Wenn Coaching „verrissen“ wird. Teil 2

Ein Blick in die mediale Berichterstattung

Wenn Coaching „verrissen“ wird. Teil 2
© Foto: Lucky Business/Shutterstock.com

Im ersten Teil dieses Beitrags in Ausgabe 3/2019 des Coaching-Magazins wurde darauf eingegangen, dass in jenen Berichten, die sich negativ zum Thema Coaching äußern, oftmals die Meinung, also eine rein subjektive Perspektive vorherrscht. Eine objektive Auseinandersetzung unter Einbezug wissenschaftlicher Studien (teilweise überhaupt jedweder Quellen) findet man selten, denn das würde zu einem differenzierten Bild führen. Dementsprechend handelt es sich bei den meisten Beiträgen dieser Art um Glossen, Kolumnen oder Erfahrungsberichte – hier bedarf es keiner Objektivität, nicht einmal der (mühsamen) Fleiß- und Kernarbeit des Journalismus, der Recherche. Die Vielzahl solcher Texte macht die Fortsetzung des Themas in diesem zweiten Teil notwendig.

Das Problem der Pauschalisierung

Tatsächlich ist die Mehrheit aller medialen Beiträge zum Thema Coaching kaum zu beanstanden. Entweder wird ausgewogen berichtet oder ein Missstand wird dargestellt, entlarvt und kritisiert. Fakt ist, dass es im Coaching-Bereich schwarze Schafe und obskure Methoden gibt, daher ist es wichtig, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären (diese Rubrik des Coaching-Magazins widmet sich diesem Thema). Ein eingängiges und positives Beispiel hierfür ist eine Fernsehdokumentation des Senders 3sat, die letztlich zeigt, wie Coaching seriös und wirksam eingesetzt werden kann und welche dubiosen Angebote es gibt (Hoyer & Leyendecker, 2016): Den Bildern diverser Coachings (z.B. eines Schamanen-Coachings) folgen Expertenauftritte (u.a. Prof. Dr. Uwe P. Kanning), die einordnen und fachlich-sachliche Beiträge liefern. Der Titel „Der Coaching-Wahn“ dagegen ist etwas reißerisch gewählt.                               

Im Kontrast dazu lassen einige Autoren diese Differenzierung nicht nur fallen, sondern verwenden „Coaching“ als verbindenden Oberbegriff mit dem Argument, dass „Coach“ nicht als Berufsbezeichnung geschützt sei und sich jeder Coach nennen dürfe (z.B. Thorborg, 2019). Dieser Logik folgend wird beispielsweise systemisches Business-Coaching mit „Feuerritualen und schamanische[n] Schwitzrituale[n]“ (ebd.), mit Health-Coaching und Art-Coaching (Kunst-Coaching, das einem helfen soll, das Wohnzimmer einzurichten; Ebert, 2018) sowie mit Life-Coaching (Giammarco, 2018) gleichgesetzt. Nach dieser Sichtweise setzt man auch Äpfel und Birnen gleich, beides ist Obst.

Ebert (2018) geht sogar so weit, dass er Coaching als eine Art Sucht darstellt, zumal Coaches aus seiner Sicht noch schlimmer sind als Sektenführer, die „jüngere Frauen angrapschen und ab und an auch gerne einen Massenselbstmord befehlen“ – letztere könne man entlarven, „[k]ommen sie dagegen im schicken Anzug, Rollkoffer und einer charismatischen Ausstrahlung ins Unternehmen, werden sie als Heilsbringer gefeiert“. Abseits dieser Polemik hat der Autor einen Blick in die Biographien „vieler Coaches“ geworfen und festgestellt, „dass sie coachen, weil sie in ihrem Job davor wenig hinbekommen haben“ (ebd.). Tatsächlich zeichnet die Coaching-Umfrage von Middendorf (2018) ein anderes Bild: Die 488 befragten professionellen Coaches hatten im Schnitt 16 Jahre Berufserfahrung vor ihrer Coaching-Tätigkeit, 102 davon sogar über 20 Jahre. 78 Prozent arbeiteten mit Führungsverantwortung.

