Merkmale von indirekt-transgenerationaler Traumatisierung auf. Oft wissen die Betroffenen selbst nicht, woher die Symptome kommen. (Hündgen, 2021)

Neben der Weitergabe von Verhalten und Gefühlen ist der Blick in diese wissenschaftlichen Betrachtungsweisen interessant, da sie ebenfalls wichtige Elemente in der Übertragung von transgenerationalen Prozessen darstellen. So beleuchtet Lipton (2019), wie unsere Erfahrungen im Mutterleib unser Gehirn formen und damit die Basis von Persönlichkeit, Denkfähigkeit und Gefühlen bilden. Er erklärt beispielweise, wie äußere Reize während der Schwangerschaft auf die Genaktivität des Kindes Einfluss nehmen. Lipton (ebd.) konnte aufzeigen, dass unsere DNA von negativen wie positiven Gedanken, Glaubenssätzen und Emotionen beeinflusst werden kann. Spannend auch, dass die Anlage der Follikel einer Frau im Stadium als Embryo im Mutterleib entsteht. Die Mutter, die einmal ihr Kind gebärt, entwickelt die Anlage für die entsprechenden Follikel bereits im Körper ihrer Mutter, also der Großmutter des zukünftigen Kindes. Drei „Generationen“ begegnen sich in einem Körper.

Schauen wir auf die Dynamiken unserer Familiengeschichte, spiegeln sich diese zumeist in unseren Beziehungen wieder – zum einen zu uns selbst und zum anderen zu unseren Mitmenschen. Ein Beispiel: Sind die Eltern eines Kindes unglücklich miteinander und haben oft Auseinandersetzungen, ist es möglich, dass das Kind sich ebenso wenig gestattet, glücklich zu sein, wie es die Eltern waren. Dies geschieht dann unbewusst aus Loyalität und Treue zu beiden.

Die Generation Code-Methode

Durch die auf vielfältige Weise (genetisch, psychologisch usw.) stattfindende Weitergabe von Blockaden, Traumata, Ressourcen und Kraftquellen von einer Generation zur nächsten entsteht für jeden Menschen ein völlig individueller „Code“. Er ist ein ausgefeiltes Wunderwerk, das das Leben unserer Vorfahren mit unserem eigenen Leben verbindet. Wird dieser Code entschlüsselt, ist es möglich, jene Anteile zu erkennen, die die Identitätsentwicklung hemmen bzw. sie zum Stillstand bringen (Alexander & Lück, 2016).

Die Generation Code®-Methode nach Alexander und Lück (2016) ist eine neurobiologische, transgenerationale, familientherapeutische Methode, die unser jeweiliges Familiensystem und die dazugehörigen Übertragungen in den Fokus nimmt. In der gemeinsamen therapeutischen Arbeit stießen die beiden auf den sogenannten „archaischen Grundkonflikt“, der für die Identitätsentwicklung von Menschen von Bedeutung ist.

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Archaischer Grundkonflikt

Ab dem Moment, in dem ein Kind auf die Welt kommt, ist es in der Erfüllung seiner Grundbedürfnisse existentiell abhängig von seinen Eltern. Nur so kann es sich gesund entwickeln. Es braucht eine wahrhaft vollkommene Welt, damit die Grundbedürfnisse in allen Facetten und in vollem Umfang befriedigt werden. Doch diese vollkommene Welt existiert ebenso wenig wie vollkommene Eltern. Das wiederum löst einen tiefen Konflikt aus. Der scheinbar aussichtslose Gegensatz zwischen existenzsichernder Zugehörigkeit, aus der beispielsweise starke Loyalität erwachsen kann, und autonomer Entwicklung lassen den „archaischen Grundkonflikt“ entstehen. (Alexander & Lück, 2016)

Loyalitätsvertrag

Um diesen bedrohlichen Konflikt nicht spüren zu müssen, leugnet das Kind die Unvollkommenheit seiner Eltern. Es investiert all seine Kraft, seine Eltern vollkommen werden zu lassen, passt sich an und geht mit ihnen einen unbewussten Loyalitätsvertrag ein: Das Kind ist den Eltern treu. Es hat den unerlässlichen Wunsch, seine Eltern für Defizite oder unerfüllte Wünsche, die wiederum in deren Kindheit entstanden sind, zu entschädigen und sie nicht zu enttäuschen. Durch die Schließung dieses unbewussten Vertrages, wird die Entwicklung der eigenen Identität an bestimmten Stellen gehemmt. Um diesen Entwicklungs-Stillstand zu stoppen und das volle Potenzial leben zu können, muss der Loyalitätsvertrag zunächst als solcher erkannt werden. Anschließend kann er in seinen Details entschlüsselt und aufgelöst werden. Sinn der Generation Code-Methode ist es, eben diese Verträge zu identifizieren, die aufgegebenen Anteile der Persönlichkeit zu erkennen und folgend zu (re)integrieren. (Alexander & Lück 2016)

