Studiengänge im Coaching-Bereich. Teil 2

Zertifikatsstudiengänge

Studiengänge im Coaching-Bereich. Teil 2
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Welche Coaching-Zertifikatsstudiengänge gibt es in Deutschland? Das erfahren Sie in unserer Übersicht.

Nach Ergebnissen der 3. Marburger Coaching-Studie 2013 haben 72,2 Prozent der in Deutschland tätigen Coaches eine Coaching-Zusatzqualifizierung durchlaufen, mit der sie zumeist auf einen Hochschulabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung aufbauen. Eine Coaching-Qualifizierung kann in unterschiedlichen Rahmen absolviert werden. Auch Coaching kann mittlerweile an einigen deutschen Hochschulen studiert werden. Neben regulären Coaching-Studiengängen, die mit dem Master-Grad abschließen, stellen sogenannte Zertifikatsstudiengänge eine Alternative für den Erwerb von Coaching-Know-how im Hochschulrahmen dar.

Spezifische Aus- und Weiterbildung auf akademischem Niveau

Als Zertifikatsstudiengänge (gelegentlich auch Kontaktstudiengänge genannt) werden curricular gefasste Aus- und Weiterbildungen auf akademischem Niveau bezeichnet, die von Hochschulen angeboten werden. Oftmals (aber nicht grundsätzlich) setzen sie sich aus einzelnen Modulen regulärer Studiengänge zusammen. Sie führen allerdings nicht zu einem akademischen Grad, sondern zum Erhalt eines Hochschulzertifikats. Formal unterstrichen wird das akademische Niveau häufig auch dadurch, dass der Leistungsumfang, der sogenannte Workload, – wie bei Bachelor- und Master-Studiengängen – nach dem Europäischen System zur Übertragung und Akkumulierung von Studienleistungen (European Credit Transfer and Accumulation System, kurz ECTS) ausgewiesen wird, das dem Vergleich und der Übertragbarkeit von Studienleistungen innerhalb des Europäischen Hochschulraumes (EHR) dient. Berücksichtigt wird hierbei der Gesamtaufwand, nicht ausschließlich die Präsenzzeit. Mitunter lassen sich die erworbenen ECTS-Leistungspunkte (Credits) aufgrund des Übertragbarkeitsprinzips auf reguläre Studiengänge anrechnen. Zudem dürfte interessant sein, dass die Credits den Umfang der erbrachten Leistungen, auch ohne Erwerb eines Hochschulabschlusses, nach akademischen Standards quantifizierbar machen – z.B. für Arbeitgeber und Vorgesetzte.

Laut gängiger Definition handelt es sich um Weiterbildungen, die im Vergleich zu regulären Studiengängen thematisch und im Umfang verknappt angelegt und auf spezifische Inhalte fokussiert sind. Dies soll (z.B. Funktionsträgern in Unternehmen) einen gezielten und in der Regel berufsbegleitenden Erwerb einer Zusatzqualifizierung ermöglichen. Aber nicht immer fällt der Umfang auch tatsächlich vergleichsweise gering aus. Vielmehr sind diesbezüglich größere Unterschiede festzustellen. So bewegen sich die hier aufgelisteten Coaching-Zertifikatsprogramme, deren Workload nach ECTS ausgewiesen wird, zwischen 5 und 138 Leistungspunkten. Zum Vergleich: Ein reguläres Hochschulsemester entspricht 30 Punkten. Ein zweijähriges Masterstudium umfasst somit 120 Credits. Bachelorstudiengänge bewegen sich zwischen 180 und 240 Punkten.

Starker Fokus auf Coaching

Die in Deutschland angebotenen Coaching-Masterstudiengänge sind fast durchweg interdisziplinär ausgerichtet. Sie vereinen Coaching mit angrenzenden Beratungsformaten in Mischstudiengängen. Coaching und Supervision, Coaching und Organisationsberatung oder Coaching und Change-Management sind einige der angebotenen Kombinationen. Bei den Zertifikatsstudiengängen zeigt sich ein anderes Bild. Zwar sind auch hier durchaus formatübergreifende Ausrichtungen und insbesondere die Kombination von Coaching und Supervision zu finden, jedoch fällt das gezielt auf Coaching ausgerichtete Angebot, das der spezifischen Weiterbildung im Bereich dieses einen Beratungsformates dient, größer aus.

