Beruf Coach

Haltungen als Interventionen im Coaching

Wie Coaches veränderungsförderlich agieren

6 Min.

Erschienen im Coaching-Magazin in der Ausgabe 1 | 2026 am 18.02.2026

Eine Hand zeichnet ein Strichmännchen, das zwischen Bauklötzen steht und diese am Umkippen hindert.

Im Coaching begegnen sich immer auch Menschen mit bestimmten Haltungen. Und genauso, wie auf der Verhaltensebene Interventionen gesetzt werden – z.B. über Fragen und Feedbacks –, sind Haltungen als Interventionen zu verstehen, die Coaches bewusst oder auch unbewusst ausstrahlen. Sie wirken auf ihre Gegenüber als Wirklichkeitssuggestionen (im Sinne von Wirklichkeitseinladungen). Wenn ein Coach davon ausgeht, dass ein persönlicher Veränderungsprozess langwierig und von Entbehrungen und Schmerzen gezeichnet sein wird, dann wird der Klient das vermutlich intuitiv wahrnehmen und sich unbewusst auf einen beschwerlichen Entwicklungsweg und Coaching-Prozess einstellen. Geht der Coach stattdessen davon aus, dass sein Gegenüber zwar taffe Probleme hat, aber auch eine Menge Ressourcen, die sicher helfen werden, auch kurzfristige relevante Entwicklungsschritte zu gehen, wird die Wirkung eine andere sein. In diesem Text werden einige veränderungsförderliche Haltungen beschrieben. Auch diese Haltungen sind als Vorschläge zu verstehen, die helfen sollen, mit den eigenen Haltungen bewusster und vielleicht auch transparenter umzugehen.

Wertschätzende Neugier

Gianfranco Cecchin – Systemiker der ersten Stunde – hat betont, dass wir nur hilfreich sein können, solange wir (noch) neugierig sind (Cecchin, 1987). Demnach sollten Coaches vorsichtig sein mit zu frühen den Prozess abschließenden Lösungsideen. Zu früh vom Coach formulierte Lösungsideen holen den Klienten häufig nicht da ab, wo er steht, und engen den Lösungsraum ein. Das bedeutet gleichzeitig, dass der Coach seinen eigenen Druck, Lösungen zu finden und damit seine Kompetenz und Erfahrung zu demonstrieren, bewusst in der Schwebe halten sollte, um nicht vorschnell nach Lösungen zu greifen, die zwar für seine Selbstsicherheit, aber nicht für den Klienten hilfreich sind. Nützlicher ist in der Regel, beim anderen zunächst durch Fragen kreative Denkprozesse auszulösen.

Haltung: Sich nicht daran messen, schon nach fünf Minuten eine (geniale) Lösungsidee haben zu müssen, sondern in der fragenden Haltung bleiben, um besser einschätzen zu können, welche Ideen, Konzepte etc. für das Gegenüber auch wirklich passend und weiterführend sind.

Resonanz zulassen

Um den Klienten zu unterstützen, ist es als Coach hilfreich, in Resonanz zu gehen, also mitzuschwingen, um Fragen, Hypothesen und Feedback an den inneren und äußeren Kontext des Gegenübers anzuschließen. Dazu ist es zum einen wichtig, zu spüren, was bei einem selbst im Kontakt mit dem Gegenüber und durch dessen Thema ausgelöst wird (Bernd Schmid (2015) spricht von „sozialer Diagnose“). Zum anderen ist es wichtig, die emotionale Dimension wahrzunehmen, die für das Gegenüber in der Erzählung aufscheint. Es geht darum, die emotionalen Anteile wahrzunehmen, anzuerkennen und als Informationsquelle für zentrale Bedürfnisse und die erwünschte Veränderung einzubeziehen.

Respekt vor den Selbstorganisationsprozessen des Klienten 

Im systemischen Coaching geht es nicht darum, mit dem Klienten etwas „zu machen“, die Person zu etwas zu bringen. Das Coaching bietet nur eine hoffentlich günstige Umwelt für eine mögliche Veränderung der Selbstorganisation des Klienten. Die neue Ordnung wird nicht von außen importiert, sondern von innen entfaltet. Diese Selbstorganisationsprozesse gilt es, sensibel zu unterstützen.

Keine allwissenden, perfekten Menschen

Coaches sind keine perfekten Menschen, die zu allem eine Lösung wissen, sondern Kommunikationsexperten mit einem hohen Maß an Gesprächsführungskompetenz und hilfreichen Veränderungshypothesen. Sie inszenieren sich daher nicht als allwissende Experten für jedes Thema und erteilen keine Erfolgsgarantien.

