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Vor-Ort-Bericht: ICF-SummerUniversity zum Thema Neuro-Coaching

23.09.2013

Vom 23.–24.08.2013 fand in Kooperation mit der Goethe Business School (GBS) die erste SummerUniversity der International Coach Federation (ICF) Deutschland statt. Zur Beantwortung der Frage „Mit Neuro-Coaching und Neuro-Leadership zu mehr Effizienz und besseren Ergebnissen?“ hatten die Kooperationspartner ins Wiesbadener Dorint Hotel eingeladen.

Nach einführenden Worten des 1. Vorsitzenden der ICF Deutschland Bernhard Zimmermann und des Vertreters der GBS Dr. Fabian Urban erwartete die Gäste ein facettenreiches Programm. Die Organisatoren hatten insgesamt neun renommierte Referenten unterschiedlichster Fachrichtungen eingeladen an beiden Vormittagen in 30-minütigen Vorträgen wissenschaftlich fundierte Impulse zu geben, welche jeweils am Nachmittag in Workshops vertieft wurden.

Der promovierte Chemiker Dr. Sven Sebastian stellte im ersten Vortrag sein Konzept des Integrativen Neuro-Coachings vor, welches er zur Behandlung von Stressbelastung, Leistungsdruck und Burn-out einsetzt. Dabei stehen die jeweiligen Grundbedürfnisse des Klienten im Fokus. Eine Befürchtung der Nicht-Erfüllung dieser Bedürfnisse führt laut Sebastian zu Vermeidungsreaktionen, die uns wieder und wieder an der Umsetzung unserer Pläne hindern. Auch für Führungskräfte sieht Sebastian Grundkenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns als unerlässlich an: „Wer Menschen führen will, muss etwas über das Gehirn wissen“.

Prof. Dr. Theo Peters von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg erläuterte in den nächsten 30 Minuten sein Menschenbild vom „Braindirected man“ und die Schlüsse, welche daraus für die Führungspraxis gezogen werden sollten. In einem Umfeld von Informationsflut, Arbeitsverdichtung und unberechenbarer Dynamik scheint psychische Gesundheit schwer aufrechtzuerhalten. Peters empfiehlt Führungskräften die Orientierung an den von Grawe propagierten vier Grundbedürfnissen: Bindung, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung und Schutz sowie Unlustvermeidung und Lustgewinn. Ein guter „Neuroleader“ sollte daher „PERFEKT“ sein – d.h. entsprechend der Anfangsbuchstaben auf Potentialentfaltung, Ermutigung für neue Wege, Rückmeldungen, Freiheit, Emotionales Führen, Kommunikation auf Augenhöhe und Transparenz des Handelns achten.

Nach einer stärkenden Kaffeepause begrüßten zwei bunte Plakate die Teilnehmer, ein leises Zimbel-Klingeln eröffnete den nächsten Vortrag. Franz Hütter und Ralf Besser inszenierten ein anregendes Wechselspiel aus Fragen und Antworten zum Vortragsthema „Was kann die Personalentwicklung von den Neurowissenschaften lernen?“. Ihre Erkenntnisse zu neuronalen Verarbeitungsmustern setzten sie in ihrer Vortragsart um – so präsentierten sie z.B. nur Folien mit einzelnen Schlagwörtern, deren Leerstellen Platz für die Denkanstrengung der Zuhörer ließ. Fünf der insgesamt 18 von ihnen identifizierten Verarbeitungsmuster des menschlichen Gehirns stellten sie im Vortrag vor. Dazu gaben sie jeweils einen kurzen Abriss der in Unternehmen gelebten Wirklichkeit, um dann „quer- und hirnhinterfragt“ zu betrachten, wie eine neuronal passendere Umsetzung aussehen könnte.

Vor der Mittagspause stellte Prof. Dr. Christian Elger, vielfach preisgekrönter Neurologe und Mitgründer der Life & Brain GmbH, zahlreiche Ergebnisse aktueller Studien der Hirnforschung vor. Die oftmals überraschenden Erkenntnisse aus dem Labor sind von höchster Relevanz für die Führungspraxis: So ist z.B. für die nächste Gehaltsrunde unbedingt zu beachten, dass unser Gehirn einen starken Drang nach Fairness, weniger nach Gleichheit hat. Auch bezüglich der Lern- und Gedächtnisfähigkeit älterer Mitarbeiter wurde mit gängigen Vorurteilen aufgeräumt. So konnte festgestellt werden, dass die Gedächtnisleistung bis ins hohe Alter hinein gleich bleiben kann, auch wenn älteren Gehirnen Lernen durchaus schwieriger fällt.

