Wir leben in einer Zeit, in der es wichtiger denn je ist, Menschen, ihre Bedürfnisse und das Miteinander wieder bewusster in den Fokus zu stellen. Genau hier setzt dieses Tool an: Ein eigens entwickelter Fragebogen macht sichtbar, inwiefern die drei psychologischen Grundbedürfnisse Selbstbestimmung, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit im privaten und beruflichen Bereich erfüllt sind. Die Auswertung dient als wegweisendes Reflexions- und Klärungsinstrument: Erfüllte Grundbedürfnisse begünstigen Motivation, Wohlbefinden, Resilienz und nachhaltiges Engagement; gering erfüllte Bedürfnisse können Hinweise auf Stress und Unzufriedenheit geben oder fehlende Motivation begründen. Im Coaching hilft das Tool, das Anliegen präziser zu bestimmen und erste Ansatzpunkte für Entwicklung zu beschreiben.
Klientinnen und Klienten kommen oft mit einem konkreten Problem, einem Ziel oder dem Wunsch nach einer schnellen Lösung ins Coaching. Für den Prozess ist jedoch besonders bedeutsam, welche inneren Beweggründe, Bedürfnisse und Spannungsfelder mit diesem Anliegen verbunden sind. In der Anfangsphase eröffnet die Reflexion psychologischer Grundbedürfnisse hierfür einen wirksamen Zugang. Sie hilft, Ziele genauer einzuordnen, Motivationsquellen sichtbar zu machen und Blockaden verständlicher werden zu lassen. Der Blick auf Grundbedürfnisse ermöglicht es, das Anliegen zu kontextualisieren.
Die Arbeit mit dem Fragebogen fördert die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Grundbedürfnissen. Die Ergebnisse geben Orientierung darüber, in welchen beruflichen und privaten Lebensbereichen sie bereits gut erfüllt sind und wo Entwicklungsmöglichkeiten bestehen. Die Auswertung bildet zugleich einen Ansatzpunkt für konkrete nächste Schritte: Gemeinsam kann erkundet werden, welche persönlichen Handlungen, Beziehungen oder äußeren Rahmenbedingungen die Erfüllung der Grundbedürfnisse fördern. Ein zunehmend bedürfnisgerechter Alltag kann dazu beitragen, die intrinsische Motivation, das individuelle Wohlbefinden und das Erleben eigener Gestaltungskraft zu stärken. Damit ermöglicht das Tool ein bedürfnisorientiertes Coaching und schafft einen offenen Reflexionsraum: „Bedürfnisorientiertes Arbeiten bedeutet nicht, Spannungen reflexhaft aufzulösen, sondern einen Raum zu schaffen, in dem Bedürfnisse überhaupt erst sichtbar werden dürfen – ohne vorschnelle Bewertung oder Deutung.“ (Hohenthal, 2025, S. 40)
Abb. 1: Die drei psychologischen Grundbedürfnisse als Basis für Wohlempfinden
Motivation beschreibt die Prozesse, durch die Verhalten angestoßen, ausgerichtet und aufrechterhalten wird; Menschen gelten als motiviert, wenn sie mit ihrem Verhalten einen Zweck verfolgen und auf einen zukünftigen Zustand hin handeln (Zimmermann, 2026). Dabei wird zwischen intrinsischer Motivation und extrinsischer Motivation unterschieden: Intrinsische Motivation entsteht aus Interesse, Neugier und Freude an der Tätigkeit selbst, extrinsische Motivation hingegen aus äußeren Anforderungen und Erwartungen (Deci & Ryan, 1993).
Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (1993) geht davon aus, dass Motivation wesentlich mit drei psychologischen Grundbedürfnissen verbunden ist: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Autonomie meint Ziele und Vorgehensweisen in Übereinstimmung mit den eigenen Werten wählen zu können; Kompetenzerleben beschreibt das Gefühl, Aufgaben bewältigen und wirksam handeln zu können; soziale Eingebundenheit bezieht sich auf Zugehörigkeit, Beziehung und Geborgenheit (Zimmermann, 2011).
