Coachings zwischen Profession und Konfession

Mehr Schein als Sein

Coachings zwischen Profession und Konfession
© Foto: Ollyy/Shutterstock.com

In zahlreichen Coaching-Angeboten wie Astro-Coaching oder Schamanen-Coaching spielen wissenschaftlich fundierte Grundlagen keine Rolle – vielmehr ist es eine Sache des Glaubens oder der Überzeugung des Klienten, dass das Coaching „wirkt“. Allerdings wird dies von den meisten Anbietern solcher Dienste nicht derart dargestellt. Auch das Spirituelle Coaching ist eher als Glaubenssache denn Wissenschaft zu betrachten.

Keine Methode der Personalentwicklung hat in den letzten 20 Jahren einen so starken Boom erlebt wie das Coaching. Wer sich als Außenstehender, vielleicht als potentieller Kunde, einen Überblick verschaffen möchte, hat es nicht leicht. Tausende von tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Experten bieten ihre Dienste an und wahrscheinlich werden es täglich mehr.

Mehr Schein als Sein

Für all diejenigen, die im Coaching das große Geschäft wittern, stehen gleich mehrere hundert Ausbilder zur Verfügung, bei denen man im Zweifelsfalle auch schon mal an einem Wochenende zum Experten für alles und nichts mutieren kann. Wem selbst das noch zu aufwendig ist, der klebt kurzerhand ein Schild mit der Berufsbezeichnung „Coach“ an seine Tür – das war’s.

Inhaltlich sind der Phantasie offenkundig keine Grenzen gesetzt. Vom Astro-Coaching über Hypno-Coaching, Kinesiologie-Coaching bis hin zum Schamanen-Coaching ist für jeden Geschmack etwas dabei. Wenn nicht, denkt man sich halt selbst noch schnell etwas Neues aus, gestaltet eine schöne Internetseite und müllt die potentiellen Kunden mit allerlei Scheinargumenten zu: „zufriedene Kunden“, „jahrelange, gute Erfahrungen“, „hochkarätige Klienten“ etc. Dass man auch mit völlig wirkungslosen Methoden derartige „Effekte“ erzielen kann, verdeutlichen in einem ganz anderen Segment der Personalarbeit die Graphologie sowie die Astrologie. Viele hundert Studien machen beide Disziplinen zu den am besten widerlegten Pseudowissenschaften unserer Tage und dennoch wird es nicht schwer sein, zufriedene und hochkarätige Kunden zu finden, die sich seit Jahren der Astrologie oder Graphologie bedienen.

Nutzenfaktor subjektives Erleben

Der tatsächliche Nutzen und das subjektive Erleben der Betroffenen sind zwei Paar Schuhe. Aus der Forschung zur Evaluation von Trainingsmaßnahmen weiß man beispielsweise, dass die subjektive Zufriedenheit der Teilnehmer weder mit den tatsächlichen Lerneffekten noch mit dem späteren Verhalten im Arbeitsalltag zusammenhängt. Ein Grund hierfür ist das sehr gut erforschte Phänomen der Vermeidung kognitiver Dissonanz: Menschen sind daran interessiert, dass ihre Einstellungen und ihr Verhalten in Einklang zueinander stehen. Wer Geld und Zeit in eine letztlich wirkungslose Maßnahme investiert würde einen unangenehmen Widerspruch erleben. Um diesem Zustand auszuweichen, nimmt man die Realität verzerrt wahr.

Fast jeder kennt dieses Phänomen aus dem Alltag, wenn man sich im Nachhinein eine Fehlinvestition (z.B. Kauf eines zu teuren Rechners) schön redet. Man sucht dabei systematisch solche Argumente und Scheinbelege, die für die Investition sprechen und geht gegenteiligen Belegen aus dem Weg. Grundsätzlich sind Menschen, die freiwillig etwas in eine PE-Maßnahme investieren, daher gern bereit, den Nutzen zu überschätzen. Ähnlich verhält es sich mit Personen die sehr stark an etwas glauben (z.B. an eine esoterische PE-Methode). Für Anbieter unseriöser Methoden sind dies die besten Kunden, da man sie fast gar nicht enttäuschen kann.

Spirituelles Coaching: Glaube statt Wissenschaft

Kaum ein Ansatz verdeutlicht das Problem des Coachings so gut wie das Spirituelle Coaching. Gleichsam wie ein Rückfall in voraufklärerische Zeiten vertrauen die Kunden blind einer Autorität, die von sich behauptet, die ewigen Wahrheiten in den Schriften des Christentums gefunden zu haben. Der Schwerpunkt des Ansatzes, zu dem bislang schon zahlreiche Bestseller geschrieben wurden, liegt beim Thema Führung. Man muss kein Ketzer sein, um sich zu wundern, warum denn nun gerade Vertreter der katholischen Kirche als Experten für das Thema Führung auftreten. Wird in ihren Reihen etwa ein Führungsverhalten gelebt, das uns am Beginn der 21. Jahrhunderts allen Ernstes als Vorbild dienen kann?

