Vertrauen im Coaching. Teil 2

Ein Blick in die Werkstatt

Vertrauen im Coaching. Teil 2
© Foto: Pramata/Shutterstock.com

Vertrauen stellt ein fragiles Gebilde dar. Zugleich ist es essenzieller Bestandteil eines Coachings, denn ein erfolgreicher Prozess fußt auf Vertrauen. Es zu etablieren, kann herausfordernd sein. Nicht weniger Einsatz ist erforderlich, um es aufrechtzuerhalten. Coaches sollten sich daher Gedanken darüber machen, welche Handlungsweisen den zwischenmenschlichen Aufbau und Erhalt von Vertrauen begünstigen bzw. erschweren können.

Einführung

Der erste Teil dieses Beitrags über Vertrauen (Schwertl, 2021) skizzierte unterschiedliche Definitionen und verdeutlichte, dass es sich um einen umgangssprachlichen Begriff handelt, der gleichzeitig ein schwierig zu greifendes Konstrukt darstellt. Wenn wir das Wort Vertrauen hören, begegnen wir vielleicht einer inhaltsleeren Formel, aber unter Umständen auch einer abstrakten erkenntnistheoretischen Annahme. Die zentralen Thesen des vorangegangenen Beitrags lauten:

  • Das Konzept Vertrauen findet sich in vielen sozialen Systemen und stellt ein ubiquitäres Phänomen dar. 
  • Vertrauen im Business-Coaching ist kein Alltagsphänomen, sondern eine professionelle Voraussetzung. 
  • Vertrauen ist immer die Entscheidung eines Beobachters. Es ist ein Beziehungsangebot für den Partner. Es ist keine DNA, kein kontrollier- oder messbarer Wert.
  • Vertrauen reduziert Komplexität und ist trotz gewisser Wahlfreiheiten eine Voraussetzung für die Bewältigung des Lebens.
  • Die erfolgreiche Handhabung von doppelter Kontingenz, kognitiver Autonomie und einer zeitlichen Verzögerung der Ergebnisse (des Coachings) setzt Vertrauen voraus.
  • Vertrauen kann weder gefordert, noch erzwungen werden. Es kann nur gewährt werden und ist mit Risiko behaftet.

Im Folgenden werden einige Überlegungen angeboten. Diese können für den Aufbau oder den Erhalt von Vertrauen ertragreich sein.

So tun als ob …

Vertrauen zu gewähren, ist eine sehr persönliche Entscheidung, die kommuniziert werden kann oder auch nicht. Sie ist vielleicht von außen beeinflussbar, aber nicht instruktiv steuerbar. Hingegen sind die Folgen beobachtbar – z.B. die Wahl für oder gegen einen zur Disposition stehenden Coach. Am Ende eines ersten Sondierungsgesprächs wäre es nutzlos und kontraproduktiv, dem potentiellen Kunden zu erklären, er könne ihm ruhig vertrauen. Wer sich Vertrauen zwischen Kunden und Coach wünscht, kann nur mit Vertrauen beginnen! Dies kann der Coach durch entsprechende Angebote zum Ausdruck bringen und beispielsweise sagen: „Überdenken Sie in Ruhe meinen Vorschlag und treffen Sie dann Ihre Entscheidung.“ Dies bedeutet in der Konsequenz, dass ein Coach seinem Kunden zutraut, für sich die richtige Entscheidung zu treffen. Vertrauen heißt immer auch Abgabe von Kontrolle. Trotz aller Skepsis, hinsichtlich der Planbarkeit und eines strategischen Ansatzes von Vertrauen gilt es, Interaktionsangebote zu benennen, die Vertrauensbildung fördern. 

Die Entscheidung, Vertrauen zu gewähren, ist mit Erwartungen und deren Erfüllung verknüpft. Die Auskunft eines Polizisten erscheint uns zunächst vertrauenswürdiger als die Auskunft von jemandem, den wir für zwielichtig halten. Ob diese in die Zukunft gerichtete Annahme im konkreten Fall dann zum erwarteten Resultat führt, kann nur durch Trial and Error festgestellt werden. Dies bedeutet: Ob die Anfangsoperation (Vertrauensvorschuss gegenüber dem Polizisten) gerechtfertigt ist, hängt von weiteren Interaktionen ab. Wir haben, um nicht in Handlungsunfähigkeit zu verfallen, keine andere Wahl, als so zu tun, als ob zielführende Gestaltung möglich wäre. Dies klingt paradox, aber professionelle Kommunikation bedeutet, wenn möglich Paradoxien und Voraussetzungslasten zu reduzieren und dort, wo es nicht möglich ist, trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Viele Überlegungen zur Fortsetzung von Dialogen finden sich im Zusammenhang mit Kooperationsforschung wieder (Axelrod, 1984).

In der täglichen Praxis aller sozialen Bereiche hat die Entscheidung, Vertrauen zu gewähren oder nicht zu gewähren, weitreichende Konsequenzen: Der Alpinist, der seinem Seilpartner nicht vertraut, kann nicht mitklettern.

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