Persönlichkeitsentwicklung von Leistungssportlern

Ganzheitliche Coaching-Programme im Spitzensport

Persönlichkeitsentwicklung von Leistungssportlern
© Foto: Dmitrydesign/Shutterstock.com

Die physische Leistungsentwicklung hat für Spitzensportler naturgemäß Priorität. Einerseits ermöglicht diese Fokussierung außergewöhnliche sportliche Leistungen, andererseits birgt sie die Gefahr, die Entwicklung weiterer wichtiger Kompetenzen zu vernachlässigen. Wie eine direkte Verbindung zwischen zentralen Erfolgsfaktoren im Leistungssport und der individuellen Entwicklung der Persönlichkeit der Sportler hergestellt werden kann, zeigt das ganzheitliche Konzept, das in diesem Artikel vorgestellt wird.

Immer wieder wird in der Presse von Rücktritten prominenter junger Spitzensportler berichtet. Häufig sind es Fußballnationalspieler, die ihre Karriere beenden, obwohl sie körperlich sicherlich noch einige Jahre auf hohem Niveau hätten spielen können. So erklärte beispielsweise Fußballweltmeister Benedikt Höwedes in einem Interview (Haack, 2019): „Viele vergessen, dass die Fußballkarriere endlich ist. Nach zehn bis 15 Jahren muss man zwangsweise wieder ein normales Leben führen.“ Erst im Anschluss an die Karriere als Sportler damit zu beginnen, sei deutlich herausfordernder, „als schon früh zu erkennen, dass man sich von Materialismus und Oberflächlichkeit nicht blenden lassen sollte.“

Die Fragen „Wer bin ich ohne den Sport?“ und „Wie möchte ich mein Leben nach der Sportkarriere gestalten?“ bewegen viele Spitzensportler und stellen eine große Herausforderung dar. In den Kommentaren und Interviews von Athleten, die ihren Rücktritt bekannt geben, findet man übereinstimmende Aussagen zu den Beweggründen und der Bewertung der Erfahrungen im Spitzensport. Demnach haben viele Sportler das Gefühl, in einer Blase zu leben, in der das ganze Leben ausschließlich auf den Sport ausgerichtet ist. Dieser Fokus erlaubt es ihnen zwar, sich komplett auf den Sport konzentrieren zu können, allerdings kommt jegliche anderweitige Entwicklung in der Folge zu kurz. Alles, was dem sportlichen Erfolg und der Leistungssteigerung nicht dienlich ist, wird ausgeblendet. Somit bleiben andere Kompetenzen – wie z.B. Persönlichkeits- und Werteentwicklung oder Selbstwahrnehmung – oftmals unterversorgt oder ganz auf der Strecke (siehe auch König & Graf, 2021). Dies ist besonders problematisch, da die Athleten den Spitzensport als eine Welt beschreiben, in der enormer Leistungsdruck, Konkurrenzdenken und zum Teil Oberflächlichkeit vorherrschen.

Um mit diesen Rahmenbedingungen umgehen zu können, sollten Spitzensportler über eine reife und gefestigte Persönlichkeit verfügen. Diese in einem Umfeld zu entwickeln, in dem sie mehr wie hochgetunte Rennmaschinen denn als Menschen mit entsprechenden Verpflichtungen, Aufgaben und Werten auch außerhalb des Sports behandelt werden, ist jedoch äußerst schwierig. Und dies gilt nicht nur für finanziell gutgestellte Sportarten wie Fußball, sondern z.B. auch für sämtliche olympische Sportarten, in denen junge Athleten ihr ganzes Leben dem Sport unterordnen müssen, um eine Chance zu haben, sich in der Weltspitze zu etablieren. Ein Lösungsweg aus der beschriebenen Problematik ist der verstärkte Einsatz von ganzheitlichen, sportspezifischen Coaching-Angeboten, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll.

Psychologische Angebote im Sport

Die vorhandenen Angebote zur systematischen Betrachtung der Persönlichkeit von Leistungssportlern sind in der Regel nicht ganzheitlich ausgerichtet, sondern setzen gezielte Schwerpunkte. Auch wenn es nach Beobachtung des Autors in den letzten Jahren einen regelrechten Boom an psychologischen Angeboten im Spitzensport gab, konzentrieren sich diese bisher in vielen Fällen fast ausschließlich auf die Steigerung und Aufrechterhaltung der Performance der Spitzensportler bzw. dienen der Krisenintervention im Falle psychischer Probleme (siehe Abb. 1): Mentaltrainer sorgen für Fokussierung und Konzentrationsfähigkeit vor und während wichtiger Spiele bzw. Wettkämpfe. Psychologische Berater fungieren als Ansprechpartner im Falle persönlicher Krisen. „Motivationskünstler“ sorgen dafür, die Spannung im Team hochzuhalten.

Was bei diesen Angeboten allerdings meist fehlt, ist ein ganzheitliches, langfristig angelegtes Programm, das junge Sportler dabei unterstützt, neben ihren physischen Leistungen auch ihre Persönlichkeit in gleichem Maße zu entwickeln. Dabei wird der Fokus auf die Entwicklung einer reflektierten, gefestigten Persönlichkeit gelenkt. Grundsätzlich wird durch diese Herangehensweise potenziell auch die Performance der Sportler gesteigert, da der Ansatz sie mental stärkt, sie dabei unterstützt, in neue Rollen (z.B. Führungspositionen im Team) hineinzuwachsen und sie weniger anfällig für Versuchungen oder Provokationen von außen macht.

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