Fragen an Dr. Walter Schwertl

Senior Coach (DBVC) und Coaching-Ausbilder Dr. Walter Schwertl beantwortet Fragen aus der Praxis

Fragen an Dr. Walter Schwertl
© Foto: Sascha Erdmann

Wie kann Coaching von Psychotherapie unterschieden werden?

Psychotherapie gehört zu den Heilverfahren, Coaching nicht. Sie zielt auf Heilung oder Linderung von seelischen Krankheiten. Die darunter gefassten Symptomatiken sind in einem ICD-Schlüssel beschrieben. Coaching, hier auf Business-Coaching beschränkt, ist eine Möglichkeit, Aufgabenbewältigung zu optimieren. Die beiden Formate sind streng zu trennen.

Wie lange dauert Coaching?

Unternehmen, die beauftragen, haben ein sehr gutes Gespür entwickelt, indem sie die Zahl der Sitzungen meistens auf zehn limitieren. Die Interventionsform Coaching ist irgendwann verbraucht, sie wird unwirksam. So sparsam wie möglich, ist hier das Ziel. Es spricht vieles für große Abstände zwischen den Terminen, um den Kunden für die Entwicklung Zeit zu lassen. Coachings können lange dauern, aber es müssen dafür nicht viele Sitzungen nötig sein.

Wie finde ich einen Coach, der zu mir passt?

Hier ist große Sorgfalt geboten. Die Tätigkeit des Coachings ist nicht gesetzlich geregelt. Als Mitglied des Sachverständigenrats des DBVC sehe ich den ungeregelten Zugang durchaus kritisch. Aber auch eine strenge Zugangsregelung bietet nur begrenzte Sicherheit. Selbst wenn alle nicht passenden oder zweifelhaften Angebote ausgefiltert wären, bliebe die Frage trotzdem relevant.

Vertrauen in das Angebot, die Person, den vorgeschlagenen Prozess und die Geschäftsgestaltung sind von großer Relevanz. Ob das nötige Vertrauen vorhanden ist, muss die suchende Person letztlich selbst entscheiden. Es ist nicht objektivierbar und durch Prüfgrößen verifizierbar. Vorhandene oder aufkommende Zweifel sollten Suchende ernst nehmen. Auf Empfehlungen zu vertrauen, ist eine weitere Möglichkeit. Wir haben für unsere Kunden einen Fragebogen für Suchende auf die Internetseite gestellt. In jedem Falle sollte erst nach der ersten Sitzung die Entscheidung getroffen werden. Seriosität, Ausbildung, Erfahrung und Einbindung in ein entsprechendes Coaching-Unternehmen sind weitere Kriterien.

Lehnen Sie Kunden ab?

Wir definieren das Verhältnis zwischen Coach und Kunde als eine partnerschaftliche Beziehung. Dies bedeutet Freiwilligkeit und damit ist die Möglichkeit der Ablehnung gegeben. Im Laufe der Jahre sind uns drei Aspekte wichtig geworden: Einigung über die vertraglichen Aspekte darf nicht schwergängig sein. Für das fokussierte Thema müssen auf Anbieterseite Leidenschaft und Kompetenzen vorhanden sein. Die Beziehung zwischen Kunde und Dienstleister muss von Respekt getragen sein. Respektlosigkeit auf Anbieterseite verbietet sich ohnehin. Ein Berater, der von seinen Kunden respektlos behandelt wird, kann seine Aufgaben nicht erfüllen. Er wäre im doppelten Sinne wertlos. Hierbei geht es nicht um Heldenverehrung oder ähnliche Bekundungen. Erfahrungen lehrten mich, vorsichtig zu werden, wenn als erster Satz die Frage nach dem Honorar kommt.

Was heißt systemisch?

Systemisch ist abgeleitet von Systemtheorien, d.h. Theorien selbstreferentieller Systeme. Diese können naturwissenschaftlich oder auf Kommunikation ausgerichtet sein. Letztere sind für Coaching von größerer Relevanz. Synonyme sind Paradigma-, Meta- oder Supratheorie. Von einer systemischen Coaching Ausbildung zu sprechen, bedeutet dann, sich an Kommunikationstheorien zu orientieren, die Referenzen zu entsprechenden Systemtheorien aufweisen. Die Irritation dieses Begriffes entsteht durch sehr unterschiedlichen Gebrauch. Häufig wird systemisch als substanzloses Marketinglabel, eine Art Worthülsenverkauf, verwendet. Andere benützen systemisch als Synonym für zweifelhafte Praxistechniken, die häufig mehr Nähe zu Sekten als zu Systemtheorien aufweisen. Was kann der Suchende tun? Die einfache Frage, was Anbieter unter systemisch verstehen, wirkt hier durchaus klärend. Sie setzt allerdings entsprechende Kenntnisse voraus. Allgemein gültige Antworten wird es, spätestens seit deutsche Großbanken als systemisch etikettiert wurden, nicht geben.