So schlau wie vorher: Wirkungslosigkeit im Coaching

Ein Erfahrungsbericht

So schlau wie vorher: Wirkungslosigkeit im Coaching
© Foto: SFIO-CRACHO/Shutterstock.com

Klienten kommen für gewöhnlich mit einem individuellen Anliegen und der Hoffnung ins Coaching, dass sie es mit einer für sie passenden Lösungs- und Handlungsstrategie wieder verlassen. Umso größer fällt mitunter die Ernüchterung aus, wenn dies nicht gelingt und das Coaching wirkungslos bleibt. Nicht selten sind die ausschlaggebenden Gründe in grundlegenden Aspekten des Coachings zu suchen, wie die hier geschilderten Erfahrungen einer – beruflich selbst als Coach und Coach-Ausbilderin tätigen – Klientin vermuten lassen.

Von Zeit zu Zeit nehme ich Coachings von Berufskollegen war: Um unterschiedliche Coaching-Ansätze zu verstehen, aber jeweils auch mit einem tatsächlichen Anliegen. Allerdings konnte in einigen Fällen eine Hilfe zur Selbsthilfe bei mir nicht aktiviert werden und das Coaching scheiterte. Weshalb? Ich sei sehr gut reflektiert und könne daher wohl selber auf die Lösung meines Anliegens kommen, so zumeist die Begründung. Das ist zwar ein schönes Kompliment, gleichzeitig stellt sich aber die Frage: Gibt es nicht immer etwas, was man nicht mehr genau weiß, wirklich emotional durchdringen kann, eine Hürde, für deren Bewältigung man einen Anstoß von außen benötigt? Exemplarisch sollen im Folgenden drei Coachings vorgestellt werden, die das gleiche Thema in jeweils verschiedenen Settings bearbeiten.

Ein bloßes kognitives Rauschen

Ich befand mich in der Situation, eine Entscheidung treffen zu müssen, und nahm ein einstündiges Coaching wahr. Der Coach meinte, dass dies für ein Entscheidungsthema ausreiche und man bei Bedarf weitere Termine vereinbaren könne. Das klang vernünftig. Meine Erwartung war, dass der Coach einerseits Impulse setzen könne, die mich fokussierter entscheiden ließen, und andererseits meine Befindlichkeit so angesprochen würde, dass ich – intrinsisch motiviert – nicht wieder einzuknicken drohen würde. Ein bloßes kognitives Rauschen sollte nicht erzeugt werden.

Zunächst die Begrüßung, Höflichkeiten wurden ausgetauscht. Mein Coach – mittleres Alter, sympathisch, konzentriert – war seit drei Jahren als solcher tätig und bezeichnete sich als systemischer Coach. Sodann haben wir uns über Coaching ausgetauscht, weil ich wissen wollte, welchen Ansatz er verfolgt. Leider musste ich von meiner eigenen langjährigen Coaching-Erfahrung in Praxis, Ausbildung und (wöchentlicher) Supervision erzählen, worauf das Lächeln meines Coachs merklich verflog.

Ich durfte mit meinem Anliegen beginnen. Mein Gegenüber hörte mir zu und vermittelte mir das Gefühl, bei mir zu sein, alles zu verstehen und mein Entscheidungsthema bearbeiten zu wollen. Ich fühlte mich wohl. Mein Coach verarbeitete die Informationen, schrieb nichts auf und fragte dann, ob ich bereits alles parat hätte, um mich zu entscheiden. Ich verneinte wahrheitsgemäß, weil mir nach wie vor der entscheidende innere Bewegungsimpuls fehlte. Die innere, echte Challenge konnte ich nicht bei mir auslösen.

Mein Coach wirkte irritiert und ich bemerkte weniger Energie in seinem Auftreten und seiner Stimme. Er fragte, ob ich mich überhaupt entscheiden wolle – was ich tat. Auf seine überraschende Frage, was ich tun würde, wenn ich mich nicht entscheiden würde, sagte ich, dass ich mit einem schlechten Gefühl weitermachen und das wichtige Thema wohl verdrängen würde. Hier hakte er nach und fragte, was daran so schlimm wäre? Ich war nun irritiert und bat, auf das Thema Ressourcen einzugehen. Doch setzte er erneut bei beiden Entscheidungsalternativen an und fragte konkreter nach, was das alles für mich heiße. In meiner Erklärung konnte ich nur meinen momentanen Zustand wiederholt darstellen.

