Fragen an Ralf Gasche

Coach und Coach-Ausbilder Ralf Gasche beantwortet Fragen aus der Praxis

Fragen an Ralf Gasche
© Foto: Valéry Kloubert

Kann Coaching als Führungsinstrument fungieren?

Was wir heute Führung nennen, wird immer weniger greifbar. Der Typus Chef, der morgens durch die Büros geht, um zu schauen, ob seine Mitarbeiter am Platz sitzen, hat ausgedient. In der Arbeitswelt 4.0 arbeiten Menschen immer orts- und zeitunabhängiger. Hierdurch wächst die Bedeutung sozialer Kompetenz und wertschätzender Führungskriterien. Coaching durch den Chef ist diesbezüglich ein geeigneter Ansatz, mehr zu geben als „nur“ konstruktives Feedback. Wenn der Chef Coaching als Führungsinstrument einsetzt, muss er bereit sein, den Mitarbeiter in den Fokus zu stellen und alte Rollenverteilungen aufzuweichen, um sich vertrauensvoll und offen begegnen zu können. Das Ziel ist eine optimale Potenzialentfaltung des Mitarbeiters. Der Chef coacht diesen, um ihn bei seiner persönlichen beruflichen Entwicklung zu unterstützen. Die beruflichen Ziele des Mitarbeiters stellen somit die Priorität dar.

Welche Hürden sind zu beachten, wenn der Chef coacht?

Wie in jeder Coach-Klient-Beziehung sind die Grundsituation zu klären, die Auftragslage zu definieren und vereinbarte Abläufe einzuhalten. Durch die Co-Existenz des Beziehungsgefüges Chef/Mitarbeiter können Themen leicht verwischen oder der Chef schnell in eine beratende oder subtil anordnende Rolle geraten. Darüber hinaus könnte sich ein gecoachter Mitarbeiter in der Bearbeitung und Entwicklung seiner Themen weniger frei fühlen, wenn sich im Laufe eines Coaching-Prozesses z.B. unternehmerische Prioritäten verändern. Aspekte des Klienten können dann in den Hintergrund geraten. Coaching ist eine Form der Entwicklung von Mitarbeitern, die ihre Interessen, ihre Fähigkeiten und den gemeinsamen Umgang mit Herausforderungen fokussiert. Diese spezielle Situation beinhaltet tendenziell Konfliktpotenzial zwischen den Zielen aller Beteiligten – einschließlich der Ziele des Unternehmens. Hilfreich zur Vorbeugung von Interessenkonflikten sind klar festgelegte Regeln und Grenzen von Seiten des Unternehmens, des Chefs und seines Mitarbeiters.

Gibt es Voraussetzung, die im Unternehmen gegeben sein müssen?

Die Vielschichtigkeit von Coaching durch den Chef bedingt eine sorgfältige Einsatzstrategie, eine unterstützende Unternehmenskultur und ein geeignetes Unternehmensumfeld. Jedes Unternehmen kann als eigener Mikrokosmos verstanden werden, der über seine eigene Kultur, seine eigenen Regeln und gelebte Werte verfügt. Innerhalb des Unternehmens bilden sich diese Besonderheiten in den Sub- und Sub-Sub-Kulturen kongruent ab. Um Coaching durch den Vorgesetzten überhaupt in Erwägung ziehen zu können, muss ein Unternehmen über eine Gesamtkultur verfügen, die nicht nur die Offenheit, sondern vor allem eine klare Linie für eine wertschätzende Grundhaltung untereinander bietet: verlässliche Regeln und tragfähige Rahmenbedingungen. Eine tief verwurzelte Lernbereitschaft bildet dabei zusammen mit einer werteorientierten Vertrauensbasis sowie einer ehrlichen Kommunikations- und Feedbackkultur die Kernelemente.

Was sind die Vor- und Nachteile, wenn der Chef coacht?

Die Vorteile liegen auf der Hand: Individuelles Assoziieren und das Fördern persönlicher Kreativprozesse in der Annäherung an einen Themenkreis maximieren das Möglichkeitsspektrum zum Vorteil des Unternehmens und aller Beteiligten. Ein Coaching durch den Vorgesetzten verbietet sich immer dann, wenn keine Kultur des Vertrauens vorliegt, Freiwilligkeit nicht gegeben ist und/oder es größere Interessenkonflikte auslösen könnte. Bei guten fördernden Grundbedingungen stellt das Implementieren von Coaching als Führungsstil nicht nur einen Mehrwert für Mitarbeiter und Chef dar, sondern legt den entscheidenden Grundstein für eine moderne und zukunftsweisende Führungskultur.