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Beruf Coach

Professionalisierung und Schärfung des Coaching-Begriffs weiterhin notwendig

Der neue DBVC-Vorstand im Interview

Christine Moscho, Thomas Hoefling, Matthias Blenke und Alice Dehner wurden im November 2022 neu in den Vorstand des Deutschen Bundesverbands Coaching e.V. (DBVC) gewählt. Lesen Sie ein Interview, geführt von David Ebermann.

11 Min.

Erschienen im Coaching-Magazin in der Ausgabe 2 | 2023 am 17.05.2023

Die Mitglieder des Deutschen Bundesverbands Coaching e.V. (DBVC) wählten am 29.11.2022 einen neuen Vorstand. Christine Moscho, die bis dato als 2. Vorsitzende fungierte, übernahm das Amt der 1. Vorsitzenden. Sie löst damit Dr. Christopher Rauen ab, der nach 16 Jahren im Amt nicht erneut kandidierte. Thomas Hoefling (2. Vorsitzender), Matthias Blenke und Alice Dehner wurden neu in den Vorstand gewählt. Im Interview geben die Vorstandsmitglieder Einblicke in ihre Ziele und Vorhaben mit dem auf Business-Coaching und Leadership ausgerichteten Verband.

Im November 2022 setzten Sie sich bei den Vorstandswahlen des DBVC durch. Mit welcher Motivation haben Sie sich zur Wahl gestellt und wie fallen Ihre Eindrücke von den ersten Monaten im Amt aus?

Moscho: Der Vorstandswechsel bedeutet eine große Veränderung für den DBVC. Als klar wurde, dass sowohl Christopher Rauen als 1. Vorsitzender als auch Ulrich Dehner und Camelia Reinert-Buss nicht zur Wiederwahl antreten würden, war es mir wichtig, dass ein Mitglied des bisherigen Vorstands bleibt, um einen guten Übergang zu ermöglichen. Als sich das neue Vorstandsteam gefunden hat, war mir schnell klar: Das kann sehr gut werden! Und dieser Eindruck hat sich nun auch bestätigt. Wir sind ein sehr engagiertes Team, das sich zusammen mit einer ebenso engagierten Geschäftsstelle direkt an die Arbeit gemacht hat.

Dehner: Ergänzen möchte ich, dass man auch in der Zusammenarbeit mit den Gremienleitungen das Gefühl hat, herzlich willkommen zu sein. Wir wurden gut aufgenommen, was ich sehr schätze.

Hoefling: Ich denke, uns allen war vorher klar, dass wir im Verband wirklich gute Strukturen und sehr engagierte Mitglieder haben. Heute traf sich z.B. unsere Taskforce zur Frage, ob und wie der Verband ein digitales Marketing der Mitglieder unterstützen möchte. Es ist immer wieder spannend, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen Zukunft zu denken. Was ich dabei als sehr wertvoll erachte, ist der wertschätzende Umgang miteinander.

Blenke: Der Verband liegt mir sehr am Herzen. Ich bin von Beginn an als Mitglied dabei, habe die Regionalgruppe Südbayern gegründet, bin Teil des Fachausschusses Coaching in öffentlichen und sozialen Unternehmen (ÖSU) und habe viele Jahre im Präsidium mitgewirkt. D.h., ich kenne den Verband richtig gut und identifiziere mich mit ihm. Er ist meine berufliche Heimat. Als ich erfuhr, dass drei von vier Vorständen aufhören, war ich überrascht. Als Christine Moscho mich dann fragte, ob ich mir vorstellen könne, Teil des Vorstands zu werden, und wir vier uns kennenlernten, merkte ich: Es ist nicht nur eine wichtige Aufgabe, den Verband weiterhin stabil zu führen, ich habe auch große Lust, Teil dieses Teams zu werden. In den ersten Monaten im Amt ist deutlich geworden, welche Themen wir aufzunehmen und zu bearbeiten haben. Ich habe großen Respekt vor der Aufgabe und bin daher froh, dass wir ein funktionierendes Team sind, die Geschäftsstelle so gut aufgesetzt ist und die Fachausschüsse engagiert mitarbeiten. Die wertschätzende Dialogkultur, die wir im Verband haben, aufrechtzuerhalten, ist mir ein besonderes Anliegen.

