Der virtuelle Beichtstuhl

Zusammenspiel von Beziehungsqualität und Selbstoffenbarung im Coaching

Der virtuelle Beichtstuhl
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Gerade im virtuellen Coaching können Klienten dazu neigen, dem „Beichtstuhl-Effekt“ zu verfallen: Dem Coach wird vertraut, die virtuelle Distanz lässt bestimmte Schamgrenzen fallen (analog zum im verborgenen sitzenden Pfarrer im Beichtstuhl) und der Klient spricht sich die Last von der Seele. Problematisch wird dies, wenn der Coach mit dem Klienten nicht ausreichend interagiert, die „Beichte“ nicht einordnet und ggf. lenkt – sprich, wenn er die virtuelle Distanz wahrt und so die Coach-Klient-Beziehung einseitig bleibt.

Schon länger gibt es die Diskussion darüber, ob sich im virtuellen Coaching die gleiche persönliche Nähe herstellen lässt, wie im Präsenz-Coaching. Mit virtuellem Coaching sind hier alle medial-vermittelten Coaching-Settings gemeint, bei denen die Gesprächspartner nicht den gleichen Raum physisch miteinander teilen, also das Coaching via Video- bzw. Coaching-Plattformen oder auch Telefon-Coaching. Dabei geht es nicht nur um Nähe und Präsenz von Klient und Coach, sondern allgemein darum, inwiefern die gemeinsame Arbeit sich durch die Kanalreduzierung verändert. Können überhaupt tiefergehende Veränderungsprozesse bei Klientinnen und Klienten angestoßen werden? Möglicherweise verbleibt die virtuelle Coaching-Arbeit, bedingt durch das Setup ja generell an der Oberfläche und ermöglicht daher kaum tiefergehende emotionale Beteiligung oder längeres Nachwirken – und somit auch keine nachhaltigen Veränderungen.

Klaus Eidenschink (2021) setzt sich im Rahmen dieser Diskussion in einem Beitrag auf LinkedIn kritisch mit dem sogenannten „Beichtstuhl-Effekt“ auseinander, der beim virtuellen Coaching entstehen kann und von vielen Coaches als Vorteil gegenüber dem Präsenz-Coaching angesehen wird. Die Coaching-Klienten öffnen sich hemmungsloser, kommen schneller zum Thema. Emotionale und oftmals schambesetzte Inhalte werden schneller offenbart, wenn man nicht zusammen im selben Raum sitzt. Dies wird von vielen Verfechtern des Online-Arbeitens als klarer Vorteil gegenüber den Präsenzbegegnungen angesehen. Zeit und Geld werden gespart, weil es nicht so lange dauert, zum Thema zu kommen, und so werden dann bei den bekannten Plattformen schon mal großzügige 30 oder 45 Minuten für eine durchschnittliche Sitzung eingeplant. Eidenschink (ebd.) hält dagegen, dass es eher als „Ausdruck von Beeinträchtigungen der Bindungsfähigkeit [anzusehen ist], wenn Menschen Offenheit nicht mit Nähe und Anwesenheit anderer Menschen kombinieren können oder wollen“. Und führt weiter aus:

„Ängste vor Vereinnahmung, Beschämung, Durchschaut-werden oder die Unfähigkeit, eigene Impulse wahrzunehmen oder sie im Spiel zu halten, wenn man die (vermuteten) Wünsche bei anderen sieht, spielen dabei eine zentrale Rolle. Aus dem gleichen Grund suchen manche Menschen im virtuellen Raum erotische Begegnungen, weil sie dort sicher sein können, dass sie nicht angefasst werden oder dies selbst tun müssen. Das würde man auch nicht so leicht als günstig deklarieren, sondern als Stabilisierung in seelischen Nöten. Jeder Mensch, der sich im anonymen Beichtstuhl öffnet, bleibt dort verlässlich allein, da für nährenden Kontakt die umfassende Wahrnehmung des anderen unerlässlich ist. Öffnen ohne Begegnung ist meist schädlich, denn damit setzt sich das Drama früher und elementarer Resonanzlosigkeit fort.“

Zwei grundlegende Dimensionen der Coaching-Begegnung

Untersucht man die hier aufeinandertreffenden Positionen, lassen sich zwei grundlegende Dimensionen identifizieren, die beim Coaching und auch bei jeder anderen Begegnung zwischen zwei Menschen eine wesentliche Rolle spielen.

