Konzepte

Wie Schuld Entscheidungen blockiert

Schuldgefühle im Coaching überwinden

Wenn man plötzlich in Situationen, die eigentlich positiv sind und auf verdientem Erfolg basieren, deutliche Blockaden spürt, dann hat das selten mit Kompetenz- oder Motivationsproblemen zu tun – sondern mit Schuldempfinden: z.B. gegenüber dem alten Arbeitgeber, dem Team, der Herkunftsfamilie oder benachteiligten Geschwistern. Der Beitrag zeigt, welche psychologischen Muster hinter den verschiedenen Formen der Schuld stecken, warum hier die Familie eine bedeutende Rolle spielt und wie mittels Coaching die Schuldgefühle effektiv bearbeitet werden können.

17 Min.

Erschienen im Coaching-Newsletter in Ausgabe 01 | 2026

Zwei Männer stehen nebeneinander und grübeln.

In nicht wenigen Fragestellungen im Coaching ist die Perspektive von Bedeutung, dass persönliche Entwicklung nicht stattfindet, weil diese subjektiv mit einem schlechten Gewissen, mit Schuld verbunden ist. Schuld entsteht dabei nach Streit (2023), wenn die grundsätzliche Balance von Geben und Nehmen in der Interaktionen zwischen Menschen aus dem Gleichgewicht gerät. Allerdings gilt es, hier zwischen verschiedenen Formen von Schuld, vorrangig der Dankes- und der Loyalitätsschuld zu unterscheiden sowie das emotionale Schulderleben zu berücksichtigen – diese Formen spielen im Coaching eine wesentliche Rolle (Glöckner, 2009).

Die Dankesschuld

Diese Form der Schuld  begegnet uns im Coaching z.B. häufig beim Thema Arbeitgeberwechsel. Insbesondere, wenn ich von diesem Arbeitgeber einiges bekommen habe, dieser in mich investiert hat, ohne dass ich dies schon zurückgeben konnte (z.B. die Finanzierung einer Coaching-Ausbildung), ist der Wechsel vielleicht mit einem schlechten Gewissen verbunden. Man ist in diesem Fall „etwas schuldig geblieben“ und spürt die Unausgeglichenheit von Geben und Nehmen. Die emotionale Lösung besteht in der Regel im Ausgleich.

Auf einen Blick

Symbol einer Lupe
  • Schuld entsteht, wenn Geben und Nehmen als unausgeglichen erlebt werden, was die persönliche wie berufliche Entwicklung blockieren kann.
  • Schuldgefühle und damit auch Erfolgsangst treten insbesondere in Geschwister- und Gruppendynamiken auf und führen dazu, dass Erfolg sabotiert oder nicht voll gelebt wird.
  • Emotionale Interventionen, Symbolarbeit und klare Verantwortungszuordnung helfen, Schuld zu entlasten, Zugehörigkeit zu sichern und gleichzeitig Autonomie und Erfolg zu ermöglichen.

Die einfachste Form, hier für Ausgleich zu sorgen, ist angemessen „Danke“ zu sagen für das, was man bekommen hat, und vielleicht auch zu benennen, dass man etwas schuldig geblieben ist und einem das Leid tut. Dadurch verbleibt eine positive Verbindung zum Unternehmen und den Beteiligten. Die Annahme des Dankes (oder des Ausgleichs) der anderen Seite spielt dabei für das eigene Erleben eine eher untergeordnete Rolle. Entscheidend ist, selbst zu diesem Ausgleich bereit zu sein.

Vermeiden wir diesen Dank oder fokussieren eher die Defizite auf der anderen Seite und das, was wir selbst nicht bekommen haben (was ja immer auch wahr ist), bleibt die Würdigung aus. Es bleibt Groll und die Verbindung reißt ab.

Gleiches gilt, wenn Mitarbeitende viel investiert haben, ohne eine angemessene Anerkennung erhalten zu haben (beispielsweise nicht eingelöste Versprechungen zu Beförderungen). Menschen haben dann den Eindruck, ihr Unternehmen sei ihnen noch etwas schuldig. Leider wird diese Schuld nicht immer beglichen und es besteht die Gefahr, in der eigenen Entwicklung ungut an das Unternehmen gebunden zu bleiben, mit der Idee, Geben und Nehmen müsste erst noch ausgeglichen werden.