Werden diese drei Grundbedürfnisse erfüllt, entstehen intrinsische Motivation, psychisches Wohlbefinden und nachhaltiges Engagement (Zimmermann, 2026). Werden Autonomie, Kompetenzerleben oder soziale Eingebundenheit jedoch über längere Zeit geschwächt, kann dies Motivation, Stressverarbeitung und psychische Gesundheit beeinträchtigen (Zimmermann et al., 2026).
Diese Erkenntnisse wurden in ein Coaching-Tool übertragen, wodurch die drei psychologischen Grundbedürfnisse Selbstbestimmung, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit im beruflichen und privaten Bereich sichtbar gemacht werden. Damit wird Motivation als Reflexions- und Klärungsinstrument für den Coaching-Prozess nutzbar: zur Präzisierung des Anliegens, zur Einordnung von Blockaden und zur Entwicklung nächster stimmiger Schritte.
Der Kern der Methode ist die Anwendung eines Online-Fragebogens (wird im Rahmen dieses Textes zur Verfügung gestellt, siehe Kasten) zu Motivation und Grundbedürfnissen. Aufgabe des Coachs ist es, den passenden Rahmen für den Fragebogen zu geben, inklusive Einführung, Auswertung, Interpretation und weiterführenden Schritten.
Der Coach führt die Übung mit einer kurzen, verständlichen Einordnung ein. Dabei erläutert er zunächst die Grundidee der Selbstbestimmungstheorie: Motivation entwickelt sich besonders tragfähig, wenn Menschen Selbstbestimmung, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit erfahren. Anschließend erklärt er, dass der Fragebogen die aktuelle Erfüllung dieser drei psychologischen Grundbedürfnisse im beruflichen und privaten Kontext sichtbar macht. Zugleich sollte deutlich werden, dass die Ergebnisse weder bewerten noch diagnostizieren, sondern der gemeinsamen Reflexion dienen. Der Coach lädt die Klientin bzw. den Klienten dazu ein, den Fragebogen offen, möglichst spontan und bezogen auf das gegenwärtige Erleben zu beantworten.
Die Klientin bzw. der Klient füllt den Fragebogen selbstständig und in Ruhe aus. Das eigenständige Ausfüllen des Fragebogens durch die Klientin bzw. den Klienten dauert ca. fünf Minuten, kann also gut auch in die Coaching-Session eingebaut werden.
Der Fragebogen
Zum Online-Fragebogen.
Optimale Darstellung auf größeren Geräten als einem Smartphone. Es werden keine Daten gesammelt, die Rückschlüsse auf die Identität ermöglichen (privacy by default). Der Fragebogen ist von SoSci Survey, einer White Label Lösung nach deutschem Datenschutz mit Barrierefreiheit.
Die Berechnungslogik folgt hauptsächlich der Methodik des Originalfragebogens (Deci & Ryan, 2000; Gagné, 2003). Die Ergebniswerte, die in den internen Variablen gespeichert werden, basieren auf den Antworten der Teilnehmenden auf einer Bewertungsskala von eins bis sieben. Dabei steht ein geringer Wert für eine geringe Zustimmung, ein hoher Wert für eine hohe Zustimmung zur jeweiligen Aussage. Negativ formulierte Items werden vor der Auswertung umgepolt, damit sie der Auswertungslogik entsprechen. Alle Items werden den drei psychologischen Grundbedürfnissen zugeordnet, anschließend wird für jedes Grundbedürfnis der Mittelwert aus den zugehörigen Items berechnet. Für eine einheitliche Sieben-Item-Darstellung werden die Mittelwerte anschließend mit sieben multipliziert. Dadurch entstehen für Selbstbestimmung, Kompetenzerleben und soziale Eingebundenheit jeweils Werte zwischen sieben und 49.
Abb.2: Ergebnisdarstellung des Fragebogens im beruflichen (links) und privaten (rechts) Bereich
Zusatzinfos zur Auswertung
Eine detaillierte Erklärung zur Vorgehensweise der Auswertung und Erstellung der Ergebnisgrafiken des Fragebogens findet sich in einem zugehörigen Zusatzdokument.