Beziehungsqualität

Da ist zunächst die Beziehung zwischen Coach und Klient, welche sich durch gewisse Parameter beschreiben lässt: Nähe – Distanz, Aktivität – Passivität sowie Dominanz – Submission könnten beschreibende Dimensionen aus dem sozialen Apriori nach Wolfgang Scholl (2013) sein. Gregory Bateson (1985) beschreibt Beziehungen als symmetrisch bzw. komplementär und meint damit Interaktionsbeziehungen, welche Beziehungsdynamiken zugrunde liegen. In der Therapie- und Coaching-Forschung sind Qualitäten wie Vertrauen, Kompetenz, Partnerschaftlichkeit, Freiwilligkeit, Veränderungsmotivation, Transparenz, Wertschätzung bzw. Empathie, Akzeptanz, und Kongruenz (nach Carl Rogers) bedeutende Faktoren, um die Tragfähigkeit von Arbeitsbeziehungen zu beschreiben. All diese Beziehungsqualitäten – wie sie im Folgenden genannt werden – sind Voraussetzung und Basis für die Wirksamkeit von Therapie und Coaching. Dies wurde und wird immer wieder durch die Forschung umfassend bestätigt: Beziehung ist nicht alles, aber alles ist ohne Beziehung nichts, könnte die knappe Zusammenfassung lauten.

Beziehungen sind dabei nicht einfach da, sondern entstehen durch Interaktionen im zeitlichen Verlauf. Gerade in Coaching und Therapie gibt es durch den Anbahnungsprozess einen bestimmten „Beziehungsvorschuss“, der darin besteht, dass Klientinnen und Klienten schon mit typischen Zuschreibungen in die erste Sitzung kommen. Es gibt ein gewisses Grundvertrauen in die Profession, Kompetenzzuschreibungen, alle wissen, dass es beim Coach „persönlich“ werden kann, dass man sich also öffnen muss etc. Die Arbeitsbeziehung beginnt also nicht bei „Null“, muss aber im weiteren zeitlichen Verlauf angereichert werden. Der Vorschuss muss eingelöst werden, die Beziehung muss sich entwickeln. Dabei spielen natürlich die Häufigkeit, die Länge, die Intensität und die konkreten Interaktionen eine Rolle. Das Spektrum ist hier groß und wir Menschen sind – gerade im virtuellen Raum – hervorragend in der Lage, Fehlendes zu kompensieren und Wahrnehmungs- und Erfahrungs­lücken durch Projektionen zu schließen. Und so kann auch in einer 30-Minuten-Online-Session, die alle 14 Tage stattfindet, ein Bild von einer Beziehung entstehen, obwohl die Beteiligten für sich in ihrem Raum verbleiben, man nur ein kleines Videobild betrachtet und dazu die oftmals nicht synchrone Stimme des anderen hört. Am anderen Ende des Spektrums ist die persönliche Begegnung zu verorten, die im gleichen Raum stattfindet und bei der alle Kanäle aktiv sind. Neben dem umfassenden und synchronen Wahrnehmen von „Bild und Ton“, kommen hier noch die körperliche Präsenz des anderen und natürlich all die Mikro-Interaktionen dazu, die in der virtuellen Welt nur eingeschränkt wahrnehmbar sind: kleine Gesten, Mimik, Atmen, Räuspern. Auch typische soziale Interaktionen zur Kontextgestaltung fehlen im virtuellen Raum und können dort auch kaum abgebildet werden: Kaffee oder Tee? Wie war die Anreise? Den Mantel können Sie dort aufhängen! Machen Sie es sich bequem!

Selbstoffenbarung

Die zweite Dimension ist der Gesprächsinhalt, oder besser gesagt der Grad an auf das Anliegen bezogener und für den Coaching-Prozess relevanter Selbstoffenbarung. Damit ist gemeint, wie bedeutsam das ist, was Klienten den Coaches zur Verfügung stellen. Ohne die Offenbarung bedeutsamer, ich-naher Inhalte gibt es in Coaching (und ebenso in der Therapie) keine Arbeitsgrundlage, kein Material, welches bearbeitet werden kann. Coach und Klient bleiben dann im Gespräch an der Oberfläche, im Alltags-Talk. Es wird das erzählt, was immer erzählt wird, und die Klienten sind im „Download-Modus“, wie Otto Scharmer es nennen würde. Wenn emotional bedeutsame Erlebnisinhalte geschildert werden, bedeutet das, sich zu öffnen, sich dem anderen anzuvertrauen, Unsicherheit, Verletzlichkeit und Schwäche zu zeigen sowie Kontrolle abzugeben. Dies kann nicht ohne emotionale Beteiligung geschehen und ist daher für viele Menschen mit Schamgefühlen verbunden.