Beispiele für Loyalitätsverträge, die in der Praxis entdeckt wurden (nach ebd.):

Vertrag des Vaters mit der Tochter: Vermeide es, mich zu enttäuschen, und wirke als Tochter zufrieden sowie gut umsorgt, sodass ich in meiner Vaterrolle Kompetenz erlebe.

Vertrag der Mutter mit dem Sohn: Stehe loyal an meiner Seite und lass mich nicht im Stich. Vermeide Streit und alles potenziell Trennende. Sorge unbedingt für Harmonie.

Vertrag des Vaters mit dem Sohn: Komme im Leben nicht weiter als ich, indem du freier agierst, als es mir möglich war. Vermeide, dass meine Aggressionen zutage treten, indem du keine Enttäuschung oder Frustration offenbarst.

Geopferte Persönlichkeitsanteile

Wut, Trauer oder Angst sind in manchen Familien nicht gewünscht, werden unterdrückt oder mit anderen Gefühlen verwechselt. Das kann verschiedenste Gründe haben, wie etwa die Rücksichtnahme auf jemanden aus dem Familiensystem. Weint ein Kind beispielsweise und erlebt danach eine unbeholfene oder abweisende Mutter, die nicht darauf eingeht, oder sogar die Trauer verbal oder nonverbal abwertet, wird sich das Kind bemühen, diese Trauer nicht mehr zu zeigen und sie eines Tages selbst ignorieren. Das Kind fühlt sich, als hätte es keine andere Wahl, als sich und seine Gefühle zu verleugnen.

Diese Erfahrungen werden langfristig in den Gedächtnissystemen als abgelehnte – und damit geopferte – Persönlichkeitsanteile gespeichert und ins Unbewusste verdrängt. Es können auch Anteile wie z.B. Lebendigkeit, Kreativität oder Enthusiasmus unterdrückt oder nicht gelebt werden.

Interventionen und Methoden

Als Säulen des Generation Code-Konzeptes kommen die Grundannahmen der Systemischen Therapie zum Einsatz, die durch tiefenpsychologische Entwicklungsmodelle ergänzt wurden. Zudem fließen weitere Methoden und Interventionen aus der systemischen Familientherapie, der Pesso-Boyden-Therapie und aus den hypnotherapeutischen Interventionen von Milton H. Erickson ein. Die systemische Aufstellungs- und Skulpturarbeit ist wesentlicher Bestandteil des Konzepts bzw. der Entwicklungsreise (s.u.). In der Selbsterfahrung sind Bausteine der drei folgenden Formen eingeflossen: die systemisch-strukturelle, die klassische und die Organisations-Aufstellung. 

Weitere therapeutische Interventionen sind die Ego-State-Therapie, Imaginationstechniken und Meditationen, die Gestalt- und Körpertherapie sowie traumatherapeutische Techniken.

Entwicklungsreise

Klienten kommen oftmals mit vordergründigen Themen ins Coaching, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass ein Loyalitätsvertrag für das Anliegen ursächlich ist. Die Arbeit am Loyalitätsvertrag, dessen Identifizierung am Anfang steht, kann somit das „Thema hinter dem Thema“ darstellen.

Der Ablauf des Konzepts im Coaching ist entsprechend einer „Entwicklungsreise“ oder Selbsterfahrung aufgebaut. Es wird in einer Selbsterfahrung und ihren verschiedenen Modulen zu einer Linie, also zur Familie der Mutter oder des Vaters gearbeitet.

Durch den Prozess der Selbsterfahrung wird sichtbar, welche Themen transgenerational weitergegeben wurden. Die Reise beginnt mit dem zentralen Thema und mit der Identifizierung des Loyalitätsvertrages. Welchen Auftrag galt es als Kind zu erfüllen, um Defizite und Wunden der Familiengeschichte auszugleichen? Durch das Erkennen des Loyalitätsvertrags, des Auftrags und den folgenden Schritten werden die aufgegebenen Persönlichkeitsanteile sichtbar und erkannt. Diese offengelegten Anteile aus der eigenen Geschichte bilden den zuvor eingeführten Code. Das Offenlegen ermöglicht es nun dem Klienten, die nicht gelebten Persönlichkeitsanteile, welche die Identitätsentwicklung beeinflussen, durch nachfolgende Interventionen zu integrieren, damit die Person sich stärker zu ihrem Selbst entfalten kann.

