Coaching-Pionier im Schwellenland Indonesien

Al Falaq Arsendatama im Portrait

Coaching-Pionier im Schwellenland Indonesien
© Foto: Sino Studio/Shutterstock.com

Sattgrüne Reisterrassen auf Java, ein Tiger im dichten Dschungel Sumatras oder goldbehangene balinesische Tänzerinnen in uralten Tempelanlagen. Derartige Bilder vom exotischen Idyll kommen den meisten Personen wohl in den Sinn, wenn sie von Indonesien hören. Kein Wunder, schließlich hat sich der am Äquator gelegene Inselstaat vor allem als Touristenmagnet einen Namen gemacht. Doch auch fernab der Touristenzentren floriert in Indonesien seit Jahren die Wirtschaft. So hat sich das ehemalige Kolonialland seit seiner Unabhängigkeit im Jahre 1945 zur größten Volkswirtschaft Südostasiens und in die Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) hochgearbeitet (The World Bank, 2022). 

Mit dem stetigen Wachstum treten neue Herausforderungen zutage. Als Al Falaq Arsendatama nach seinem Studium und 15 Jahren Berufserfahrung im IT-Bereich aus Australien in sein Heimatland Indonesien zurückkehrt, erkennt er den Bedarf nach gezieltem systemischem Coaching und gründet 2011 „Coaching Indonesia“ mit seiner Geschäftspartnerin Mutia P. Soerahardjo. Seither hat sich das Unternehmen im indonesischen Archipel zu einer bedeutenden Coaching-Plattform entwickelt.

Mit Optimismus zum Wegbereiter

Seinen Erfahrungen nach wurde das Format Coaching in Indonesien sofort positiv aufgenommen, führt Arsendatama im Gespräch mit dem Coaching-Magazin an. Doch gerade zu Anfang sei die öffentliche Wahrnehmung von Coaching in Abgrenzung zu Mentoring und Counseling konfus gewesen. Mit der festen Überzeugung, dass „jeder Mensch Coaching gebrauchen kann“, gründet er 2011 nicht nur seine Firma, sondern etabliert in der Landeshauptstadt Jakarta zudem den indonesischen Chapter der International Coach Federation (ICF), dessen Präsidentenposition er im folgenden Jahr bekleidet. Rückblickend sinniert Arsendatama: „Unser Gedanke war damals simpel. Wir wollten einfach an der Entwicklung des Coachings in Indonesien nach internationalem Standard der ICF mitwirken.“

Al Falaq Arsendatama

Al Falaq Arsendatama © Foto: Rifandy Risyad

Diesen Gedanken behält er bis heute bei der Verwirklichung seiner Vision bei. So ist Arsendatama der erste und bislang einzige indonesische Coach, der den Titel Master Certified Coach of ICF trägt. Zudem bildet er in der „Coaching Academy“ von „Coaching Indonesia“ weitere ICF-zertifizierte Coaches aus. Dadurch stieg nach Angaben Arsendatamas die Anzahl der „Coaching Indonesia“-Coaches von lediglich vier in seinen Gründungsjahren auf mittlerweile 30 Vollzeit-Coaches sowie über 500 Coaching-Associates an.

Menschen in ihrer Vielfalt respektieren

Den angehenden Coaches der „Coaching Academy“ pflegt Arsendatama stets folgende Leitsätze mitzugeben: „Seid bereit, von euren Klienten zu lernen. Bleibt offen, hört ihnen zu und behaltet eine nicht-wertende Herangehensweise bei.“ Zweifelsohne bildet Unvoreingenommenheit generell eine Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Coaching. Einen umso höheren Stellenwert nimmt sie für das Coaching in Indonesien ein, das sich mit mehr als 270 Millionen Einwohnern aus über 300 verschiedenen Volksstämmen und Ethnien auf dem vierten Platz der bevölkerungsreichsten Nationen der Welt befindet. Arbeit gibt es in Indonesien primär auf der Insel Java. Die dort ansässigen Handels- und Industriezentren schultern ganze 60 Prozent der gesamten Wirtschaftskraft Indonesiens (Malerius, 2021). Aufgrund der dort vorhandenen Arbeitsmöglichkeiten treffen in den javanischen Ballungsräumen – wie den Metropolen Jakarta, Surabaya oder Bandung – Millionen an Menschen aufeinander, die teils sehr unterschiedliche Kulturen, Religionen und Gepflogenheiten ausleben.

