Kriterien bei der Wahl einer Coaching-Ausbildung. Teil 1

Orientierung im Angebotsdschungel 

Kriterien bei der Wahl einer Coaching-Ausbildung. Teil 1
© Foto: Pressmaster/Shutterstock.com

Um sich eine Übersicht über die mittlerweile fast 300 Coaching-Ausbildungen in Deutschland zu verschaffen, braucht es fast ein eigenes Studium. Welche Unterschiede sind relevant, welche irrelevant? Wo erhält man einen Schein in der doppelten Bedeutung des Wortes? Welche Spielarten von Coaching gibt es? Warum sind Kosten, Dauer, Konzepte, Methoden und Ausbilderrolle so unterschiedlich? Welchen Versprechungen kann man trauen, welchen nicht? Welche Rolle spielen Renommee und Zertifikate? Welche Bedeutung hat die persönliche Kompetenz der Ausbilder, welche die Konzepte?


Solchen und ähnliche Fragen widmen sich die folgenden Überlegungen und wollen etwas Hilfestellung geben, um sich in diesem Angebotsdschungel zu orientieren. Der Text baut dabei auf grundlegenden Unterschieden und Unterscheidungsmerkmalen von Coaching-Ausbildungen auf, zu denen Sie als möglicher Teilnehmer eine Entscheidung treffen müssen.

Kurz oder lang?

Sie werden bei Ihrer Recherche recht schnell feststellen, dass es Coaching-Ausbildungen gibt, die 12 Tage und andere die 50 oder mehr Tage umfassen, mit den entsprechenden Unterschieden auf der Kostenseite. Wenn man z.B. an unterschiedlichen Universitäten Jurist einmal in 2 Monaten oder in 6 Jahren werden könnte, gäbe das Anlass zur Sorge. Wie kann es also sein, dass man eine Profession wie Coaching in so unterschiedlicher Zeit erlernen kann? Beratung, und Coaching ist eine Form von Beratung, gründet auf der Beziehungs- und Kontaktfähigkeit des Beraters und die Effekte stehen in einem engen Zusammenhang mit der Entwicklung und der Gestaltung der Beratungsbeziehung. Dieser Zusammenhang ist mittlerweile in Hunderten von Studien erforscht und nachgewiesen. Deshalb spielt die Kompetenz des Coaches im Hinblick auf seine Selbstkenntnis, Selbstreflexion und Selbststeuerung eine elementare Rolle. 

Die Person des Coaches ist also das wichtigste Werkzeug im Coaching. Diese Kompetenz lässt sich nicht aus Büchern, einzelnen Workshops oder alleindurch Erfahrung lernen. Der Mensch wird am Du zum Ich (Martin Buber). Daher braucht es, wenn man Coach werden möchte, eine längere Zeit des Sich-Einlassens auf einen persönlichen Entwicklungsprozess. In diesem Prozess müssen die wesentlichen eigenen inneren Konflikte, ungünstige Formen der Selbstwertregulation, die Stärkung der eigenen seelischen Autonomie und die Entwicklung subtiler und differenzierter Wahrnehmungskanäle bearbeitet werden. Folglich können alle Ausbildungsinteressenten, die einen solchen Entwicklungsprozess schon hinter sich haben, mit kurzen oder kürzeren Ausbildungen gut zurecht kommen. Diejenigen, die sich bislang wenig Unterstützung für ihre seelische Selbsterfahrung gesucht haben, drohen nach kurzen Ausbildungen zum Beratungstechniker und zum unaufgeklärten Manipulator zu werden. Sie werden unbewusste Ängste von sich auf den Coachee übertragen und dessen unbewusste Ängste nicht wahrnehmen können. Solche Coachings drohen in der Oberflächlichkeit von schablonenhaftem Anwenden irgendwelcher Beratungstechniken stecken zu bleiben. Das muss den Kunden nicht unbedingt gleich auffallen, da viele Kunden auch froh sind, wenn der Coach die "heiklen" Punkte nicht anspricht oder bemerkt.