Grundlagen des Spirituellen Coachings

Der wahrscheinlich prominenteste Vertreter des Spirituellen Coachings ist der Benediktinerpater Anselm Grün. Von ihm erfahren wir u.a., dass der wichtigste Erfolgsfaktor die Führungspersönlichkeit sei. Jeder Student der Wirtschaftspsychologie lernt heute im zweiten Semester, dass dies nicht so ist. Die zahlreichen Studien zur Bedeutung der Führungspersönlichkeit kommen insgesamt zu einem ernüchternden Fazit. Metaanalysen zeigen beispielsweise, dass grundlegende Persönlichkeitsmerkmale 0,2 bis gerade einmal 11 % des Führungserfolgs erklären. Eine bestimmte Führungspersönlichkeit, die in jedweder Branche Erfolg verspricht, scheint es nicht zu geben. Man stelle sich nur einmal Steve Jobs als Führungskraft in einer Bundesbehörde vor. Das muss ganz einfach schief gehen.

Des Weiteren wird die These vertreten, Führungskräfte müssten erfahren sein – wahrscheinlich ein Grund dafür, dass hohe Kirchenämter bevorzugt mit Greisen besetzt sind. Eine jüngst publizierte Studie mit mehr als 500 erfahrenen und 300 potentiellen Führungskräften hat gezeigt, dass weder die Erfahrung, noch das Alter und auch nicht die Anzahl der geführten Mitarbeiter Einfluss auf die Qualität des Führungsverhaltens haben. Erfahrung bietet lediglich die Chance, etwas zu lernen, nicht aber die Gewähr. Fast jeder von uns kennt Führungskräfte, die heute ebenso schlecht führen, wie vor 20 Jahren.

Eine wichtige Grundlage des Spirituellen Coachings sind Werte, wobei man glaubt, dass die christlichen Schriften einen endlichen Katalog universell gültiger Items festgeschrieben haben: Achtsamkeit, Beharrlichkeit, Echtheit, Gerechtigkeit, Gottvertrauen, Klugheit, Lebensfreude, Liebe, Maßhalten, Mut, Selbstvertrauen und Zuversicht. Warum nun gerade diese Werte und nicht andere, die sich sicherlich auch in religiösen Schriften finden lassen (Nächstenliebe, Fürsorge etc.) besonders wichtig sein sollen, bleibt ein Geheimnis. Klassische kirchliche Werte wie Dogmatismus und Gehorsamkeit, die seit Jahrhunderten gelebt werden, finden sich hier überhaupt nicht wieder. Vielleicht ein Zugeständnis an den Zeitgeist?

Schon die Auswahl der Werte wirkt eher beliebig. Zudem fehlt jeglicher Beleg für ihre besondere Nützlichkeit im Führungskontext. Auf den ersten Blick mag manches zwar plausibel erscheinen, aber müsste man nicht z.B. differenzieren, in welchem Kontext eine bestimmte Ausprägung eines Wertes nützt und wann sie schadet? Was ist mit den Führungskräften, die kein Gottvertrauen haben, weil sie nicht an die Existenz eines Gottes glauben? Sind sie zu ewigem Misserfolg verdammt?

In den konkreten Methoden geht es um das Lesen ausgewählter Texte, das Meditieren und auch um das Beten. Insofern ist das Spirituelle Coaching vielleicht eine der ehrlichsten Pseudomethoden: Man macht erst gar keinen Hehl daraus, dass es letztlich nur darauf ankommt, an etwas zu glauben. Seine Autorität zieht das Spirituelle Coaching allein aus der historischen Bedeutung des christlichen Glaubens für unseren Kulturkreis. Mehr hat man leider nicht zu bieten. Wären wir in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen, würde uns das Schamanen-Coaching ebenso glaubwürdig erscheinen.

Profession als Ausweg

Was ist zu tun? Den Entwicklungsstand des Coachings könnte man vergleichen mit dem der Psychotherapieschulen in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals haben dutzende von selbsternannten Menschenkennern ihre eigene Therapieschule ins Leben gerufen und mehr oder minder erfolgreich vermarktet. Es waren vor allem zwei Entwicklungen, die dem Wildwuchs unseriöser Verfahren ein Ende bereiteten und die auch für das Coaching von Bedeutung sein könnten, will man in Zukunft offensiver die Spreu vom Weizen trennen.

Zum einen muss die Forschung intensiviert werden. Auch die meisten Methoden des seriösen Coachings sind nur unbefriedigend erforscht. In dem Maße, in dem man belastbare Belege für die Nützlichkeit der eigenen Methoden vorweisen kann, wird an die Stelle des Glaubens die Erkenntnis treten. Man hätte dann auch überzeugendere Argumente als die Gegenseite. Dies bedeutet natürlich auch, dass man sich von Methoden, die einer empirischen Überprüfung nicht standhalten – man denke hier z.B. an die Repräsentationstypen und die Blickrichtungsdiagnostik des NLP – trennen muss. Zum anderen wären gesetzliche Regelungen hilfreich, die die Berufsbezeichnung schützen und den Zugang zum Berufsfeld beispielsweise über ein wissenschaftliches Studium mit Zusatzausbildung reglementieren.

Literatur

  • Kanning, Uwe Peter (2013). Wenn Manager auf Bäume klettern: Mythen der Personalentwicklung und Weiterbildung. Lengerich: Pabst.
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