Wer kennt sie nicht, diese leise aber nagende Stimme im Kopf, wenn die To-do-Liste weiter ins Unermessliche wächst und der Bildschirm voller Aufgaben flimmert: „Bin ich wirklich gut genug? Die anderen schaffen das immer besser. Irgendwann merken sie, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, was ich hier tue.“
Diese Gedanken sind typisch für das sogenannte Imposter-Syndrom. Dabei handelt es sich um ein psychologisches Muster, das besonders leistungsstarke Menschen trifft. Betroffene fühlen sich wie Betrügerinnen bzw. Betrüger in ihrer eigenen Rolle. Dieses Gefühl besteht, obwohl ihre Erfolge objektiv durchaus messbar sind. Lob, Beförderungen oder positives Feedback werden häufig als Glück oder Zufall abgetan, während Fehler internalisiert und dramatisiert werden. Jeder kleine Patzer fühlt sich an wie ein Beweis dafür, dass man nicht gut genug ist. Die Angst, irgendwann entlarvt zu werden, begleitet viele permanent und raubt langfristig Motivation, Freude und Selbstvertrauen.
Doch Selbstzweifel sind kein Zeichen von Schwäche. Sie sind ein nachvollziehbares psychologisches Muster, das sich mit gezielter Reflexion, Coaching und Selbstmitgefühl Schritt für Schritt verändern lassen kann.
Selbstzweifel entstehen nicht zufällig und können sich durch mehrere psychologische Mechanismen verstärken:
Menschen orientieren sich an anderen; in der Arbeitswelt messen wir uns ständig an Kolleginnen und Kollegen. Die sozialen Vergleichsprozesse lassen uns aber die Stärken anderer überschätzen, während wir unsere eigenen Erfolge kleinreden. Wenn die Kollegin also scheinbar mühelos ein Projekt meistert, fühlen wir uns unzulänglich – obwohl wir unsere eigenen Erfolge erbringen und diese oft gar nicht bewusst wahrnehmen.
Anna (Name geändert) ist Teamleiterin in einem großen Unternehmen. Obwohl sie mehrere Projekte erfolgreich abschließt, fühlt sie sich minderwertig, wenn sie sieht, wie Kolleginnen und Kollegen öffentlich gelobt werden. Ihre innere Stimme sagt ihr in solchen Momenten: „Die merken bestimmt bald, dass ich das eigentlich gar nicht kann.“
Fehler werden überbewertet, Erfolge kleingeredet. Ein verpatzter Vortrag wird internalisiert: „Ich bin gescheitert, ich kann das nicht.“ Ein Lob? „Das war nur Glück.“ Oder: „Das war bestimmt Zufall.“
Dieses Muster wird in der Psychologie als kognitive Verzerrung bezeichnet: Negative Ereignisse werden internalisiert, also auf innere Faktoren geschoben und werden als Beleg für die eigene Unzulänglichkeit gesehen. Positive Ereignisse hingegen werden externalisiert – sie werden auf externe Faktoren geschoben, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen, wie Glück, Zufall oder die Unterstützung anderer.
In anderen Worten bedeutet das: Alles, was schiefgeht, ist „meine Schuld“, während alles, was gelingt, angeblich nichts mit meinen Fähigkeiten zu tun hat. Dieses Ungleichgewicht kann das Selbstbild nachhaltig verzerren und das Gefühl, eine Betrügerin oder ein Betrüger zu sein, sogar verstärken. Neuropsychologisch kann diese Verzerrung zu einer Überaktivierung des Angstzentrums im Gehirn (Amygdala) führen und die Fähigkeit blockieren, Erfolge emotional zu verarbeiten. Durch diese Überaktivierung kann ein Angstgefühl vor weiteren Projekten entstehen, sodass man sich immer weniger zutraut.
Albin (Name geändert) erhält nach seiner Projektpräsentation sehr positives Feedback. Sofort denkt er: „Das war nur Glück, der Kunde hätte auch den nächsten Kollegen gelobt.“ Wenn hingegen ein Fehler passiert, fühlt er sich sofort verantwortlich: „Wenn das schiefgeht, liegt es nur daran, dass ich nicht gut genug bin.“
Ständige Erreichbarkeit, hohe Erwartungen und der Druck, permanent liefern zu müssen, führen zu Stress und Unsicherheit. Cortisol, unser Stresshormon, kann ansteigen, die Aufmerksamkeit sich auf mögliche Fehler fokussieren und der innere Kritiker lauter werden. Entscheidungen können so schwerer fallen, selbst einfachste Aufgaben wirken dann plötzlich unüberwindbar.