Schon seit vielen Jahrhunderten stellt der Beichtstuhl eine Möglichkeit dar, sich einem Gegenüber zu öffnen und schambesetzte Inhalte, z.B. sünd- und frevelhaftes Verhalten, mitzuteilen. Es gibt keinen Blickkontakt, der andere kann nur schemenhaft wahrgenommen werden. Die Zeit ist begrenzt und durch den Kontext wird erwartet, dass der Gläubige sich öffnet, damit ihm von Gott vergeben wird.

Was bei diesem Setting fehlt, ist die intersubjektive Beziehung. Sie existiert zwar in Bruchstücken (Pastor und Kirchgänger kennen sich natürlich), aber sie ist vor allem durch den Kontext definiert, und es fehlt die Resonanz in der Begegnung. Während die eine Person sich öffnet – sicher oftmals auch nur taktisch, um der Pflicht Genüge zu tun – zeigt sich die andere Person kaum. Die Interaktion ist nur spärlich gegeben und die Resonanz, das Mitschwingen und Mitteilen des eigenen Erlebens, wie Hartmut Rosa (2016) es beschreibt, bleiben aus. Das Ausklammern des Schamgefühls ermöglicht einerseits, dass sich der andere öffnet und führt jedoch andererseits dazu, dass die offenbarten Inhalte in einer folgenlosen Begegnung verbleiben. Die Resonanz der wahren Begegnung fehlt: die Spiegelung am anderen, das Gesehen-Werden auf der einen Seite und das Sich-Zeigen und Sich-Trauen auf der anderen. Doch gerade dieses Wechselspiel aus Mitteilen und Erleben am anderen führt zu den intensivsten und nachhaltigsten Veränderungen. Etwas auszusprechen, was bisher nur ein Gedanke war, einem Gefühl nachzugehen, das bis dato nur diffus im Hintergrund wirkte, Ärger, Zorn, Schmerz, Trauer, Euphorie, Lust, Zufriedenheit oder Neugier mit einem anderen zu teilen, führt zu erfüllenden Erfahrungen, die uns stärken und Neues ermöglichen.

Intersubjektivität

Beim Beichtstuhl gibt es im Vergleich zu anderen Gesprächssituationen ein besonderes Verhältnis zwischen Beziehungsqualität und Selbstoffenbarung. Wie erläutert, zeigt sich der eine, der andere nicht – es findet keine wahre Begegnung statt. Die Interaktionszeit ist extrem kurz und die Interaktionen sind auf wenige typische Handlungen beschränkt. Die Beziehungsqualität lässt sich dabei hinsichtlich des Grades an Intersubjektivität unterscheiden. Hiermit ist der Anteil an individuellem Erleben, Verhalten und körperlicher Präsenz gemeint, welchen die Gesprächspartner über die durch den Kontext voreingestellten Rollenerwartungen hinaus im zeitlichen Verlauf des Coachings in die Beziehung einbringen. Dieser intersubjektive Anteil ist in der Präsenzbegegnung zwangsläufig größer und entsteht schneller als es in einer virtuellen Begegnung der Fall sein kann. Hier muss der intersubjektive Anteil aktiv erarbeitet werden und kann – bedingt durch die räumlich-körperliche Trennung – ein gewisses Maß niemals überschreiten. Das in der Abbildung (S. XX) dargestellte Schema soll diese Gedanken noch einmal verdeutlichen. Die drei Positionen im Koordinatensystem beschreiben das Zusammenspiel der zugrundeliegenden Dimensionen.

Zusammenspiel von Beziehungsqualität und Selbstoffenbarung

Abb.: Zusammenspiel von Beziehungsqualität und Selbstoffenbarung

Beim Coaching –  wie auch in der Therapie oder jedem anderen tiefgehenden guten Gespräch – befinden sich der Grad an Selbstoffenbarung und die Beziehung zwischen den Protagonisten in einem stimmigen Verhältnis. Es gibt eine korrespondierende Entwicklung im wörtlichen Sinne: ein Aufeinander-Antworten bzw. Aufeinander-Reagieren. Die Beziehung entwickelt sich, Vertrauen und Tragfähigkeit entstehen, der Klient öffnet sich mehr und mehr und der Coach kann sein Erleben als Feedback und Resonanz zur Verfügung stellen und tiefergehende Fragen stellen.