Auswirkungen

Aus der Systemik ist bekannt, dass Veränderungen im System einer Person auch Veränderungen des Gesamtsystems mit sich bringen. Diese Veränderungen können wir auf unser inneres wie auch auf unser äußeres Leben beziehen. Wenn wir unsere Kindheitserfahrungen mit unseren Eltern neu erleben dürfen, hat dies wiederum eine Auswirkung auf unsere Persönlichkeit sowie auf unser äußeres Umfeld mit Eltern, Partnern, Vorgesetzten oder unseren Kindern.

Die Pesso-Therapie beschreibt Freude als ein Gefühl von heilenden Szenen. In der Entwicklungsreise kommt es beim Klienten im heilenden Moment zu einem Click of Closure. Dieser Klick beschreibt eine tiefe innere Zufriedenheit und Übereinstimmung, die entsteht, sobald das Defizit in einem Zeitabschnitt der eigenen Geschichte aufgehobenen wird. (Schrenker, 2020)

Eine Pilotstudie im Rahmen einer Masterarbeit an der Technischen Universität Braunschweig hat bestätigt, dass die Teilnehmenden der Entwicklungsreise eine Erhöhung der Zufriedenheit im privaten und beruflichen Bereich empfinden und ein harmonischeres, stabileres Selbst wahrnehmen. Auch die Auflösung von Teilen der blockierten Identitätsentwicklung sind dokumentiert. Die Tools und Methoden tragen zu einer Reduktion von Symptomen und Belastungen bei, was wiederum zu einer Verminderung von Inkongruenz führt. Inkongruenz bedeutet, Menschen verhalten sich nicht passend zu ihren Bedürfnissen aus Angst vor Bedürfnisverletzung. Sie vermeiden beispielsweise ihren eigentlichen Wunsch nach Nähe.

Klienten kommen vielfach mit dem dringenden Wunsch, Situationen, Interaktion und Verhalten im Leben „rund“ zu bekommen. Je weniger runde und abgeschlossene Themen ein Mensch in sich trägt, desto rationalistischer, unruhiger und aktionsreicher ist er am Werk. Die Entwicklungsreise unterstützt den Klienten dabei, die Themen, Wunden und Blockaden seiner Familiengeschichte im Prozess selbst aufzuspüren und in einer idealen Versorgung die Erfüllung kindlicher Bedürfnisse neu zu erleben. Nun besteht die Möglichkeit, zu verstehen, warum Unzufriedenheit in bestimmten beruflichen oder privaten Themen herrscht und warum der gewünschte Erfolg ausbleibt.

Menschen können nicht löschen, was ihnen oder ihren Vorfahren widerfahren ist. Allerdings können sie ihre Geschichte umschreiben und durch Methoden wie dem Generation Code erleben, was richtig und passend für sie gewesen wäre. Sie können ihre Geschichte gewissermaßen überarbeiten, heilen und in sich neu integrieren. Dieses Gefühl von passgenauer Bedürfnisbefriedigung eröffnet ihnen die Möglichkeit, sich mit sich selbst authentischer zu verbinden, um endlich das eigene Leben mehr zu leben.

Literatur

  • Alexander, I. & Lück, S. (2020). Ahnen auf die Couch. München: Scorpio.
  • Hündgen, I. (2021). Trauma, vererbtes Kriegstrauma, transgenerationale Traumatherapie. München: Selbstverlag.
  • Lipton, B. (2019). Intelligente Zellen. Dorfen: KOHA.
  • Mansuy, I. (2022) Wir können unsere Gene steuern! München: Piper.
  • Moré, A. (2012). Die Unbewusste Weitergabe von Traumata und Schuldverstrickungen an nachfolgende Generationen. Journal für Psychologie. Abgerufen am 09.11.2022: https://journal-fuer-psychologie.de/article/view/268/310
  • Schrenker, L. (2020). Pesso-Therapie: Das Wissen zur Heilung liegt in uns. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Van Steenwyk, G. (2018) Transgenerational inheritance of behavioral and metabolic effects of paternal exposure to traumatic stress in early postnatal life: evidence in the 4th generation. National Libary of Medicine. National Center for Biotechnology Information, Abgerufen 23.11.2022: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30349741/