Sind Psychologen die besseren Coachs?

Pro- und Kontra-Argumente

Sind Psychologen die besseren Coachs?
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PRO

Coaching ist eine genuin psychologische Tätigkeit

von Thordis Bethlehem


Die Begriffsklärung vorweg: Ich verstehe Coaching als zielgerichtete, wissenschaftlich fundierte und professionelle psychologische Diagnostik, Intervention und Evaluation bei berufsbezogenen und persönlichen Fragestellungen. Aufgabe von Coaching ist es, Klienten zu unterstützen, berufliche und persönliche Ziele zu finden und / oder zu erreichen.

In dieser auch vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) angewandten Definition von Coaching ist klar ausgedrückt, was viele Coaching-Verbände in ihren Beschreibungen von Coaching zwar andeuten, aber nicht in Worte fassen (wollen): Coaching ist vor allem genuin psychologische Tätigkeit.

Egal, wie vehement Feld- oder Wirtschaftskenntnisse gefordert werden, sie können die Psychologie niemals ersetzen. Es geht nicht nur um den Einsatz von Techniken, sondern auch um Beziehungsgestaltung, die Diagnose (nicht erst bei der Frage, ob eine Störung mit Krankheitswert vorliegt), die Überprüfung der gewählten Maßnahmen, die Berücksichtigung einer Vielzahl von Theorien und Modellen z. B. aus der Sozialpsychologie, der Entwicklungspsychologie, der Klinischen wie auch der Persönlichkeitspsychologie.

Und wer ist wohl am besten qualifiziert für die Ausübung einer psychologischen Tätigkeit?

Es kann die Psychologenschaft freuen, wenn ihre Arbeitsaufgaben, ihr Fachwissen und ihr „Handwerkszeug“ auch für andere Berufsgruppen begehrenswert sind – wie gerne möchten auch andere mehr sein als ein „Alltagspsychologe“.

Psychologen haben ihre Erkenntnisse und ihr Know-how schon immer großzügig anderen Disziplinen zur Verfügung gestellt. Das heißt jedoch nicht, dass andere Berufsgruppen originär psychologische Tätigkeiten auch genauso gut ausüben können.

Geradezu befremdlich muten Äußerungen an, wonach ein Mindestmaß an Intelligenz, Lebenserfahrung und gesunder Menschenverstand als Grundlage für eine Tätigkeit als Coach ausreichten. Diese Haltung wird weder der Bedeutung der Aufgabe noch den Anliegen unserer Coachees gerecht. Aber ein bunt zusammengewürfeltes Methodenköfferchen auch nicht. Die notwendigen Fähigkeiten, aus psychologischen Theorien für den betreffenden Fall Ableitungen vorzunehmen, weitere Erkenntnisse in die Hypothesenüberprüfung einfließen zu lassen und die Wahrheit angenommener Sachverhalte zu überprüfen, vermögen Coachingausbildungen nicht zu vermitteln.

Ich möchte eines klarstellen: Selbstverständlich gibt es berufsfremde Coaches (also solche, die als Coach ohne abgeschlossenes Psychologiestudium tätig sind), die ihre Coachees erfolgreich bei der Erreichung ihrer Ziele begleiten.

Schließlich weisen Untersuchungsergebnisse immer wieder auf die besondere Bedeutung der Arbeitsbeziehung hin. Und noch mehr Wirkfaktoren gibt es: Wer kennt sie nicht, die bisweilen wundersamen Entwicklungen zwischen der Terminvereinbarung und der ersten Coachingsitzung?

Allein eine grundständige Ausbildung (das Psychologiestudium) bietet die Voraussetzung für die Beherrschung psychologischen Fachwissens und die damit verbundene Fähigkeit zur flexiblen Entwicklung von Interventionsmethoden und zur Evaluation der eigenen Arbeit.

Das ist der Unterschied zwischen Coaches und psychologischen Coaches – und damit das Alleinstellungs- und Qualitätsmerkmal der Letztgenannten.

Die Crux der immerwährenden Diskussionen: Für Berufsfremde ist nicht einzuschätzen, was sie mit dem Fachwissen aus einem grundständigen Psychologiestudium könnten, und wie es ihre Beurteilungs- und Handlungsgrundlage nicht nur erweitern, sondern auch qualifizieren würde.

Aus Verbrauchersicht kann der Qualitätsmaßstab nicht hoch genug sein, besonders in Zeiten, in denen unter dem Dach der IHKs in fünf Tagen zum „Business Coach“ qualifiziert (und mit Qualitätsanmutung „zertifiziert“) wird.

Wer sich einem psychologischen Coach anvertraut, der kann sicher sein, dass alle Voraussetzungen für eine seriöse und qualitativ hochwertige Dienstleistung gegeben sind.

Die im BDP organisierten, mit Coaching befassten Kolleginnen und Kollegen – und das sind mehr als 4.000 – haben sich darüber hinaus zu Ethischen Richtlinien (der Berufsordnung des BDP) bekannt, womit sie auch vor einem Schieds- und Ehrengericht verantwortlich gemacht werden können.