Die Ergebnisse zu den psychologischen Grundbedürfnissen werden als Maßstab für die Qualität der Motivation interpretiert. Allgemein lässt sich sagen, dass hohe Werte in den drei Bereichen anzeigen, dass eine Handlung vom Selbst ausgeht und als frei gewählt erlebt wird. Niedrige Werte hingegen signalisieren, dass das Verhalten als kontrolliert oder sogar „amotiviert“ wahrgenommen wird. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist essenziell für die Entwicklung des individuellen Selbst und einer auf Selbstbestimmung beruhenden Motivation (Deci & Ryan 1993). Die Ausprägung der Fragebogenwerte gibt Aufschluss darüber, ob der Klient eher intrinsisch oder extrinsisch motiviert handelt. Im intrinsisch motivierten Zustand fühlt sich der Klient frei in der Auswahl seines Tuns, da die Handlung mit dem eigenen Selbst übereinstimmt und allein auf Neugier, Interesse oder Freude an der Sache ausgeführt wird. Niedrige Werte der Ergebnisskalen weisen hingegen oft auf kontrollierte Formen der extrinsischen Motivation hin, bei denen das Handeln als aufgezwungen oder vom Kern das Selbst separiert erlebt wird (Deci & Ryan, 1993).
Autonomie (Selbstbestimmung): Ein hoher Wert deutet darauf hin, dass der Klient sich als Ursprung des eigenen Handelns erlebt und sein Verhalten den persönlichen Zielen und Wünschen entspricht. Ein niedriger Wert deutet darauf hin, dass sich der Klient wie eine „Schachfigur“ fühlt, die durch Druck, Belohnungen oder Strafen gesteuert wird, was die natürliche Tendenz zur aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt behindert (Deci & Ryan, 1993).
Kompetenzerleben (Wirksamkeit): Ein hoher Wert signalisiert, dass der Klient sich in seinem Milieu effektiv fühlt und das Gefühl hat, wirksam auf seine Umwelt einwirken zu können. Ein niedriger Wert deutet darauf hin, dass der Klient sich als ineffektiv erlebt, was häufig mit größerer Angst und einer ungünstigeren Selbsteinschätzung korreliert. Deci und Ryan (1993, S. 231) betonen jedoch: „Nur wenn Gefühle der Kompetenz und Selbstwirksamkeit zusammen mit dem Erleben von Autonomie auftreten, haben sie Einfluss auf die intrinsische Motivation.“
Soziale Eingebundenheit (Zugehörigkeit): Hohe Werte zeigen, dass sich der Klient als akzeptiertes Mitglied einer Gemeinschaft fühlt, was es ihm erleichtert, Ziele und Verhaltensnormen in sein eigenes Selbstkonzept zu integrieren. Fehlt diese Bindung oder wird sie durch Kontrolle ersetzt, bleibt der Klient oft auf einer Stufe der Motivation stehen, die durch inneren Druck oder Angst vor Misserfolg geprägt ist (ebd.).
Die drei psychologischen Grundbedürfnisse entfalten ihre Wirkung v.a. in ihrem wechselseitigen Zusammenspiel. Sie ergänzen einander und bilden gemeinsam die Grundlage für eine dauerhafte und selbstbestimmte Motivation. Bleibt eines dieser Bedürfnisse unberücksichtigt, kann dies zugleich die Wirksamkeit der beiden anderen begrenzen. Ein ausgeprägtes Kompetenzerleben kann beispielsweise ohne soziale Verbundenheit in Isolation münden. Umgekehrt kann Zugehörigkeit ohne ausreichende Autonomie als Einengung oder Fremdsteuerung wahrgenommen werden.
Die Auswertung des Fragebogens dient als Ausgangspunkt für die weitere Reflexion im Coaching. Sie macht sichtbar, welche Grundbedürfnisse im beruflichen und privaten Alltag bereits gut erfüllt sind und in welchen Bereichen Entwicklungsmöglichkeiten liegen. Dabei werden niedrige Werte nicht als persönliches Defizit verstanden. Vielmehr gilt es zu erkunden, in welchen Situationen, Beziehungen und Rahmenbedingungen Selbstbestimmung, Kompetenzerleben oder soziale Eingebundenheit gegenwärtig wenig Raum erhalten.