„Bhinneka Tunggal Ika“ (übersetzt: Einheit in der Vielfalt) lautet das indonesische Staatsmotto, das in jedem Klassenzimmer sowie in jedem Regierungsgebäude zu lesen ist und in der Konstitution festgeschrieben steht. Somit wächst nahezu jedes indonesische Kind mit einem Verständnis von Pluralismus auf. Dies erklärt, weshalb Indonesien zwar das Land mit den meisten muslimischen Bewohnern der Welt ist, jedoch keine offizielle Staatsreligion besitzt. „In der Tat sind wir stolz auf dieses Motto“, schmunzelt Arsendatama. Trotzdem sei ihm bewusst, dass religiöser Radikalismus und Fanatismus die Religionsfreiheit und Diversität im Lande immer wieder bedrohen. Er sieht daher auch Coaches in ihrer Funktion dazu verpflichtet, die Regierung und Unternehmen darin zu unterstützen, den Gedanken von Vielfalt auszuleben und den Geist der Gleichberechtigung und Einigkeit aufrechtzuerhalten. In den Coaching-Sitzungen mit seinen vielfältigen Klienten befolgt Arsendatama den selbstauferlegten Grundsatz, jede Person als Mensch zu betrachten, nicht als ihre religiöse, politische, sozioökonomische oder geschlechtliche Zugehörigkeit. „Unser Ethos lautet Respekt. Wenn wir die Definition von Coaching auf einen einzigen Aspekt reduzieren müssten, würden wir sagen, Coaching ist Respekt.“

Auch innerhalb seines Unternehmens wird Diversität praktiziert. So sorgen die beiden weiblichen Coaches Naindra Pramudita und Laurencia Lina für ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis auf der Geschäftsführungsebene. Frauen in Führungspositionen oder gar als primäre bzw. alleinige Versorgerinnen der Familie seien in Indonesien laut Arsendatama gar nicht so selten anzutreffen, wie man vermuten mag. Auch der Generationenwechsel – mit einem Altersmedian von 29,7 Jahren (Muschter, 2022) ist Indonesien eine junge Nation – bereitet indonesischen Unternehmen, den Coaching-Erfahrungen Arsendatamas zufolge, keinerlei Probleme. Im Gegenteil, die Frauen und jungen Menschen in den indonesischen Unternehmen seien ein Anzeichen dafür, wie positiv sich diese Firmen weiterentwickeln, merkt Arsendatama an: „Wir sehen, dass die jüngere Generation den Status quo von hierarchischer Tradition herausgefordert hat. Das freut uns, denn das bedeutet auch, dass jetzt alle gleich werden. Durch die jungen Leute erleben wir eine Beschleunigung von Wissen und Kreativität. Nun müssen alle lernen. Wenn jemand aufhört zu lernen, hört er automatisch auf zu wachsen. Jeder muss auf die eine oder andere Weise ständig dazulernen.“

Al Falaq Arsendatama

Coaching durch Digitalisierung demokratisieren

Um Coaching auch für ein junges Publikum „zugänglich, skalierbar und bezahlbar“ zu machen, setzt Arsendatama auf Digitalität. So hat sein Unternehmen neben dem Coaching-Angebot bei „Coaching Indonesia“ und den Coaching-Zertifizierungen der „Coaching Academy“ eine dritte Sparte entwickelt: Ein technologiebasiertes Startup, das seit 2020 eine App namens „Visecoach“ anbietet, mittels derer „jede Person von jedem Ort aus und zu jeder Uhrzeit einen Coach finden kann“. Auf die Frage, weshalb ihm eine Demokratisierung von Coaching am Herzen liegt, antwortet Arsendatama: „Jeder hat das Potenzial, sich weiterzuentwickeln. Doch nicht alle wissen das oder haben Zugang zu professionellem Coaching.“ Mit der App möchte er sozial benachteiligten Personen – insbesondere Schülern – helfen und hofft, dadurch zur Bildung beizutragen, die in Indonesien leider immer noch mangelhaft ist (GIZ et al., 2022). Daher bietet „Visecoach“ neben dem Coaching auch Selbstlernkurse und Inhalte zur Persönlichkeitsentwicklung an.

Mit der App erreicht Arsendatama aber nicht ausschließlich die Jugend. Indonesier gelten allgemein als höchst digitalaffin. Mehr und mehr sogenannter Einhörner (Startups mit einem Marktwert von mindestens einer Milliarde US-Dollar) schießen in Indonesien aus dem Boden. Jedes von ihnen setzt auf digitale Technologie (Burgos, 2021). Auch Arsendatama erkennt die Vorteile von Apps. Aufgrund ihrer bequemen Zugänglichkeit senkt „Visecoach“ die Hemmschwelle, ein Coaching in Anspruch zu nehmen. Dadurch erschließt sich ihm ein erweiterter Klientenkreis.

