Politik trifft Coaching

Weshalb sollten Politiker sich coachen lassen?

Politik trifft Coaching
© Foto: Dmytro Zinkevychv/Shutterstock.com

Wie im vorliegenden Plädoyer argumentiert wird, sei einer Entfremdung der Bevölkerung von der politischen Klasse nur entgegenzuwirken, wenn sich Politikerinnen und Politiker reflexiv und beziehungsorientiert mit der Gesellschaft in Verbindung setzen. Kann Coaching sie hierbei sowie bei der generellen Wahrnehmung ihrer Funktionen unterstützen?

Politik ist mit der anthropologischen Entwicklung über Jahrtausende eng verknüpft. Im Spiegel der Gegenwart ist gesellschaftliches Leben – ganz gleich unter welcher ideologischen, wirtschaftlichen, kulturellen sowie auch religiösen Prägung dies zu betrachten wäre – ohne Politik als Gestalter nicht denkbar. Politik ist manifest, obligatorisch, ein Imperativ.

Ganz anders als die Entwicklung, die wir als Kompetenzbegleitung und -erweiterung mit dem Begriff des „Coachings“ in Verbindung bringen. Hier begann die „Erfolgsgeschichte“ sehr viel später. Der Ursprung des Coachings liegt im Sport (Kuchen & Pedrun, 2006) und hier in der Idee und der Überzeugung, dass der Coach mit seiner persönlichen und auch menschlichen Expertise dazu befähigt ist, respektive die Erfahrung und das Wissen mitbringt, ein Team, den Einzelnen bzw. die Einzelne substanziell und nachhaltig „besser zu machen“. Im Sport war und ist der Coach die „Schaltzentrale“, „das Gehirn“, „der Antreiber“, „die Optimierungsebene“, „der Erfahrungsschatz“, „die Fachkompetenz“ zur Weiterentwicklung. Somit verantwortet der Coach im Sport Erfolg oder Misserfolg, Stagnation oder Wachstum, Niederlage oder Sieg, persönliche Kompetenzerweiterung oder fehlende individuelle Klasse.

Folgerichtig war es deshalb nur eine Frage der Zeit, bis das Erfolgsprinzip des Coachs aus dem Sport im Bereich der beruflichen und ökonomischen Welt ankam, wenngleich die Ergebnisverantwortung im Business-Coaching, das als reflexive Form der Begleitung zu verstehen ist, beim Klienten verbleibt. Den Verantwortlichen in den Unternehmen wurde und wird weiterhin bewusst, dass auch die Zeitenwende in der industriellen Fortentwicklung, die veränderten Parameter einer zunehmenden Dienstleistungsgesellschaft sowie die rasant voranschreitende Digitalisierung aller Lebensbereiche immense Anforderungen an Einzelne und Teams mitbringen, die neue Antworten benötigten. Zunehmend wird nun klar, dass alte Führungsrollen und -Verständnisse den neuen Erfordernissen schlicht und ergreifend nicht mehr genügen. Die Welt ändert sich grundlegend – und damit die einzelnen Menschen, die vielfach nicht mehr nur „funktionieren“, sondern nun ihre eigenen Erwartungen formulieren und ihr berufliches Schaffen häufiger mit persönlichen Werten sinnstiftend in Einklang bringen wollen. Das Ergebnis ist, dass Coaching in der Unternehmenswelt zunehmend zum etablierten Faktor für Erfolg wird. Zweidrittel der Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz nutzen bereits Coaching, wie aus einer an der Universität Salzburg durchgeführten Studie hervorgeht (nach Wolter, 2018). Zudem plane die Mehrheit der restlichen Unternehmen, zukünftig auf Coaching zurückzugreifen, wie 2018 im Rahmen derselben Untersuchung in Erfahrung gebracht wurde (ebd.).

Verbindet man nun diese beiden Stränge, Politik und Coaching, so fällt auf, dass sich beide „Welten“ sehr diametral entwickelt zu haben scheinen. Während sich das Coaching als professionelle Prozessbegleitung und Kompetenzerweiterung etabliert hat, verliert die Politik durch ihre Vertreterinnen und Vertreter zunehmend an Bedeutung und Glaubwürdigkeit. Einer Umfrage der Europäischen Union zum Vertrauen der Bevölkerung in politische Parteien in Deutschland (Statista Research Department/Europäische Kommission, 2021) ist zu entnehmen, dass nur ca. 30 Prozent der Bevölkerung Vertrauen in die Arbeit der politischen Parteien haben. Dieser Wert unterlag in den vergangenen Jahren keinen Schwankungen, die das Gesamtbild grundlegend verändert hätten. So lag der im Zeitraum 2016 bis 2021 gemessene Höchstwert (Sommer 2020) bei 40 Prozent (ebd.). Im Umkehrschluss vertraut der überwiegende Teil der Bevölkerung den politischen Parteien und – wie daraus gefolgert werden darf – den Politikerinnen und Politikern selbst eher nicht.