Daher ist es für angehende Coaches, die schon eine gründliche rollenbezogene Beratungsausbildung mitbringen und Spezialwissen im Coaching-Feld erwerben wollen, eventuell durchaus passend, eine kurze und gezielte Weiterbildung bei jemandem zu wählen, der eine ausgewiesene Kompetenz in einem spezifischen Aspekt von Coaching hat, zu wählen. Alle anderen machen sich etwas vor, wenn sie glauben, es in Kürze erlernen zu können.

Nun ist nicht jede Ausbildung, die lang ist, auch eine, die Ihnen schon deshalb die notwendige Auseinandersetzung mit der eigenen Person abverlangt. Erkundigen Sie sich hier am besten bei ehemaligen Teilnehmern, ob man sich durch die Ausbildung "durchmogeln" kann, ob wirklich alle von den Ausbildern gefordert werden und ob die Konflikte in der Ausbildungsgruppe hinreichend bearbeitet und genutzt wurden. Dass im Hinblick auf die hier notwendige Tiefung eine umfassende, auch psychotherapeutische Erfahrung und Kompetenz der Ausbilder nicht schaden kann, sei hier eher am Rande vermerkt.

In vielen Fällen ist es gerade im Hinblick auf die Frage, ob eine kurze oder längere Ausbildung die passende ist, unabdingbar, ein längeres Auswahlgespräch mit den Ausbildern zu führen. Meist kann nur im persönlichen Kontakt geklärt werden, was Ihren Entwicklungsbedürfnissen und -möglichkeiten wirklich entspricht. Die Frage, ob so ein Gespräch angeboten oder möglich ist, bildet demnach ein weiteres Kriterium, nach dem Sie ein Angebot beurteilen können und sollten.

Handlung oder Motiv?

Ein weiterer Fokus, der Ihnen eine Entscheidung abverlangt, ist die Frage, für welche Foki Sie als Coach kompetent sein wollen. Eine Unmenge an Coaching-Tools, die Sie erlernen können, beziehen sich darauf, dass der Coachee sich anders verhalten kann. Also besser Grenzen setzen, klarer entscheiden, eindeutiger kommunizieren oder dergleichen mehr. Jeder weiß nun, dass es manchmal recht leicht ist, sein Verhalten zu verändern, wenn man einen sinnvollen Impuls dazu erhält. Manche Verhaltensweisen sind jedoch merkwürdig hartnäckig und veränderungsresistent. Wie kommt das? Im ersteren Fall ist die Schwierigkeit mehr eine "äußere". Man kennt die richtige Vorgehensweise nicht, ist gefangen in eigenen Vorannahmen oder Vorurteilen, man übersieht wichtige Faktoren oder Akteure, man missversteht oder missinterpretiert. Hier kann der Coach oft schnell wirksam sein. Dazu braucht es wirksame Tools, um die Situation zu klären, Ziele zu bestimmen und Wege, diese Ziele zu erreichen, ausfindig zu machen. Diese Tools lassen sich relativ leicht erlernen und man kann in deren Handhabung auch relativ schnell gut und sicher werden.

Diejenigen Verhaltensweisen, die sich so hartnäckig immer wieder zeigen, liegen dagegen sehr häufig in inneren emotionalen Konflikten begründet. Die damit gekoppelten Überzeugungen und Annahmen sind tief im Unbewussten verankert und sind meist ungünstige Bewältigung von inneren Ängsten, die sich eigentlich überlebt haben. Viele Manager wollen zum Beispiel ihre eigentlich vorhandene Selbstwertproblematik nicht wahrhaben, aus der heraus sie abfällig oder taktisch kommunizieren, aus der heraus sie mehr arbeiten, als für sie und die Firma gut ist, aus der heraus Erfolg eine Stellenwert bekommt, dem alles, was heilig sein könnte, untergeordnet wird. Hier braucht es also ein Coaching, welches die unbewussten Motive hinter den dysfunktionalen Verhaltensweisen oder unangenehmen Persönlichkeitsaspekten aufklärt. 