Beispiele zur Dankesschuld

Ein Freund ist finanziell bessergestellt und lädt den anderen immer wieder zum Essen ein. Ist dies ohne herablassende Großmütigkeit geschehen, ist ein Dank angemessen und hilfreich.

Ein junger Trainer übernimmt das Training von einer älteren Trainerin, die in dieses Produkt viele Jahre ihrer Erfahrung hat einfließen lassen. Wenn der junge Trainer übernimmt, ohne Danke zu sagen für das wertvolle, das ihm geschenkt wurde oder gar einzelne Dinge kritisiert, die nicht mehr „up to date“ seien, wird die Übergabe von alt zu jung mit unguten Gefühlen verbunden, statt mit Dankbarkeit auf beiden Seiten.

Warum wird Dank manchmal vermieden? Glöckner (2009, S. 137) verortet den Grund darin, dass Menschen sich durch Dank „geschätzt und aufgewertet fühlen“. Dieser „Akt der Achtung“ werde anderen bewusst nicht immer oder nur in dürftiger Weise zugestehen, denn man würde damit zugeben, „des Gegenübers zu bedürfen“ (ebd.).

Die Loyalitätsschuld

Wenn wir Treue erleben zu einer Gruppe, haben wir ein schlechtes Gewissen, wenn wir gegen diese Treue verstoßen. Wir finden Loyalitätsschuld z.B. im Zusammenhang von persönlicher oder beruflicher Entwicklung. Menschen schöpfen ihre Potenziale und Möglichkeiten nicht aus, weil sie sich unbewusst an das Schicksal von anderen geliebten Menschen, den Eltern, Geschwistern etc. gebunden fühlen. Der Vater hätte gerne studiert, aber er hatte wegen des Krieges nicht die Möglichkeit dazu. Die Mutter hätte erfolgreiche Musikerin werden können und hat diesen Traum zum Wohle der Kinder begraben. Kinder wagen dann manchmal nicht, ihr Glück voll auszuschöpfen. „All dies ist ein tief unbewusster Wunsch, den Eltern im Unglück nah zu sein bzw. sie nicht alleine zu lassen. Oft glaubt man auch, sie durch das eigene Glück noch unglücklicher zu machen: Ist doch dem Kind gegeben, was für die Eltern so nicht zur Wirklichkeit wurde. So erlebt man sich schuldig, ohne eine Schuld zu haben.“ (Glöckner, 2009, S. 139) Eine derartige kindlich interpretierte Liebesbindung oder falsch verstandene Verpflichtungstreue darf aufgelöst werden.

Mögliche Interventionen im Coaching

Im Coaching sind Interventionen hilfreich, die verstrickende und die Entwicklung beschränkende Loyalitäten in positive Loyalitätsbande verwandeln. Oft reichen „einfache“ Interventionen wie sie z.B. von Bohne (2022) entwickelt worden sind:

  • „Auch wenn ich Angst habe, die Loyalität zu verletzen, wenn ich …, achte und akzeptiere ich mich so, wie ich bin.“
  • „Wenn ich jetzt X tue, tue ich das auch A zu Ehren (in guter Verbindung zu A, auch in Liebe zu A) und bleibe ich in guter Verbindung mit A.“

Diese emotionalen Interventionen können ermöglichen, sich mit der Loyalitätsperson „verbunden“ zu fühlen, aber nicht mehr „gebunden“. D.h., Menschen können gleichzeitig Zugehörigkeit und Autonomie (Freiheit) erleben.

Auch bei Entscheidungen oder eigener Positionierung kann Loyalitätsschuld entstehen. Wenn ich mit zwei Gruppen verbunden bin, die unterschiedliche Interessen haben, lässt sich das schlechte Gewissen kaum vermeiden, denn die Loyalität für die eine Gruppe wird von der anderen leicht als Illoyalität erlebt.

Manchmal reicht auch die empfundene Kritik an bestimmten Vorgehensweisen des Unternehmens. Einerseits erleben die Unternehmensvertreter diese Kritik leicht als Illoyalität. Andererseits erlebe ich mich selbst als illoyal meinen Werten und Prinzipien gegenüber, wenn ich meine Punkte nicht äußere.