Das Problem der Recherche

Es erscheint also ratsam, eine auch nur schnelle Recherche einem kurzen Blick – z.B. in Coach-Biographien – vorzuziehen, um mit Fakten zu argumentieren oder das Beschriebene prüfen und einordnen zu können.

Ein weiteres Beispiel hierzu: Die Süddeutsche Zeitung (2019) berichtet unter dem Titel „Sekten-Info warnt vor unseriösen Coaching-Angeboten“, dass 2018 von den 930 Anfragen und Beratungen „es allein in 39 Fällen um Coaching-Angebote“ ging, und gibt fünf knappe Hinweise zum Erkennen unseriöser Angebote, wie u.a. ein auferlegtes Schweigegebot, Beschneidung persönlicher Rechte oder das abgeben von Uhren. Aber lediglich ein Absatz des Textes plus fettgedrucktem Titel und Teaser (eine Art knapper Einstieg in den Text selbst) sprechen das Thema Coaching an, der Großteil des Textes befasst sich mit esoterischen/religiösen Angeboten.

Die Quelle der SZ-Meldung, der umfangreiche Bericht der Sekten-Info NRW, spricht über Coaching im Grunde nur in einem kurzen Nebenabsatz im unteren Drittel des Textes, zuvor fällt der Begriff nicht – schließlich landet Coaching entsprechend der Fallzahlen der Sekten-Info auf Platz zehn von elf (Riede, 2019). Keineswegs zu beanstanden ist, dass hierüber berichtet wird: Jeder hier aufgeführte Coaching-Fall ist einer zu viel. Allerdings darf man sich über die Gewichtung der SZ wundern, zumal der Text sich überhaupt nicht tiefergehender mit Coaching befasst – wobei gerade die Sekten-Info NRW hierfür reichlich Material böte: Man findet auf deren Homepage Erfahrungsberichte zu negativen Coachings und Leitfäden zum Erkennen seriöser Coaching-Angebote (www.sekten-info-nrw.de). Was bleibt, ist der Eindruck, Coaching sei sehr dubios.

Das Problem der Polemik

Ein Beispiel einer polemisch-satirischen Auseinandersetzung mit Coaching liefert ein Zeit-Autor, der nach langer Überlegung einen Life-Coach besucht, weil der, „wie ich vermutete, einem einfach mit dem Leben hilft. […] Wegen des ganzheitlichen Ansatzes“ (Giammarco, 2018). Nun, als Klient merkt er bereits im Erstgespräch, dass alles ihn Störende mit seiner Arbeit zu tun hat, macht weiter, lernt Glaubenssätze kennen, stolpert über Kinesiologie und EMDR – die Psychotherapeutin, die der Autor um Einschätzung bittet, bezeichnet letztere Methoden als „Quatsch“ – und fühlt sich unwohl und verwirrt. Ebenso die Leserschaft.

Dabei wird eingangs im Text die Problematik der fehlenden Reglementierung der Coaching-Branche angesprochen. Weshalb wendet sich der Autor nicht an einen der großen Coaching-Verbände, informiert sich so (kurz) über diverse Methoden und Ansätze? Weshalb konsultiert er eine Psychotherapeutin statt eines Coaching-Experten oder Coaching-Fachmedien (OSC, Coaching Theorie & Praxis, Coaching-Magazin) und -Informationsstellen (Coaching-Report)? So könnte man kontrovers diskutierte Methoden wie hier die Kinesiologie von Beginn an ausschließen, statt sich darüber zu wundern, dass der Coach durch Auseinanderziehen von zum Kreis geschlossenen Daumen und Zeigefinger des Klienten ermittelt, dass seine Probleme im Alter von 22 Jahren anfingen, als er eine schlechte Prüfungsnote bekam (ebd.).

Selbstverständlich ist es legitim (und unterhaltsam), auf Missstände der Branche polemisch-satirisch zu deuten. Schwierig wird es aber, wenn dies mit dem Anspruch ernsthafter Kritik vermengt wird.

Literatur

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