Wenn Sie als Coach mit solchen Themen im Coaching professionell umgehen wollen, müssen Sie sich Kenntnisse in Psychodynamik und systemischen Zusammenhängen im Unbewussten erarbeiten. Auch hier gibt es unterschiedliche Ansätze, die es erlauben, solche inneren Konflikte zu bearbeiten. Das kompetente Coachen solcher Problemstellungen erfordert weniger die Kenntnis von Werkzeugen, sondern die Kenntnis der Funktionsweise der Seele und der daraus sich ableitenden veränderungswirksamen Faktoren. 

Sie müssen also bei der Wahl Ihrer Coaching-Ausbildung darauf achten, für welche Themen und Anliegen Sie im Coaching gerüstet sein wollen: Fragestellungen, die mit fehlenden Fähigkeiten und Fertigkeiten einhergehen oder / und diejenigen, die mit innerseelischen Konflikten und unbewussten Motiven einhergehen. Es gibt nur wenige Coaching-Ausbildungen, in denen Sie beide Kompetenzen in gleichen Umfang erlernen können. Oft ist mit dieser Entscheidung also auch verknüpft, mit welchem Schwerpunkt Sie später sich selbst am Markt positionieren können und wollen.

Individualität oder Curriculum?

Die Ausbildungen unterscheiden sich meist auch im pädagogischen Konzept. Auf der einen Seite finden Sie Ausbildungen, die ein genaues Curriculum bieten, in dem die Inhalte, Lernformen und Abfolgen genau festgelegt sind. Der Fokus der Ausbilder wie der Teilnehmer liegt dann erfahrungsgemäß auch stark auf diesen zu vermittelnden Inhalten. Es wird erwartet, dass ich etwas über die Methode "XY" lerne und darin kompetent werde. Auf der anderen Seite finden Sie Ausbildungen, die den Fokus auf Ihnen als Person und Ihrer individuellen Entwicklung haben. Es geht in diesen Ausbildungen eher darum, den individuellen Beratungsstil jedes Teilnehmers, jeder Teilnehmerin zu befördern und zu Tage kommen zu lassen. Es wird erwartet, dass der Coach kompetent wird und sich seine zu ihm passenden Werkzeuge wählt und darin entsprechend gut wird.

Natürlich ist das keine in der Realität so klar vorkommende Gegensetzung. Aber jede Ausbildung hat hier eine Tendenz, die sich herausfinden lässt, und die Ihnen gemäß Ihrer Vorlieben dann ein Unterscheidungskriterium liefert: Personenorientierte Ausbildungen werden eher in kleineren Gruppen stattfinden, werden eher von wenigen Ausbildern durchgeführt, die den Lernprozess und die Umsetzungskompetenz der Teilnehmer sorgfältig beobachten und gezielt unterstützen. In einer solchen Ausbildung ist der Kontakt zu den Ausbildern besonders wichtig, da Sie hier sicher sein sollten, bei Leuten zu landen, von denen Sie wirklich gerne lernen. Bei inhaltsorientierten Ausbildungen spielt die Gruppengröße eine eher untergeordnete Rolle, so dass hier auch weit über 15 Personen mit dabei sein können. Hier ist es dann auch eher ein Wert, wenn viele verschiedene Lehrtrainer in der Ausbildung integriert sind, die in dem jeweiligen Thema besonders kompetent sind. Die Intensität der Ausbildungsbeziehung ist hier nachrangig und für die Ausbilder rein quantitativ auch nicht leistbar.

Was ist Ihre Neigung? Was brauchen Sie, um gut lernen zu können. Entscheiden Sie!

Im 2. Teil dieser Ausführungen finden Sie Überlegungen zu den Unterschieden "integrativ oder beratungsschulenorientiert", "Zertifikate oder Ruf der Ausbilder" und zum Thema "Verantwortung und Versprechungen".

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