Mehr noch: Anstatt auf eine möglichst breite Abdeckung des Themenbereichs zu setzen, sehen einige Lehrgänge Spezialisierungen auf einzelne Coaching-Strömungen vor oder setzen kontextbezogene Schwerpunkte. Work-Life-Balance, Konflikt-, ADHS-, Innovations-Coaching oder Coaching im Kontext sozialer Arbeit sind nur einige Beispiele. Denkbar ist, dass diese Angebote gerade auch für Coaches interessant sind, die bereits eine grundlegende Coaching-Ausbildung absolviert haben und sich darauf aufbauend in bestimmte Richtungen weiterentwickeln wollen.

Personen, die hingegen an einer grundlegenden Coaching-Ausbildung interessiert sind, sollten ins Auge gefasste Angebote immer auch hinsichtlich ihres Umfangs prüfen und mit den Ausbildungskriterien relevanter Coaching-Verbände abgleichen. Der Roundtable der Coachingverbände (RTC), eine Interessengemeinschaft in Deutschland aktiver Coaching-Verbände, empfiehlt in einem 2015 vorgelegten Positionspapier, „dass der zeitliche Umfang für eine Basisqualifizierung 150 Präsenzstunden zu je 60 Minuten in Anwesenheit von qualifiziertem Lehrpersonal nicht unterschreitet.“ Lernformen, die dem Transfer von Theorie und Praxis dienen, sowie ebenso notwendige Zeiten des Selbststudiums oder des Lernens in kollegialen Systemen seien hierbei nicht einzurechnen. Die Stiftung Warentest, die gar einen Umfang von 250 Präsenzstunden für notwendig erachtet, empfiehlt in einem 2013 veröffentlichten Kriterienkatalog für Coaching-Einstiegsqualifizierungen, dass ein Kurs über mindestens zwölf Monate angelegt sein sollte, um den Teilnehmern das Selbststudium zwischen den Präsenztagen zu ermöglichen. Nicht alle Zertifikatsprogramme erfüllen diese Kriterien. Weshalb ist all dies wichtig? „Coaches benötigen mehr als ein paar schnell erlernte Coaching-Tools. Wenn sie nachhaltig erfolgreich sein wollen, brauchen sie auch ein hohes Maß an personalen Kompetenzen und Erfahrung im Umgang mit Beziehungsprozessen“, stellte Dr. Björn Enno Hermans, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF), die Vielseitigkeit der Anforderungen an einen Coach anlässlich der jüngsten Verschärfungen der DGSF-Weiterbildungsrichtlinien heraus. Gesetzliche Rahmenbestimmungen gibt es allerdings nicht.

Überwiegend postgradualer Charakter

Die Zugangsvoraussetzungen zu den Zertifikatsstudiengängen sind im Gesamtbild hoch und stimmen mit denen der Coaching-Masterstudiengänge weitgehend überein. So werden zumeist ein abgeschlossenes Hochschulstudium und mehrjährige (adäquate) Berufserfahrung, über die Coaches in Deutschland nach Ergebnissen der 14. Coaching-Umfrage 2015/2016 in aller Regel verfügen, vorausgesetzt. Ausnahmen bestätigen jedoch auch hier die Regel: Einige Studiengänge ermöglichen auch berufserfahreneren Kandidaten ohne Hochschulabschluss den Zugang. Zudem erwarten nicht wenige Anbieter von ihren Bewerbern bereits durchlaufene Weiterbildungen in themenrelevanten Bereichen oder eine Mindestanzahl zuvor absolvierter Supervisionssitzungen. Nur in Einzelfällen sind die Voraussetzungen eher als niederschwellig zu beschreiben.

Anbieterspektrum und Hochschulnähe

Das Gesamtangebot an Coaching-Zertifikatsprogrammen fällt deutlich größer aus als das an Master-Studiengängen. Dies mag auch daran liegen, dass das Anbieterspektrum breiter aufgestellt ist. Bei den hier aufgelisteten Studiengängen handelt es sich überwiegend um Angebote hochschuleigener Einrichtungen. Häufig treten zudem sogenannte An-Institute, die Hochschulen als rechtlich und organisatorisch eigenständige Einrichtungen angegliedert oder aus der zentralen Hochschulstruktur ausgegliedert wurden, als Ausbilder auf. Darüber hinaus kooperieren einige Hochschulen mit externen, gänzlich eigenständigen Ausbildungsinstituten. In diesen Fällen sollten Interessenten sich vergewissern, dass tatsächlich ein Zertifikat der Hochschule verliehen wird.

Für Personen, die an einer möglichst coaching-spezifischen Qualifizierung nach Hochschulstandards interessiert sind, für die der Erwerb eines akademischen Grades jedoch sekundär ist, dürften die Zertifikatsprogramme eine interessante Alternative zu regulären Studiengängen darstellen.

Literatur