Wer seinen Selbstwert stark über Arbeit definiert, kann bei kleinsten Rückschlägen leicht ins Wanken geraten. Jeder Fehler kann so zur Bestätigung werden: „Auch als Mensch bin ich nicht gut genug.“
Psychologisch erleben Menschen mit stark leistungsabhängigem Selbstwert eine höhere Aktivierung der Stresssysteme bei Kritik oder Misserfolg. Sie neigen zu Überkompensation, perfektionistischen Kontrollversuchen und innerer Selbstkritik. (Deci & Ryan, 2000)
Dieses Phänomen steht auch im Zusammenhang mit dem sogenannten Impression Management. Darunter versteht man den bewussten Versuch, den Eindruck, den andere Personen von einem selbst gewinnen, gezielt zu steuern. Dies geschieht beispielsweise durch das Erbringen konstant hoher Leistungen oder durch ein sozial stark angepasstes Verhalten. Dennoch kann der von anderen wahrgenommene Eindruck aber niemals vollständig kontrolliert werden, da Wahrnehmung immer subjektiv ist und von individuellen Interpretationen beeinflusst wird.
Selbstzweifel wirken sich auf mehreren Ebenen aus:
Es entsteht ein Teufelskreis: Denn Selbstzweifel schwächen die Leistung, was wiederum das Gefühl der Unzulänglichkeit verstärkt.
Coaching kann Werkzeuge liefern, um Selbstzweifel Schritt für Schritt zu reduzieren und Selbstvertrauen aufzubauen.
Im Coaching lernen Menschen, die eigenen Glaubenssätze bewusst zu hinterfragen:
„Ich bin nicht gut genug“ wird transformiert zu: „Meine Leistungen sind wertvoll und Fehler gehören zum Lernprozess.“
Regelmäßige Reflexion kann das Gehirn trainieren, neue Denkmuster zu verankern und langfristig das Imposter-Gefühl zu reduzieren. Zu diesem Zweck können Coaches ihre Klientinnen und Klienten zu einer Übung einladen. Sie wird von den Klientinnen und Klienten eigenständig durchgeführt. Die Ergebnisse können im gemeinsamen Coaching vertiefend reflektiert werden:
Viele Menschen vergessen, ihre eigenen Erfolge bewusst wahrzunehmen. Im Coaching werden Stärken sichtbar gemacht, Erfolge dokumentiert und kleine Siege gefeiert. Dieses Vorgehen stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und schwächt die Macht des inneren Kritikers.
Schon wenige Minuten täglicher Übungen können die emotionale Last verringern:
Diese Routinen unterbrechen automatische Grübelprozesse und fördern ein realistisches, positives Selbstbild.
Neben der Reflexion von u.a. Glaubenssätzen, Antreibern und Mustern, die im Coaching unter Anleitung des Coachs erfolgt, bietet sich die eigenständige Arbeit mit praktischen Methoden an, die im Alltag wirken:
Solche Strategien können Stress reduzieren, die Kontrolle über den Arbeitsalltag erhöhen und das Gefühl von Selbstwirksamkeit stärken – ein zentraler Faktor gegen Selbstzweifel.
Neben Reflexion und Struktur kann Selbstmitgefühl ein kraftvolles Werkzeug gegen Selbstzweifel sein. Psychologisch bedeutet Selbstmitgefühl, sich selbst in schwierigen Situationen freundlich, verständnisvoll und unterstützend zu begegnen – ähnlich wie man es bei einer guten Freundin tun würde.
Menschen mit Selbstmitgefühl neigen dazu, Fehler nicht als Makel der eigenen Persönlichkeit, sondern als Teil des Lernprozesses zu sehen. Das kann den Druck reduzieren, perfekt sein zu müssen, und so die Macht des inneren Kritikers schwächen.
Praktische Übungen:
Während Mindset-Arbeit, Mini-Reflexionsübungen und Selbst-Management-Strategien die Handlungskompetenz stärken, hilft Selbstmitgefühl, emotional stabil zu bleiben, negative Selbstkritik abzumildern und langfristig ein positives Selbstbild zu entwickeln, auch außerhalb des Arbeitskontextes.
Selbstzweifel gehören zum menschlichen Erfahrungsspektrum. Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck psychologischer Mechanismen, die sich verstärken können. Coaching kann praxisnahe Werkzeuge bieten, um diese Mechanismen zu durchbrechen, den inneren Kritiker zu entmachten und Selbstvertrauen aufzubauen.
Wer den Mut hat, sich seinen inneren Zweifeln zu stellen und die eigenen Denk- und Handlungsmuster bewusst zu gestalten, kann die Karriere aktiv steuern, ohne dass Selbstzweifel sie blockieren. Mit jeder kleinen Reflexion, jedem dokumentierten Erfolg und jeder Selbst-Management-Übung gewinnt man mehr Kontrolle über die eigene berufliche Entwicklung.
Selbstzweifel sind kein Urteil über den eigenen Wert. Sie sind eine Chance, psychologische Muster zu erkennen, zu verändern und Schritt für Schritt zu einem selbstbewussteren, gelasseneren Arbeitsleben zu gelangen.