Moscho: Wir haben Aufgaben in drei Bereichen. Das ist zum einen die Administration unseres Verbands. Zum zweiten geht es um die Zusammenarbeit aller Mitglieder innerhalb des Verbands – mit den Regionalgruppen und den Fachausschüssen wie z.B. dem zukunftsweisenden Fachausschuss Forschung. Der DBVC ist der professionelle Rahmen, unter dessen Dach Austausch ermöglicht wird und in dem Wissen breit verteilt und vernetzt ist. Diese Vernetzung zu unterstützen, ist auch Aufgabe des Vorstands. Die Außenwirkung ist unser drittes Aufgabenfeld, das unsere Aufmerksamkeit fordert, wenngleich wir merken, dass der DBVC bereits eine große Strahlkraft hat und als wichtiger Coaching-Verband im Bereich Business-Coaching und Leadership angesehen wird. 

Könnten Sie beispielhaft ein Projekt anführen, das die Wirkung nach außen betrifft?

Hoefling: Eine Frage wird lauten, wie wir unsere Mitglieder darin unterstützen, im Markt noch sichtbarer zu werden. Im Coaching-Markt ist derzeit viel Bewegung und es betätigen sich seit einiger Zeit bereits DCPs (Digital Coaching Provider). Als Premiumverband, in dem 600 qualifizierte Coaches organisiert sind, müssen wir ein Auge auf diese Entwicklungen haben. Diese Thematik werden wir im DBVC weiterhin umfassend und offen diskutieren. Wie stark wollen wir als Verband nach außen wirtschaftlich tätig werden? Wollen wir es überhaupt? Hier müssen wir – wie bei anderen Fragen auch – zu Lösungen kommen, die mehrheitsfähig sind. Und damit meine ich keine 51-Prozent-Mehrheit. Es sollte die gesamte Kraft dafür zu spüren sein, in eine bestimmte Richtung zu gehen. Ich bin sicher, wir finden gemeinsam eine gute Lösung.

Neuer Vorstand des DBVC: Matthias Blenke, Christine Moscho, Alice Dehner und Thomas Hoefling

Neuer Vorstand des DBVC: Matthias Blenke, Christine Moscho, Alice Dehner und Thomas Hoefling (von links), Foto: Marius Bauer

Gibt es weitere wichtige Branchenentwicklungen, die der DBVC aufgreifen muss?

Hoefling: Es gehört zu unseren Aufgaben, den Entwicklungen am Markt zu folgen und große Trends gut zu begleiten. New Work ist z.B. längst Realität. Das verändert die Organisationen. Bei der Frage, wie sie mit neuen Anforderungen wie veränderter Zusammenarbeit umgehen können, sehe ich den DBVC in einer begleitenden Funktion. Grundsätzlich gilt: Der DBVC steht für Qualität. Diese sichtbar zu machen und dafür zu sensibilisieren, was Qualität im Coaching ausmacht, ist immer ein wichtiges Thema. Dabei geht es auch darum, sowohl über Gremien wie den Fachausschuss ÖSU, die Fachexperten für Coaching in Organisationen (FCIO) und den Fachausschuss Mittelstand als auch direkt über den Vorstand in die Wirtschaft und den öffentlichen Bereich hineinzuwirken.

Moscho: Der Begriff Business-Coaching ist jüngst – auch durch den Beitrag im ZDF Magazin Royale – hinterfragt worden. Daher gilt es, noch breiter zu vermitteln, was mit ihm gemeint ist, und sich ganz deutlich von unseriösen Angeboten abzugrenzen. Wir verfolgen seit Jahren den Ansatz, unsere Kräfte auf positive Entwicklungen zu fokussieren und diese in den Außenfokus zu stellen. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht, denn es bietet allen Interessierten, Klienten und Auftraggebern Orientierung. Die gesamte Mitgliederschaft schärft das Profil von Business-Coaching, indem sie täglich seriöse Coaching-Arbeit leistet.