Verantwortung ist immer geteilte Verantwortung

Ein Coach sollte tunlichst vermeiden, die Verantwortung für die Lösung des Problems seines Klienten zu übernehmen und damit in die Falle des „Retters“ zu gehen. Er ist nicht verantwortlich für die Situation des Klienten und ggf. dessen Gefühle von Hilflosigkeit und Bedürftigkeit. Der Coach muss seinen Klienten nicht vor anderen schützen oder verteidigen etc. Er ist nur derjenige, der sein Gegenüber bei der Lösungssuche und im Umgang mit seiner Fragestellung unterstützt – mit vollem Engagement. In diesem Sinne gestaltet er mit seinem Gegenüber eine „Learning Conversation“ (Schmid, 2015), in der beide dazulernen bezüglich dessen, worum es in der Fragestellung des Klienten geht und was darauf bezogen „zieldienlich“ (Schmidt, 2004) sein könnte und was nicht.

Allparteilichkeit

Der Coach ergreift Partei für seinen Klienten und erreicht durch empathisches Zuhören, Fragen und Spiegeln ein möglichst tiefes Verständnis seines Erlebens. In der gleichen Weise nimmt der Coach Partei für andere Beteiligte oder Betroffene der Fragestellung. Jeder der Beteiligten verhält sich – aus seiner Sicht gesehen – sinnvoll. Lösungen, die übermäßig gegen jemanden gerichtet sind, Menschen ausschließen oder abwerten, haben selten eine positive Wirkung auf das Gesamtsystem. Und da der Klient mit dem Gesamtsystem verbunden ist, vermutlich auch nicht auf ihn.

An die Ressourcen des Klienten glauben

Um einem Menschen dabei zu helfen, sich zu verändern, ist es hilfreich, ihn nicht zu beurteilen. Stattdessen gilt es, aus seinem Geworden-Sein und aus den Anforderungen seiner Rollen heraus zu verstehen, wo sich für diesen Menschen im Moment Entwicklungsmöglichkeiten auftun bzw. welche Ressourcen schon vorhanden sind, um diese Veränderung zu ermöglichen. Übertriebene Defizitfokussierung entmutigt. Ressourcenfokussierung erzeugt Hoffnung, die notwendigen Mittel zu haben, und ermutigt damit, Neues auszuprobieren.

Absichtsarmes Engagement

Als Coach ist es wichtig, nicht der Versuchung zu erliegen, sich zu schnell auf die Veränderungsseite bezüglich des Anliegens des Klienten zu schlagen. Es gilt immer, auch die Kräfte im Blick zu behalten, die für den Status quo verantwortlich sind, und diese Kräfte, Bedürfnisse, Erfahrungen etc. entsprechend zu würdigen. Oftmals sind mit dem Problemverhalten auch wichtige Bedürfnisse oder Loyalitäten verbunden. Wenn Coaches einseitig auf die Lösungsseite gehen, können sie das Dilemma der Klienten somit zusätzlich verstärken. Hohe Ansprüche an Lösungen und Veränderungen auf Seiten des Coachs fördern entsprechend manchmal eher die Ambivalenz und verstellen den Blick auf lebbare und angemessene „Sowohl-als-auch“-Lösungen.

Ein Bettler zeigt dem anderen, wo es Essen gibt

Eine wichtige Haltung im Coaching ist die Partnerschaftlichkeit bzw. die Augenhöhe. Der Coach weiß es nicht besser als sein Klient, sondern begreift diesen als „kundig“ hinsichtlich seiner eigenen Situation. Der Coach ist ein „Realitätenkellner“ (Schmidt, 2004), der Angebote für neue Sichtweisen, Vorgehensweisen, Haltungen etc. macht. Das erfordert die Fähigkeit, sich auf Unvorhersehbares einzulassen und Unsicherheit zu begrüßen – eine gewisse „Überraschungskompetenz“: Sich gemeinsam auf den Weg machen, ohne zu wissen, was „wirklich“ das Ziel ist und wie genau der Weg aussehen könnte. Dies bei gleichzeitiger Zuversicht, dass sich, wenn beide ihre Ressourcen an Bord haben, schon etwas Hilfreiches ergeben wird. In diesem Sinne ist es auch immer hilfreich, als Coach dafür zu sorgen, dass es einem selbst gut geht im Gespräch. Sonst verliert man den Kontakt zu den eigenen Ressourcen. Wie sollte man dann als Coach noch nützlich sein?

Literatur

Cecchin, G. (1987). Hypothesizing, circularity, and neutrality revisited: an invitation to curiosity. Family Process, 4, S. 405–413.

Schmid, B. (2015). Rahmungen. BSO-Journal, 4, S. 13–16.

Schmidt, G. (2004). Liebesaffären zwischen Problem und Lösung. Hypnosystemisches Arbeiten in schwierigen Kontexten. Heidelberg: Carl-Auer.

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