Diese Dilemmata lassen sich oft nicht lösen, ohne einen Preis auf einer der Seiten zu bezahlen. Sonst sind diese Arten von Konstellation ein leichter Eintritt in Dilemmadynamiken, mit den Stadien leugnen, strampeln und verzweifeln (Schmid & Hipp, 1998).

Loyalität in Gruppen

Loyalität in Gruppen entsteht dadurch, dass ich etwas gebe und etwas bekomme: Ich beziehe meinen Wert aus der Gruppe und trage gleichzeitig zum Wert der Gruppe bei. Sind diese Prozesse nicht in der Balance oder können nicht leicht kommunikativ verhandelt werden, können leicht Konflikte oder Schulderleben entstehen (Streit, 2023).

Ein Beispiel in diesem Zusammenhang: Ein Teilnehmer einer Coaching-Weiterbildung absolviert einen Nachholbaustein in einer anderen Gruppe. Er genießt die Arbeit in dieser Gruppe, ihre tolle Kooperation und Bezogenheit. Am Ende beschreibt er, dass sich diese positive Zugehörigkeit mit Blick auf die eigene Gruppe, die er auch sehr schätzt, ein bisschen wie „Fremdgehen“ angefühlt habe. Die Loyalitätsschuld entsteht durch ein scheinbares „Entweder-oder“ bzw. durch die Unterscheidung in „besser/schlechter“. Dieses problematische Deutungsmuster lässt sich manchmal durch Formulierung wie „ihr seid meine zweite beste Gruppe“ auflösen.

Die Erfolgsangst

Streit (2016) beschreibt mit der Erfolgsangst einen weiteren Aspekt der Verbindung von individuellen Entwicklungsinteressen und Wünschen nach Zugehörigkeit, aus der sich leicht Schulderleben entwickelt. Hier erleben Menschen Angst, nicht mehr dazuzugehören, weil sie so erfolgreich sind. Bei Schülern kann sich das z.B. dadurch zeigen, dass sie sich sonderlich verhalten oder weniger lernen. Diese „Erfolgsschuld“ kann sich dadurch auflösen, dass Bedeutungen entwickelt werden, die den „Erfolg“ in den Dienst des großen Ganzen einordnen (Streit, 2023). Ich erreiche den Erfolg nicht (nur) für mich, sondern als einen Beitrag für die Gruppe, zu der ich Loyalität oder Zugehörigkeit empfinde.

Die erlebte Schuld des Bevorzugten oder Begünstigten

Diese Schuld zeigt sich häufiger unter Geschwistern. Manchmal sind Bedingungen für den Einen besser als für den Anderen, der aus vielerlei Gründen benachteiligt sein kann: Krankheit, Talent, Aufmerksamkeit der Eltern etc. Das benachteiligte Geschwister kann dann schmerzlich berührt, sehnsüchtig sein, wenn es mit dem Erfolg des anderen Geschwisters in Kontakt kommt. Manchmal kann es auch eine Schuld erleben, nicht mehr aus dem eigenen Leben gemacht zu haben.

Die Bevorzugten dagegen fühlen sich als besser Weggekommene schuldig, als sei Glück nur in begrenzter Menge verfügbar und sie hätten sich ungerechterweise zu viel davon genommen. Manchmal ist es dann hilfreich, das Gespräch zu suchen und deutlich zu machen, dass es einem Leid tut, dass der andere nicht das gleiche Glück und die gleichen Möglichkeiten erleben kann, und zu wünschen, dass das in Zukunft möglich wird – bei gleichzeitiger innerer Erlaubnis, das eigene Glück voll auskosten und leben zu dürfen.

Dadurch wird möglich, sich trotz des eigenen Bevorzugt-Seins nicht schuldig zu fühlen und gleichzeitig Mitgefühl mit denen zu entwickeln, die es weniger leicht haben. Wichtig zu verstehen ist, dass „Mitgefühl zu haben“ kein Eingeständnis von Schuld ist. Schuldig werde ich, wenn ich dagegen innerlich rebelliere, dass es Unterschiede gab oder gibt, und Mitgefühl vermeide.

Hatte ich als die/der besser Weggekommene auch aktiv Einfluss darauf, bessere Startchancen gehabt zu haben (habe ich mir z.B. tatsächlich mehr Raum genommen und den Entfaltungsspielraum der anderen eingeschränkt), ist es angemessen, sich zu entschuldigen und nach einem möglichen Ausgleich zu suchen.