Coaching als Schlüssel in eine gesunde Zukunft

Vor der Corona-Pandemie wuchs die indonesische Wirtschaft stetig um fünf Prozent pro Jahr. Nach den pandemiebedingten ökonomischen Einbußen prognostiziert die Weltbank, dass sich das Wirtschaftswachstum Indonesiens noch im Laufe des Jahres 2022 mindestens bei den ursprünglichen fünf Prozent einpendeln wird (The World Bank, 2022). Auf der Webseite der Hannover Messe ist zu lesen: „Führende Wirtschaftsberater sehen gute Chancen, dass Indonesien es bis zum Jahr 2030 durch kontinuierliches Wachstum und Weiterentwicklung unter die zehn größten Volkswirtschaften der Welt schafft.“ Bezogen auf die Kaufkraft ist es bereits dort angelangt (Hannover Messe, 2019). Das rasante Wachstum bringt in den Arbeitswelten von Einzelpersonen jedoch nicht immer nur Vorteile mit sich, weiß Arsendatama: „Wir haben in den letzten zehn Jahren verstärkt wahrgenommen, dass das Bewusstsein für das Wohlbefinden am Arbeitsplatz zugenommen hat. Die psychische Gesundheit ist ein wichtiger Faktor, der die Leistung antreibt.“ Sowohl der private als auch der öffentliche Sektor hätten diesen Umstand mittlerweile eingesehen. Als Resultat stehen für seine Coachings die Themen Achtsamkeit, Work-Life-Balance, mentale Gesundheit und emotionale Intelligenz an vorderster Stelle. Dazu nutzt Arsendatama ein selbstentwickeltes Coaching-Modell namens A.M.B.E.R. (Awareness, Mindset, Behavior, Engagement, Result).

Durch seine Coaching-Angebote gestaltet Arsendatama das indonesische Arbeitsklima aktiv mit. Wichtig sei ihm dabei vor allem die zwischenmenschliche Kommunikation: „In einer Welt, in der Menschen nur damit beschäftigt sind, Ziele zu verfolgen und an ihrer Leistung zu arbeiten, neigen wir dazu, den Kontakt zueinander zu verlieren. Nur von Zahlen getrieben, nehmen wir andere Menschen als Dienstleister wahr, um unsere persönlichen Ziele zu erreichen.“ Arsendatama ist der Meinung, dass Coaching eine Umgebung schafft, die „Menschen dazu einlädt, sich miteinander zu vernetzen, sich gemeinsam für etwas zu engagieren und miteinander zu kollaborieren.“ Diese Aspekte seien die Eckpfeiler von Teamwork und Führung: „Wenn jede Führungskraft diesen Prinzipien folgt, werden die Leistungen der Arbeitnehmer automatisch angekurbelt und die Unternehmen dadurch mit Sicherheit profitieren.“

Trotz aller Fortschritte bleibt zu sagen, dass Indonesien weiterhin mit zahlreichen Problemen zu kämpfen hat, die Coaching allein nicht lösen kann: Ungleichheit bei der Einkommensverteilung, Folgen des Klimawandels oder mangelnde Infrastruktur, um einige zu nennen. Doch in Bezug auf das Coaching in Indonesien blickt Arsendatama zuversichtlich in die Zukunft: „Wir beginnen, in der Bildung, im Unternehmertum und in der Arbeitswelt einen deutlichen positiven Einfluss zu sehen. Wir hoffen, dass dies durch die Unterstützung der Regierung – woran wir zurzeit arbeiten – fortgesetzt wird und in Zukunft noch mehr gedeiht.“

Literatur

  • Burgos, J. (2021). Indonesia's Tech Unicorns Are Leading The Country's IPO Rush. Forbes. Abgerufen am 24.06.2022: https://bit.ly/3u8bGFS
  • GIZ, AHK & GTAI (2022). Indonesien. Neue Märkte – Neue Chancen. Abgerufen am 24.06.2022: https://bit.ly/3xWyLMW
  • Hannover Messe (2019). Indonesien – Wirtschaft und Investitionsstandort. Abgerufen am 24.06.2022: https://bit.ly/3bpPv7v
  • Malerius, F. (2021). Indonesien will seine Industrie stärken. GTAI. Abgerufen am 24.06.2022: https://bit.ly/3ylluyQ
  • Muschter, R. (2022). Indonesien: Durchschnittsalter der Bevölkerung von 1950 bis 2020 und Prognosen bis 2050. Statista. Abgerufen am 24.06.2022: https://bit.ly/3bxe82j
  • The World Bank (2022). The World Bank in Indonesia. Abgerufen am 24.06.2022: https://bit.ly/3u4Q9hp