Der virtuelle Beichtstuhl

Zusammenspiel von Beziehungsqualität und Selbstoffenbarung im Coaching

Der virtuelle Beichtstuhl
© Foto: Vivida Photo PC/Shutterstock.com

Gerade im virtuellen Coaching können Klienten dazu neigen, dem „Beichtstuhl-Effekt“ zu verfallen: Dem Coach wird vertraut, die virtuelle Distanz lässt bestimmte Schamgrenzen fallen (analog zum im verborgenen sitzenden Pfarrer im Beichtstuhl) und der Klient spricht sich die Last von der Seele. Problematisch wird dies, wenn der Coach mit dem Klienten nicht ausreichend interagiert, die „Beichte“ nicht einordnet und ggf. lenkt – sprich, wenn er die virtuelle Distanz wahrt und so die Coach-Klient-Beziehung einseitig bleibt.

Schon länger gibt es die Diskussion darüber, ob sich im virtuellen Coaching die gleiche persönliche Nähe herstellen lässt, wie im Präsenz-Coaching. Mit virtuellem Coaching sind hier alle medial-vermittelten Coaching-Settings gemeint, bei denen die Gesprächspartner nicht den gleichen Raum physisch miteinander teilen, also das Coaching via Video- bzw. Coaching-Plattformen oder auch Telefon-Coaching. Dabei geht es nicht nur um Nähe und Präsenz von Klient und Coach, sondern allgemein darum, inwiefern die gemeinsame Arbeit sich durch die Kanalreduzierung verändert. Können überhaupt tiefergehende Veränderungsprozesse bei Klientinnen und Klienten angestoßen werden? Möglicherweise verbleibt die virtuelle Coaching-Arbeit, bedingt durch das Setup ja generell an der Oberfläche und ermöglicht daher kaum tiefergehende emotionale Beteiligung oder längeres Nachwirken – und somit auch keine nachhaltigen Veränderungen.

Klaus Eidenschink (2021) setzt sich im Rahmen dieser Diskussion in einem Beitrag auf LinkedIn kritisch mit dem sogenannten „Beichtstuhl-Effekt“ auseinander, der beim virtuellen Coaching entstehen kann und von vielen Coaches als Vorteil gegenüber dem Präsenz-Coaching angesehen wird. Die Coaching-Klienten öffnen sich hemmungsloser, kommen schneller zum Thema. Emotionale und oftmals schambesetzte Inhalte werden schneller offenbart, wenn man nicht zusammen im selben Raum sitzt. Dies wird von vielen Verfechtern des Online-Arbeitens als klarer Vorteil gegenüber den Präsenzbegegnungen angesehen. Zeit und Geld werden gespart, weil es nicht so lange dauert, zum Thema zu kommen, und so werden dann bei den bekannten Plattformen schon mal großzügige 30 oder 45 Minuten für eine durchschnittliche Sitzung eingeplant. Eidenschink (ebd.) hält dagegen, dass es eher als „Ausdruck von Beeinträchtigungen der Bindungsfähigkeit [anzusehen ist], wenn Menschen Offenheit nicht mit Nähe und Anwesenheit anderer Menschen kombinieren können oder wollen“. Und führt weiter aus:

„Ängste vor Vereinnahmung, Beschämung, Durchschaut-werden oder die Unfähigkeit, eigene Impulse wahrzunehmen oder sie im Spiel zu halten, wenn man die (vermuteten) Wünsche bei anderen sieht, spielen dabei eine zentrale Rolle. Aus dem gleichen Grund suchen manche Menschen im virtuellen Raum erotische Begegnungen, weil sie dort sicher sein können, dass sie nicht angefasst werden oder dies selbst tun müssen. Das würde man auch nicht so leicht als günstig deklarieren, sondern als Stabilisierung in seelischen Nöten. Jeder Mensch, der sich im anonymen Beichtstuhl öffnet, bleibt dort verlässlich allein, da für nährenden Kontakt die umfassende Wahrnehmung des anderen unerlässlich ist. Öffnen ohne Begegnung ist meist schädlich, denn damit setzt sich das Drama früher und elementarer Resonanzlosigkeit fort.“

Zwei grundlegende Dimensionen der Coaching-Begegnung

Untersucht man die hier aufeinandertreffenden Positionen, lassen sich zwei grundlegende Dimensionen identifizieren, die beim Coaching und auch bei jeder anderen Begegnung zwischen zwei Menschen eine wesentliche Rolle spielen.

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