Im weiteren Coaching wird daher betrachtet, welche Bedingungen das jeweilige Bedürfnis stärken oder begrenzen. Daraus können Veränderungen auf unterschiedlichen Ebenen entstehen: Die Klientin bzw. der Klient kann eigene Entscheidungen, Verhaltensweisen und Prioritäten bewusster gestalten. Zugleich können Gespräche angestoßen, Beziehungen geklärt oder berufliche und private Rahmenbedingungen verändert werden. Entscheidend ist, aus den Ergebnissen überschaubare und stimmige Schritte abzuleiten, deren Wirkung im weiteren Prozess beobachtet und reflektiert wird.
Konkrete Coaching-Impulse können dabei Reflexion und erste Veränderungen anstoßen:
Motivation entsteht laut der Selbstbestimmungstheorie besonders dann, wenn Menschen ihre Handlungen als selbstbestimmt erleben.
Coaching-Impuls: Nutze die Ergebnisse Deines Fragebogens als Orientierung: Wie erfüllt ist dieses Bedürfnis aktuell? Im Beruf? Im Privatleben? Danach frage Dich:
Autonomie entsteht in der Regel nicht durch „große“ Entscheidungen, sondern durch kleine tägliche Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, wenn Du Deine Handlungen als frei gewählt erlebst. Das kannst Du trainieren!
Coaching-Impuls: Wähle eine kleine Handlung, die stärker Deinem inneren Erleben entspricht. Wichtig: klein, konkret und umsetzbar. Z.B.:
Beobachte danach: Was verändert sich körperlich? Was passiert emotional? Welche innere Stimme meldet sich? Entsteht mehr Lebendigkeit?
Weitere Reflexions-Impulse
Weitere Reflexions-Impulse finden sich in einem Zusatzdokument.
Für den fachlich fundierten Einsatz des Tools benötigt der Coach Kenntnisse der theoretischen Grundlagen der Selbstbestimmungstheorie sowie der Auswertungs- und Interpretationsmethode des Fragebogens. Ebenso wesentlich ist eine wertschätzende, offene Haltung. Die Ergebnisse werden als Einladung zur (Selbst-)Reflexion verstanden und nicht zur Bewertung der Person genutzt. Darüber hinaus braucht der Coach ein breites methodisches Repertoire, um aus den Ergebnissen passende weiterführende Impulse abzuleiten. Dazu gehören Fragen, Übungen und Coaching-Ansätze, mit denen bislang wenig erfüllte Bedürfnisse nach Selbstbestimmung, Kompetenzerleben oder sozialer Eingebundenheit im jeweiligen Lebenskontext gezielt gestärkt werden können.
Hinsichtlich der verwendeten Materialien muss zwischen der theoretischen Basis und der konkreten Fragebogen-Zusammenstellung unterschieden werden. Die grundlegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse der Selbstbestimmungstheorie nach Deci und Ryan (1993; 2000) sind als Open Access verfügbar und dienen der freien wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Die spezifische Zusammenstellung der „Basic Psychological Need Satisfaction Scale“ (Souders, 2019; Gagné, 2003) ist kein Open Source. Die ursprüngliche Vorlage wird explizit als eine der genutzten Quellen ausgewiesen, während das Instrument durch umfassende methodische Modifikation, inhaltliche Anpassungen und eine gezielte Kontextualisierung für das Coaching angepasst wurde. So wurde beispielsweise auf den Gesamtindex der Bedürfnisbefriedigung (Gagné, 2003) zugunsten einer differenzierten Betrachtung der Einzelskalen verzichtet, um spezifische Blockaden im beruflichen und privaten Kontext identifizieren zu können.
Ganz besonderer Dank für die Unterstützung bei der Abfassung dieses Textes sowie bei der Umsetzung des Fragebogens gebührt Tobias Jaeger, Lucille Schäfer und Leonie Seefellner.