Unsere Politikkultur wird heute, wie der Autor aus den Ergebnissen der zitierten Umfrage schließt, oftmals als leer und zielverfehlend wahrgenommen. Die politisch Agierenden scheinen die „die Sprache des Volkes“ nicht mehr zu sprechen und es auch gar nicht mehr zu verstehen. Zudem werden sie in Teilen der Bevölkerung offenbar als nicht mehr in der Lage gesehen, die grundlegenden Probleme unserer Gesellschaft zu lösen.

Das Schlagwort „Politik trifft Coaching“ ist deshalb mehr als eine Floskel, es beinhaltet die Aufforderung, neues Denken und Handeln möglich zu machen, um unseren Fortschritt und die adäquaten Lösungen unserer Problemlagen in unserem Land (aber auch darüber hinaus) zu ermöglichen. Eine erfolgreiche Weiterentwicklung und gelungene Adaption an unsere gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit kann nur gelingen, wenn sich Politik wieder reflexiv und beziehungsorientiert mit dieser in Verbindung setzt. Denn Beziehung entsteht nur dann, wenn sich zwei Partner, zwei Beteiligte, zwei aufeinander Angewiesene „in Beziehung setzen“. Dies kann nur aktiv, reziprok, resonierend und interpersonell geschehen. Und genau hier kann Coaching grundlegend helfend zu neuen Optionen führen. Bisher scheinen sich jedoch vergleichsweise wenige Politikerinnen und Politiker mittels Coaching begleiten zu lassen (vgl. Jankowitsch, 2009). Hier könnten sich die Parteien selbst öffnen, indem sie für ihr jeweiliges Führungspersonal Coaching einkaufen und den eigenen (öffentlich wahrnehmbaren) Akteuren empfehlen, regelmäßig Coaching in Anspruch zu nehmen.

Coaching als Reflexionsrahmen für die Politik

Politische Amtsinhaberinnen und Amtsinhaber sowie Politikerinnen und Politiker im Allgemeinen sind Führungskräfte (Jankowitsch, 2009) und Entscheider mit hoher Verantwortung. Als solche sollten sie Coaching als Reflexionsrahmen für sich selbst ausprobieren, um einerseits die Logik zu durchbrechen, man kenne sich ja selbst bereits am besten (Stärken und Schwächenanalysen), und um andererseits die politische Tätigkeit und deren Ergebnisse am Ende nicht dem Zufall zu überlassen. Coaching kann (unter der Prämisse einer verantwortlichen, vertrauensvollen und professionellen Beziehung zwischen Coach und Klient) den Menschen dabei helfen, verständlicher, klarer und authentischer zu werden. Beispielsweise beschreibt Sollmann (nach Barczynski, 2017), wie es Politikerinnen und Politikern im Coaching mittels Reflexion und Video-Analyse gelingen kann, die professionelle Rolle und die damit verbundenen Erwartungshaltungen besser mit der eigenen Persönlichkeit in Einklang zu bringen und damit eine stimmigere Außenwirkung zu erzielen.

Jankowitsch (2009, S. 285) misst dem Coaching im Kontext der Politik eine „überdurchschnittliche Bedeutung“ bei: „Denn zusätzlich zu den allgemeinen, auch aus der Arbeit mit Topmanagern bekannten Coaching-Effekten kommen gecoachte Politiker/innen auch besser mit den Spezifika der Branche zurecht.“ Hierzu, so Jankowitsch (ebd.), zählen beispielsweise ein hoher Verschleiß der Handelnden zwischen Berufs- und Privatwelt, Mehrfachrollen, die es zu bekleiden gilt, und die Gefahr, auf persönlicher Ebene attackiert zu werden. Jankowitsch (ebd.) betont, dass Coaching „kein Allheilmittel für Schwächen von Akteur/innen, Strukturen oder Prozessen“ ist, stellt aber zugleich die Potenziale der Begleitung von politischem Personal heraus, etwa hinsichtlich der Entwicklung professioneller Führungskompetenz, der Entwicklung gemeinsamer Positionen, des Durchsetzens von Positionen oder wenn es darum geht, eigene Denk- und Verhaltensmuster kritisch zu hinterfragen.  

Die Welt hat sich verändert und führt diesen Prozess kontinuierlich fort, deshalb: The future is now.

Literatur