Fallbeispiel: Interview zu einer problematischen Geschwisterkonstellation

Wie sieht die Ausgangssituation aus?

Meine Schwester kam sieben Jahre nach mir zur Welt. Wir waren Zugezogene in einem kleinen Ort und ich spürte hier keine wirkliche Akzeptanz oder Bindung. Außerdem war das Geld in der Familie eher knapp und ich wollte gerne sozial aufsteigen. Relativ früh schon entwickelte ich daher einen Drive, meinem Umfeld zu entkommen. Meine Schwester hingegen wuchs im Ort auf und war entsprechend integriert. Ich denke, sie hatte daher weniger Ambitionen, diesem Umfeld zu entkommen. Auch die wirtschaftliche Situation der Familie verbesserte sich in den späteren Jahren. In der Schule war ich allerdings durchgehend besser und habe dann im Gegensatz zu ihr auch eine akademische Laufbahn eingeschlagen.

Wie sind deine Eltern mit den ungleichen Voraussetzungen umgegangen?

Mein Vater war relativ neutral eingestellt. Meine Mutter hat hingegen immer sehr stark betont, wie stolz sie auch meinen Werdegang sei. Dass ich als erster in der Familie Abitur und studiert hatte, erfolgreich im Job bin usw. Dieser Stolz auf meinen sehr stringenten Lebenslauf hat diesen quasi zum Prototypen gemacht. Vielleicht war es nicht die Absicht meiner Mutter, aber aus dem Stolz auf mich wurde für meine Schwester eine Erwartungshaltung an sie, die sie nicht immer erfüllen konnte und wollte. Sie musste immer in meinem Schatten stehen, konnte sich nie ganz frei nach ihren Wünschen und Vorstellungen entwickeln. Immer war der Vergleich zu mir da, immer hatte sie das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen – nur weil ich irgendetwas vorgelebt habe.

Wie fühltest du dich im Kontakt mit ihr, wie sie mit dir?

Ich habe meine Schwester immer sehr geliebt. Aber der Altersabstand war natürlich groß und spätestens im Teenager-Alter war die kleine Schwester dann eher nervig. Ansonsten würde ich selbstkritisch sagen, dass ich nicht besonders rücksichtsvoll war als Jugendlicher. Mein Perfektionismus war z.B. damals noch deutlich ungebremster. Das war sicherlich nicht einfach für sie, immer zu hören, was sie alles nicht kann. Umgekehrt würde ich auch sagen, dass meine Schwester mich sehr geliebt hat. Sie war immer sehr stolz auf ihren großen Bruder. Irgendwann im späten Teenager-Alter kippte das aber. Ich denke, dass sie mich genauso geliebt hat wie zuvor. Aber sie wollte sich abgrenzen und versuchte immer bewusster, meinen Lebensentwurf abzulehnen. Sie neigte dann auch dazu, meinen beruflichen Erfolg mit meinen aus ihrer Sicht schwierigen persönlichen Eigenschaften zu erklären („Ich könnte ja nie so erfolgreich sein in deinem Job, weil ich nicht so rücksichtslos bin wie du!“).

Wie schaut ihr heute aufeinander?

Heute ist es so, dass ich mich im Kontakt mit ihr sehr verstelle. Ich erzähle ihr nie von beruflichen Themen. Insgesamt – und das ist das Ungleichgewicht, dass ich empfinde – fragt sie mich nie, wie es mir geht, wie mein Urlaub war oder wie es im Job läuft. Ich stelle ihr aber die Fragen und gerne redet sie auch darüber. Ich spüre aber immer, dass sie sich dann manchmal für Dinge rechtfertigt („das wäre nicht dein Urlaub gewesen, aber ich fand das Hotel super“). Ich würde mir wünschen, dass wir einfach wir selbst sein können. Dass man Erlebnisse austauschen kann, ohne ständig darauf zu achten, ob das Gesagte alte Gefühle hervorruft. Ich merke, dass ich manchmal meinen Erfolg nicht voll genießen kann, verbunden mit der Idee, ich dürfe mein Glück nicht ganz ausschöpfen, weil dann vielleicht zu wenig für andere übrigbleibt.