In der zweiten Hälfte des Tages boten die Referenten 1,5-stündige vertiefende Workshops zu den jeweiligen Vortragsthemen an. Dabei wurde jeder Workshop zweimal hintereinander durchgeführt, so dass die Teilnehmer zwei der vier angebotenen Vertiefungen wahrnehmen konnten.

Der Abend bot den Gästen mit einem Grillevent auf der Hotelterrasse reichlich Gelegenheit die Erkenntnisse des Tages gemeinsam zu reflektieren.

Nach einer kurzen Reflexionsrunde startete der zweite Tag mit der Frage des bekannten Schweizer Kurzzeit-Coaches Dr. Peter Szabó: „Was ist Ihre beste Hoffnung für diese SummerUniversity? Was wollen Sie mitnehmen und was hat sich für Sie dann verändert?“ Trotz der frühen Morgenstunde wurde in Zweierteams angeregt dazu diskutiert. Sein Vortrag „Vom wünschbaren Einfluss der Coaching-Praxis auf die Neurowissenschaften“ kam ohne Folien, dafür mit zwei sehr eindrücklichen Geschichten daher: Die Erfolgsgeschichte eines Coachings in der sengenden Hitze Ugandas und die Geschichte eines Misserfolgs trotz bester Coaching-Intervention. „Was passiert hier?“, fragte Szabó die anwesenden Neurowissenschaftler. Warum haben wir an manchen Stellen erstaunliche Fortschritte mit nur einer einzigen Frage und manchmal passiert trotz bester Vorbereitung gar nichts? Seine Fragen blieben im Raum stehen – eine Anregung an die Forschung sich diesen zu stellen.

Als erste vortragende Frau stellte Neurowissenschaftlerin Dr. Karolien Notebeart anschließend die neuronalen Grundlagen von Selbstkontroll-Mechanismen vor. Auf anregend-amüsante Art legte sie dar, wie der impuls-getriebene Teil unseres Hirns vom präfrontalen Cortex kontrolliert werden kann. Und wie diese Kontrolle aufgrund einer (sehr häufigen) Überlastung des Frontalhirns scheitert. Die frohe Botschaft ihres Vortrags war, dass Selbstkontrolle wie ein Muskel trainiert werden kann.

Unternehmensberaterin Friederike Wiedemann erklärte nach der Pause anschaulich die grundlegenden Motivationsmechanismen unseres Gehirns. Dabei widerlegte sie kurzerhand die noch immer vielfach verwendete Maslowsche Bedürfnispyramide. Als erfahrene Führungskräfte-Trainerin rät sie Managern sich demgenüber an das SCARF-Modell von David Rock zu halten: Status, Certainty, Autonomy, Relatedness und Fairness als Maßstäbe für gelungene Mitarbeitermotivation.

Den Abschluss der Impulsvortragsreihe machte die Psychologin Dr. Zrinka Sosic-Vasic vom TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm. Sie erklärte lernrelevante Hirnprozesse. Wie Spuren im Schnee könnten sich die Zuhörer neuronale Bahnen im Gehirn vorstellen und anhand kurzer Tests selbst erleben, wie stark unser Gehirn auf Musterlernen anspricht. Auch Sosic-Vasic hatte eine prägnante Motivationsformel dabei: M = E³ Eigenständigkeit, Einbindung und Erfolgserlebnisse sorgen für Dopamin-Ausschüttung und führen damit zu rauschähnlichen Zuständen in unserem „Oberstübchen“.

Auch am zweiten Tag boten die Referenten in zwei Blöcken Workshops zur Vertiefung an.

Die ca. 90 Teilnehmer waren zum überwiegenden Teil selbst Coaches. Während die bisherigen Ein-Tages-Veranstaltungen der ICF vornehmlich von neuen Mitgliedern genutzt wurden, hatten zur SummerUniversity auch mindestens ebenso viele langjährige ICFler gefunden. Die Pausen wurden entsprechend zum regen Austausch über die Vorträge und Verbandsaktivitäten genutzt.

Die  Kooperationspartner des Events, ICF und GBS, waren mit ihrer ersten gemeinsamen Veranstaltung hoch zufrieden –  sowohl in Bezug auf Zusammenarbeit als auch in Hinsicht auf Format und Durchführung der SummerUniversity. „In Zukunft werden es sicherlich noch mehr Anmeldungen werden.“, zeigte sich Jürgen Bache, 2. Vorsitzender der ICF, zuversichtlich und war sich sicher: „Alle, die nicht teilgenommen haben, haben etwas verpasst. Das wird sich rumsprechen.“ (ah)

Informationen:
www.coachfederation.de
 

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