In der Beichtstuhl-Situation liegt ein hoher Grad an Selbstoffenbarung beim Klienten vor, obwohl die Beziehung zwischen Coach und Klient sich kaum entwickelt hat. Sie ist allein durch die kontextbedingten Erwartungsstrukturen und die damit verbunden Rollen gekennzeichnet. Eine intersubjektive Begegnung hat kaum stattgefunden.

Der Small Talk hingegen ist geprägt durch oberflächliche Alltagsgespräche ohne große emotionale Beteiligung. In einer Coaching-Situation müsste man sich fragen, warum der Klient keine relevanten Themen anspricht. Fehlt vielleicht Vertrauen? Stimmt etwas am Kontext nicht? Wurde der Klient vielleicht zum Coaching geschickt? Gibt es kein Anliegen oder keine Veränderungsmotivation?

Diskussion

Welche Schlüsse können aus den vorangegangenen Überlegungen nun speziell für das virtuelle Coaching gezogen werden? Grundsätzlich stellt sich die Frage nach der Stimmigkeit zwischen Selbstoffenbarung und Coaching-Beziehung. Findet ein Sich-Öffnen ohne tiefergehende Begegnung mit einem relevanten Gegenüber statt, bleibt es folgenlos bzw. kann Problemlagen stabilisieren. Wir alle kennen Menschen, die sich – manchmal auch in Gruppen – allzu schnell offenbaren, oftmals Ratlosigkeit erzeugen, aber meist nicht an einer wirklichen Bearbeitung ihres Themas interessiert sind. Manche setzen die Selbstoffenbarung taktisch ein, um Situationen zu dominieren oder Bewunderung zu bekommen, andere im vorauseilenden Gehorsam.

Der Beichtstuhl-Effekt im virtuellen Coaching ist also mit Vorsicht zu genießen. Er eröffnet einerseits die Möglichkeit, schneller zum Punkt zu kommen, tiefer einzusteigen, direkter zu fragen und damit vielleicht auch effektiver zu arbeiten, andererseits müssen sich Coaches bei jeder Selbstöffnung ihrer Klienten fragen, inwieweit diese stimmig zum Entwicklungsstand der Arbeitsbeziehung ist. Um Stimmigkeit herzustellen, kann die fehlende Resonanz im virtuellen Raum vom Coach aktiv eingebracht werden. Intensives Nachfragen, Spiegeln, Paraphrasieren, Ich-Botschaften und Meta-Kommunikation, aktives Zuhören und stimmige nonverbale Botschaften: Der intensive Einsatz der ganzen Klaviatur der klientenzentrierten Gesprächsführung kann zu einem gewissen Teil die fehlende körperliche Präsenz kompensieren. Doch schon in der Anbahnungsphase des Coachings und in der Auftragsklärung beim Erstgespräch sollte viel Interaktionszeit zum Beziehungsaufbau genutzt werden. Dabei sollte sich das Sachlich-Fachliche dem Intersubjektiven unterordnen. Aktuelle Erlebnisse, Freizeit, Familie und Sport, aber auch gesellschaftlich relevante oder politische Themen bieten gute Möglichkeiten, hinter der professionellen Fassade hervorzutreten und die jeweils andere Person, die man auf dem Bildschirm betrachtet, menschlicher zu machen. Außerdem gilt es zu unterscheiden, ob das „verfrüht“ eingebrachte Thema im Sinne des Beichtstuhl-Effektes zwecks kurzfristiger Entlastung „einfach mal raus musste“ oder ob damit ein echter Auftrag an den Coach gerichtet ist, dieses Thema auch zu bearbeiten. Es gilt, dies vorsichtig zu erfragen und auch den richtigen Zeitpunkt für die Bearbeitung zu wählen. Manches darf auch schnell ausgesprochen und „geparkt“ werden, bevor die Beziehung ausreichend „nachgereift“ ist, um sich wirklich einer vertieften Bearbeitung widmen zu können. Diese erfolgt dann zu einem Zeitpunkt, der sowohl vom Klienten als auch vom Coach als stimmig erlebt wird, und in einem Format, das zum Thema passt – vielleicht ja auch als Begegnung in Präsenz.

Literatur

  • Bateson, G. (1985). Die Ökologie des Geistes:Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Eidenschink, K. (2021). LinkedIn-Post zum Beichtstuhl-Effekt im virtuellen Coaching. Abgerufen am 14.09.2021: www.linkedin.com/posts/klaus-eidenschink-4180a292_virtuellescoaching-coaching-activity-6815593353917300736-tLTr
  • Rosa, H. (2016). Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.
  • Scholl, W. (2013). The socio-emotional basis of human interaction and communication. How we construct our social world. Social Science Information, 52(1), S. 3–33.