Das für mich enttäuschende Ergebnis des Coachings: Ich verharrte in meinem bisherigen Entscheidungsverhalten, das meinem gewohnten Muster an Werten und Motiven entspringt. Der Coach löste bei mir weder einen neuen Impuls zum Reflektieren der Handlungsalternativen aus, noch wurde mein Ziel bearbeitet oder an meinen Kompetenzen gearbeitet, sprich eine Ressourcenaktivierung vorgenommen. Mein Coach gab letztlich auf, nach 30 Minuten Coaching. Er entschuldigte sich, weil er mir nicht helfen könne.

Ausgequetscht und zurückgelassen

Einige Zeit später kam ich in den Genuss eines Schnupper-Coachings und habe erneut mein Entscheidungsthema vorgebracht. Mein Coach war wieder im mittleren Alter, coachte seit fünf Jahren, bezeichnete sich als Business-Coach und war zusätzlich zum Coaching seit knapp zwei Jahren als Trainer tätig. „Toll“, dachte ich, „ein erfahrener Mann, wenn er neben Coaching auch Trainings und Seminare gibt“. Zu Beginn ebenso ein sehr sympathischer aber allzu knapper Austausch zum Coaching-Ansatz. Den Erklärungen zufolge war es – wie bei meiner ersten Begegnung – ein Ansatz, der lösungsfokussiert scheint.

Diesmal erzählte ich nichts über meine Erfahrung im Coaching. Nun durfte ich zu meinen beiden Entscheidungsalternativen nicht nur Fakten und meine jeweilige Bewertung benennen, sondern in meine Gefühlswelt eintauchen. Fakten wurden hier mit Befindlichkeiten verbunden. Es schien einen Flow zu geben, aber worauf ich mich genau einließ, wurde mir nicht verraten.

Nach etwa zwei Stunden waren beide Entscheidungsalternativen von mir bis ins kleinste Detail erläutert, die jeweilige Bedeutung und Tragweite ebenfalls erfasst und stets betont worden, wie es mir dabei ging. In Erwartung einer baldigen Erkenntnis meinte mein Coach, dass ich nun alles genau benenne und bewerte und mich jetzt für eine der beiden Alternativen entscheiden könne.

Huch? Einfach so, als ob man ein Streichholz zieht, eine Münze wirft? Ich konnte mich nicht entscheiden, aber ich wählte wahllos etwas aus. Mein Coach applaudierte mir und wünschte mir alles Gute, das Coaching war für ihn erfolgreich beendet.

Ich offenbarte ihm mein Dilemma, dennoch wurde erneut kein Impuls gesetzt, der mich aus meinen bekannten Denkmustern befreien konnte, erneut fand keine Arbeit mit meinen Ressourcen statt. Ich fühlte mich ausgequetscht, aber hilflos zurückgelassen. Das soll Coaching sein? Ich fragte meinen Coach, ob er mein weiterhin gegebenes Entscheidungsdilemma nicht bemerke. Woraufhin er überrascht antwortete, nein, das habe er nicht spüren und an mir nicht ablesen können.

Zurechtweisung statt Coaching

Weil mein Coach hunderte von Kilometern weit weg war und wir keine Möglichkeit hatten, uns zu einem Face-to-Face-Gespräch zu treffen, vereinbarten wir ein Coaching per Telefon. Es ging auch hier um mein Entscheidungsdilemma. Mein Coach, erneut mittleren Alters, seit fünf Jahren systemischer Business-Coach, war zehn Jahre Führungskraft im mittleren Management eines international agierenden Unternehmens.