KONTRA

Akademisches Psychologie-Wissen macht nicht den Unterschied

von Dr. Christine Kaul


Gegenfrage: Worauf zielt der Komparativ? Meint „besser“ hier „wirkungsvoller“, was die Erwartungen und Zielerreichung des Coaching-Kunden anbelangt? Oder verweist „besser“ auf die professionellere Handhabung von Coaching-Strategien und -tools? Oder ist „besser“ noch grundsätzlicher gemeint: besser als Coachs mit anderen beruflichen Herkünften und Ausbildungen?

In den vergangenen 30 Jahren wurde bereits mehrfach festgestellt: Laientherapeuten sind den ausgebildeten Psychotherapeuten in der Wirksamkeit ebenbürtig. Es gibt keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass dies ebenso für Coaching gilt.

Die Beherrschung und Exekution von formalen Regeln einer Coaching-Basistheorie kennzeichnet sicherlich nicht den besseren Coach. Oft sind es gerade die „professionellen“ Fehler, die einen Coaching-Prozess zum Erfolg führen.

Sind Psychologen ohne qualifizierte Coaching-Ausbildung grundsätzlich bessere Coachs als beispielsweise Medizinerinnen, Krankenpfleger, Theologen, Pädagogen, Soziologinnen, Schauspieler, Betriebswirte mit qualifizierter Coaching-Ausbildung? Nein!

Warum? Für die Fragestellung „Wie mache ich Karriere in einem Großunternehmen?“ suche man sich vernünftiger und zielführender Weise einen managementerfahrenen Senior als Coach oder vielleicht auch einen Soziologen mit dem Schwerpunkt Mikropolitik. Die Problemstellung „Wie kann ich bei öffentlichen Auftritten überzeugend mich selbst und mein Anliegen darstellen?“ kann einen Psychologen erfordern (bei dysfunktionaler Selbstaufmerksamkeit) oder einen Schauspieler-Coach (bei Unachtsamkeit hinsichtlich der eigenen physischen Präsenz) oder einen freundlichen, erfahrenen Kollegen für einen Survey-on-the-Job (bei mangelnder unmittelbarer Rückmeldung).

Im Falle von Business-Coaching kommt es – wie überall, wenn fundiertes Know-how von Nöten ist – auf die Fragestellung an, wer der not-wendige Spezialist und Experte für das Anliegen ist.

Akademisch-wissenschaftliches Psychologie-Wissen macht nicht den Unterschied aus zwischen einem erfolgreichen und einem mangelhaften Coach. Wenn dies – wir wissen es nur zu gut – nicht als erfolgskritische Variable zu verstehen ist, was bleibt dann dem Psychologen an Vorteilen gegenüber all denen, die in ihrem Studium den Menschen als psychosoziale Einheit zum Objekt ihrer Neugier machen können? Wenn eine Schauspielerin, ein berufserfahrener Manager, ein Betriebswirt, Philosoph oder Jurist eine fundierte beraterische Zusatz-/Coaching-Ausbildung durchlaufen, dann haben sie die Basis, von der aus sie ihr Expertentum in Coaching-Prozessen wirksam werden lassen können.

Eine solche Zusatzausbildung ist allerdings unverzichtbar; auch und unbedingt für Psychologen, die aus einem therapeutischen Kontext oder der klinischen Psychologie kommen: Damit endlich die defizitorientierten, störungsfokussierten Katastrophenbeschwörungen von psychologischen Business-Coachs ein Ende haben und sicher gestellt ist, dass nicht unzulässig dort psychologisiert wird, wo sich etwa ein struktureller Konflikt in wundersamer Weise zur „depressiven Episode“ des Klienten verwandelt.

Was unterscheidet also den besseren Coach vom Mittelmaß, wenn es nicht das Studium ist? Etwas, das nicht in Ausbildungen – und zwar weder in Coaching-Ausbildungen, noch im Psychologiestudium – erworben werden kann: Die Fähigkeit, von der eigenen Eitelkeit Abstand zu nehmen, sich selbst im Coaching-Prozess nicht wichtiger zu nehmen als den Klienten. Es unterscheiden sich Mittelmaß und hohe Qualität weiterhin in den gelebten ethischen Grundlagen, dazu gehört auch, sich selbst nicht zu über- und zu unterschätzen. Weiterhin: Integrität und Ehrlichkeit, Empathie und Wohlwollen und der Mut, Grenzen aufzuzeigen, auch dort, wo dadurch wirtschaftliche Verluste drohen.

Da in der überwiegenden Anzahl der Fragestellungen im Business-Coaching die Faktoren Persönlichkeit und berufliches Umfeld eng miteinander verwoben sind, sind neben der Fähigkeit, selbstreflexive Prozesse zu initiieren und zu unterstützen, Feldkompetenz sowie Führungs- und Unternehmenserfahrung für den Coach absolut erfolgskritisch.

Coaching erscheint als ein zu komplexes soziales Geschehen, als dass es mit einem kompetitiven „Wer kann’s besser?“ abzubilden wäre.