Dehner: Ich glaube fest daran, dass Coaching bei der immer wichtigeren Weiterentwicklung von Führungskräften und Mitarbeitern eine große Rolle spielen wird. Um die Qualitätsstandards hochzuhalten und das Berufsbild so zu prägen, dass Coaching für die Menschen in den Organisationen ein sinnvolles Entwicklungsinstrument ist und bleibt, wird die Schärfung des Coaching-Begriffs weiterhin zentral sein.

Blenke: Zusammenfassend geht es um Professionalisierung und eine klare Begriffsschärfung, z.B. im Kontakt mit Unternehmensvertretern und – darum kümmert sich etwa der Fachausschuss ÖSU – ebenfalls mit Personen aus Branchen, in denen Coaching bislang noch weniger vertreten ist. Zu nennen sind z.B. öffentliche Verwaltungen, Universitäten, Sozialunternehmen und Kirchen. Wir möchten dafür sorgen, dass Coaching seine professionelle Kraft entfaltet.  

Moscho: Außerdem befassen wir uns im Verband derzeit damit, dass Coaching als Kompetenz zunehmend auf Interesse unter Führungskräften stößt. Eine Führungskraft kann zwar kein Coaching durchführen, aber sie kann die Mitarbeitenden mittels Coaching-Kompetenz unterstützen. Auch in diesem Kontext sind wir gefordert.

Hoefling: Schon vor 15 Jahren sprach man über die „Führungskraft als Coach“, aber das Thema war noch nie so aktuell wie heute. Wohlwissend, dass eine Führungskraft nicht coacht, aber eine coachende Haltung einnehmen kann, die in Coaching-Ausbildungen vermittelbar ist, muss man sagen: Hier liegt für den Verband ein großes Potenzial, wenn wir die Führungskräfte erreichen.

Wie wollen Sie die Führungskräfte erreichen?

Hoefling: Zum einen über unsere Ausbildungsträger. Sie bieten Weiterbildungen an, die von den Führungskräften zum Kompetenzaufbau genutzt werden können. Zum anderen gilt es – und wir sind auch dabei –, die Botschaft noch stärker in die Führungsetagen der Unternehmen hineinzutragen.

Moscho: Organisationen kommen auch auf uns zu und fragen, was zu beachten ist, wenn sie sich in dieser Hinsicht professionalisieren möchten. Das zeigt, dass es in den ersten 20 Jahren, die der DBVC nun besteht, gelungen ist, eine Sogwirkung zu entwickeln.

Blenke: Im Fachausschuss ÖSU sind wir mit Führungskräften in Kontakt – z.B. aus Sozialunternehmen oder Behörden. Hier wird oft deutlich, wie wenig Wissen darüber besteht, was Coaching eigentlich ist und wie es auch in der Führungsrolle einsetzbar ist. Um dies zu ändern, bedarf es Austausch, und dem geht der Fachausschuss derzeit intensiv nach.

Wie reagieren Führungskräfte, wenn ihnen nahegelegt wird, Coaching einzusetzen?

Hoefling: Jede Führungskraft, die ihren Job versteht, begreift schnell, welches Potenzial in Coaching-Kompetenz liegt. Eine einfache Interventionstechnik, die in Coaching-Ausbildungen vermittelt wird, ist das aktive Zuhören und da sind wir mitten im Thema. Eine Führungskraft braucht diese Kompetenz jeden Tag. Sonst wird sie ihre Mitarbeitenden nicht erreichen.

Das Konzept der „coachenden Führungskraft“ erfährt unter Coaches nicht nur Zuspruch. Müssen Sie hier Überzeugungsarbeit leisten?