Die gegenseitige Vorstellung war sehr angenehm, charmant und direkt. Mein Coach erwähnte von sich aus jedoch weder, was er unter Coaching versteht, noch stellte er – entgegen unumstrittener Grundsätze seriöser Praxis – sein Vorgehen im Coaching vor. Ebenso gab er keine Auskunft darüber, welche Wirkung sein Coaching erzielen kann. Arbeit auf Augenhöhe, nach gängiger Definition immerhin ein zentrales Coaching-Charakteristikum, sieht anders aus.

Der Coach bat mich, einfach zu erzählen, „wo denn der Schuh drückt“. Wir plauderten etwa zwei Stunden über mich und meine beiden Alternativen. Mein Coach hielt hierbei nicht mit eigenen Bewertungen – auch bezüglich meiner Person – hinterm Berg. Zunächst wurde meine Stimme mit Komplimenten überhäuft und meine reflektierte Art gelobt. Dann stellte er dar, wofür er sich entscheiden würde, wenn er ich wäre.

Ich war überrascht. Sollte es im Coaching nicht um den Klienten gehen? Sind Coaches nicht gut beraten, ihre eigenen individuellen Wahrheitskonstruktionen als solche zu erkennen und zu reflektieren, anstatt sie in selbstgefälliger Manier auf ihre Klienten zu übertragen? Schließlich sind im Coaching erarbeitete Lösungs- und Handlungsstrategien alles andere als zielführend, wenn sie für den Klienten nicht gleichermaßen umsetzbar und gewinnbringend sind.

Plötzlich behauptete der Coach, dass ich einen entscheidenden Punkt übersehe. Diese Konfrontation schlug ein wie eine Bombe und setzte – endlich – einen neuen Impuls. Eigentlich positiv, jedoch wurde ich nicht gefragt, was ich über diesen Aspekt weiß, welche Erfahrungen ich damit gemacht habe, welche Bedeutung ich ihm beimesse und ob der angesprochene Punkt für mich überhaupt eine Ressource sein kann.

Mir wurde das Gefühl vermittelt, dumm zu sein. So sollte ich dem vom Coach aufgeworfenen Aspekt und seinem Ratschlag doch einfach Folge leisten. Ich wehrte mich dagegen und zog für mich das Gute heraus. Meinen Coach schien das nicht zu interessieren, denn er präsentierte mir die angebliche Lösung meines Dilemmas. An dieser Stelle „bedankte“ ich mich für die Zurechtweisung, auch wenn ich lieber gecoacht worden wäre. Das Gespräch war beendet.

Fazit

Zwar wurde in zwei Fällen oberflächlich über den verwendeten Coaching-Ansatz gesprochen, ein klar benannter Ablauf und die Beantwortung der Frage, wer welche Verantwortungen zu tragen hat, fehlten jedoch. Vielmehr wurde ich ein ums andere Mal aufgefordert, mich „einfach dem Flow hinzugeben“, was früher oder später im Gefühl eines Blindfluges mündete. Denn einen echten, in sich schlüssigen Ansatz konnte ich auch während der Coachings nicht erkennen.

Im Ergebnis fehlten mir die erhoffte Wahrnehmungserweiterung (Erkenntnis), die ressourcenorientierte Förderung meiner Entscheidungsfähigkeit, das Auslösen von Verhaltensalternativen (selbstbestimmt) und definitiv auch die Nachhaltigkeit des gesamten Prozesses.

Lediglich das dritte Coaching nahm eine überraschende Wendung. Umso bedauerlicher, dass mein „Sparrings-Partner“ den entstandenen Aha-Effekt sogleich wieder durch sein mangelhaftes Selbstverständnis als Coach zunichtemachte. Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe, kein Vorkauen als allgemeingültig verstandener Lösungen, die mehr über den Coach aussagen als über seinen Klienten. So blieb am Ende Enttäuschung.

Herzlichen Dank! Kein Wunder, dass Coaching trotz seines Potenzials noch immer kein durchweg brillantes Image hat, sondern in der Wahrnehmung Vieler mit einem merkwürdigen Beigeschmack verbunden ist, wenn tatsächlich so gravierende Qualitätsunterschiede existieren.