Dieses Beispiel bestätigt, was Jensen (nach Peterson, 2017) in seiner Studie beschreibt, nämlich dass jüngere Geschwister häufiger an den Älteren und deren Talenten gemessen werden und dadurch von Anfang an mit schwierigen sozialen Vergleichsprozessen zu tun haben. Eltern sollten also darauf achten, Geschwister in ihrer Unterschiedlichkeit zu sehen und zu fördern.

In diesem Beispiel wurde das nicht getan und die jüngere Schwester in unguter Weise an den Leistungen und Möglichkeiten ihres Bruders gemessen. Über den Machtkampf und die Abwertung versucht sie, ihre Würde wieder herzustellen. Die abwertende Botschaft überhaupt anzunehmen, ist dann ein ehrenwerter Versuch, sich dennoch anzunähern, und in diesem Sinne eine Bindungsleistung.

Eine deeskalierende Haltung könnte sein, den anderen in seiner Außergewöhnlichkeit und Vollwertigkeit anzuerkennen (oder gar zu bewundern) bei gleichzeitiger innerer Erlaubnis, das eigene Talent und die Möglichkeiten, die einem selbst gegeben sind, voll dafür zu verwenden, Resonanz zu erzeugen und gerne auch erfolgreich zu sein. Durch dieses „sowohl als auch“ sind beide frei, ihr Bestes zu leben. Vielleicht können sie sich als Geschwister dann – wenn gewünscht – sogar gegenseitig unterstützen, ohne sich am Anderen messen zu müssen.

Fallbeispiel: Emotionale Dynamiken bei erlebter Schuld der Bevorzugten

Im Coaching mit einer Geschäftsführerin zeigt sich, dass sie immer schwierigste Herausforderungen sucht. Möglichkeiten, Glück und Positives zu erleben, schöpft sie zudem nicht aus, weshalb sie zunehmend erschöpft ist. Darauf aufmerksam gemacht, reagiert sie irritiert und berichtet dann überrascht, dass sie mit dieser Beobachtung bereits einige Male im Leben konfrontiert wurde. Eine Freundin habe ihr vor Jahren gesagt: „Das Leben muss nicht so schwer sein.“ Auch eine Therapeutin habe ihr die Frage gestellt, warum sie so oft zu ausgesprochen schwierigen Szenarien greife.

Auf die Frage nach Erklärungen dazu, berichtet sie von Schuldgefühlen der Schwester gegenüber: „Meine Schwester ist knapp 1,5 Jahre jünger als ich. Ich war ein Wunschkind, noch vor der Geburt erwartet und geliebt, meinem Vater ähnlich, von der Familie bewundert und beliebt. Und dann noch in der Schule mühelos erfolgreich. Beim zweiten Kind hofften alle auf einen Jungen, so war die Geburt meiner Schwester eine große „Enttäuschung“ für die ganze Familie, was uns auch immer wieder erzählt wurde. Sie war – obwohl von Natur aus wesentlich energischer und charismatischer als ich – von Kindheit an mit dem Feedback konfrontiert, nicht so zu sein wie ich (nicht so brav, nicht so lieb, nicht so schön, nicht so klug etc.). Ich habe meine Schwester immer geliebt, mich um sie gekümmert und sie auch vor unseren Eltern verteidigt (manchmal in einem sehr direkten Sinne, indem ich sie körperlich gedeckt und dadurch vor Schlägen geschützt habe). Es tut mir immer noch körperlich weh, wenn ich an diese Situationen denke.“

Diese Situation schleppe sie als einen Rucksack an Schuldgefühlen gegenüber ihrer Schwester mit. Hinzu kämen noch die katholische Erziehung und der Satz aus der Bibel (sinngemäß): „Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert.“

„Im Endeffekt habe ich mich also stets schuldig gefühlt, weil ich etwas bekommen habe, was meiner Schwester absolut unfair verwehrt wurde. Gleichzeitig war mir aber auch stets bewusst, dass ich viel zurückgeben muss, weil mir eben viel gegeben wurde. Ich habe meine Schwester aber nicht nur geliebt, sie war auch eine gewisse Bedrohung für mich, eine direkte Wettbewerberin.