Dehner: Tatsächlich ist das unter Coaches ein kontrovers gesehenes Thema. Ich denke jedoch, dass die coachende Haltung eine enorm wichtige Zukunftskompetenz für Führungskräfte werden wird, da sie in Zeiten des Fachkräftemangels selbst stärker in die Entwicklung von Mitarbeitenden investieren müssen. Oft wird angeführt, dass Führungskräfte ihre Mitarbeitenden bewerten müssen und deshalb nicht coachen können. Ich entgegne dann immer, dass ich von den Lehrern meiner Kinder, die ja andauernd bewerten müssen, auch erwarte, dass sie die Kinder dazu motivieren, sich zu entwickeln. Bei Lehrkräften wird dies nicht als Widerspruch gesehen. In meinen Augen geht es neben der coachenden Haltung vor allem um Rollenklarheit und die Frage, wann ich als Führungskraft welche Rolle belege.

Hoefling: Im DBVC diskutieren wir das Thema allerdings gar nicht so kontrovers. Die Abgrenzung ist entscheidend: Natürlich muss die Führungskraft Unternehmensziele verfolgen und kann daher nicht im engeren Sinne als Coach fungieren. Das verstehen wir aber auch nicht unter der „Führungskraft als Coach“. Es geht vielmehr um Haltungsfragen.

Welche verbandsbezogenen Ziele streben Sie an?

Moscho: Natürlich werden wir weiterhin in gutem Kontakt mit der International Organization for Business Coaching (IOBC) stehen, unserem internationalen Dachverband. Internationalisierung ist und bleibt für uns ein wichtiges Thema.

Hoefling: Ebenso werden wir auf nationaler Ebene mit den anderen deutschen Coaching-Verbänden im Austausch bleiben und erörtern, an welchen Stellen man gemeinsam wirksam werden kann. Das ist uns wichtig.

Moscho: Zudem möchten wir mehr Mitglieder in den ostdeutschen Bundesländern gewinnen. Derzeit sind die meisten unserer 600 Coaches in den alten Ländern ansässig.

Dehner: Es gilt außerdem, zunehmend junge Coaches nach ihrer Ausbildung dazu zu bewegen, in den Verband einzutreten und sich mit ihren Ideen einzubringen, um die hohe Qualität, für die der Verband steht, gemeinsam zu erhalten und noch weiter zu verbessern.

Mit welchen Argumenten möchten Sie junge Coaches vom Verbandseintritt überzeugen?

Hoefling: Der Austausch innerhalb des Verbands – Wissen zu teilen und gemeinsam Zukunft zu denken – ist die beste Weiterbildung.

Moscho: Derzeit setzen wir eine Reihe an Veranstaltungen für Neueinsteiger im Coaching-Markt auf. Hier wird es um Fragen gehen, die für diese Zielgruppe besonders relevant sind, z.B.: Wie komme ich mit einem Personaler in Kontakt? Wie positioniere ich mich am Markt? Hinzu kommt, dass wir immer wieder die Rückmeldung erhalten, dass eine DBVC-Mitgliedschaft ihre Wertigkeit hat, wenn es darum geht, sein Angebot beim Kunden zu platzieren.

Dehner: Ich denke, die Möglichkeit, sich als junger Coach mit erfahrenen Kollegen auszutauschen, zu vernetzen und Unterstützung zu erfahren, stellt einen großen Mehrwert dar. Coaches sind oft Einzelkämpfer, gemeinsam lässt sich Coaching aber noch besser in die Businesswelt tragen.

Blenke: Wer eine DBVC-anerkannte Weiterbildung absolviert hat, kann leicht in den Verband eintreten und für zunächst fünf Jahre bei überschaubaren Kosten dabei sein, Unterstützung einholen und sich vernetzen, bevor er als Professional Coach festes Mitglied wird. Das ist eine schöne Einladung, sich schrittweise als Coach zu etablieren.
 

Informationen zum DBVC finden Interessierte unter: www.dbvc.de

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