Ich glaube, dass dieses Gefühl, besser zu sein und sich deswegen schuldig zu fühlen, in meinem Fall ziemlich zwiespältig ist. Einerseits habe ich darunter gelitten, so unfair gut behandelt zu werden. Andererseits war es für mich durchaus identitätsstiftend. Ich war automatisch ‚die Bessere’ musste mich nur noch bemühen, viel zurückzugeben, um die Position und die Gaben nicht zu verlieren. Es gibt also auch eine Schattenseite des ‚Besserseins’: Ich erlaube mir als die Bevorzugte zwar kein Glück und keinen Erfolg, gleichzeitig fühle ich mich aber ohnehin schon automatisch überlegen. Das bedeutet wiederum, dass ich mit Misserfolgen und Fehlern schwer zurechtkomme, weil das mein ‚Bessersein’ in Frage stellt.

Meine Mutter hat mehrmals zu uns gesagt, dass es perfekt wäre, wenn man uns vermischen und daraus eine Person machen könnte. Dann wären alle Eigenschaften optimal verteilt, die aus ihrer Sicht jeweils zu stark bei uns ausgeprägt sind. Dies hat sich nicht nur auf unsere Charaktereigenschaften, sondern auch auf unsere Errungenschaften bezogen. Ich habe diese Aussage immer gut nachvollziehen können. Aber dadurch wird quasi alles in einen Topf geworfen und es bleiben kaum Optionen auf ein eigenständiges Leben, ohne ewige Vergleiche bzw. Ausgleichsmodelle mit meiner Schwester.“

Auch hier findet sich der Gedanke der unguten sozialen Vergleichsprozesse in Geschwisterbeziehungen. Jede Form von besser oder schlechter als die andere bindet in diesem Zusammenhang in unguter Weise. Es entsteht eine Konkurrenz, die nicht dazu führt, dass jeder „sein“ Bestes zeigen kann. Die positive Psychologie unterscheidet zwischen „Achievement“ und „Accomplishment“. Achievement verweist eher auf quantitative Ergebnisse wie Schulnoten oder die Menge an Mitarbeitenden als Führungskraft. Accomplishment meint dagegen Ergebnisse, die durch interne Motivation erreicht werden, wie z.B. das Überwinden einer Herausforderung, die zu einem Gefühl der Zufriedenheit und des Stolzes geführt haben.

Gleichzeitig zeigt sich in diesem Beispiel eine Übernahme von Verantwortung der Schwester gegenüber, die eigentlich die Verantwortung der Eltern ist. Im Coaching gilt es, die Verantwortungsbereitschaft zu würdigen und gleichzeitig deutlich zu machen, dass sie diese Verantwortung zurückgeben darf, weil sie ihr nicht gehört (und nicht zusteht). Hier haben sich imaginative Techniken der symbolischen Rückgabe von familiären Aufträgen bewährt.

Fazit

Schuldgefühle können Entwicklung hemmen, wenn Geben und Nehmen als unausgeglichen erlebt werden. Relevant sind Dankesschuld, Loyalitätsschuld, Erfolgsangst sowie Schuldgefühle der Begünstigten, etwa in Geschwister- oder Gruppendynamiken. Im Coaching helfen Würdigung und ggf. Entschuldigung als Ausgleich, das Lösen verstrickender Loyalitäten bei erhaltener Verbundenheit sowie klare Verantwortungszuordnung und förderliche Deutungen von Erfolg.

Literatur

Bohne, M. (2022). PEP-Tools für Therapie, Coaching und Pädagogik. Heidelberg: Carl-Auer.

Glöckner, A. (2009). Ich kann doch nichts dafür … – Der Umgang mit persönlichem Schulderleben. Regensburg: Skulteti.

Peterson, B. (2017). Family favoritism: Younger siblings impacted more. Brigham Young University. Abgerufen am 01.12.2025: https://news.byu.edu/news/family-favoritism-younger-siblings-impacted-more

Schmid, B. & Hipp, J. (1998). Macht und Ohnmacht in Dilemmasituationen. Isb-Institutsschrift. Abgerufen am 15.12.2025: https://www.wengelundhipp.de/assets/Publikationen/NEU-2014/24-Macht-und-Ohnmacht-in-Dilemmasituationen+.pdf

Streit, P. (2023). Persönliches Gespräch.

Streit, P. (2016). Ich will nicht in die Schule! Ängste verstehen und in Motivation verwandeln. Weinheim: Beltz.

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